„Es müssen auch Wut, Trauer und Überdruss erlaubt sein!“ Julius Werner Chromecek, Künstler_Wien 16.12.2020

Lieber Julius, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

An den Tagen, in denen ich nicht in meinem Brot-Job arbeite – ich bin Psychologe und werke als solcher drei Tage/Woche (dzt. meist im home office) – schaffe ich im Lock Down wesentlich systematischer als davor; um die Struktur in dieser irgendwie fast nur mehr selbst-gesteuerten Zeit nicht zu verlieren, stehe ich jeden Tag zur selben Zeit auf, arbeite an Konzepten, Einreichungen und Recherche bis mittags, mache jeden Tag Sport, meist ist das Tanz-Training, gehe wenigstens eine Stunde ins Freie…der Abend und dann oft ein großer Teil der Nacht gehört der Fotografie selbst: Aufnahmen, Bildbearbeitung, Filme entwickeln,…       

Julius Werner Chromecek_Künstler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gerade in dieser Phase der leider nötigen physischen Distanz – bitte nicht: social distancing, was für ein schrecklicher, irreführender Terminus! – müssen wir besonders eng zusammenrücken, uns umeinander kümmern. Dabei ist wichtig, sich in die Situation anderer hineinzufühlen; ich z.B. lebe allein und so viele sagen mir – gutgemeint, sicherlich – „was für eine schöne Möglichkeit für dich, jetzt kannst du dich so richtig selbst kennenlernen“; dass sie selbst mit einer/einem Partner*n und vielleicht ihren Kindern zusammenleben und Einsamkeit nicht erleben (müssen), nehmen sie dabei offenbar nicht wahr. Wir dürfen den Lock Down positiv finden, aber es müssen auch Wut, Trauer und Überdruss erlaubt sein!     

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Bevor wir wieder ganz schnell zu genau dem Lebensstil zurückkehren, den wir vor COV19 vollzogen haben, müssen wir links und rechts schauen, wer in der Zwischenzeit nachhaltig verloren hat und helfen; ganz wichtig wird auch sein, die neulich zurechtgestutzten Freiheiten möglichst rasch zurückzufordern, damit wir keine Rückschritte der Demokratie über die Hintertreppe erleben.

Die Rolle der Kunst wird dieselbe sein, die sie immer schon innehatte: alternative Wege zeigen, provozieren, aufrütteln, die Sinne wecken. Vielleicht wird das dann noch wichtiger sein, als bisher!

Was liest Du derzeit?

Ich lese immer schon mehrere Bücher parallel – im Moment ist das die hervorragende Biografie Susan Sontags (B. Moser), das einzige Buch über Fotografie der Performance (B. Dogramaci) und die Tanzscripte, Band 36: Tanzfotografie (T. Jahn. E. Wittrock, I. Wortelkamp, HG.)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Angeblich ein Ausspruch von Gerhard Richter: „Hüten Sie sich vor Ihren Bildern – Sie wissen mehr über Sie als Sie selbst“

Vielen Dank für das Interview lieber Julius, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Julius Werner Chromecek, Künstler

Alle Fotos_Julius Werner Chromecek

http://www.julius-werner.at

Aktuelle Ausstellung: Leaves, von 12. Dezember 2020 – 12. Jänner 2021_ Atelier Analog
Alessandra Ljuboje, Herklotzgasse 44 _1150 Wien www.atelieranalog.at


16.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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