„Her mit der Zukunft und den Jobs“ Isabella Knöll, Schauspielerin_Wien 30.11.2020

Liebe Isabella, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Sehr unterschiedlich.

Es gab ab Mitte März plötzlich keine Tagesstruktur von außen mehr, also keine Proben, keine Vorstellungen, die meinen Tag sonst „vorgestalten“. Das war ungewohnt. Ich hatte schon alle möglichen Gefühle dazu: von befreiend bis lähmend, von beängstigend bis inspirierend. Allerdings hätte mich das ab August ohnehin erwartet, da ich ab der nächsten Spielzeit nicht mehr fix an einem Haus bin. Ich war durch die Anstellung jedenfalls in der sehr privilegierten Lage mir keine Sorgen über das Finanzielle machen zu müssen..

Die letzten Monate waren einfach nur wirr, da mit dem „Corona-Stopp“ nicht nur die Spielzeit sondern, gefühlt, auch die Intendanz am Volkstheater abrupt endete. Dann kam der ganze online-Aktionismus, dem ich zwiegespalten gegenüber stand. Ich bin jedenfalls froh, dass wir noch einen gemeinsamen Abschied mit dem Dreh und der Premiere unseres Abschlussfilms „Alles geht“ hatten. Das Wiedersehen mit den Kolleg*innen, das gleichzeitig ein „Aufwiedersehen“ war, war sehr emotional. Und ja.. das Spielen fehlte mir dann schon sehr.

Durch eine glückliche Fügung durfte ich allerdings im Sommer fast 2 Monate in der Steiermark mit den „vitamins of society“ Theater machen. Das hat die Flaute sehr wett gemacht. Jetzt muss ich mich an die neue Selbstständigkeit gewöhnen.

Die Theater begannen im Herbst wieder zu spielen, die Saison hat begonnen und ich war nicht im Stress. Irgendwie auch toll.

Am allerliebsten würde ich jetzt Drehen. Das reizt mich wahnsinnig und ich muss das jetzt machen!

Her mit der Zukunft und den Jobs. 😉 Also im Ernst. Her damit!

Isabella Knöll, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich weiß nicht, was für alle wichtig ist. Wahrscheinlich haben sich die Prioritäten der Menschen nicht sonderlich verändert. Vielleicht sind sie nur bewusster geworden. Ich war irgendwie vor Corona schon überfordert. Es ist nur eine erneute Spitze. All diese vermeintlich unvereinbaren Meinungen, Weltanschauungen und Ideologien, die aufeinander einprasseln, die sich in der virtuellen und in der realen Welt zerfleischen oder zusammentun und der unsägliche Populismus der Politik, der das immens verschärft.. Und jetzt auch noch eine Pandemie zu der wir uns verhalten müssen. Diese globale und individuelle Überforderung trägt offensichtlich sehr zur einer gedanklichen Radikalisierung bei.. Ich würd der Welt oft gern „Mäßigung!“ ins Gesicht schreien. Aber Schreien ist auch keine Mäßigung und die Welt hat halt kein, nicht nur ein, Gesicht.
Mehr innere Ruhe zu erlangen, mich sortieren und konzentriert und lustvoll zu arbeiten ist für mich persönlich sehr wichtig.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Fragen: Was wissen die meisten von uns schon über Pandemien und ihre Auswirkungen? Haben wir eine andere Wahl als den Expert*innen zu vertrauen? Was meint Solidarität? Ist es unsolidarisch die Beschränkungen kritisch zu hinterfragen? Warum wurden u.a. Kulturschaffende so lange ignoriert? Ist Kunst ein Grundbedürfnis oder eine „Gönnung“? Was ist „systemrelevant“? (Außer das Unwort 2020.) Dass in irgendeinem Aufsichtsrat sitzen nicht so relevant ist, wie Menschen zu versorgen, da kommen wir JETZT drauf? Und dass Applaus zwar schön aber keine besonders gute Entlohnung ist? (Das wissen Künstler*innen schon lange.. Und nein: Nicht jede schlecht bezahlte Kunst ist ein Hobby und nicht alles was gut bezahlt wird, ist ein Beruf.) Ist „unser“ Wertesystem, bei allen positiven Aspekten, nicht einfach AUCH falsch/überholt/dumm/sexistisch/dreist/rassistisch/verschoben? Kann freie Marktwirtschaft jemals human sein? Ist dieses neoliberale System, indem es immer Verlierer*innen geben muss, weil es sich aus ihnen speist, wirklich unsere einzige Option? Können wir uns wirklich nur vorstellen, was es schon einmal gab? Kommt die Krise? Und mit ihr eine Chance zur Veränderung? Bleibt alles wie es war? Arbeiten wir jetzt schon darauf hin, dass es wieder so wird wie es war oder bricht jetzt eh alles zusammen?
Boom. Schädelexplosion.
Wesentlich wird sein, dass wir uns diesen Fragen stellen und es ist wertvoll, dass sie sich auftun und so präsent sind. Die Kunst wird sich mit diesen und vielen anderen Fragen ohnehin immer und immer wieder konfrontieren. Das ist ja ihre Grundlage. Sie wird sie wie in einem Labor untersuchen und testen, Wege und Möglichkeiten aufzeigen und uns inspirieren. Sie ist ja immer da. Überall. Als Musik, als Bild, als Tanz, als Hörbuch, als Kabarett, als Skulptur, als Serie, als Theatervorstellung, als Film, als Buch. Sie hält uns stabil das Händchen, bringt uns zum Lachen, tröstet oder ärgert uns maßlos und manchmal ist sie eben einfach nur DA. Das passiert so selbstverständlich und unbewusst, dass viele Menschen nicht bemerken, dass sie, wenn sie sich in der U-Bahn die Hörstöpsel reinstecken und einen Song abspielen, gerade „Kunst konsumieren“.
Stellen wir uns diese „Coronazeit“ gänzlich ohne all diese Kunstformen vor und bringen jetzt das Wort „systemrelevant“ nochmal aufs Tableau.. Ein Witz, oder? Ich wünsche mir für die Zukunft sehr, dass wir Kunstschaffende unsere Arbeit und uns selbst mehr respektieren und dass wir uns mehr zusammentun. Gerne auch in Gewerkschaften. Siehe „ensemblenetzwerk“. Vereint lässt sich besser um Wertschätzung kämpfen!

Was liest Du derzeit?

„Das Haus der Frauen“ von Colombani.

Vor allem aber leider alle Kommentare der Debatten auf orf.at. Die erdenklich ungesündeste Lektüre ever aber ich kann’s einfach nicht lassen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Immer:
„Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ Einstein

Rückblickend auf diesen schrägen Sommer:
„Die anen fohrn noch Ibiza, die aundan noch Udine, wir bleibn im Parkbod mochnParty in Kabine.“ Skero

Vielen Dank für das Interview liebe Isabella, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Isabella Knöll, Schauspielerin

Foto_Joachim Gern.

29.9.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s