„Sich zu finden und in sich zu stehen, sich nicht loszulassen“ Julia Kulewatz, Schriftstellerin _ Thüringen/D _ 1.12.2020

Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablaufaus?

Ich arbeite jetzt noch disziplinierter als zuvor. Dazu gehören aber auch bewusste Auszeiten, in denen ich mich aus der Welt entferne, in denen mich nichts und niemand erreichen kann, in denen ich mein Telefon irgendwo liegen lasse, es verliere und auch nicht über Kunst- und Kulturschaffen nachdenke, denn das bin ich bereits in mir selbst, und dieses Bewusstsein ist alles, was ich bin. Das sind „Zeiten des Vogelsangs“.

Ich lasse mich dann von den Ideen finden. Deshalb gehe ich niemals ohne Notizbuch aus dem Haus. Mein Notizbuch sieht für die meisten Menschen sehr kryptisch aus. Ich kann oft mit einem einzelnen Wort sehr viel anfangen, so ist das für mich auch mit meinen (Mit-)Menschen. Ich stehe Wortneuschöpfungen, also Neologismen (oft ohne Logik) eher kritisch gegenüber, wenn man nicht einmal mehr die so genannten Archaismen der eigenen Muttersprache kennt, ihre Wurzeln bespricht und denkt, dann wird es finster in einer Welt aus Bildworten und Wortbildung. „Muttersprache“ ist eines der Wörter, über das ich viel nachdenke und derzeit auch schreibe.

Julia Kulewatz, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich kann hier nur für mich sprechen, nicht für alle, das ist unmöglich und steht mir nicht zu. Für mich persönlich ist es wichtig, zu sich zu finden und in sich zu stehen, sich nicht loszulassen, wenn man sich einmal gefunden hat, komme, was wolle. Ich habe das Gefühl, dass die meisten Menschen derzeit neben sich stehen, mehr noch als zuvor, weil ihnen ihre Orte und das Vertrauen in diese genommen wird. Ein Schutzort kann kein Schutzort mehr sein, wenn man sich für diesen entscheiden muss. Schutz bedeutet für mich auch, die eigenen Ich-Grenzen auszuloten und zu kennen. Menschen überrollen sich gegenseitig, respektieren nicht den Raum ihres Gegenübers, nicht einmal den eigenen, den sie wahrscheinlich niemals wirklich für sich beansprucht haben, oder bspw. den eines Tieres, das kein so genanntes Haustier ist. Dabei muss ich immer an Laubbläser denken, denn Übertretung, das können auch Geräusche und vor allem Lärm sein. Wir sind ein Lärmendes. Das geschieht jeden Tag mit einer Beiläufigkeit, die mich schon als kleines Mädchen erschreckt hat.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ende und Anfang sind für mich ein und derselbe Punkt. Ich möchte diese Frage mit einer literarischen Miniatur beantworten:

„Risse durchzogen ferne Trockenheit, brachen Erde mit feuchter Erinnerung, schufen Verbindungen, vertieften sich in durstigen Miniaturschluchten und flachen Mulden. Vom Zufall beschlossenes Klaffen erzeugte vereinzelt abgetrennte Körperschaften. Ein feines Netz überzog die verwundete Landschaft, die sich wie ein einsam sterbendes Tier in ihr Schicksal ergab, während sie sich vergebens nach dem Geräusch der Tropfen sehnte. Ein feines Schaben balanciert todesmutig und fremd an sich verästelnden Abgründen: siehe da, eine Ameise.“

„WADI“, in: „Vom lustvollen Seufzer des Sudankäfers“, Julia Kulewatz, ed[ition]. cetera, Leipzig 2017, S. 107.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gern in anderen Sprachen, das eröffnet mir (neue) Zugänge zu dem, was ich als Welt begreife. Ich habe lange in Korea gelebt. Koreanische Sprachbilder haben sich in mich eingeschrieben und bewohnen jetzt auch meine Literatur. Ich lese viel parallel und gerne auch auszugsweise in Büchern, denen ich bereits vertraue. Jetzt gerade verbinde ich mich sehr mit dem Französischen und lese, wie jeden November, von Gustave Flaubert „Novembre“, dazu von Violette Leduc „La Batarde“, Gedichte von Georg Trakl und Ingeborg Bachmann, und natürlich alte Märchen, falls Märchen jemals altern können.

Immerzu lese ich Herta Müller, denn sie weiß: „In jeder Sprache sitzen andere Augen“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Im Geiste formulierte er Wünsche ins Blaue, die er als Bänder in die fliegenden Haare der Trauerweiden am Flussufer band. Sobald sein Schreiben und Malen hinzukamen, flossen blaue Gedanken und Bilder aus seinen Fingern direkt in die Bäume. Das alles sahen die Eisvögel, während sie kleine Fische im Sturzflug fingen.“

Auszug aus: „Blauhand und die Eisvögel“, in: „Jenseits BlassBlau“, Julia Kulewatz, Ed. Roter Drache, Rudolstadt 2020, S. 81.

Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Julia Kulewatz, Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin

Fotos_1 Stephan Herbst. 2_privat.

8.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Sich auf seine Innerlichkeiten besinnen und diese hüten wie einen Schatz“ Anna Herzig, Schriftstellerin _ Salzburg 1.12.2020

Wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Schreiben, hauptsächlich im Kopf, danach am Laptop.

Schlafen, dazwischen, weil die Energien aufgeladen werden müssen.

Kaffee. Viel. Kaffee.

Telefonieren mit den Liebsten.

Schreiben.

Spannend, richtig?

Vor 17 Jahren, als ich zu schreiben begonnen hab, war der Gedanke ans Schreiben romantischer, fast heldenhaft.

Become a writer, they said, it will be fun, they said.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das kann und möchte ich nicht so richtig beantworten, weil diese Antwort sehr subjektiv ist.

Aber ich geb gern was von Schopenhauer weiter:

(Sinngemäß): Es ist wichtig, zu beschützen, was man im Inneren trägt und sich gleichsam vor allem Äußeren zu schützen. Nie nach Dingen im Außen streben, macht nur unglücklich.

Vor allem denke ich, soll man sich auf seine Innerlichkeiten besinnen und diese hüten wie einen Schatz.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Literatur macht, was sie im besten Falle immer macht: Aufwecken, berühren, trösten, begeistern und dabei helfen, die Perspektiven zu wechseln.

Was liest Du derzeit?

Die Richterin – Lydia Mischkulnig

Das wirkliche Leben – Adeline Dieudonné

Schwarzpulver – Laura Lichtblau

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Siehe Schopenhauer. 😉

Vielen Dank für das Interview liebe Anna, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Anna Herzig, Schriftstellerin 

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Foto_Anna Herzig

4.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ohne Literatur bleiben wir blind und ahnungslos, vor allem aber lustlos“ Vladimir Vertlib, Schriftsteller _ Salzburg_ 1.12.2020

Lieber Vladimir, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

So wie immer: Ich schreibe intensiv, gehe spazieren, höre Musik, lese, treffe Freunde und Bekannte, führe meine Projekte weiter. Für mich hat sich in letzter Zeit wenig verändert, nur das Leben wurde entschleunigt, die wesentlichen Dinge wurden wesentlicher, und die unwichtigen sind nicht mehr so präsent wie zuvor.

Vladimir Vertlib -20.8.20

 Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Sich selbst treu und vor allem anständig zu bleiben (oder es zu werden – für jene, die es bis jetzt nicht waren).

 Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Literatur kann der Welt den Spiegel vorhalten, und sei es nur ein Zerrspiegel oder der Schatten, den der Spiegel wirft. Ohne Literatur bleiben wir blind und ahnungslos, vor allem aber lustlos.

Was liest Du derzeit?

Franz Welser-Möst: „Als ich die Stille fand. Ein Plädoyer gegen den Lärm der Welt.“, Wien 2020.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Neu anfangen
unbefleckt, unbedruckt,
im Nichts.
Aber es gibt kein Nichts,
es gibt keinen Anfang,
es gibt keinen Nullpunkt,
es gibt keinen Punkt.
Die Vergangenheit ist untrennbar von mir
wie mein Schatten,
dem ich lebenslänglich
ausgeliefert bin.“

Das Gedicht „Neu“ von Tamar Radzyner, in: „Wände… Österreichische jüdische Lyriker, Herbert Kuhner (Hg.), Wien 2015“, S. 178

Vielen Dank für das Interview lieber Vladimir, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen

Vladimir Vertlib, Schriftsteller

Foto_privat.

21.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Jeder verträgt eine andere Dosis an Informationen, Nachrichten und Kommunikation. Wer das nicht im Griff hat, wird erschlagen“ Elke Steiner, Schriftstellerin _ Wien 1.12.2020

Liebe Elke, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Oft wache ich auf und überlege, ob ich mich zweiteilen kann. Dann komme ich drauf, dass es nicht geht und ich nur eins nach dem anderen erledigen kann. Falls es ein Tag mit Brotberufs-Terminen ist, versuche ich, mich darauf zu konzentrieren. Was zwischendurch an Texten und Ideen auftaucht, kritzle ich überall hin, spreche ins Handy usw. Wie ich das alles wieder finde, ist eine andere Sache. Dann gibt es Tage, an denen kann ich mich ganz auf die Literatur konzentriere. Während des Lockdowns gab es ausschließlich solche Tage, das hat der Arbeit an meinem zweiten Roman sehr gutgetan. Und es haben sich interessante Projekte mit anderen Künstlerinnen ergeben. Auch online merkt man sofort, ob die Chemie stimmt. Ich schreibe gerne in den Wiener Kaffeehäusern, was ich derzeit aber vermeide. Wenn der Sommer zu Ende geht, konsumiere ich noch so viele Outdoor-Veranstaltungen wie möglich, denn im Herbst und Winter ziehe ich mich wieder zurück. Schafwollsocken und ein bisschen Totstellen – das tut mir immer ganz gut.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Da gibt es viel. Spontan fällt mir ein: Achtsamkeit. Auch im Umgang mit den sozialen Medien. Wir dürfen das Filtern nicht den anderen überlassen. Jeder verträgt eine andere Dosis an Informationen, Nachrichten und Kommunikation. Wer das nicht im Griff hat, wird erschlagen. Hier helfe ich mir eher mit Wandersocken und Bewegung.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Kunst und Literatur lassen uns von der einen Wirklichkeit in die andere springen, dadurch können wir verschiedene Qualitäten in uns selbst wahrnehmen. Sie ist eine Art Selbsterweiterung. Vielleicht hilft das im Umgang miteinander, das weiß ich nicht genau, aber ich glaube daran.

 

 

Was liest Du derzeit?

J.M. Coetzee „Szenen aus einem Provinzleben“

Für zwischendurch kugeln im ganzen Haus Literaturzeitschriften und Lyrikbände herum

Für unterwegs am eReader: Michael Köhlmeiers Sagen des klassischen Altertums

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

und wenn

dir kalt

ist, häute

mich.

 

Ein anonymer Aphorismus aus der Literaturzeitschrift JENNY (sehr ansprechend, auf Postkarten gedruckt), die ich mir um zwei Euro aus dem Automaten im MQ gezogen habe.

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Elke, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Elke Steiner,  Schriftstellerin, Künstlerin

https://www.elkesteiner.at/

Foto: Florian C.A.Czech

 

30.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wichtig ist, das Schöne zu sehen und zu leben“ Hardy Brandner, Künstler_Tiffen_Kärnten 30.11.2020

Lieber Hardy, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ende Oktober kam ich von meinem Atelier in Venezuela zurück nach Österreich. Mein Tagesablauf ist seitdem größtenteils mit malen ausgefüllt, weil ich viele Skizzen mitgebracht habe und diese verwandle ich in Bilder.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wichtig ist das Schöne und Angenehme zu sehen und zu leben. Mache ich schon mein ganzes Leben lang. So kommt man gut durchs Leben auch wenn wie jetzt angeblich eine Krise da ist.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

Da kann ich nicht für die Kunst allgemein sprechen sondern nur für meine Kunst.

Ich werde solange positive und schöne Bilder malen bis der letzte negative Mensch in meinem Umfeld verschwunden ist bzw. solange es Gott mir erlaubt.
Das wünsche ich mir mehr von anderen Künstlern. Auch wenn man da nur einen Tropfen auf den heißen Stein gibt, tragt man trotzdem etwas positives zu dieser unserer Welt bei, und das finde ich schön.

Was liest Du derzeit?

Im Moment lese ich die Prophezeiungen von Celestine

Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

KUNST ist wie LIEBE
man kann sie nicht verstehen,
sondern nur empfinden.

Dieser Leitsatz steht seit 32 Jahren in fast allen meinen Katalogen an erster Stelle.

Vielen Dank für das Interview lieber Hardy, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Hardy Brandner, Künstler

https://www.hardy.at/

Fotos_privat.

24.10.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst ist Freiheit, Kreativität und Leben“ Fanny Kant, Autorin_Wien 30.11.2020

Liebe Fanny, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus? 

Ich habe eigentlich keine fixen Routinen. Jeder Tag ist anders. Besonders in Zeiten wie diesen ist es schwer, vorauszuplanen.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Soziale Intelligenz

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Kunst spielt eine große Rolle. Kunst ist Freiheit, Kreativität und Leben. Und sei es nur die Kunst, das Beste aus allem zu machen.

Was liest du derzeit?
Die Biographie von Kurt Cobain

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben? 
I’d rather be hated for who I am than loved for who I am not.

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Vielen Dank für das Interview liebe Fanny viel Freude und Erfolg für Deine vielfältigen eindrücklichen Schreibprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Fanny Kant, Autorin

https://www.diedrittefrau.at/kontakt/

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31.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Literatur trägt Verantwortung“ Laura Lichtblau, Schriftstellerin _ Berlin 30.11.2020

Liebe Laura, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich gehöre zu den glücklichen Autorinnen mit Atelier. Meist stehe ich also recht früh auf, fahre mit dem Rad eine halbe Stunde quer durch Berlin und immer weiter Richtung Stadtrand, um mich dort an den Schreibtisch zu setzen und zu schreiben. Wenn ich nicht weiterkomme, gehe ich raus in den Garten und schaue ob sich gerade noch jemand vor der Arbeit drückt und einen Kaffee mit mir trinkt.

Laura Lichtblau _ Foto: Max Zerrahn

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Geduld, Rationalität und sehr viel Zuversicht.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wichtig finde ich es jetzt, nicht nur danach zu gucken, wie es uns hier in Deutschland geht. Was passiert mit den Menschen in den Flüchtlingslagern, z.B. in Moria, wo jetzt Covid-19-Fälle aufgetreten sind und die Menschen dort aufgrund der katastrophalen Bedingungen keine Chance haben, die empfohlenen Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten?

Was können wir als BürgerInnen, als LiteratInnen tun, um auf die Situation dort aufmerksam zu machen? Und wann wird die deutsche Regierung aktiv und nimmt endlich die Geflüchteten hier auf?

Ich glaube schon, dass die Literatur eine Verantwortung trägt. Gerade weil sie die größtmögliche Freiheit bietet, kann sie über die Wirklichkeit hinausweisen und so vielleicht neue Wege oder zumindest Perspektiven aufzeigen.

Was liest Du derzeit?

Zu viel gleichzeitig, es hat sich angestaut oder ich war einfach zu gierig. Euphoria von Lily King, Breasts and Eggs von Mieko Kawakami, Est-ce qu’il se passe quelque chose? von Antoine Hummel,  Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger und Olivia von Dorothy Bussy.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

the poetry of the future will be unabashedly adolescent. (…) the poetry of the future will wear squeaky shoes in the vatican. it will say where we work and who we love and what we eat. sometimes it will be hungover and desperate. it might bite its nails. (…) sometimes the poetry of the future will have to put on a silk kimono and sigh.

                                                        Maggie Nelson, the future of poetry in The Latest Winter

Vielen Dank für das Interview liebe Laura, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Laura Lichtblau, Schriftstellerin

9.9.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Her mit der Zukunft und den Jobs“ Isabella Knöll, Schauspielerin_Wien 30.11.2020

Liebe Isabella, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Sehr unterschiedlich.

Es gab ab Mitte März plötzlich keine Tagesstruktur von außen mehr, also keine Proben, keine Vorstellungen, die meinen Tag sonst „vorgestalten“. Das war ungewohnt. Ich hatte schon alle möglichen Gefühle dazu: von befreiend bis lähmend, von beängstigend bis inspirierend. Allerdings hätte mich das ab August ohnehin erwartet, da ich ab der nächsten Spielzeit nicht mehr fix an einem Haus bin. Ich war durch die Anstellung jedenfalls in der sehr privilegierten Lage mir keine Sorgen über das Finanzielle machen zu müssen..

Die letzten Monate waren einfach nur wirr, da mit dem „Corona-Stopp“ nicht nur die Spielzeit sondern, gefühlt, auch die Intendanz am Volkstheater abrupt endete. Dann kam der ganze online-Aktionismus, dem ich zwiegespalten gegenüber stand. Ich bin jedenfalls froh, dass wir noch einen gemeinsamen Abschied mit dem Dreh und der Premiere unseres Abschlussfilms „Alles geht“ hatten. Das Wiedersehen mit den Kolleg*innen, das gleichzeitig ein „Aufwiedersehen“ war, war sehr emotional. Und ja.. das Spielen fehlte mir dann schon sehr.

Durch eine glückliche Fügung durfte ich allerdings im Sommer fast 2 Monate in der Steiermark mit den „vitamins of society“ Theater machen. Das hat die Flaute sehr wett gemacht. Jetzt muss ich mich an die neue Selbstständigkeit gewöhnen.

Die Theater begannen im Herbst wieder zu spielen, die Saison hat begonnen und ich war nicht im Stress. Irgendwie auch toll.

Am allerliebsten würde ich jetzt Drehen. Das reizt mich wahnsinnig und ich muss das jetzt machen!

Her mit der Zukunft und den Jobs. 😉 Also im Ernst. Her damit!

Isabella Knöll, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich weiß nicht, was für alle wichtig ist. Wahrscheinlich haben sich die Prioritäten der Menschen nicht sonderlich verändert. Vielleicht sind sie nur bewusster geworden. Ich war irgendwie vor Corona schon überfordert. Es ist nur eine erneute Spitze. All diese vermeintlich unvereinbaren Meinungen, Weltanschauungen und Ideologien, die aufeinander einprasseln, die sich in der virtuellen und in der realen Welt zerfleischen oder zusammentun und der unsägliche Populismus der Politik, der das immens verschärft.. Und jetzt auch noch eine Pandemie zu der wir uns verhalten müssen. Diese globale und individuelle Überforderung trägt offensichtlich sehr zur einer gedanklichen Radikalisierung bei.. Ich würd der Welt oft gern „Mäßigung!“ ins Gesicht schreien. Aber Schreien ist auch keine Mäßigung und die Welt hat halt kein, nicht nur ein, Gesicht.
Mehr innere Ruhe zu erlangen, mich sortieren und konzentriert und lustvoll zu arbeiten ist für mich persönlich sehr wichtig.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Fragen: Was wissen die meisten von uns schon über Pandemien und ihre Auswirkungen? Haben wir eine andere Wahl als den Expert*innen zu vertrauen? Was meint Solidarität? Ist es unsolidarisch die Beschränkungen kritisch zu hinterfragen? Warum wurden u.a. Kulturschaffende so lange ignoriert? Ist Kunst ein Grundbedürfnis oder eine „Gönnung“? Was ist „systemrelevant“? (Außer das Unwort 2020.) Dass in irgendeinem Aufsichtsrat sitzen nicht so relevant ist, wie Menschen zu versorgen, da kommen wir JETZT drauf? Und dass Applaus zwar schön aber keine besonders gute Entlohnung ist? (Das wissen Künstler*innen schon lange.. Und nein: Nicht jede schlecht bezahlte Kunst ist ein Hobby und nicht alles was gut bezahlt wird, ist ein Beruf.) Ist „unser“ Wertesystem, bei allen positiven Aspekten, nicht einfach AUCH falsch/überholt/dumm/sexistisch/dreist/rassistisch/verschoben? Kann freie Marktwirtschaft jemals human sein? Ist dieses neoliberale System, indem es immer Verlierer*innen geben muss, weil es sich aus ihnen speist, wirklich unsere einzige Option? Können wir uns wirklich nur vorstellen, was es schon einmal gab? Kommt die Krise? Und mit ihr eine Chance zur Veränderung? Bleibt alles wie es war? Arbeiten wir jetzt schon darauf hin, dass es wieder so wird wie es war oder bricht jetzt eh alles zusammen?
Boom. Schädelexplosion.
Wesentlich wird sein, dass wir uns diesen Fragen stellen und es ist wertvoll, dass sie sich auftun und so präsent sind. Die Kunst wird sich mit diesen und vielen anderen Fragen ohnehin immer und immer wieder konfrontieren. Das ist ja ihre Grundlage. Sie wird sie wie in einem Labor untersuchen und testen, Wege und Möglichkeiten aufzeigen und uns inspirieren. Sie ist ja immer da. Überall. Als Musik, als Bild, als Tanz, als Hörbuch, als Kabarett, als Skulptur, als Serie, als Theatervorstellung, als Film, als Buch. Sie hält uns stabil das Händchen, bringt uns zum Lachen, tröstet oder ärgert uns maßlos und manchmal ist sie eben einfach nur DA. Das passiert so selbstverständlich und unbewusst, dass viele Menschen nicht bemerken, dass sie, wenn sie sich in der U-Bahn die Hörstöpsel reinstecken und einen Song abspielen, gerade „Kunst konsumieren“.
Stellen wir uns diese „Coronazeit“ gänzlich ohne all diese Kunstformen vor und bringen jetzt das Wort „systemrelevant“ nochmal aufs Tableau.. Ein Witz, oder? Ich wünsche mir für die Zukunft sehr, dass wir Kunstschaffende unsere Arbeit und uns selbst mehr respektieren und dass wir uns mehr zusammentun. Gerne auch in Gewerkschaften. Siehe „ensemblenetzwerk“. Vereint lässt sich besser um Wertschätzung kämpfen!

Was liest Du derzeit?

„Das Haus der Frauen“ von Colombani.

Vor allem aber leider alle Kommentare der Debatten auf orf.at. Die erdenklich ungesündeste Lektüre ever aber ich kann’s einfach nicht lassen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Immer:
„Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ Einstein

Rückblickend auf diesen schrägen Sommer:
„Die anen fohrn noch Ibiza, die aundan noch Udine, wir bleibn im Parkbod mochnParty in Kabine.“ Skero

Vielen Dank für das Interview liebe Isabella, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Isabella Knöll, Schauspielerin

Foto_Joachim Gern.

29.9.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

„Sich selbst und die Welt ein Stück zum Besseren wandeln, darauf kommt es an“ Anú Sifkovits, Schauspielerin_Wien 30.11.2020

Liebe Anú, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe versucht mir in dieser außergewöhnlichen Zeit eine Routine zu schaffen. Bin daran, wie ich gestehen muss, gescheitert und habe bemerkt, dass es nicht schlimm ist, in den Tag hinein zu leben und nichts zu tun, seinen Gedanken nachzuhängen und auch einfach mal nur „zu schaun“. Es gibt so viel Schönes zu entdecken, wenn man nur richtig hinsieht und bewusst wahrnimmt.

Abgesehen davon habe ich mich mit viel Yoga und vielen Spaziergängen abgelenkt, meine Katze gestreichelt, habe angefangen ein Theaterstück für Junges Publikum zu schreiben, mich auf Lesungen vorbereitet und arbeite viel im Tonstudio. Theaterproben und Vorstellungen sind leider gänzlich weggefallen.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke, dass jede Krise ein Anstoß zu einem Neubeginn ist. Was jeder Einzelne daraus macht und man sich selbst und die Welt ein Stück zum Besseren wandelt, darauf kommt es an.

Anú Sifkovits_Schauspielerin

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Menschen, die davor kein Auge für Kunst und keinen Platz für Theater hatten, denen wird die Kunst auch nicht fehlen. Den Anderen dafür umso mehr. Die Sehnsucht wird sehr groß sein und daraus kann nur Großes entstehen!

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade Agatha Christies „Dienstagabend Klub“, ich hatte vor kurzem bei der wunderbaren Maresa Hörbiger im Theater im Salon eine Lesung aus dem Buch und bin auf dem Krimigeschmack gekommen.  Außerdem lese ich zum gefühlten 1000. Mal den „Kleinen Prinzen“ – ein Buch, zu dem ich immer greife, wenn ich gerade etwas melancholisch bin.

Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Da ich, wie schon gesagt, gerade den kleinen Prinzen vor mir liegen habe und alle natürlich das berühmte Zitat mit dem Herzen kennen – hier mein Lieblingszitat aus dem Buch, das wie ich finde, sehr gut in diese Zeit passt.

„Ich habe“, sagte der Fuchs, „die Farbe des Weizens gewonnen.“

Vielen Dank für das Interview liebe Anú, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspiel- und Textprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Anú Sifkovits, Schauspielerin

Foto_Robert Krenker

24.9.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst hat immer die Aufgabe die Gesellschaft und ihr Tun zu hinterfragen“ Alexander Hoffelner, Schauspieler _ Wien 30.11.2020

Lieber Alexander, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Herbst zunächst wesentlich belebter als noch vor dem Sommer, dies freute mich sehr. Für künstlerische und pädagogische Settings gilt aber leider immer noch der Abstand und das leidige Maskentragen. Das ist gerade im Theaterbereich schon einschränkend. Wir haben zwar gelernt, damit zu leben und zu arbeiten, aber es fällt schon etwas weg, wenn man ständig im Hinterkopf hat, dass man sich nicht zu nahe kommen darf. Dafür haben sich gerade vor dem Sommer auch schöne Möglichkeiten ergeben, im digitalen Raum miteinander zu arbeiten. Ich habe zum Beispiel einige Improvisationsmethoden und -spiele zoomgerecht gemacht und damit auch schöne und spannende Stunden vor dem Bildschirm verbracht.

Alexander Hoffelner _ Schauspieler, Regisseur

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Hausverstand. Wir müssen einfach unseren eigenen Verstand verwenden, wenn es um das Handeln in Corona-Zeiten geht. Es gibt viele Richtlinien, die ständig wechseln, überall anders gelebt werden und unser Leben stark einschränken. Ich denke, dass es gerade jetzt wichtig ist, selbst nachzudenken, wie man andere gefährdet und ob man das überhaupt tut. Dann kann uns nichts passieren.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel, Theater, der Kunst an sich zu?

Die Kunst hatte immer die Aufgabe – also vor allem in Demokratien – die Gesellschaft und ihr Tun zu hinterfragen, kritisch zu begleiten und auch Impulse für Neues zu geben. Das hat sie in den letzten Jahrtausenden immer wieder getan und das muss sie auch heute tun.

Was liest Du derzeit?

Gestern habe ich mit Erich Hackls „Hochzeit von Auschwitz“ begonnen. Aber sonst gerade viel wissenschaftliche Literatur zum Thema Improvisation, weil ich neben dem künstlerischen Schaffen auch noch an meiner Dissertation arbeite.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Alles wird gut. Und wenn nicht, dann doch.“

Aus der Musicalfassung „Der kleine Prinz“, die der Autor Norbert Holoubek nach dem Buch von Antoine de Saint-Exupéry geschrieben hat, wobei er dieses Zitat aber woanders gefladert hat, sich aber – auf Nachfrage – nicht mehr so genau erinnert, wo das war.

Vielen Dank für das Interview lieber Alexander, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Alexander Hoffelner_Schauspieler, Regisseur, Autor, Theaterpädagoge

„Frühlingserwachen“ Regie und Schulensemble der HLMW9, Wien begeistern mit selbstbewusster Theaterinszenierung, 21.3.2019. | Literatur outdoors – Worte sind Wege

Foto_ Anna Petik _ 2020

13.10.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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