„Sich zu finden und in sich zu stehen, sich nicht loszulassen“ Julia Kulewatz, Schriftstellerin _ Thüringen/D _ 1.12.2020

Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablaufaus?

Ich arbeite jetzt noch disziplinierter als zuvor. Dazu gehören aber auch bewusste Auszeiten, in denen ich mich aus der Welt entferne, in denen mich nichts und niemand erreichen kann, in denen ich mein Telefon irgendwo liegen lasse, es verliere und auch nicht über Kunst- und Kulturschaffen nachdenke, denn das bin ich bereits in mir selbst, und dieses Bewusstsein ist alles, was ich bin. Das sind „Zeiten des Vogelsangs“.

Ich lasse mich dann von den Ideen finden. Deshalb gehe ich niemals ohne Notizbuch aus dem Haus. Mein Notizbuch sieht für die meisten Menschen sehr kryptisch aus. Ich kann oft mit einem einzelnen Wort sehr viel anfangen, so ist das für mich auch mit meinen (Mit-)Menschen. Ich stehe Wortneuschöpfungen, also Neologismen (oft ohne Logik) eher kritisch gegenüber, wenn man nicht einmal mehr die so genannten Archaismen der eigenen Muttersprache kennt, ihre Wurzeln bespricht und denkt, dann wird es finster in einer Welt aus Bildworten und Wortbildung. „Muttersprache“ ist eines der Wörter, über das ich viel nachdenke und derzeit auch schreibe.

Julia Kulewatz, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich kann hier nur für mich sprechen, nicht für alle, das ist unmöglich und steht mir nicht zu. Für mich persönlich ist es wichtig, zu sich zu finden und in sich zu stehen, sich nicht loszulassen, wenn man sich einmal gefunden hat, komme, was wolle. Ich habe das Gefühl, dass die meisten Menschen derzeit neben sich stehen, mehr noch als zuvor, weil ihnen ihre Orte und das Vertrauen in diese genommen wird. Ein Schutzort kann kein Schutzort mehr sein, wenn man sich für diesen entscheiden muss. Schutz bedeutet für mich auch, die eigenen Ich-Grenzen auszuloten und zu kennen. Menschen überrollen sich gegenseitig, respektieren nicht den Raum ihres Gegenübers, nicht einmal den eigenen, den sie wahrscheinlich niemals wirklich für sich beansprucht haben, oder bspw. den eines Tieres, das kein so genanntes Haustier ist. Dabei muss ich immer an Laubbläser denken, denn Übertretung, das können auch Geräusche und vor allem Lärm sein. Wir sind ein Lärmendes. Das geschieht jeden Tag mit einer Beiläufigkeit, die mich schon als kleines Mädchen erschreckt hat.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ende und Anfang sind für mich ein und derselbe Punkt. Ich möchte diese Frage mit einer literarischen Miniatur beantworten:

„Risse durchzogen ferne Trockenheit, brachen Erde mit feuchter Erinnerung, schufen Verbindungen, vertieften sich in durstigen Miniaturschluchten und flachen Mulden. Vom Zufall beschlossenes Klaffen erzeugte vereinzelt abgetrennte Körperschaften. Ein feines Netz überzog die verwundete Landschaft, die sich wie ein einsam sterbendes Tier in ihr Schicksal ergab, während sie sich vergebens nach dem Geräusch der Tropfen sehnte. Ein feines Schaben balanciert todesmutig und fremd an sich verästelnden Abgründen: siehe da, eine Ameise.“

„WADI“, in: „Vom lustvollen Seufzer des Sudankäfers“, Julia Kulewatz, ed[ition]. cetera, Leipzig 2017, S. 107.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gern in anderen Sprachen, das eröffnet mir (neue) Zugänge zu dem, was ich als Welt begreife. Ich habe lange in Korea gelebt. Koreanische Sprachbilder haben sich in mich eingeschrieben und bewohnen jetzt auch meine Literatur. Ich lese viel parallel und gerne auch auszugsweise in Büchern, denen ich bereits vertraue. Jetzt gerade verbinde ich mich sehr mit dem Französischen und lese, wie jeden November, von Gustave Flaubert „Novembre“, dazu von Violette Leduc „La Batarde“, Gedichte von Georg Trakl und Ingeborg Bachmann, und natürlich alte Märchen, falls Märchen jemals altern können.

Immerzu lese ich Herta Müller, denn sie weiß: „In jeder Sprache sitzen andere Augen“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Im Geiste formulierte er Wünsche ins Blaue, die er als Bänder in die fliegenden Haare der Trauerweiden am Flussufer band. Sobald sein Schreiben und Malen hinzukamen, flossen blaue Gedanken und Bilder aus seinen Fingern direkt in die Bäume. Das alles sahen die Eisvögel, während sie kleine Fische im Sturzflug fingen.“

Auszug aus: „Blauhand und die Eisvögel“, in: „Jenseits BlassBlau“, Julia Kulewatz, Ed. Roter Drache, Rudolstadt 2020, S. 81.

Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Julia Kulewatz, Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin

Fotos_1 Stephan Herbst. 2_privat.

8.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

7 Gedanken zu „„Sich zu finden und in sich zu stehen, sich nicht loszulassen“ Julia Kulewatz, Schriftstellerin _ Thüringen/D _ 1.12.2020

  1. Ich kenne und schätze ihre Texte. Die Autorin weiß sprachgewaltige Himmelreiche zu erzeugen, in denen hinter jedem Wort eine Erfahrung lauert. Ihre Bücher „Vom lustvollen Seufzer des Sudankäfers“ und „Jenseits BlassBlau“ haben mich durch so manchen Lebensabschnitt begleitet.

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  2. Inspirierende Worte in diesen Zeiten des Umbruchs und Neubeginns. Auch in Anbetracht der Tatsache, dass Mehrsprachigkeit eine Bereicherung sprachlicher Bilder darstellt, in vielerlei Hinsicht. „One language sets you in a corridor for life. Two (or more) languages open every door along the way“.

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