„Wir stecken im Paradox unserer Wachstumsfalle. Eigentlich müssten wir aussteigen“ Dominik Dombrowski, Schriftsteller _ Bonn 25.11.2020

Lieber Dominik, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe ein Jahr als Stipendiat in der Villa Rosenthal in Jena gewohnt. Dieser Aufenthalt war seltsam schön, weil zweigeteilt. Die ersten sechs Monate verbrachte ich gefühlt jeden Abend woanders: in der Stadt wie auch in der Villa gab es zahlreiche Veranstaltungen (oder ich hatte selber welche); im Nachhinein geradezu ein Exzess an Antivirtualität. Etwa Mitte März ist Jena dann heruntergefahren worden, ich fand mich als alleiniger Bewohner der Villa wieder, einer Art Luxus-Isolation mit 5000qm Garten. Ich wurde zu einem wunderlichen Hausgespenst, fern im Laptop diskutierten die Virologen die Katastrophe, während ich auf dem Balkon rauchte und eine Fuchsfamilie beobachtete. Ein bisschen „Shining“, ein bisschen Robinsonade, nur fand ich keinen Volleyball, den ich hätte „Wilson“ nennen können.

Dominik Dombrowski _ Foto _Tina Peißker

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Kommt natürlich auf die Lebensumstände des Einzelnen an. Geduld fällt mir ein… Erregungsdebatten sollte man meiden, wir könnten uns jetzt mal wieder auf monumentalere Dinge einlassen – Beispielsweise alle Filme von Rainer Werner Fassbinder gucken, Thomas Manns oder Dostojewskis sämtliche Werke lesen, sowas (Ich versuche es gerade mit David Foster Wallace). – Nicht mehr in Tagen, sondern in Monaten denken? Nachtwanderungen machen, Winterschlaftiere studieren, Schachspielen, Rauchen, ein Musikinstrument lernen…  Die Liebe zur Distanz leben, solange es noch möglich ist (- mir fällt gerade auf, dass sich da bei mir nicht allzu viel geändert hat J) Ach so, vielleicht das Wichtigste: Wir sollten alle freundlich bleiben!

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich fürchte, es wird sich erst mal nicht viel verändern. Alle warten darauf, dass es wieder „normal“ weitergehen kann. Wir halten an dem Gedanken fest, die Situation durch eine Art global-solidarische Einübung in den „momentanen“ Zusammenbruch zu „meistern“. Doch werden diese Katastrophen sich weltweit akzelerieren und – sind ja erst durch unseren gesellschaftlichen Geschwindigkeits- und Wachstumszwang ausgelöst worden. Genau in diesen Fortbestand des Absurden streben jedoch alle voller Sehnsucht zurück. Wir glauben, wir managen hier gerade eine Unbill, die wir als „Zwischenzeit“ empfinden. Wir tun dies mit mehr oder weniger seltsamen Quadraturen des Kreises, mit tragikomischer Hilflosigkeit. Dabei stecken wir im Paradox unserer Wachstumsfalle. Man könnte meinen, aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit sei irgendwie eine kollektive Verdrängung erwachsen. Eigentlich müssten wir aussteigen. Wir müssten ein Gespür dafür entwickeln, dass es „hektisch“ ist, was wir tun, gefährlich. Wir müssten an dem Ausstieg daraus Spaß haben. Wir müssten das Kreative am Absprung erkennen. Und genau hierfür können Literatur und Kunst die Vermittlerinnen sein. Dass wir eine Stellvertreterscham für Maßlosigkeit und Profitgier entwickeln, Habitate respektieren, ihnen nicht in die Quere kommen, den Regenwäldern und den Fledermäusen. Die Lächerlichkeit und Idiotie von Leuten auf dem Ausbeutertrip muss etwas Selbstverständliches bekommen. So wie wir heute den Kopf schütteln über die Massenkontaminierungen in den siebziger Jahren, z.B. durch Haarspray und vollgerauchte Autos.

 

Was liest Du derzeit?

David Foster Wallace, „Der Spass an der Sache“. Ich bin fast schon gerührt von der Reichhaltigkeit und Intelligenz dieser Lektüre. Ich freue mich an jeder einzelnen Seite.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein paar Zeilen aus meiner Erzählung „Künstliche Tölpel“, die Anfang 2019 in dem Kölner Verlag „parasitenpresse“ erschienen ist:

„Er liebte es sehr, alles zu unterlassen. Es gibt doch sogar Lebewesen, dachte Laszlo, die dafür bewundert werden, alles zu unterlassen, etwa Schildkröten oder Yogis, Trinker und Schnecken. Bei ihm aber kämen irgendwann dann stets die Leute, die ihn immerzu zu irgendwas animieren wollten, etwas zu unternehmen, ihn etwas machen lassen wollten, die es nicht ertrugen, wie er sich nicht rührte.“

Vielen Dank für das Interview lieber Dominik, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

 Dominik Dombrowski, Schriftsteller

http://www.lektorat-dombrowski.de/zur-person.html

Foto_privat

27.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

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