„Wir sollten auf leise Stimmen hören – auch unsere eigene“ Gerd Fürstenberger, Schriftsteller – Nürnberg, 14.12.2020

Lieber Gerd, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Es gab und gibt weiterhin viele Unsicherheiten, die ihn beeinflussen können – meist ist er aber nicht sehr aufregend. Mit frühem Aufstehen, morgendlichem Lesen und anschließendem Schreiben und Arbeiten versuche ich, dem Alltag Struktur zu geben. Möglichst täglich lange Spaziergänge gehören auch dazu.

Gerd Fürstenberger, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Geduld, Gemeinsinn und etwas, was man unpopulär als Vernunft  bezeichnet. Geschrei hilft nicht weiter, auch wenn es leichter gehört wird. Es gibt viel zu viel davon. Wir sollten auf leise Stimmen hören – auch unsere eigene. Viel wichtiger als das, was die Politik beschließt, ist doch, was wir uns selbst zusammenreimen und – vor allem – tun können. Zum Glück ist das bei uns so. In manchen anderen Ländern bekanntlich nicht.

Ein heute leider naheliegendes Beispiel: Wie verbreitet sich wohl ein Virus? Wirtsunabhängig, frei schwebend und unbeherrschbar?  Oder können wir – im Interesse aller –  doch jeder selbst, in eigener Verantwortung etwas tun, um seine Verbreitung vielleicht nicht zu ver-, aber doch zu be-hindern?

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Tatsächlich freue ich mich auf 2021 und über das Wort „Aufbruch“ im ersten Satz. Denn darum muss es tatsächlich gehen, nicht nur jetzt, sondern im Grunde immer. Für entscheidend halte ich, sich – gesellschaftlich und persönlich – eben auf „das Wesentliche“ zu besinnen.

Gesellschaftlich ist das angesichts diverser Bedrohungen eine lebenswerte Zukunft für unsere Kinder und was wir für diese tun können. Persönlich gehört für mich dazu, weiter das zu tun, wo ich – nach meiner ungebrochenen Überzeugung  – mein Eigenstes geben kann, nämlich Schreiben. Und dabei nicht müde zu werden, auch dann, wenn es im Abseits geschieht.

Allerdings weiß ich nicht, ob man Kunst und Literatur eine bestimmte Rolle zuweisen sollte. Was Kunst und Literatur „schon immer“ getan haben, ist aber auch jetzt wichtig: Uns aus unserer angestammten Enge hinaus und an Orte und in Zeiten zu führen, die uns kaum oder gar nicht bekannt waren. Das Fremde näher zu bringen, ohne ihm seine Fremdheit zu nehmen. Uns die Möglichkeit zu eröffnen, (als Schreiber wie als Leser) andere Leben zu leben. Überhaupt: Unseren Möglichkeitssinn zu trainieren. Ich bin davon überzeugt, dass dies verdienstvoll sein und in den Alltag zurückwirken kann. 

Was liest Du derzeit?

Wie immer mehrere Bücher gleichzeitig:

Noch einmal Goethes Faust, diesmal auch den zweiten Teil (angeregt wiederum durch Lektüren, von Hans Blumenberg und Ludwig Hohl),

Ralf Rothmann: Hotel der Schlaflosen,

Elias Canetti: Die Provinz des Menschen,

Louise Glück: Wilde Iris, und Lyrik wechselnder Autorinnen und Autoren.

Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Darf ich drei?

Apropos Aufbruch: Es ist schon bemerkenswert, dass die Lebewesen aus einer Umgebung, an die sie perfekt angepasst waren, die ihnen natürliche „Heimat“ bot, einst aufbrachen in eine, in der sie überhaupt nur um den Preis ihrer tiefgreifenden Verwandlung überleben konnten. 

„Die Schönheit des Gedichts entspricht genau dem Umstand, ob und wie unsere Aufmerksamkeit während des Schreibens sich an dem orientierte, was nicht auszudrücken ist.“ Simone Weil

„So war ich denn bereits zu dem Schluss gekommen, dass wir dem Kunstwerk gegenüber keineswegs frei sind, dass wir es nicht nach unserem Belieben schaffen, dass es vielmehr schon vor uns existiert, notwendig, aber verborgen, und wir es deshalb, wie wir es bei einem Naturgesetz tun würden, eigentlich entdecken müssen.“ Marcel Proust, Die wiedergefundene Zeit.

Gerd Fürstenberger, Schriftsteller

Vielen Dank für das Interview lieber Gerd, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Gerd Fürstenberger, Schriftsteller

Fotos_privat.

7.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s