„Stehen wir vor einem Aufbruch? Ich fürchte, es wird eher sowas wie der Neustart nach einem Computerabsturz“ Markus Liske, Schriftsteller, Berlin 21.1.2021

Lieber Markus, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Seit dem ersten Shutdown im letzten Frühjahr bin ich viel häufiger draußen als früher. Morgens – meist gegen sieben Uhr – schleppe ich mich 30 bis 40 Minuten lang ungekämmt und mit noch halbgeschlossenen Augen durch den Theodor-Wolff-Park gegenüber. Gegen Mittag lungere ich dann eine Stunde auf dem kleinen Sandplatz zwischen den Wohnblöcken herum, wobei ich hin und wieder gegen ein halbzerfetztes Etwas trete, das irgendwann mal ein Ball war. Um 16 Uhr beschließen meine Frau und ich unseren Arbeitstag mit einem bis zu zweistündigen Kiezspaziergang. Und um 23 Uhr gibt es noch eine kurze Kontrollrunde – meist am Jüdischen Museum vorbei.

Diese neue Leidenschaft für das, was man in Berlin frische Luft nennt, ist jedoch nur eine scheinbare und hat auch nur indirekt mit der Corona-Pandemie zu tun. Der Shutdown und die damit einhergehenden Absagen unserer geplanten Lesetouren hatten mir einfach mein stärkstes Argument gegen die von meiner Frau seit Jahren gewünschte Anschaffung eines Hundewelpen geraubt. Also leben wir jetzt seit April zu dritt und somit nach gängiger Auffassung auch viel gesünder als früher. Wobei ich mir allerdings kürzlich beim Fußballspielen mit unserem Frodo das Knie so böse verdreht habe, dass ich jetzt erst mal zu diversen Arztterminen humpeln muss.

Ansonsten hat sich nicht viel verändert. Als Schriftsteller hockt man ja eh den Großteil des Tages vorm Laptop und trinkt am Abend gern mal ein Glas zu viel. Zugegeben, bei letzterem vermisse ich zuweilen die Kneipenrunden mit Freunden und Kollegen. Andererseits gibt es in unserer Hausbar besseren Whisky, und dank Zoom, Jitsi oder Skype muss man auf feuchtfröhlichen Austausch mit anderen ja nicht völlig verzichten. Ein ziemlich privilegiertes Leben also, im Vergleich zu Leuten, die tagtäglich ihre Gesundheit riskieren müssen, weil sie in der Pflege oder im Verkauf arbeiten, oder zu denen, die in ihrer beruflichen Existenz ernsthaft bedroht sind. Bei uns geht es sich – toi, toi, toi – bislang ganz gut aus.  

Markus Liske, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Durchhalten, solidarisch sein und nicht an der Blödheit und Ignoranz der Mitmenschen verzweifeln. Letzteres fällt mir manchmal schwer. Und das meine ich nicht in erster Linie in Bezug auf diese 10 bis 15 Prozent esoterisch entgrenzter Vollspacken, verschwörungsgläubiger Wutbürger und Nazis, die in den letzten Monaten die Schlagzeilen bestimmt haben. Es sind die Anderen, die mich wütend machen. Diejenigen zum Beispiel, die sich zwar in Umfragen zur Sinnhaftigkeit der Pandemiemaßnahmen bekennen, im privaten Rahmen aber jedes Regelschlupfloch ausnutzen und sich dabei noch gewitzt vorkommen. Oder die, die die aktuelle Lage zu verantworten haben: Ministerpräsidenten, Gesundheits- und Bildungsminister, die selbst in einer solchen Krise nur an die eigene Karriere denken, deshalb entweder ihren Job grob vernachlässigen oder gar sehenden Auges (und gegen jeden wissenschaftlichen Rat) katastrophale Fehlentscheidungen treffen. Und wenn ich dann noch sehe, dass das Komplettversagen dieser Leute ihnen tatsächlich wachsende Zustimmungsraten einbringt, dann ist meine Wut schon mal kurz davor, in Verzweiflung zu kippen. Zum Glück ist mein früh erlernter Kulturpessimismus schon vor vielen Jahren einer gepflegten Kulturdepression gewichen. Wer nichts erwartet, kann auch nicht enttäuscht werden. 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ist das so? Stehen wir vor einem Aufbruch? Ich fürchte, es wird eher sowas wie der Neustart nach einem Computerabsturz. Die letzten Dateiänderungen sind vielleicht verloren, aber die Oberfläche sieht aus wie immer und alle Programme laufen wie gehabt. Sicher werden viele vertraute Gastronomiebetriebe und privat finanzierte Kulturorte die Krise nicht überleben. Weil es aber großen Bedarf nach Kultur und Unterhaltung geben wird, werden zweifellos bald neue Läden entstehen. Eventuell geht damit auch ein Generationswechsel einher. Die ausbezahlten Hilfsgelder indes wird die Regierung in den kommenden Jahren wieder eintreiben wollen, indem Kultursubventionen gekürzt, Investitionen in Bildung oder Infrastruktur gestrichen und Sozialleistungen weiter beschnitten werden. Nach dieser neoliberalen Doktrin agieren unsere politischen Vertreter schon seit Jahrzehnten, und ich habe bislang nichts gehört oder gelesen, was mich daran zweifeln ließe, dass es genauso weitergehen wird.

Auch sonst werden alle das tun, was sie bisher taten. Schriftsteller werden Bücher schreiben, Maler malen und Musiker musizieren. Einen echten Aufbruch könnte es nur geben, wenn die Menschen aus der Erfahrung dieser Krise heraus die politischen und ökonomischen Grundlagen unserer Gesellschaft ernsthaft in Frage stellen würden. Danach sieht es derzeit jedoch nicht aus.

Die Kunst kann und muss das Bewusstsein wachhalten, dass dies nicht die beste aller möglichen Welten ist. Sie muss Menschlichkeit und Solidarität gegen scheinbare ökonomische Sachzwänge verteidigen und utopische Räume öffnen. Das wird sie auch weiterhin tun. Aber wen erreicht sie damit? Die von ihrem entfremdeten Verbraucherdasein in partiellen Irrsinn getriebenen Menschen, die gerade wieder trotz Shutdown in die Skigebiete strömen? Die sich unter Freiheit nichts anderes mehr vorstellen können als ungehemmten Konsum und Entertainment? Ich fürchte, nein. Aber kulturelle Entwicklung hat noch nie linear funktioniert. Kunst ist ein Saatgut, das oft sehr lange braucht, um zu keimen, und niemand kann sagen, welche Früchte am Ende daraus wachsen.

Was liest Du derzeit?

Gerade lese ich „Die letzte Blüte Roms“ von Peter Heather. Römische Geschichte ist ein Steckenpferd von mir, und die hier beleuchtete spätantike Phase ist besonders faszinierend in Hinblick auf gesellschaftliche Transformationsprozesse. Danach nehme ich mir Katharina Rutschkys „Der Stadthund. Von Menschen an Leinen“ vor. Vielleicht finde ich darin Tipps, wie sich Sportverletzungen beim Spiel mit unserem Hund künftig vermeiden lassen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wer den Glauben an die Zukunft der Freiheit hat, wird ihn sich durch die Einwendungen der handfest praktischen Gegenwart nicht rauben lassen.“ (Erich Mühsam)

Vielen Dank für das Interview lieber Markus, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Markus Liske Schriftsteller

www.markusliske.de

Foto_Christoph Voy

3.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wesentlich könnte sein, wie entschlossen wir sinnvolle Veränderungen kreieren“ Michael Beisteiner, Schriftsteller_Wien 20.1.2021

Lieber Michael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Sehr alltäglich. Ich lebe mit zwei Kindern und meiner Frau. Für mich bedeutet das viel Liebe und große Aufregung unter einem Dach. Und auch: kochen, einkaufen, aufräumen, wenig Schlaf, Arbeit an einem Roman, für die ich mir jede halbe Stunde erkämpfen muss. Zwischendurch staune ich über die Situation, in der wir uns global befinden. Über meine ungebrochene Überzeugung: Es wird gut.

Michael Beisteiner, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Frischluft. Die Aktualisierung unserer Ängste. Für uns Europäer die ernsthafte Auseinandersetzung mit möglichen Formen eines Postmaterialismus. (Über die momentane Corona-Krise hinaus.)

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wesentlich könnte sein, wie entschlossen wir sinnvolle Veränderungen kreieren. Wie sehr wir unser Tun, Denken und Träumen auf den Klimawandel beziehen, also auch darauf, was Konsum in Zukunft für uns bedeutet, was wir definitiv konsumieren wollen. Literatur und Kunst sollten frei bleiben, sich ihre Rollen unabhängig von einer Krise aussuchen.

Was liest Du derzeit?

Bert Rebhandl: Jean-Luc Godard, Der permanente Revolutionär.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Bert Rebhandl schreibt im o. g. Buch zum Film Les Carabiniers: Zwischen Kunst und Krieg besteht eine unüberbrückbare Differenz, (…).

Vielen Dank für das Interview lieber Michael, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

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Michael Beisteiner_Schriftsteller

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4.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass die Literaturbranche nun nicht noch marktbeherrschter wird“ Kathrin Bach, Schriftstellerin, Berlin 20.1.2021

Liebe Kathrin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Sehr gleichförmig. So, dass es mir schwerfällt, die Tage auseinander zu halten. Ich habe noch nie so viel Zeit in meinem Zimmer verbracht. Die meiste Zeit sitze ich (zu krumm) an meinem Schreibtisch und arbeite: Ich habe (zum Glück?!) einen Vollzeitjob, der aus dem Home-Office gut funktioniert. Ich versuche einmal kurz rauszugehen, bevor es dunkel wird. Abends schaue ich oft Serien, lese und schreibe weniger, als ich gerne würde, später am Abend setze ich mich dann aber oft noch auf den Boden und schneide und klebe Collagen (aus Text und Bild) oder male. Das macht mich gerade am frohsten.

Kathrin Bach, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die anderen mitzudenken, trotz all der Vereinzelung. Keine Scheu davor zu haben, sich verletzlich zu zeigen und weich zu sein, sich selbst und anderen gegenüber. Merken, was man alles nicht braucht. Wachsam bleiben gegen jeden Funken queres Denken. Viel Schlaf & frische Luft. Und ruhig öfters mal sagen, dass man jemanden liebt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich wünsche mir, dass die Literaturbranche nun nicht noch marktbeherrschter wird. Dass kleine und unabhängige Verlage überleben und weiterhin Literatur anbieten können, die etwas wagt. Und dass auch die großen Verlage mutig bleiben oder werden. Dass wir im Theater umso lauter klatschen. Dass wir Kunst machen, die berührt – nach all der Zeit, in der wir uns nach Berührungen gesehnt haben.

Was liest Du derzeit?

Eine Kombination aus Prosa (‚The Vanishing Half‘ von Brit Bennett), Lyrik (Christine Lavant) , Sachbuch (‚How to do nothing’ von Jenny Odell) und Tageszeitung (taz).

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

I believe in people who are nervous and whose hands shake a little. (Deborah Levy)

Vielen Dank für das Interview liebe Kathrin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

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Kathrin Bach, Schriftstellerin

Foto_Sascha Kokot

30.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Leere des Himmels und der Erde“ Heinz Kröpfl. Erzählung. Arovell Verlag

Die Jahre waren vergangen. Und auch mehr als ein Jahrhundert. Und all das hatte nun das Leben zu tragen. Ein Leben in aller Individualität. Das Vergangene darin, die Fragen, die Hoffnungen und die Enttäuschungen. Und doch ging es weiter. In den Tagen, in Gesprächen…

„Es kommt darauf an, dass man ein Rückgrat hat“ wiederholte der 104jährige Patient der Nervenheilanstalt sehr oft. Er war Witwer und allein. Er legte Wert auf Kleidung, schwarz. Sein Name war Deus. Ein Notizbuch war sein ständiger Begleiter.

Und da war sie. Die anstrengende Arbeit in der Anstalt forderte sie tagtäglich. Da war viel Angst vor dem Unerwarteten und vor dem Versagen, dem Nicht-Gewachsensein der wechselnden Situationen. Zu jeder Jahreszeit. In Licht und Schatten.

„Was sehen Sie?“ fragte er als sie sich am Teich vor der Anstalt trafen. Er blickte zum Teich, zum Wasser. „Wasser ist Leben, Wasser ist Wandlung!“ waren seine Worte. Doch sie hatte es eilig. Keine Zeit für Gedanken, Innehalten…

Doch kehrt sie zurück? Wird es weitere Gespräche geben? Was wird sich öffnen in Weg und Stille von Mensch zu Mensch…oder?

Der österreichische Schriftsteller Heinz Kröpfl legt mit seiner Erzählung „Die Leere des Himmels und der Erde“ ein Buch zur Zeit vor. In direkter Sprachform öffnet der Autor Themen von Sein und Leben und stellt diese in einen kritischen Dialog, der immer auch zum Nachdenkimpuls von Leserin und Leser wird. Neugierde und Spannung begleiten den großen philosophischen Bogen, der in Gesprächen geöffnet wird bis zum überraschenden großen Finale von Existenz, Leiden und Sinn…

„Ein Buch, das Sprache und Sinn spannend wie kritisch zu verbinden weiß.“

Walter Pobaschnig 1_21

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„Wir kommen zur Zeit gar nicht umhin, dem Fluss des Lebens irgendwie zu vertrauen“ Esther Horn, Bildende Künstlerin_Berlin 19.1.2021

Liebe Esther, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Lieber Walter, wohl durch meine spezifische Lebenssituation hat sich mein Tagesablauf durch die Pandemie nicht sonderlich verändert. Ich bin auf meiner Seelenreise eher bei einem ‚Aufenthalt im Moment‘ gekommen seit einiger Zeit. Zudem beschäftige ich mich viel mit mir und bin künstlerisch aktiv. Ein echtes introvert_Dasein zur Zeit, was lustigerweise gerade Entsprechung im Außen findet… Dort ist auch alles zur Ruhe gekommen. Ich spüre, wenn ich wieder auf Reisen gehen will, oder mehr aktiv ins Leben ausgreifen werde, wird das auch im Außen dann leicht möglich sein.

So also stehe ich gerne recht früh auf, es ist schön, wenn ich den Sonnenaufgang sehen kann… Bevor ich aufstehe, verbinde ich mich mit dem Göttlichen, der geistigen Welt. Wir kommunizieren, ich erhalte Impulse für Themen, die gerade anliegen. Ich verbinde mich im Laufe des Tages immer wieder auf verschiedenste Weise mit der geistigen Welt, meiner Seelenfamilie, mit Gott.

Dann trinke ich einen Milchcafé… oft schaue ich dann auf den sozialen Medien vorbei, empfange Nachrichten von Freunden aus aller Welt… Dann folge ich weiterhin meinen Impulsen, zur Zeit bin ich in einem kleinen Aufenthaltsstipendium im Stadtteil Lichtenberg in Berlin, da  erkunde ich die Umgebung, gehe spazieren… habe Bilder entwickelt hier und eine „Lichtenberg Mikroerzählung“ geschrieben. Ich kommuniziere regelmäßig virtuell (ist telefonisch eigentlich auch virtuell?) mit lieben Freunden… Mein Hauptaugenmerk liegt darauf, dass ich mich den lieben langen Tag möglichst wohl fühle, mit mir gut verbunden bin und möglichst mache, was mir Freude bereitet. Danach gestaltet sich mein Tag. Liebe und Frieden spüren, und dass das Leben mich trägt, no matter what.

Esther Horn, bildende Künstlerin und Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das liebevolle BEI SICH SEIN. Eigentlich das, was ich oben über meinen Tagesablauf geagt habe, das ist wichtig für alle. In der spezifischen Situation, in der jede_r ist, zu sich zu kommen. Ob jemand Single ist, in einer Paar- oder Familiensituation lebt… es gilt zu sich zu kommen. Routineverhalten abzulegen, oder bewusst anzunehmen, bei sich selbst und mit anderen.

Die Ängste, die bei vielen getriggert werden, lernen, liebevoll anzuschauen und anzunehmen. Sich selbst besser kennenlernen. Bisher verborgene Schichten der eigenen Seele neu fühlen und damit in Kontakt, sprich in Kommunikation gehen. Das auch mit anderen machen. Sich in guter Kommunikation üben.
Anders, tiefer, liebevoller sprechen lernen mit sich selbst, mit anderen. Lernen, in dieser speziellen Situation in Frieden mit sich zu kommen und zu bleiben. Wir sind nun gerade alle angehalten, Gemütlichkeit und Seelenfrieden „ein paar Etagen“ tiefer in uns selbst zu finden als bisher. Alte Muster der bisherigen Lebensweise funktionieren so nicht mehr, das Außen, wie wir es kannten, ist zum Großen Teil weg gebröckelt.

Wir lernen, uns anders und mehr Raum zu geben, unseren Gefühlen und Bedürfnissen. Wir müssen mit uns selbst sensibler und feinfühliger sein, und können das dann auch bei anderen leichter. Anderen deren Raum zugestehen  – und erst mal uns selbst Raum zugestehen.

Interessanterweise entsprechen die zwei geforderte Meter Individualdistanz sehr genau der Ausbreitung unserer energetischen Körper, die über unseren physischen Körper hinausreichen. Wir können diese nun kennenlernen, bei uns selbst und bei anderen achten lernen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wesentlich ist die Zärtlichkeit. Die Liebe. Die Einfühlung. Das Vertrauen. Je liebevoller ich mit mir sein kann, desto liebevoller kann ich auch mit anderen sein. Das ist absolut zentral. UND auch die Spiellust, die Freude und DAS KINDSEIN.

Die Zufriedenheit und Freude im Moment leben zu können. Je mehr ein einzelner Mensch das für sich leben kann, desto stabiler ist sie_er. Das ist eine stille, doch absolut umwälzende Revolution.

Sie geht damit einher, unserer weiblichen Seite, also der Intuition, der Zärtlichkeit, der Empfänglichkeit, der Lust und Spielfreude wieder mehr Raum und Wert in unserem Leben zu geben. Die Weiblichkeit, das feminine Prinzip, ist bei Männern und Frauen über Jahrtausende massiv zu kurz gekommen, nahezu in allen Gesellschaften. Es wurde verachtet und entwürdigt oder subsumiert unter „weicheren“, männlichen Eigenschaften im Patriarchat. Doch sind sie in Wahrheit das feminine Prinzip in uns allen.

„Patriarchat“ bedeutet eine soziale Gemeinschaft, die dysfunktional einseitig das männlich- tätige Prinzip als Lebens-und Werteverständnis fordert und lebt. Das sehen wir noch in unserer – ebenfalls noch –  kapitalistisch ausgerichteten Leistungsgesellschaft täglich. Selbstwert geriert sich fast ausschließlich über Tätigkeit und Produktionsdruck.
Es gilt also, unseren Selbstwert wieder unabhängig zu machen von unseren Schöpfungen. PER SE SIND WIR WERTVOLL, und dann machen wir auch wertvolle Sachen. Das ist so einfach, wie elementar, wie – einmal mehr – umwälzend.

Wir müssen das liebevolle, warmherzige, fürsorgliche, aber auch das spielerische, leichte und freudvolle viel mehr schätzen und würdigen in unseren Gesellschaften.

Wir kommen zur Zeit gar nicht umhin, dem Fluß des Lebens irgendwie zu vertrauen und neue Erfahrungen zu machen, die letztlich sogar, wenn wir es zulassen, magisch sind.

DAS LEBEN IST EIGENTLICH MAGIE – VON UND IN DER KUNST KÖNNEN WIR DAS ERLEBEN

Das ist genau meine Erfahrung des schöpferischen Prozesses in der Kunst. Eigentlich ist alles eine Reise. Ich fange irgendwo an – bei einer Inspiration – und am Ende kommt ein großartiges Bild, ein wunderbarer Text bei heraus.

Die Kunst selbst, also ihr Genuss, bringt uns wieder mehr zu uns selbst, ob in der Lektüre, einem Ausstellungs– oder Theater_Konzertbesuch.  Wir sind, wenn es gut läuft, nach dem Dialog mit einem Kunstwerk vitaler, entspannter, tiefer empfindender, aufgewühlter, leichter, präsenter, euphorischer… uns selbst näher…in einer höheren Schwingung.

Das ist es, was wir Künstler mitbringen – eine hohe Schwingung. Was nicht heisst, dass nur wir sie mitbringen. Aber gute Kunst hervorzubringen geht nur in einer hohen Grundschwingung.  Wir erzeugen sie in unserer Kunst, doch leben auch in ihr – wenn wir es tun. Denn oft genug schlagen wir uns auch mit Not_wendigkeiten herum und verlassen dann auch unsere hohe Grundschwingung.

Wir Künstler schaffen eigentlich aus der Liebe heraus. Die Kunst, die Kreativität entsteht aus der Liebe – das vergessen wir oft. Die Kunst, wir Künstler können daran wieder erinnern, am besten, indem wir es selbst erleben und anerkennen in uns.

Was liest Du derzeit?

Ich lese zur Zeit eher Gedichte, also Lyrik. Immer wieder Rilke. Ich bin länger nicht in das epische Format eingetaucht…

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Erinnert euch wieder, wer ihr wirklich seid. Ich kann euer magisches und liebenswertes Kindsein sehen, wie ihr geliebt und gelebt habt als Kind. Seht und fühlt es auch wieder bei euch selbst.“

Vielen Dank für das Interview liebe Esther, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Esther Horn, bildende Künstlerin und Schriftstellerin

esther horn

Foto__privat

4.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„jetzt alle. sehnen sich zurück. nach einem wieder. gebrochen war längst.“ Cornelia Hülmbauer, Schriftstellerin _ Wien 19.1.2021

Liebe Cornelia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

unroutiniert. früh bis spät oder spät bis früh. mehr oder weniger.

Cornelia Hülmbauer, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

wäre: ein wir.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

jetzt alle. sehnen sich zurück. nach einem wieder. gebrochen war längst.

kunst kann kintsugi. aber will nicht.

Was liest Du derzeit?

fremde erinnerungen.

dazu: TEMPORÄRE UNORDNUNG.  782 Abbildungen aus dem Parlamentsgebäude im Leerstand.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„A FEATHER.

A feather is trimmed, it is trimmed by the light and the bug and the post, it is trimmed by little leaning and by all sorts of mounted reserves and loud volumes. It is surely cohesive.”

Gertrude Stein – Tender Buttons

Vielen Dank für das Interview liebe Cornelia, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Cornelia Hülmbauer, Schriftstellerin

Foto_Florian Hülmbauer

30.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Zuversicht, Geduld, Vertrauen. Ein, zwei Menschen, die man liebt.“ Christoph Danne, Schriftsteller _ Köln 18.1.2021

Lieber Christoph, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Genauso wie immer. Einzige Ausnahme: ich fahre mehr Fahrrad (Kurierfahrten zu den Kunden) und komme abends eine Stunde früher nach Hause. Kann also mehr schreiben.

Christoph Danne, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zuversicht, Geduld, Vertrauen. Ein, zwei Menschen, die man liebt.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei
der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ein genereller Aspekt könnte die Reduktion auf Wesentliches, auf weniger sein. Die Literatur, die Kunst wird für uns da sein, mächtig, absichtslos und schön. Der Rest wird sich finden, aber ich weiß nicht, wie das geschehen wird.


Was liest Du derzeit?

Ivo Andrić, Insomnia Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Es gibt nur Augenblicke.“ (Nicolás Gómez Dávila).

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Es gibt nur Augenblicke.“ (Nicolás Gómez Dávila).

Vielen Dank für das Interview lieber Christoph, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Christoph Danne, Schriftsteller

Christoph Danne (christoph-danne.de)

30.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir sind keine Nation von Kulturverliebten, wir sind eine Kulturnation!“ Alexander Braunshör, Schauspieler_Wien 18.1.2021

Lieber Alexander, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Gegen 7h werde ich in sanftem Flüsterton meines 4-jährigen Sohnes geweckt, der inständig um Löschen seines Durstes bittet. Bald darauf wacht meine 1-jährige Tochter auf und der Tag beginnt in rasantem Tempo. Seit Monaten liegt mein Hauptfokus bei der Familie. Dies ist in gewisser Weise durchaus ein exklusives Geschenk, andererseits auch sehr ermüdend. Den Beruf vermisse ich extrem. Pläne schmieden für die Zukunft fühlt sich an wie mit angezogener Handbremse. Jedoch lassen wir uns nicht unterkriegen und bleiben trotzdem dran.

Von Zeit zu Zeit widme ich mich dem elterlichen Garten, eine Leidenschaft, die für mich eine sehr sinnstiftende Bedeutung hat.

Alexander Braunshör, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es ist wichtig den Optimismus nicht aufzugeben. Ein schönes Zitat, dass ich zuletzt gehört habe stammt von Erika Freeman, die zurzeit in Wien coronabedingt „gestrandet“ ist: „Ein Nein ist lediglich der Anfang vom Ja“.

Dieser Satz ist für mich eine kleine Erleichterung. Was also jetzt noch im Nein verhallt, wird möglicherweise bald im Ja zur Realität.

Wer weiß schon wie die Zukunft wird.

Ich wünsche mir einen demokratischen Prozess als Grundlage für die Gestaltung unserer Zukunft. Mit der Expertise von Soziologen, Ökonomen, Ökologen, Philosophen, etc. Ich fürchte allerdings, dieser Handlungsspielraum muss erst erkämpft werden. Die Machtverhältnisse liegen derzeit woanders.

Plutokratische Tendenzen sind eine große Gefahr für unsere Demokratien. Wenn uns nicht bald eine Reform unserer Wirtschaftssysteme gelingt, könnten hart erkämpfte Errungenschaften erodieren und es wird schwer sein dies aufzuhalten. Ich habe aber große Hoffnung, wenn ich an die ganz jungen Generationen denke. Hier politisieren sich viele Menschen und das stimmt mich sehr positiv.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei Dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Das Theater hat seine historische immerwährende Aufgabe der Spiegel zu sein. Den Diskurs anzukurbeln, ja auch zu bestimmen, wenn es Not tut und es tut Not. Wir sind keine Nation von Kulturverliebten, wir sind eine Kulturnation!

Reflektieren macht uns zu zivilisierten Menschen. Der Diskurs im politischen wie auch im Privaten lässt uns wachsen. Empathie wird im Theater stimuliert und diese Empathie ist der Gegenpol zu den selbstoptimierten Umfrageprofis im Teflonmantel, die derzeit unsere Geschicke bestimmen.

Was liest Du derzeit?

Dave Goulson

Insektenforscher und humorvoller Brite, dessen Leidenschaft dem Schutz der Diversität unserer Umwelt gilt. Sehr inspirierend!

Wildlife Gardening      Die Kunst, im eigenen Garten die Welt zu retten

Und sie fliegt doch      Eine kurze Geschichte der Hummel

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Life is not about finding yourself, or finding anything. Life is about creating yourself.”

Bob Dylan

Vielen Dank für das Interview lieber Alexander, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Alexander Braunshör_Schauspieler

Alexander Braunshoer – Home

Foto__Anna Stöcher

4.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es gibt halt Leute, denen Corona bzw. der politische Umgang damit schon jetzt die Existenz komplett ausradiert haben“ Maria Muhar, Schriftstellerin _ Wien 17.1.2021

Liebe Maria, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

In wechselnder Reihenfolge: Schreibarbeit, Administrationsarbeit, Hausarbeit, Serien-Schau-Arbeit.

Und vorm Fenster immer das satte Grau. In ungewissen Zeiten können ja manchmal gewisse Konstanten helfen – so gesehen geht von der kuscheligen Nebeldecke gerade eine fast beruhigende Verlässlichkeit für mich aus. Aber natürlich wirds bald allen den Vogel raushauen, wenn sich die Sonne jetzt gar nimmer zeigt. Der Wiener Winter ist halt schon eine Zerstörung.

Maria Muhar, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich weiß nicht was für andere jetzt wichtig ist. Für mich persönlich sind zeitliche Perspektiven und Sachen, auf die man hinarbeiten oder Abschnitte, die man aussitzen kann wichtig – dann finde ich beschissene Phasen irgendwie aushaltbarer. Also wenn es zum Beispiel die Vorstellung gibt, dass der Frühling vielleicht schon luftiger, rosiger daherkommt und die persönlichen Freiheiten, die künstlerische Arbeit sich wieder eine Spur mehr entfalten können. Dann denk ich mir: Aussitzen. Es bis dahin einfach demütig-leidend aussitzen. Das hat man im katholischen Österreich doch gelernt.

Aber vermutlich ist es viel eher dieses seltsame wohlständig-prekäre Belohnungsprinzip, das mich noch aufrecht hält: Hoffen, dass dieses Theaterstück aufgeführt werden kann, hoffen, dass das AMS noch ein bissl kooperiert, hoffen, dass das Stipendium diesmal doch vielleicht… Netflix, Lasagne, Lavendelöl. Stoßlüften. Und dann winkt er schon am Horizont, der kühle Drink, der laue Frühsommerabend. Es gibt halt Leute, denen Corona bzw. der politische Umgang damit schon jetzt die Existenz komplett ausradiert haben. Was die gerade brauchen, muss man sie selber fragen. Und das hat dann vermutlich nix mehr mit Durchhalte-Mantras und Wohlfühlduft zu tun.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Natürlich kann man an der Stelle die ganzen Appelle droppen, die da immer stehen müssen: die Kunst als Ausdruck von Möglichkeiten, die Literatur als laute Gegenstimme, die Kultur als gesellschaftlicher Verhandlungsraum…

Und all diese Aufgaben hat Kunst natürlich auch und soll sie weiterhin haben. Aber ganz ehrlich: Ich finde, dass die Ansprüche, die ständig an »die Kunst« herangetragen, und damit auch ein Stück weit an sie ausgelagert werden, endlich mit derselben Selbstverständlichkeit an die Politik gestellt werden müssen. Es stehen so viele entscheidende Fragen im Raum: Wie kann das Ende der verseuchten Tierindustrie vorbereitet werden? Wie kann eine würdige Existenz von Lohnarbeit entkoppelt werden? Wie kann man die Blockierer von Umweltmaßnahmen entmachten, bevor das Klima endgültig krachen geht? Wie kann Wohlstand jetzt radikal umverteilt werden? Wie lange sollen die jenseitigen Verbrechen, die die EU-Länder an Geflüchteten begehen noch ungestraft bleiben?

Und noch viel mehr drängende Themen, von denen ich mir wünsche, dass nicht nur ihre Auseinandersetzung vehementer von den politischen AkteurInnen eingefordert wird, sondern auch eine krasse Demokratisierung der damit verbundenen Entscheidungsprozesse. Die nächste Pandemie wird aller Voraussicht nach kommen – es stellt sich nur die Frage wie die Gesellschaft sich darauf vorbereitet, wie es allen Menschen dann damit gehen soll.

Was liest Du derzeit?

Kaśka Bryla »Roter Affe« / Scott McClanahan »Sarah.« / Heinar Kipphardt »März« / Barbi Marković »Ausgehen«

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Das Leben ist nicht unbedingt ein Geschehen, das mit Klarheit ertragen werden sollte.«

Das ist mir letztens von Sibylle Berg untergekommen. Ich finde ja, dass Klarheit auch etwas Befreiendes haben kann – und für die oberhalb genannten großen Forderungen wird es wohl auch eine ordentliche Portion Klarheit brauchen. Finds aber auch schön, sich dazwischen mal feierlich abzuschießen.

Vielen Dank für das Interview liebe Maria, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Stabiles neues Jahr!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Maria Muhar, Schriftstellerin

Foto_©Apollonia T. Bitzan

30.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass der Wert des Theaters wieder bewusster wird“ Victoria Hauer, Schauspielerin_Wien 17.1.2021

Liebe Victoria, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich kann von großem Glück sprechen endlich wieder proben zu dürfen. Momentan arbeite ich am Theater der Jugend, wo der Probenprozess für ein weiteres Stück namens „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ wieder in vollem Gange ist. Wir sind alle sehr glücklich wieder miteinander spielen und uns physisch näher kommen zu können. Der Probenraum ist wie eine Art Safe-Zone, in der nicht ständig die inneren Alarmglocken läuten, wenn man den Abstand zu anderen nicht einhält, das ist sehr erleichternd. Durch regelmäßige Testungen ist uns das glücklicherweise möglich.

Victoria Hauer, Schauspielerin _ Station bei Ingeborg Bachmann_literaturoutdoors

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wichtig finde ich weiterhin aufmerksam und vorsichtig zu bleiben. Ich weiß, dass es sehr hart ist Geduld zu bewahren, aber solange keine effektive und wirksame Methode dagegen praktiziert wird, sollte man vernünftige Regelungen weiterhin befolgen und somit auf sich und sein Umfeld Acht geben. Ich verstehe nur zu gut, dass viele, wenn nicht sogar alle, die Nase gestrichen voll haben von all den Einschränkungen, die auch psychisch sehr belastend sind, mir geht es nicht anders. Nichtsdestotrotz sollte das Bewusstsein darüber nicht durch die eingekehrte Gewohnheit des „neuen“ Alltags verschwinden!

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Ich hoffe das Jahr 2020 hat vielen Menschen gezeigt, was wirklich essenziell ist und mehr Wertschätzung verdient.

In dieser Zeit der Isolation habe ich die Möglichkeit intensiv genützt mich mehr mit mir selbst zu beschäftigen und Baustellen zu bearbeiten. Durch das zwanghafte daheim und für sich bleiben, bin ich dieser Aufgabe nicht so schnell entkommen, weil es so gut wie keine Termine, Proben oder Verabredungen gab, die einen davon immer wieder abbringen konnten. Wenn Dinge, Menschen oder Tätigkeiten früher für einen als selbstverständlich galten, dann hat man vielleicht somit erkannt, was wirklich von großer Wichtigkeit ist und wem und was man mehr Wertschätzung entgegenbringen sollte. Ich hoffe sehr, dass die Leute das Theater vermissen und auch hier der Wert wieder bewusster wird. Ich wünsche mir für jeden, dass ein Kino- oder Theatererlebnis wieder etwas ganz Besonderes wird, wo man mit Genuss und Herzbeben aktiv dabei ist.

Was liest Du derzeit?

Momentan inhaliere ich nahezu jegliche Artikel und Videos zum Thema Verhaltensmuster, sowie Narzissmus und Psychopathie. Es ist nicht sehr überraschend, dass ich es faszinierend finde wie der Mensch tickt und welche Verhaltensweisen welche Reaktionen auslösen, das gehört schließlich auch zu meinem Beruf. Mit psychischen Störungen und Krankheiten habe ich mich jedoch noch nie so intensiv auseinandergesetzt wie jetzt.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Achte mehr auf Dinge und Menschen, die dir wirklich guttun, alles andere ist schmerzhafte Zeitverschwendung.

Victoria Hauer, Schauspielerin _ Station bei Ingeborg Bachmann_literaturoutdoors

Vielen Dank für das Interview liebe Victoria, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Victoria Hauer, Schauspielerin

5 Fragen an KünstlerInnen:

Victoria Hauer_Schauspielerin

Victoria Hauer

Alle Fotos sw_Walter Pobaschnig _ Station bei Ingeborg Bachmann_literaturoutdoors _Wien_9_2019

Porträt_Barbara Maria Hutter

4.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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