„Es gibt halt Leute, denen Corona bzw. der politische Umgang damit schon jetzt die Existenz komplett ausradiert haben“ Maria Muhar, Schriftstellerin _ Wien 17.1.2021

Liebe Maria, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

In wechselnder Reihenfolge: Schreibarbeit, Administrationsarbeit, Hausarbeit, Serien-Schau-Arbeit.

Und vorm Fenster immer das satte Grau. In ungewissen Zeiten können ja manchmal gewisse Konstanten helfen – so gesehen geht von der kuscheligen Nebeldecke gerade eine fast beruhigende Verlässlichkeit für mich aus. Aber natürlich wirds bald allen den Vogel raushauen, wenn sich die Sonne jetzt gar nimmer zeigt. Der Wiener Winter ist halt schon eine Zerstörung.

Maria Muhar, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich weiß nicht was für andere jetzt wichtig ist. Für mich persönlich sind zeitliche Perspektiven und Sachen, auf die man hinarbeiten oder Abschnitte, die man aussitzen kann wichtig – dann finde ich beschissene Phasen irgendwie aushaltbarer. Also wenn es zum Beispiel die Vorstellung gibt, dass der Frühling vielleicht schon luftiger, rosiger daherkommt und die persönlichen Freiheiten, die künstlerische Arbeit sich wieder eine Spur mehr entfalten können. Dann denk ich mir: Aussitzen. Es bis dahin einfach demütig-leidend aussitzen. Das hat man im katholischen Österreich doch gelernt.

Aber vermutlich ist es viel eher dieses seltsame wohlständig-prekäre Belohnungsprinzip, das mich noch aufrecht hält: Hoffen, dass dieses Theaterstück aufgeführt werden kann, hoffen, dass das AMS noch ein bissl kooperiert, hoffen, dass das Stipendium diesmal doch vielleicht… Netflix, Lasagne, Lavendelöl. Stoßlüften. Und dann winkt er schon am Horizont, der kühle Drink, der laue Frühsommerabend. Es gibt halt Leute, denen Corona bzw. der politische Umgang damit schon jetzt die Existenz komplett ausradiert haben. Was die gerade brauchen, muss man sie selber fragen. Und das hat dann vermutlich nix mehr mit Durchhalte-Mantras und Wohlfühlduft zu tun.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Natürlich kann man an der Stelle die ganzen Appelle droppen, die da immer stehen müssen: die Kunst als Ausdruck von Möglichkeiten, die Literatur als laute Gegenstimme, die Kultur als gesellschaftlicher Verhandlungsraum…

Und all diese Aufgaben hat Kunst natürlich auch und soll sie weiterhin haben. Aber ganz ehrlich: Ich finde, dass die Ansprüche, die ständig an »die Kunst« herangetragen, und damit auch ein Stück weit an sie ausgelagert werden, endlich mit derselben Selbstverständlichkeit an die Politik gestellt werden müssen. Es stehen so viele entscheidende Fragen im Raum: Wie kann das Ende der verseuchten Tierindustrie vorbereitet werden? Wie kann eine würdige Existenz von Lohnarbeit entkoppelt werden? Wie kann man die Blockierer von Umweltmaßnahmen entmachten, bevor das Klima endgültig krachen geht? Wie kann Wohlstand jetzt radikal umverteilt werden? Wie lange sollen die jenseitigen Verbrechen, die die EU-Länder an Geflüchteten begehen noch ungestraft bleiben?

Und noch viel mehr drängende Themen, von denen ich mir wünsche, dass nicht nur ihre Auseinandersetzung vehementer von den politischen AkteurInnen eingefordert wird, sondern auch eine krasse Demokratisierung der damit verbundenen Entscheidungsprozesse. Die nächste Pandemie wird aller Voraussicht nach kommen – es stellt sich nur die Frage wie die Gesellschaft sich darauf vorbereitet, wie es allen Menschen dann damit gehen soll.

Was liest Du derzeit?

Kaśka Bryla »Roter Affe« / Scott McClanahan »Sarah.« / Heinar Kipphardt »März« / Barbi Marković »Ausgehen«

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Das Leben ist nicht unbedingt ein Geschehen, das mit Klarheit ertragen werden sollte.«

Das ist mir letztens von Sibylle Berg untergekommen. Ich finde ja, dass Klarheit auch etwas Befreiendes haben kann – und für die oberhalb genannten großen Forderungen wird es wohl auch eine ordentliche Portion Klarheit brauchen. Finds aber auch schön, sich dazwischen mal feierlich abzuschießen.

Vielen Dank für das Interview liebe Maria, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Stabiles neues Jahr!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Maria Muhar, Schriftstellerin

Foto_©Apollonia T. Bitzan

30.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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