„Die Kunst ist ein Ventil, ist immer da, treibt uns an“ Anne Glassner, Künstlerin _ Wien 25.11.2020

Liebe Anne, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Derzeit steht der Aufwachmoment in meinem Fokus, was natürlich naheliegend ist als Künstlerin, die auch über den Schlaf forscht. Das bedeutet natürlich auch ausschlafen…. Der Aufwachmoment am Morgen – Dieser Zwischenzustand vom Schlafenden zum Wachen ist etwas sehr Spannendes, eine Transformation. Gerade läuft auch eine Ausstellung in der Fotogalerie Wien im WUK zur Thematik „Borderland“ wo ich auch eine Arbeit zeige.

http://www.fotogalerie-wien.at/Online-Cinemathek_157.html

Ich versuche mir vor allem am Morgen Zeit zu nehmen, döse oftmals noch eine Rund weg und verfolge die Bilder die auftauchen. Nach dem Aufwachen gehe ich in eine Schreib- und Zeichenphase und notiere meine Träume, Gedanken, die dann oftmals in Gedichten oder anderen Texten später weiterverwendet werden.

In Ruhe aufzuwachen ist etwas sehr Luxoriöses, Befreiendes. Wenn ich nicht schreibe, versuche ich mich meinem Körper zuzuwenden, ein paar Übungen zu machen oft auch mal zu meditieren. Erst dann nehme ich Kontakt zur Außenwelt auf, lese meine Emails. Aber da ist man dann oft schon wieder rausgerissen aus den konzentrierten Gedanken. Lange lasse ich mir beim Frühstücken Zeit, höre das Radiokolleg und oftmals tausche ich mich im Laufe des Tages mit FreundInnen über vorgestellte Themen aus.

Ein Teil meiner Arbeit besteht auch im Unterrichten, derzeit online. Es dauert immer noch bis ich mich daran gewöhnt habe, keine direkte Resonanzen zu bekommen ( weil alle zunächst auf stumm geschaltet sind, eine Zeitverzögerung dazukommt und man in fremde Wohnzimmer blicken kann). Und ich merke danach möchte ich nicht mehr vor dem Computer sitzen.

Ich bin ein sehr analoger Mensch und habe auch gemerkt wie wichtig es jetzt gerade ist, täglich Spazieren zu  gehen oder in Ruhe zu lesen. Das bringt den Körper und Geist in Schwung. Gerade bin ich auch am Land im Waldviertel und genieße hier die Ruhe.

Im ersten Lockdown habe ich einen“ Dilaog mit M“ mit meiner Matratze geschrieben, vertont vom Musiker Cornelius Wildner der nächstes Jahr erstmalig in einer Audioinstallation gezeigt werden soll. Es entstanden auch eine Reihe von performativen Fotografien u.a. mit der Matratze. Ein Beitrag „Spaziergang mit Matratze“ auch gerade auf der KÖR NÖ Seite vom Projekt „Kleine Post“: https://www.publicart.at/de/projekte/kuratiert/2020kleinepost/482/

 In der Stadt besuche ich am späten Vormittag dann das Atelier. Ich kann hier aber nicht von einer Regelmäßigkeit sprechen – Oft arbeite ich mit SoundkünstlerInnen und FotografenInnen zusammen und komme an ganz andere Orte, die mich oft überraschen. An den Abenden kann es schon sein, dass ich in Filme und Serien reinkippe. Ich genieße es aber richtig mich in diese Welten zu begeben und kann rundherum alles vergessen.

Anne Glassner, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Viel Liebe im Umgang mit sich selbst, mit dem Partner und den Mitmenschen.

Positiv in den Tag starten und sich schöne Rituale wie spazieren gehen oder lesen überlegen. Das hilft enorm meiner Meinung nach. Andere motivieren und nicht immer nur herumjammern und versuchen die guten Seiten dieser Zeit zu sehen – Lachen hilft! Sich mal mit lieben Menschen Online verabreden die man lang nicht gesehen hat. Vielleicht auch etwas Gutes in dem zu sehen, dass man nicht ständig überall hin muss.

Und ich habe festgestellt, in der Wohnung herumzutanzen hat etwas sehr Befreiendes…

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

Die Kunst ist ein Ventil, dieses steht uns immer zur Verfügung, ist immer da, treibt uns an und öffnet unsere Herzen. Ich hoffe das Ausstellungshäuser, Theater und Konzerte bald wieder aufsperren können.

Und ich glaube es werden auch neue Ausstellungsformen sichtbar oder sind es bereits, wie die Bespielung von Schaufenstern und mehr Projekte im öffentlichem Raum. Diese Krise ist auch eine Chance für neue Wege.

Trotz der vielen Aussstellungsabsagen dieses Jahr war es für mich dennoch ein Produktives.  Unter anderem arbeite ich an meinem ersten Buch/Katalog „schlafen“ der nächstes Jahr erscheinen wird und Projekte der letzten sieben Jahre umfassen wird. Einige Dinge für 2021 sind bereits wieder in Planung und ich tue mal so als ob alle stattfinden werden.

Für mich gibt es trotz dem Stillstand keinen Stillstand – wir sind ständig in Bewegung und in Veränderung.

Was liest Du derzeit?

„The lonley city“ von  Olivia Laing

„Matratze/Matrize: Möblierung von Subjekt und Gesellschaft, Konzepte in Kunst und Architektur“ von Irene Nierhaus/Kathrin Heinz

„Einmal noch schlafen  dann ist morgen“ von Rubey Manuel

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Die Welt ist voller Rätsel, für diese Rätsel aber ist der Mensch die Lösung (Joseph Beuys)

Vielen Dank für das Interview liebe Anne viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Anne Glassner, Künstlerin

Mehr unter:

www.anneglassner.at

http://www.fotogalerie-wien.at/

Fotos/ Portraits: Julius Werner Chromecek, 2020

Zu den Arbeiten:

Anne Glassner, Matress Pieces, 2020 (Fotos: Julius Werner Chromecek)

Anne Glassner, Ohne Titel, 2020 (Foto: Christian Prinz)

Ausstellungsansicht „Die gefundene Matratze“, Aa Collections, Wien 2020 (Foto: Christian Prinz)

24.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt

https://literaturoutdoors.com

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