„Und ich bin hin-und hergerissen zwischen der Dankbarkeit für Probenarbeit und der Frage, wie viel Sinn das gerade ergibt“ Anna Schönberg, Schauspielerin_Berlin 16.12.2020

Liebe Anna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Bis vor einer Woche befand ich mich noch im fast gewöhnlichen Theaterprobenalltag. Nur fast gewöhnlich, weil wir auf und hinter der Bühne den Abstand halten müssen, Requisiten nicht übergeben werden dürfen… und vor allem mit dem Wissen, dass keine Zuschauer kommen werden und eine öffentliche Vorstellung/Premiere in unbestimmter Zeit liegt.

Erstmal war ich froh und fand das sinnvoll, dass all die Abläufe, die es innerhalb so einer Theaterproduktion gibt, eingehalten werden. Das gibt Halt. Gleichzeitig ist der künstlerische Arbeitsprozess ganz anders, wenn man weiß, dass da in ein paar Tagen Zuschauer sitzen werden, andere Energien werden freigesetzt. Einen Probenprozess abzuschließen ohne diese Spannung, Aufregung und Vorfreude fühlte sich für mich sehr schal an. Und ich bin hin-und hergerissen zwischen der Dankbarkeit, dass wir diese Probenarbeit machen können und der Frage, wie viel Sinn das gerade ergibt.

Anna Schönberg, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nachsicht.

Die Pandemie hat ja viele Problemfelder sichtbar gemacht. Während des ersten Lockdowns im Frühjahr habe ich oft gedacht, dass diese Zeit die Chance zur Veränderung in sich birgt. Nachbarschaftshilfen haben sich organisiert usw. Jetzt merke ich bei meinen KollegInnen, im Freundeskreis und innerhalb der Familie eine Angespanntheit, dass die Nerven blanker liegen, man sich schnell mal missversteht, aneinandergerät. Deshalb ist es jetzt besonders wichtig, nachsichtig zu sein. Jede/r ist in anderer Weise von der momentanen Situation betroffen oder steckt diese anders weg, hat ein anderes Ventil für die Unsicherheit, den Verdruss …

probenfoto vom solostück AM BODEN von G. Brant, das wegen der luft im objekt nicht gespielt werden durfte/aerosole.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich denke, dass die Erfahrung des Lockdowns, also des „voneinander– getrennt -seins“, uns spürbar macht, wie sehr uns die Begegnung fehlt. Theater ist ein Ort der Begegnungen. Begegnung als soziales Ereignis, aber auch eine Begegnung mit unseren Fragen und unseren Ängsten, Hoffnungen, Wünschen, mit uns selbst. Ich glaube, dass wir durch diese Krise sensibler geworden sind und wir uns im Theater aufmerksamer und behutsamer fragen können, was uns als Menschen ausmacht, auf welchen Werten unsere Gesellschaft steht, wie wir zusammen leben wollen und können. Ich wünsche mir, dass das Theater/die Kunst diesen Fragen ein Zuhause geben kann und wir nicht einfach da weitermachen, wo wir aufgehört haben und z.B. die Lage mit Camus „Die Pest“ im Spielplan abgetan wird.

Was liest Du derzeit?

Bodentiefe Fenster von Anke Stelling

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Als ich heute aufwachte, aufstand und mich wusch, da schien mir plötzlich, mir sei alles klar auf dieser Welt und ich wüsste, wie man leben soll.“

Ein Zitat aus Anton Tschechow’s „Drei Schwestern“.

Nach so einem Zustand sehne ich mich.

Vielen Dank für das Interview liebe Anna, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Anna Schönberg, Schauspielerin

Fotos_1_3_) Jeanne Degraa 2_Probenfoto_am Boden_G.Brant

15.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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