„Wer hat das Zeug Krisen produktiv umzusetzen, wenn nicht die Künstler?“ Ralf Günther, Schriftsteller_D, 15.12.2020

Lieber Ralf, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe gelernt, nichts auf Routinen zu geben. Jeder Tag ist anders. Und alles ist möglich. Man versucht immer ein Auge auf die Nachrichten zu haben – aber was nützt ein winziger Informationsvorsprung, wenn das ganze Land eingefroren wird. Die wenigen Stunden, die an Schreibzeit übrigbleibt, stehen stark unter Druck, sowohl zeitlich, als auch mental.

Ralf Günther, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Auf die Vernunft zu horchen und die unvernünftigen, emotionalen Anteile aus den Informationen und Gerüchten herauszufiltern. Es ist verständlich, dass in unsicheren Zeiten Emotionen durchbrechen und die Vernunft übertönen. Man darf die Gefühle der Menschen nicht missachten oder unterdrücken, aber unsere Entscheidungen sollten überdacht und vernünftig motiviert sein. Also: Kühlen Kopf bewahren und zusammenhalten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Viele Künstler*innen haben die Erfahrung gemacht, dass Kunst nicht „systemrelevant“ ist. Unterstützungssysteme wurden installiert, waren aber unzureichend ausgestattet. Wer als Freiberufler auf sich selbst gestellt ist, ist auch in der Krise ziemlich allein. Einige kamen finanziell und psychisch ans Limit. Es ist bedauernswert, dass Menschen, die den Mut haben, Kunst zu machen, nicht besser geschützt werden können. Auf der anderen Seite: Wer hat das Zeug, Krisen zu überstehen und sie produktiv umzusetzen, wenn nicht die Künstler? Ich hoffe, die Krise befördert nicht nur die Ängste sondern auch die Kreativität.

Was liest Du derzeit?

Immer mehrere Bücher parallel: Gavroche von Victor Hugo, Kurzgeschichten von Patricia Highsmith („Ladies Night“), mit meiner Partnerin, der Autorin Josefine Gottwald, gemeinsam und zum wiederholten Mal John Irvings „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ – sowie eine Robert-Koch-Biografie.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Augenzwinkern von Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

Vielen Dank für das Interview lieber Ralf, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ralf Günther, Schriftsteller

Foto_Thomas Türpe_

14.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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