„Stehen wir vor einem Aufbruch? Ich fürchte, es wird eher sowas wie der Neustart nach einem Computerabsturz“ Markus Liske, Schriftsteller, Berlin 21.1.2021

Lieber Markus, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Seit dem ersten Shutdown im letzten Frühjahr bin ich viel häufiger draußen als früher. Morgens – meist gegen sieben Uhr – schleppe ich mich 30 bis 40 Minuten lang ungekämmt und mit noch halbgeschlossenen Augen durch den Theodor-Wolff-Park gegenüber. Gegen Mittag lungere ich dann eine Stunde auf dem kleinen Sandplatz zwischen den Wohnblöcken herum, wobei ich hin und wieder gegen ein halbzerfetztes Etwas trete, das irgendwann mal ein Ball war. Um 16 Uhr beschließen meine Frau und ich unseren Arbeitstag mit einem bis zu zweistündigen Kiezspaziergang. Und um 23 Uhr gibt es noch eine kurze Kontrollrunde – meist am Jüdischen Museum vorbei.

Diese neue Leidenschaft für das, was man in Berlin frische Luft nennt, ist jedoch nur eine scheinbare und hat auch nur indirekt mit der Corona-Pandemie zu tun. Der Shutdown und die damit einhergehenden Absagen unserer geplanten Lesetouren hatten mir einfach mein stärkstes Argument gegen die von meiner Frau seit Jahren gewünschte Anschaffung eines Hundewelpen geraubt. Also leben wir jetzt seit April zu dritt und somit nach gängiger Auffassung auch viel gesünder als früher. Wobei ich mir allerdings kürzlich beim Fußballspielen mit unserem Frodo das Knie so böse verdreht habe, dass ich jetzt erst mal zu diversen Arztterminen humpeln muss.

Ansonsten hat sich nicht viel verändert. Als Schriftsteller hockt man ja eh den Großteil des Tages vorm Laptop und trinkt am Abend gern mal ein Glas zu viel. Zugegeben, bei letzterem vermisse ich zuweilen die Kneipenrunden mit Freunden und Kollegen. Andererseits gibt es in unserer Hausbar besseren Whisky, und dank Zoom, Jitsi oder Skype muss man auf feuchtfröhlichen Austausch mit anderen ja nicht völlig verzichten. Ein ziemlich privilegiertes Leben also, im Vergleich zu Leuten, die tagtäglich ihre Gesundheit riskieren müssen, weil sie in der Pflege oder im Verkauf arbeiten, oder zu denen, die in ihrer beruflichen Existenz ernsthaft bedroht sind. Bei uns geht es sich – toi, toi, toi – bislang ganz gut aus.  

Markus Liske, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Durchhalten, solidarisch sein und nicht an der Blödheit und Ignoranz der Mitmenschen verzweifeln. Letzteres fällt mir manchmal schwer. Und das meine ich nicht in erster Linie in Bezug auf diese 10 bis 15 Prozent esoterisch entgrenzter Vollspacken, verschwörungsgläubiger Wutbürger und Nazis, die in den letzten Monaten die Schlagzeilen bestimmt haben. Es sind die Anderen, die mich wütend machen. Diejenigen zum Beispiel, die sich zwar in Umfragen zur Sinnhaftigkeit der Pandemiemaßnahmen bekennen, im privaten Rahmen aber jedes Regelschlupfloch ausnutzen und sich dabei noch gewitzt vorkommen. Oder die, die die aktuelle Lage zu verantworten haben: Ministerpräsidenten, Gesundheits- und Bildungsminister, die selbst in einer solchen Krise nur an die eigene Karriere denken, deshalb entweder ihren Job grob vernachlässigen oder gar sehenden Auges (und gegen jeden wissenschaftlichen Rat) katastrophale Fehlentscheidungen treffen. Und wenn ich dann noch sehe, dass das Komplettversagen dieser Leute ihnen tatsächlich wachsende Zustimmungsraten einbringt, dann ist meine Wut schon mal kurz davor, in Verzweiflung zu kippen. Zum Glück ist mein früh erlernter Kulturpessimismus schon vor vielen Jahren einer gepflegten Kulturdepression gewichen. Wer nichts erwartet, kann auch nicht enttäuscht werden. 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ist das so? Stehen wir vor einem Aufbruch? Ich fürchte, es wird eher sowas wie der Neustart nach einem Computerabsturz. Die letzten Dateiänderungen sind vielleicht verloren, aber die Oberfläche sieht aus wie immer und alle Programme laufen wie gehabt. Sicher werden viele vertraute Gastronomiebetriebe und privat finanzierte Kulturorte die Krise nicht überleben. Weil es aber großen Bedarf nach Kultur und Unterhaltung geben wird, werden zweifellos bald neue Läden entstehen. Eventuell geht damit auch ein Generationswechsel einher. Die ausbezahlten Hilfsgelder indes wird die Regierung in den kommenden Jahren wieder eintreiben wollen, indem Kultursubventionen gekürzt, Investitionen in Bildung oder Infrastruktur gestrichen und Sozialleistungen weiter beschnitten werden. Nach dieser neoliberalen Doktrin agieren unsere politischen Vertreter schon seit Jahrzehnten, und ich habe bislang nichts gehört oder gelesen, was mich daran zweifeln ließe, dass es genauso weitergehen wird.

Auch sonst werden alle das tun, was sie bisher taten. Schriftsteller werden Bücher schreiben, Maler malen und Musiker musizieren. Einen echten Aufbruch könnte es nur geben, wenn die Menschen aus der Erfahrung dieser Krise heraus die politischen und ökonomischen Grundlagen unserer Gesellschaft ernsthaft in Frage stellen würden. Danach sieht es derzeit jedoch nicht aus.

Die Kunst kann und muss das Bewusstsein wachhalten, dass dies nicht die beste aller möglichen Welten ist. Sie muss Menschlichkeit und Solidarität gegen scheinbare ökonomische Sachzwänge verteidigen und utopische Räume öffnen. Das wird sie auch weiterhin tun. Aber wen erreicht sie damit? Die von ihrem entfremdeten Verbraucherdasein in partiellen Irrsinn getriebenen Menschen, die gerade wieder trotz Shutdown in die Skigebiete strömen? Die sich unter Freiheit nichts anderes mehr vorstellen können als ungehemmten Konsum und Entertainment? Ich fürchte, nein. Aber kulturelle Entwicklung hat noch nie linear funktioniert. Kunst ist ein Saatgut, das oft sehr lange braucht, um zu keimen, und niemand kann sagen, welche Früchte am Ende daraus wachsen.

Was liest Du derzeit?

Gerade lese ich „Die letzte Blüte Roms“ von Peter Heather. Römische Geschichte ist ein Steckenpferd von mir, und die hier beleuchtete spätantike Phase ist besonders faszinierend in Hinblick auf gesellschaftliche Transformationsprozesse. Danach nehme ich mir Katharina Rutschkys „Der Stadthund. Von Menschen an Leinen“ vor. Vielleicht finde ich darin Tipps, wie sich Sportverletzungen beim Spiel mit unserem Hund künftig vermeiden lassen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wer den Glauben an die Zukunft der Freiheit hat, wird ihn sich durch die Einwendungen der handfest praktischen Gegenwart nicht rauben lassen.“ (Erich Mühsam)

Vielen Dank für das Interview lieber Markus, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Markus Liske Schriftsteller

www.markusliske.de

Foto_Christoph Voy

3.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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