„Es müssen auch Wut, Trauer und Überdruss erlaubt sein!“ Julius Werner Chromecek, Künstler_Wien 16.12.2020

Lieber Julius, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

An den Tagen, in denen ich nicht in meinem Brot-Job arbeite – ich bin Psychologe und werke als solcher drei Tage/Woche (dzt. meist im home office) – schaffe ich im Lock Down wesentlich systematischer als davor; um die Struktur in dieser irgendwie fast nur mehr selbst-gesteuerten Zeit nicht zu verlieren, stehe ich jeden Tag zur selben Zeit auf, arbeite an Konzepten, Einreichungen und Recherche bis mittags, mache jeden Tag Sport, meist ist das Tanz-Training, gehe wenigstens eine Stunde ins Freie…der Abend und dann oft ein großer Teil der Nacht gehört der Fotografie selbst: Aufnahmen, Bildbearbeitung, Filme entwickeln,…       

Julius Werner Chromecek_Künstler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gerade in dieser Phase der leider nötigen physischen Distanz – bitte nicht: social distancing, was für ein schrecklicher, irreführender Terminus! – müssen wir besonders eng zusammenrücken, uns umeinander kümmern. Dabei ist wichtig, sich in die Situation anderer hineinzufühlen; ich z.B. lebe allein und so viele sagen mir – gutgemeint, sicherlich – „was für eine schöne Möglichkeit für dich, jetzt kannst du dich so richtig selbst kennenlernen“; dass sie selbst mit einer/einem Partner*n und vielleicht ihren Kindern zusammenleben und Einsamkeit nicht erleben (müssen), nehmen sie dabei offenbar nicht wahr. Wir dürfen den Lock Down positiv finden, aber es müssen auch Wut, Trauer und Überdruss erlaubt sein!     

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Bevor wir wieder ganz schnell zu genau dem Lebensstil zurückkehren, den wir vor COV19 vollzogen haben, müssen wir links und rechts schauen, wer in der Zwischenzeit nachhaltig verloren hat und helfen; ganz wichtig wird auch sein, die neulich zurechtgestutzten Freiheiten möglichst rasch zurückzufordern, damit wir keine Rückschritte der Demokratie über die Hintertreppe erleben.

Die Rolle der Kunst wird dieselbe sein, die sie immer schon innehatte: alternative Wege zeigen, provozieren, aufrütteln, die Sinne wecken. Vielleicht wird das dann noch wichtiger sein, als bisher!

Was liest Du derzeit?

Ich lese immer schon mehrere Bücher parallel – im Moment ist das die hervorragende Biografie Susan Sontags (B. Moser), das einzige Buch über Fotografie der Performance (B. Dogramaci) und die Tanzscripte, Band 36: Tanzfotografie (T. Jahn. E. Wittrock, I. Wortelkamp, HG.)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Angeblich ein Ausspruch von Gerhard Richter: „Hüten Sie sich vor Ihren Bildern – Sie wissen mehr über Sie als Sie selbst“

Vielen Dank für das Interview lieber Julius, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Julius Werner Chromecek, Künstler

Alle Fotos_Julius Werner Chromecek

http://www.julius-werner.at

Aktuelle Ausstellung: Leaves, von 12. Dezember 2020 – 12. Jänner 2021_ Atelier Analog
Alessandra Ljuboje, Herklotzgasse 44 _1150 Wien www.atelieranalog.at


16.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Das Theater und die Kunst haben nun die Möglichkeit ganz neue Wege zu gehen“ Patricia Elisabeth Trageser_Schauspielerin, Wien 16.12.2020

Liebe Patricia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Früh aufstehen, gut Frühstücken, und dann an vielen verschiedenen Dingen arbeiten, die mich in meiner Arbeit und meiner Person weiterbringen und inspirieren. Zwischendurch gesund und lecker kochen, bisschen Sport machen und meine Freundschaften pflegen.

Patricia Elisabeth Trageser _ Schauspielerin


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Füreinander da zu sein, sich trotz Corona-Abstand viel Liebe zu geben und die
Zeit so gut es geht zu nutzen, um alten oder neuen Interessen nachzugehen.

Patricia Elisabeth Trageser in „Lilith´s Kuss“_Mona May_2020.


Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen.
Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater,
der Kunst an sich zu?

Es ist wichtig, dass die momentane Situation im Theater und der Kunst nicht außer Acht gelassen wird, sondern miteinbezogen. Das Theater und die Kunst haben nun die Möglichkeit sich vielleicht umzuorientieren und ganz neue Wege zu gehen.

Patricia Elisabeth Trageser in „Die letzten Tage der Menschheit“-Paulus Manker_2020.


Was liest Du derzeit?

Mehrere Bücher gleichzeitig: „Das Spiel ist aus“- Jean-Paul Sartre,
„Internationales Jahrbuch für Literatur“ und „Corpus Delicti“ von Juli Zeh.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wie unterscheidet man (die Toten) von den Lebenden?“ Das ist ganz einfach: die Lebenden, haben es immer eilig.“
(Ein Zitat aus „das Spiel ist aus“ von Jean-Paul Sartre)

Vielen Dank für das Interview liebe Patricia, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Danke ebenfalls.

5 Fragen an KünstlerInnen:

Patricia Elisabeth Trageser, Schauspielerin

Fotos_Porträt_Marco Sommer_“Die letzten Tage der Menschheit“_Sebastian Kreuzberger

7.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Und ich bin hin-und hergerissen zwischen der Dankbarkeit für Probenarbeit und der Frage, wie viel Sinn das gerade ergibt“ Anna Schönberg, Schauspielerin_Berlin 16.12.2020

Liebe Anna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Bis vor einer Woche befand ich mich noch im fast gewöhnlichen Theaterprobenalltag. Nur fast gewöhnlich, weil wir auf und hinter der Bühne den Abstand halten müssen, Requisiten nicht übergeben werden dürfen… und vor allem mit dem Wissen, dass keine Zuschauer kommen werden und eine öffentliche Vorstellung/Premiere in unbestimmter Zeit liegt.

Erstmal war ich froh und fand das sinnvoll, dass all die Abläufe, die es innerhalb so einer Theaterproduktion gibt, eingehalten werden. Das gibt Halt. Gleichzeitig ist der künstlerische Arbeitsprozess ganz anders, wenn man weiß, dass da in ein paar Tagen Zuschauer sitzen werden, andere Energien werden freigesetzt. Einen Probenprozess abzuschließen ohne diese Spannung, Aufregung und Vorfreude fühlte sich für mich sehr schal an. Und ich bin hin-und hergerissen zwischen der Dankbarkeit, dass wir diese Probenarbeit machen können und der Frage, wie viel Sinn das gerade ergibt.

Anna Schönberg, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nachsicht.

Die Pandemie hat ja viele Problemfelder sichtbar gemacht. Während des ersten Lockdowns im Frühjahr habe ich oft gedacht, dass diese Zeit die Chance zur Veränderung in sich birgt. Nachbarschaftshilfen haben sich organisiert usw. Jetzt merke ich bei meinen KollegInnen, im Freundeskreis und innerhalb der Familie eine Angespanntheit, dass die Nerven blanker liegen, man sich schnell mal missversteht, aneinandergerät. Deshalb ist es jetzt besonders wichtig, nachsichtig zu sein. Jede/r ist in anderer Weise von der momentanen Situation betroffen oder steckt diese anders weg, hat ein anderes Ventil für die Unsicherheit, den Verdruss …

probenfoto vom solostück AM BODEN von G. Brant, das wegen der luft im objekt nicht gespielt werden durfte/aerosole.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich denke, dass die Erfahrung des Lockdowns, also des „voneinander– getrennt -seins“, uns spürbar macht, wie sehr uns die Begegnung fehlt. Theater ist ein Ort der Begegnungen. Begegnung als soziales Ereignis, aber auch eine Begegnung mit unseren Fragen und unseren Ängsten, Hoffnungen, Wünschen, mit uns selbst. Ich glaube, dass wir durch diese Krise sensibler geworden sind und wir uns im Theater aufmerksamer und behutsamer fragen können, was uns als Menschen ausmacht, auf welchen Werten unsere Gesellschaft steht, wie wir zusammen leben wollen und können. Ich wünsche mir, dass das Theater/die Kunst diesen Fragen ein Zuhause geben kann und wir nicht einfach da weitermachen, wo wir aufgehört haben und z.B. die Lage mit Camus „Die Pest“ im Spielplan abgetan wird.

Was liest Du derzeit?

Bodentiefe Fenster von Anke Stelling

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Als ich heute aufwachte, aufstand und mich wusch, da schien mir plötzlich, mir sei alles klar auf dieser Welt und ich wüsste, wie man leben soll.“

Ein Zitat aus Anton Tschechow’s „Drei Schwestern“.

Nach so einem Zustand sehne ich mich.

Vielen Dank für das Interview liebe Anna, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Anna Schönberg, Schauspielerin

Fotos_1_3_) Jeanne Degraa 2_Probenfoto_am Boden_G.Brant

15.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wer hat das Zeug Krisen produktiv umzusetzen, wenn nicht die Künstler?“ Ralf Günther, Schriftsteller_D, 15.12.2020

Lieber Ralf, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe gelernt, nichts auf Routinen zu geben. Jeder Tag ist anders. Und alles ist möglich. Man versucht immer ein Auge auf die Nachrichten zu haben – aber was nützt ein winziger Informationsvorsprung, wenn das ganze Land eingefroren wird. Die wenigen Stunden, die an Schreibzeit übrigbleibt, stehen stark unter Druck, sowohl zeitlich, als auch mental.

Ralf Günther, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Auf die Vernunft zu horchen und die unvernünftigen, emotionalen Anteile aus den Informationen und Gerüchten herauszufiltern. Es ist verständlich, dass in unsicheren Zeiten Emotionen durchbrechen und die Vernunft übertönen. Man darf die Gefühle der Menschen nicht missachten oder unterdrücken, aber unsere Entscheidungen sollten überdacht und vernünftig motiviert sein. Also: Kühlen Kopf bewahren und zusammenhalten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Viele Künstler*innen haben die Erfahrung gemacht, dass Kunst nicht „systemrelevant“ ist. Unterstützungssysteme wurden installiert, waren aber unzureichend ausgestattet. Wer als Freiberufler auf sich selbst gestellt ist, ist auch in der Krise ziemlich allein. Einige kamen finanziell und psychisch ans Limit. Es ist bedauernswert, dass Menschen, die den Mut haben, Kunst zu machen, nicht besser geschützt werden können. Auf der anderen Seite: Wer hat das Zeug, Krisen zu überstehen und sie produktiv umzusetzen, wenn nicht die Künstler? Ich hoffe, die Krise befördert nicht nur die Ängste sondern auch die Kreativität.

Was liest Du derzeit?

Immer mehrere Bücher parallel: Gavroche von Victor Hugo, Kurzgeschichten von Patricia Highsmith („Ladies Night“), mit meiner Partnerin, der Autorin Josefine Gottwald, gemeinsam und zum wiederholten Mal John Irvings „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ – sowie eine Robert-Koch-Biografie.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Augenzwinkern von Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

Vielen Dank für das Interview lieber Ralf, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ralf Günther, Schriftsteller

Foto_Thomas Türpe_

14.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Gegenseitige Empathie und Vertrauen können uns Sicherheit geben“ Isabella Paier_Künstlerin, St.Veit/Glan_15.12.2020

Liebe Isabella, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich nicht wesentlich verändert. Durch den Lockdown  habe ich jedoch der Achtsamkeit wieder mehr Gewicht zukommen lassen. Ich nehme mir für alles bewusst mehr Zeit. Mehr Zeit für meine Kunst,, mehr Zeit zu recherchieren, skizzieren, für Literatur, mich weiterzubilden.

Isabella Paier, Künstlerin

Ich genieße es, in Kärnten leben zu dürfen. Wir haben die Möglichkeit, die Natur quasi vor der eigenen Haustüre genießen zu können.

Die Vorweihnachtszeit lädt zudem ja wie immer dazu ein, sich wieder mehr an das Zuhause, an und über sich selbst zu besinnen.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Weiterzumachen mit dem, was einem wichtig ist. Gegenseitiger Respekt, mehr füreinander da zu sein. In meinem Umfeld spüre ich eine deutliche Veränderung im Miteinander. Menschen, die darauf zurückkommen, sich gegenseitig zu helfen, zu stützen. Die Ellbogentechnik hat meiner Meinung nach ausgedient. Wir haben erfahren, dass wir alle verletzbar sind. Im Grunde genommen erleben wir alle dasselbe, nur wie wir damit umgehen, macht uns aus! (… um an Viktor Frankl zu erinnern. )

the end of monkey circus_ 2018 mixed media on canvas 120x100cm

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

Am meisten lernt man in Krisenzeiten und ich denke, dass sich derzeit alles im Umbruch befindet. Alles, was bisher „richtig“, bzw. wichtig war, hat heute schon kein Gewicht mehr. Das verunsichert die Menschen und ich denke gegenseitige Empathie und Vertrauen können uns Sicherheit geben.

in your eyes…_ 2020 120×100 cm mixed media on canvas

Durch die physische Distanz gewinnt die emotionale Nähe wieder mehr an Bedeutung.

Schwere-los_ 2014 mixed media on canvas 120x95cm

Kunst geht mit dem Leben und sie wird in Zukunft weiterhin die Zeit widerspiegeln, in der wir leben, auf welche verschiedensten Arten auch immer. Das Leben und diese  herausfordernde Zeit macht etwas mit uns und das wird sich auch in der Kunst zeigen.

keep killin it…._ mixed media on canvas 120x100cm 2019

 Dazu fällt mir ein Zitat ein, dessen Herkunft mir nicht bekannt ist:  „Wenn du sie liebst, dann mach sie nicht kaputt!“

Und das ist so mit der Kunst, der Erde, dem Klima, der Umwelt, der Natur, den Menschen, den Tieren.

Jeder Tag ist ein Neuanfang, mit der Chance, es wieder ein wenig besser machen zu können.

Sternenstaub…._ 2019 mixed media on canvas 100×120

Was liest Du derzeit?

Ich lese derzeit ein Buch von Michaela Carter DIE SURREALISTIN

Ein Roman , der das Leben und Lieben der  Surrealistin  Leonora Carrington  und deren Einstieg in die Pariser  Künstlerszene  mit Max Ernst, Picasso, Dali …. in den 1940er Jahren  beschreibt. Ein wundervoller Roman über und von einer wundervollen Frau!

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„So viele ihrer  Visionen sind hier ausgestellt – es ist ein bisschen, als habe sie vergessen, ihre eigene Haut überzuziehen. „

„Ich habe lange genug gelebt, um noch mitzubekommen, dass die Welt wenigstens beginnt, uns wahrzunehmen – als Künstlerinnen, meine ich, nicht als Inspiration für Kunst, diese fürchterliche Vorstellung von einer Muse!“

Isabella Paier, Künstlerin

Vielen Dank für das Interview liebe Isabella, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Isabella Paier, Künstlerin

http://www.isabella-paier.at

Alle Fotos_Isabella Paier.

13.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Eines Tages werden wir alle sterben, Snoopy.“ – „Ja, das stimmt, aber an allen anderen Tagen nicht“ Kathrin Niemela, Lyrikerin _ Passau/D _ 14.12.2020

Liebe Kathrin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Es gibt da diesen Zen-Spruch:

„Vor der Erleuchtung: Holz hacken und Wasser tragen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken und Wasser tragen.“

Ersetzt man die Erleuchtung durch die Pandemie, trifft das in etwa meinen Tag. Ich habe meinen Beruf, der sehr digital und reiselos geworden ist, womit ich hadere – trotzdem macht er mir Freude, und so trage ich eben eine Zeitlang mein flugloses Scherflein zum Klima bei.

Dann ist da das Schreiben – ich arbeite gerade an meinem ersten Lyrikband. Was die Produktivität anbelangt, so gab es 2020 ein paar Aussetzer, Lockdown-Blockaden. Neben alldem pflege ich meine sozialen Kontakte, mittlerweile auch sehr virtuell. Also Holz hacken und Wasser tragen unter veränderten Rahmenbedingungen. Dafür arbeite ich nur noch vier Tage pro Woche. In der Veränderung steckt auch Gutes.

Kathrin Niemela, Lyrikerin und Kosmopoetin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Humor bewahren, Rücksicht nehmen, Mitgefühl zeigen, cool bleiben, bunt und neugierig, ja, auch kritisch bleiben, das Positive im Wandel suchen, die Potentiale, und sich den Themen stellen, die auftauchen, erwartet oder unerwartet. Leben!

Durch die Lockdowns wird der Blick aufs Naheliegende gelenkt. Insofern ist diese Zeit auch eine Einladung zur Ehrlichkeit gegenüber sich selbst, zum Klartext, zum Reinemachen, Auskehren, Aufbrechen, sich neu erfinden. In dieser Zeit lernen wir auch, einst selbstverständliche Dinge neu zu schätzen. Ich träume oft vom Tanzen in dunklen Räumen, eng und verschwitzt. Und hoffe, dass das wieder möglich sein wird, ja, dass wir uns irgendwann – wenn das Virus eingedämmt, ausgemerzt, fortgeimpft ist – wieder ungezwungen begegnen und bewegen – ohne Notwendigkeit eines pandemischen Imperativs.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Was wir 2020 nicht vermissen, braucht auch in Zukunft nicht in den Koffer. Eine Freundin aus Frankreich sagte vor Kurzem: « Il n’y a que l’art et l’amour qui sauvent le monde. » Nur die Kunst und die Liebe retten die Welt. Das klingt schön, ich würde allerdings noch die Vernunft hinzufügen. Deshalb macht es mich wütend, dass die Kunst in Deutschland nicht systemrelevant sein soll, Kirche hingegen schon. Warum darf ein Gottesdienst stattfinden, aber kein Klavierkonzert mit Hygienekonzept? Wir müssen aufpassen, dass sich die Kunst nicht als Gratis-Leistung ins Netz verlagert, nebenbei abläuft. Kunst muss stattfinden, zugänglich, wesentlich sein, muss wertgeschätzt werden. Sie braucht in dem Moment, in dem sie genossen wird, die volle Aufmerksamkeit, egal ob Theater, Musik, Literatur oder Malerei.

Was liest Du derzeit?

Ich lese oder höre gerade „Feuer der Freiheit“ von Wolfram Eilenberger, „Drang nach Osten“ von Artur Becker, „Das ist hier der Fall“ von Elke Erb, „Wellenlängen deines Liedes“ von Eleonore Schönmaier, „In der dritten Minute der Morgenröte“ von Christian Saalberg, die Anthologie „Im Grunde wäre ich lieber Gedicht“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Es wurde schon so viel Kluges gesagt an dieser Stelle, ach, ich bleibe bei den Peanuts von Charles M. Schulz. Da gibt es diese bekannte Szene, in der Charly Brown und Snoopy am See sitzen und Charly Brown sagt: „Eines Tages werden wir alle sterben, Snoopy.“ Und die grandiose Antwort: „Ja, das stimmt, aber an allen anderen Tagen nicht.“

Kathrin Niemela, Lyrikerin und Kosmopoetin

Vielen Dank für das Interview liebe Kathrin, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte – vor allem auch Deinen kommenden Lyrikband – und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Kathrin Niemela, Lyrikerin und Kosmopoetin

Fotos_Fritz Bielmeier

6.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir sollten auf leise Stimmen hören – auch unsere eigene“ Gerd Fürstenberger, Schriftsteller – Nürnberg, 14.12.2020

Lieber Gerd, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Es gab und gibt weiterhin viele Unsicherheiten, die ihn beeinflussen können – meist ist er aber nicht sehr aufregend. Mit frühem Aufstehen, morgendlichem Lesen und anschließendem Schreiben und Arbeiten versuche ich, dem Alltag Struktur zu geben. Möglichst täglich lange Spaziergänge gehören auch dazu.

Gerd Fürstenberger, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Geduld, Gemeinsinn und etwas, was man unpopulär als Vernunft  bezeichnet. Geschrei hilft nicht weiter, auch wenn es leichter gehört wird. Es gibt viel zu viel davon. Wir sollten auf leise Stimmen hören – auch unsere eigene. Viel wichtiger als das, was die Politik beschließt, ist doch, was wir uns selbst zusammenreimen und – vor allem – tun können. Zum Glück ist das bei uns so. In manchen anderen Ländern bekanntlich nicht.

Ein heute leider naheliegendes Beispiel: Wie verbreitet sich wohl ein Virus? Wirtsunabhängig, frei schwebend und unbeherrschbar?  Oder können wir – im Interesse aller –  doch jeder selbst, in eigener Verantwortung etwas tun, um seine Verbreitung vielleicht nicht zu ver-, aber doch zu be-hindern?

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Tatsächlich freue ich mich auf 2021 und über das Wort „Aufbruch“ im ersten Satz. Denn darum muss es tatsächlich gehen, nicht nur jetzt, sondern im Grunde immer. Für entscheidend halte ich, sich – gesellschaftlich und persönlich – eben auf „das Wesentliche“ zu besinnen.

Gesellschaftlich ist das angesichts diverser Bedrohungen eine lebenswerte Zukunft für unsere Kinder und was wir für diese tun können. Persönlich gehört für mich dazu, weiter das zu tun, wo ich – nach meiner ungebrochenen Überzeugung  – mein Eigenstes geben kann, nämlich Schreiben. Und dabei nicht müde zu werden, auch dann, wenn es im Abseits geschieht.

Allerdings weiß ich nicht, ob man Kunst und Literatur eine bestimmte Rolle zuweisen sollte. Was Kunst und Literatur „schon immer“ getan haben, ist aber auch jetzt wichtig: Uns aus unserer angestammten Enge hinaus und an Orte und in Zeiten zu führen, die uns kaum oder gar nicht bekannt waren. Das Fremde näher zu bringen, ohne ihm seine Fremdheit zu nehmen. Uns die Möglichkeit zu eröffnen, (als Schreiber wie als Leser) andere Leben zu leben. Überhaupt: Unseren Möglichkeitssinn zu trainieren. Ich bin davon überzeugt, dass dies verdienstvoll sein und in den Alltag zurückwirken kann. 

Was liest Du derzeit?

Wie immer mehrere Bücher gleichzeitig:

Noch einmal Goethes Faust, diesmal auch den zweiten Teil (angeregt wiederum durch Lektüren, von Hans Blumenberg und Ludwig Hohl),

Ralf Rothmann: Hotel der Schlaflosen,

Elias Canetti: Die Provinz des Menschen,

Louise Glück: Wilde Iris, und Lyrik wechselnder Autorinnen und Autoren.

Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Darf ich drei?

Apropos Aufbruch: Es ist schon bemerkenswert, dass die Lebewesen aus einer Umgebung, an die sie perfekt angepasst waren, die ihnen natürliche „Heimat“ bot, einst aufbrachen in eine, in der sie überhaupt nur um den Preis ihrer tiefgreifenden Verwandlung überleben konnten. 

„Die Schönheit des Gedichts entspricht genau dem Umstand, ob und wie unsere Aufmerksamkeit während des Schreibens sich an dem orientierte, was nicht auszudrücken ist.“ Simone Weil

„So war ich denn bereits zu dem Schluss gekommen, dass wir dem Kunstwerk gegenüber keineswegs frei sind, dass wir es nicht nach unserem Belieben schaffen, dass es vielmehr schon vor uns existiert, notwendig, aber verborgen, und wir es deshalb, wie wir es bei einem Naturgesetz tun würden, eigentlich entdecken müssen.“ Marcel Proust, Die wiedergefundene Zeit.

Gerd Fürstenberger, Schriftsteller

Vielen Dank für das Interview lieber Gerd, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Gerd Fürstenberger, Schriftsteller

Fotos_privat.

7.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich freue mich darauf, wenn ich Videoskripts wieder bei einem Stück Sachertorte entwickeln kann“ Thomas Peintinger, Künstler _ Wien 13.12.2020.

Lieber Thomas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin (zum Glück) in der sehr privilegierten Situation sagen zu können, dass sich durch Corona wenig an meiner Arbeit verändert hat. Meine Drehtage finden unter Auflagen statt und die Postproduktion mache ich zu Hause in meinem Büro. Wenn ich zu Hause arbeite, dann lege ich viel Wert auf ein vernünftiges Frühstück mit weich gekochtem Ei, Gemüse und Brot. Zwischendurch gibt es dann 1-2 große Cappuccinos.

Konzeptionen mache ich normalerweise in Cafés, weil mich das Ambiente und die Atmosphäre in einen sehr kreativen Modus versetzen. Das war eine ziemliche Umstellung diese Umgebung nicht mehr nutzen zu können und in der “normalen” Büroumgebung kreativ zu sein. Das funktioniert meistens, aber nicht immer und ich freue mich darauf, wenn ich Videoskripts wieder bei einem Stück Sachertorte entwickeln kann.

Thomas Peintinger, Künstler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Situation ist wie sie ist, wir können daran nichts ändern. Mir geht es natürlich auch immer wieder auf die Nerven, dass ich meine Familie oder Freunde nicht einfach so treffen kann, dass Hobbies wie Klettern/Bouldern auf der Strecke bleiben. Aber es bringt nichts sich in negativen Gedanken zu verrennen, wir sitzen alle im gleichen Boot. Ich bin eigentlich recht stolz darauf, dass ich über das ganze Jahr 2020 nie meine Positivität und meinen Humor verloren habe, sondern versuche aus der aktuellen Situation das meiste zu machen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Mir ist wichtig, dass wir nicht versuchen zur “Zeit vor Corona” zurückzukommen. Diese Zeit wird es nie wieder geben und das ist gut so. Corona hat gezeigt, wie viele Berufe nicht die Wertschätzung erfahren, die sie verdienen, seien es soziale Berufe oder Künstlerische. Die Sensibilität innerhalb der Bevölkerung ist gestiegen und steigt hoffentlich noch weiter. Vielleicht bekommen all die Menschen in diesen Berufen endlich die Wertschätzung (und das Gehalt) das sie verdienen.

Die Kunst allein hat alle Menschen emotional durch die Lockdowns getragen und sie gestützt. Filme, Musik, Bücher, Puzzles etc. haben dafür gesorgt, dass man in dieser schwierigen Zeit aus dem Alltag ausbrechen konnte. Ohne Kunst wäre das alles nicht möglich gewesen. Vielen Menschen ist das leider nicht bewusst und das schlechte Image der Künstlerinnen und Künstler, nämlich dass sie “nichts für die Gesellschaft beitragen würden” oder “dem Staat nur auf der Tasche liegen, weil sie nichts gelernt haben”, frustriert mich ungemein. Da muss sich etwas ändern.

Kunst ist das was dem Leben seine Farbe gibt. Ohne sie, wäre die Welt kalt und grau. Auch in Zukunft muss Platz für Künstlerinnen und Künstler sein, die all die wunderbaren Dinge schaffen, die unser Leben so lebenswert machen.

Was liest Du derzeit?

Lesen ist für mich immer der Ausbruch aus dem Alltag und da greife ich meist  zu Fiktion, z.b. die Sneijder Reihe von Andreas Gruber. Aktuell lese ich allerdings “In eisigen Höhen” von Jon Krakauer, einer Erzählung über den Everest.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“Now is no time to think of what you do not have. Think of what you can do with what there is.” aus The Old Man and the Sea.

Wie ich oben bereits geschrieben habe: Es bringt nichts, sich in ein Loch fallen zu lassen. Oft benötigt das sehr viel Energie, keine Frage, aber man sollte immer versuchen Dinge positiv zu sehen.

Vielen Dank für das Interview lieber Thomas, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Thomas Peintinger_Künstler

Videoproduzent | Thomas Peintinger – VideoArtist | Österreich (thomas-peintinger.at)

Foto_privat.

10.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wichtig ist es jetzt für uns Künstler*innen, solidarisch zu bleiben und Mut zu zeigen“ Grit Krüger, Schriftstellerin _ Rastatt/D _ 13.12.2020

Liebe Grit, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Irrsinnig viel Zeit verbringe ich gerade in unserer Wohnung. Ich bin nicht nur Autorin, sondern arbeite an vier Tagen in der Woche als Presseredakteurin beim SWR, derzeit im Homeoffice. Diese Arbeit mag ich, bin aber aktuell abends nach einem Bürotag auch manchmal ganz schön abgekämpft.

Mittags mache ich, wenn ich es irgendwie einrichten kann, einen Spaziergang
Die Runde variiere ich kaum. 30 bis 40 Minuten: Zum Fluss, nach hinten zum
Feld und durch das Wohnviertel zurück. Auf dieser Strecke habe ich schon
etliche Texte im Kopf feingeschliffen, große und kleine Entscheidungen
getroffen und Ideen keimen lassen. Außerdem die Schwanendynastie auf dem
Murgabschnitt vor unserer Haustür besser kennengelernt.

Bis auf diese Zeit an der frischen Luft (und Zeit mit meinem Mann oder Zeit mit
Texten auf klassischem Papier) bin ich gerade ziemlich mit dem Laptop
verwachsen – ein 2020-Cyborg mit zweifelhafter Körperhaltung. Abends skype
ich mit Freundinnen oder gehe in den Untiefen des Internets verloren. Im Frühjahr habe ich Skyrim durchgespielt und bin nach hartnäckigen Versuchen an Dwarf Fortress gescheitert. An den verbleibenden Tagen lese ich, so viel ich kann. Ich schreibe in den Fugen, abends, nachts, oft statt zu schlafen.

Grit Krüger, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Geduld, Humor, Verantwortungsbewusstsein und das Internet.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Kunst findet ihren Weg, in Zeiten des Aufbruchs, in Zeiten der Krise aber auch in relativ friedlichen Zeiten. Literatur schafft es, die richtigen Fragen zu stellen: die, die wehtun, relevant sind, vielleicht aktuell sind, sich aber über das Tagesgeschehen erheben. Sie sorgt dafür, dass verletzliche und hoffnungsvolle Teile in uns spürbar bleiben, schenkt Weite und Würde. Das wird sie auch in Zukunft, da bin ich absolut zuversichtlich.

Wichtig ist es jetzt für uns Künstler*innen, solidarisch zu bleiben und Mut zu zeigen, wenn wir weiterhin dafür kämpfen – laut, wenn es sein muss – dass in unserer Gesellschaft
Strukturen geschaffen und erhalten werden, in denen Kunst entstehen kann.

Was liest Du derzeit?

„Monster wie wir“ von Ulrike Almut Sandig
„Gestohlene Luft“ von Yevgeniy Breyger
„The Earthsea Cycle“ von Ursula K. Le Guin

Dazu Texte, die gerade im Entstehen sind, von lieben, klugen Menschen.
Katrins klare, abgründige Prosa, Barbaras Gedichte und Stücke. Romane von
Thomas und Matthias und Martin und Fabienne. Ich freue mich sehr darüber,
bei ihrem Weg in die Welt dabei sein zu dürfen.


Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Zwischendurch merken wir plötzlich, an einigen halblaut gesagten Worten,
daß wir uns mögen.“ (Wolfgang Borchert)


Vielen Dank für das Interview liebe Grit, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Vielen Dank zurück!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Grit Krüger, Schriftstellerin

Foto_privat.

11.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Kunst muss nicht perfekt sein, darf fragen, ohne eine Antwort zu finden“ Daniela Prokopetz, Künstlerin _ Wien_13.12.2020

Liebe Daniela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich möchte ehrlich sein 🙂  Also ich wünschte, ich könnte jetzt einfach schreiben, dass ich ganz viel Zeit habe für Dinge, für die ich sonst keine Zeit finde. Die Wahrheit ist anders, aber ich finde, sie sollte gesagt werden.

Daniela Prokopetz_Künstlerin

Jetzt im Lockdown (wir sind aufgrund der Arbeit meines Mannes gerade längere Zeit in Bulgarien)  ist meine Tochter den ganzen Tag bei mir und ich jongliere zwischen Mamasein, Haushaltsführung, Emails, Projekten, Ausstellungsorganisation und – planung, an Bildern arbeiten, Social Networking usw… Den Abend nütze ich komplett für die Arbeit. Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal einen Film gesehen habe. Ich habe einfach gelernt, sehr effektiv zu arbeiten 😉

Untitled 01: Ohne Titel. 89 x 62 cm,
Mischtechnik/ Papier und Acryl mit handbemaltem Rahmen,
2020

Immerhin muss ich sagen – dieser Lockdown trifft mich nicht so wie der erste. Da war ich enttäuscht wegen Projekten, die ins Wasser gefallen sind und abgesagten Ausstellungen. Jetzt habe ich mich gewissermaßen mit der Situation arrangiert und versuche, die Vorteile darin zu sehen. Man darf gar nicht erst daran denken, wie es anderen Menschen in dieser Situation geht und wie sehr Menschen, die im Pflege- und Gesundheitswesen arbeiten, belastet sind. Ich durfte bisher sehr viel Zeit (auch unabhängig von Corona) mit meiner Tochter verbringen und ihr meine Werte vorleben und sehe auch, dass sie vielen Dingen im Alltag und der Natur wertschätzend gegenüber steht. Dafür bin ich sehr dankbar.

Untitled 02: Ohne Titel, Mischtechik/ Papier, Acryl und Buntstift mit handbemaltem Rahmen
83,5 x 49,5, 2020

Jetzt versuche ich andere Wege zu finden, Projekte zu organisieren und mit Leuten in Kontakt zu treten. Meine Kollegin Karin Czermak und ich haben das Projekt „@art_greencube“ auf Instagram ins Leben gerufen, wo wir künstlerische Positionen in alternativen Präsentationsräumen außerhalb des Galerie- und Ausstellungsraumes zeigen. Begonnen hat es aus der eigenen Not heraus, die Arbeiten nicht mehr im Ausstellungsbetrieb zeigen zu können. Und demnächst wird es ein tolles Projekt gemeinsam geben, das Künstlerinnen weltweit virtuell zusammenführt.

Untitled 03, Ohne Titel. Mischtechik/ Papier, Acryl und Buntstift mit handbemaltem Rahmen
74 x 54 cm, 2020


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Toleranz und Solidarität.  Ich finde es toll, dass bisher einige Projekte ins Leben gerufen wurden, die Künstlerinnen und Künstler unterstützt und ihnen Wertschätzung entgegenbringt – wie dieses hier, das es vielleicht sonst gar nicht gäbe! Danke dafür! (Anm: Ich danke für das Interesse!)

Untitled 04: winter series/Ohne Titel. Mischtechnik/ Acryl und Buntstift mit handbemaltem Rahmen
19,5 x 14,5 cm, 2020

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Die Kunst ist ein Spiegel der Gesellschaft.  Sie lässt sich nicht vertreiben, wegdenken – auch wenn man sie noch so klein hält.

Kunst muss nicht perfekt sein, sie muss keiner Theorie entsprechen oder etwas beweisen können – ohne eine Lösung parat zu haben. Sie darf angreifbar sein und fragen, ohne eine Antwort zu finden..

Kunst ist eine Ausdrucksform, es gibt sie, seit es den Menschen gibt und sie wird es auch immer geben.
Es sollte Raum sein für die individuelle Entwicklung, für Fehler und Schwächen, für die unscheinbaren Schönheiten im Alltag und Leben, zum Beispiel für zarte, aber wunderschöne Farbabstufungen. Für einfache Materialien und Natur. Vielleicht beeinflusst mich auch das Leben hier in Bulgarien in meiner künstlerischen Arbeit und Lebensanschauung sehr. Das ist hier jetzt nur ein Aspekt  – aber den Menschen hier ist es oft wurscht wie es beim Nachbarn im Vorgarten ausschaut und wenn alles nicht ganz so perfekt ist, ists auch ok, dann hat man mehr Zeit für entspannte Dinge.. Der andere wird nicht verpfiffen und alte bröckelige Hausmauern können auch eine gewisse Schönheit ausstrahlen. Das ist jetzt natürlich auch ein Klischee, aber ich muss ja hier keine mathematische Theorie aufstellen 😉
Der Perfektionismus betrifft mich in gewisser Weise selbst und meine eigene Kunst scheint so ein Ventil zu sein, mir Ausdruck verschaffen zu können und meine Lebensanschauung sichtbar zu machen.
Wenn der Konsum plötzlich weg bleibt, wird das kreative Potential im Menschen vielleicht wieder mehr Ausdruck finden und wir zu einem individuelleren Leben finden – das kann schon bei den eigenen vier Wänden oder im Garten anfangen.

Anonymous paper object, Malereien, Kinderzeichnungen (Acryl und Aquarell)
ca. 15 cm, 2020

Was liest Du derzeit?

Ich setze mich derzeit sehr mit Wabi-Sabi auseinander, einem Schönheitsprinzip in der japanischen Ästhetik. Es ist ein Gegenkonzept zur reproduzierbaren Hochglanzästhetik, dem Kommerz und der Technologie. Dinge haben demnach höheren Wert, je älter sie sind und je länger sie in Gebrauch sind.

Nehmen wir das Symbol der Kirschblüte, die nur ganz kurz und zu einer bestimmten Zeit blüht – diesen Moment wollen wir mit unserem westlichen Denken konservieren und festhalten und auch wenn er schon vorbei ist, wollen wir wieder dorthin.. Wabi-Sabi fragt – was war davor und danach? Diese Zeitspanne ist doch viel länger.
Corona bringt uns die Sterblichkeit und Verwundbarkeit des Menschen wieder näher vor Augen.
Ich würde mir auch wünschen, dass wir irgendwann einmal sagen würden anstatt – „So alt bin ich schon!“ – „So alt habe ich werden dürfen, so viele Erfahrungen habe ich sammeln dürfen.“  Dass eine gewisse Freunde und Zufriedenheit aufkommt, gesund und gelassen sein zu dürfen und voller Ehrfurcht und besonderer Schönheit, die Risse an der Mauer zu betrachten und das malerische Moos, das sich über Jahr wie ein Kunstwerk an der Hausmauer gebildet hat. Der gesamte Kapitalismus baut nur darauf auf, uns unzufrieden und unglücklich zu sehen. Ist das nicht absurd?

Ich lese meiner Tochter zur Zeit immer wieder das Buch „Dancing through the fields of Color. The story of Helen Frankenthaler“ vor. Wir beide lieben dieses Buch und Helen Frankenthaler ist für mich so eine Ikone des freien Ausdrucks, zu welchem wir alle auf unsere Wege und Weisen wiederfinden sollten.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Was die Hirnforscher dann, beispielsweise mittels funktioneller Kernspintomografe, im Gehirn eines spielenden Menschen messen können, ist eine Verringerung des Sauerstoffverbrauchs aufgrund einer verminderten Aktivität der Nervenzellenverbände im Bereich der Amygdala. Das ist diejenige Hirnregion, die immer dann besonders aktiv wird, wenn wir Angst haben. Im Spiel verlieren wir also unsere Angst. (…) Wenn wir wirklich spielen, erleben wir auch keinen Druck und keinen Zwang mehr, und wenn es nichts mehr gibt, was uns bedrängt, verschwindet auch die Angst.“ (Gerald Hüther, Christoph Quarch: Rettet das Spiel! Weil Leben mehr als funktionieren ist. 3. Auflage, 2018, Carl Hanser Verlag, München, S.20-21)

Und weil ich mich nicht entscheiden kann, gibt es einfach noch eines:

„Alle Dinge einschließlich des Universums selbst befinden sich in einem ununterbrochenen, niemals endenden Zustand des Werdens und Vergehens. (…) Aber wann erreicht etwas seine schicksalshafte Erfüllung? Ist die Pflanze dann vollständig, wenn sie blüht? Wenn sie Samen trägt? Wenn die Samen keimen? Wenn alles zu Dünger wird?“

(Leonhard Koren, Matthias Dietz (Hsg.): Wabi-Sabi für Künstler, Architekten und Designer. Japans Philosophie der Bescheidenheit, Wasmuth Verlag, Tübingen, 9. Auflage 2017, S.47-48)

Daniela Prokopetz_Künstlerin

Vielen Dank für das Interview liebe Daniela, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Daniela Prokopetz, Künstlerin

Daniela Prokopetz

Alle Fotos_Porträt/Bilder _ Daniela Prokopetz.

8.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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