Lieber Doron, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ab 7 oder 8 schreibe ich, dann esse ich zu Mittag, dann wieder das Schreiben und zwischendurch gehe ich spazieren. Am Abend noch einmal gemeinsames Essen, Lesen und Nachrichten.
Doron Rabinovici, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Rücksichtnahme, Verständnis für die Ängste und Sorgen anderer und das Einhalten der epidemiologischen Maßnahmen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Zum Ausdruck zu bringen, was ist und die Möglichkeit zu bieten, sich zu finden.
Was liest Du derzeit?
Gerade jetzt wieder einen Essay von Hannah Arendt aus dem Jahr 1945: „Antisemitismus und faschistische Internationale“. Davor von Gerald Knaus: Welche Grenzen brauchen wir.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Bin ich verurteilt, so bin ich nicht nur verurteilt zum Ende, sondern auch verurteilt, mich bis ins Ende hinein zu wehren.
Franz Kafka, 20.6.1916
Vielen Dank für das Interview lieber Doron, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Valentin Oman, Interventionen im öffentlichen und sakralen Raum, Hermagoras Verlag
Es sind herausfordernde Zeiten, die von Mensch und Gesellschaft alles abverlangen. Körper und Seele, Mensch und Gemeinschaft benötigen Kraft, Empathie und Mut, um Brücken zu erhalten und zu bauen, die in Zeiten der Pandemie verbinden und tragen. Fundamente des persönlichen Lebens wie einer Gesellschaft kommen in den Blick und auf den Prüfstand – Was trägt mich? Was trägt uns? Was lässt uns gemeinsam solidarisch wachsen? Fragen, die begleiten und tagtäglich herausfordern.
Der Kunst kommt dabei eine besondere Rolle zu. Ihre Impulse, Reflexionen und Ansprüche sind zu allen Zeiten wichtiges Grundnahrungsmittel von Menschsein, Menschwerden und Menschbleiben. Aufmerksamkeit und Miteinander, Kritik und Empathie, Idee und Vision sind ästhetische und lebensweltliche Essenz, die zu aller Zeit unerlässlich ist.
Valentin Oman, geboren 1935 in St.Stefan/Finkenstein, AT, Studium an der Akademie für Angewandte Kunst, ist seit Jahrzehnten ein heraustragender Vertreter künstlerischer Präsenz und Verbindung mit dem öffentlichen Raum. Seine künstlerischen Schwerpunkte in Grafik, Malerei, Skulptur, Installation begegnen in zahlreichen gesellschaftlichen Einrichtungen und Treffpunkten und bereichern in Impuls und Sinn. Es ist in Anblick und Begegnung ein Innehalten und Staunen, das gleichsam aus der strukturierten Alltagsrolle heraustreten lässt und Fragen an das Selbst stellt. Ein Prozess der Selbstbegegnung von Mensch und Kunst, der immer wieder fasziniert.
Dem Hermagoras Verlag ist nun für eine herausragende Edition der Kunstprojekte Valentin Omans im öffentlichen Raum herzlich zu danken. In Bild und Text (dreisprachig) wird ein Überblick geboten, der Präsenz und Ausdruck dieser besonderen Kunstwege vor Augen führt und neugierig blättern lässt – dies kenne ich! Oh, das muss ich noch sehen! Eine Entdeckungsreise beginnt…
Es ist auch ein sehr schöner Impulsgeber für eine kleine Ausflugsplanung auf den Spuren von Kunst und Ort – danke für dieses wunderbare Geschenk!
„Ein beeindruckendes mutiges Kunstschaffen und eine ebenso beeindruckende Edition – herzlicher Dank und Gratulation!“
Ein Gedicht öffnet eine Welt. Und verbindet Welten. Da ist Bewegung und Ruhe. Berührung und Sinn. Weite…
Es ist ein Leben. Und es sind viele Leben. Es ist ein Wort und es sind viele Worte. Es ist ein Gedicht. Und es endet nicht. Hat einen Anfang. Den gibt es. Und das Geheimnis. Die Poesie. Im Weg. Im Reden und im Schweigen.
Der Dichter Paul Celan (1920 – 1970) fasziniert mit seiner Poesie jede Generation neu. Es sind elementare Lebenszüge von Liebe und Tod, Verzweiflung und Sinn, aber vor allem von der Kraft des Wortes, von Sprache als menschlichen Band zwischen Frage und Antwort, Rede und Schweigen, die erschüttern, erbeben lassen und gleichsam befreien in ihrer Dynamik des radikal Existentiellen ohne wenn und aber. Hier geht es in jedem Wort um alles – wie es im Leben, in der Liebe in jedem Moment um alles geht. Und um nichts nichts weniger.
Wer war nun dieser Dichter? Was erzählen Wegbegleiter, Freude, Bekannte?
Wie dies in Erfahrung bringen nach all den Jahren?
Peter Rychlo, Universitätsprofessor in Chernivitsi/Czernowitz (Ukraine), dem Geburts-, Jugendort des Dichters, schafft in dem vorliegenden Buch eine beeindruckende Zusammenschau von ZeitzeugInnen, Stimmen der Jahrzehnte. Der Autor verbindet chronologisch die Lebensorte Paul Celans von Czernowitz, Bukarest, Wien bis zu Paris mit Erinnerungen von nahestehenden Menschen, die in einzigartiger Weise dazu beitragen einen Lebensweg wie den Weg eines Dichters sichtbar zu machen. Es sind besondere Zeitzeugnisse, die wahre Schätze für alle Interessierten sind.
Beeindruckend ist auch der umfangreiche Kommentar zu den Erinnerungen und Interviews, in denen in Personenbeschreibung, Sacherklärung wie einem Stichwortverzeichnis ein schnelles wie informatives Nachschlagen wie Vertiefen möglich ist.
„Ein Dichterleben in Zeitzeugnissen. Ein besonders literarisches Geschenk!“
Liebe Barbara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Eine von Stunde zu Stunde neu improvisierte Normalität, die sich zieht wie Kaugummi, voller Momente des Zweifelns, des Verzweifelns auch, aber mit Blitzen voller Glück. In Frankreich sind seit der zweiten Welle die Schulen offengeblieben, das ist eine unglaubliche Erleichterung. Hier ist die Strategie strikte Ausgangsbeschränkungen und Homeoffice. Im ersten Lockdown bin ich über meinen Gedichtband gestolpert, den ich immer schon fertig stellen wollte. Daran arbeite ich. Austausch mit anderen KünstlerInnen findet leider nur digital statt und wir arbeiten auch an entsprechenden literarischen Formaten. Der Alltag wird noch lange improvisiert bleiben.
Barbara Peveling, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Durchhalten, nicht aufgeben, die Straße ist lang wie bei Beppo Straßenkehrer, Stück für Stück, immer nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich, den nächsten Satz, ein Wort, ein Komma oder auch einen Punkt machen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Unserem Erbe geht kein Testament voraus, schrieb René Char. Wir befinden uns in einer Zeit der Linimalität, Schwellenzustand, laut Victor Turner. Wichtig ist, dass wir, das, was René Char auch später als eine Art Schatz aus der Zeit des Widerstandes beschrieb, dieser Freiheit des Überganges, dass wir auf diese bewahren, sie in die neue Normalität retten, die wir uns schaffen müssen. Nach Hannah Arendt ist das eine bewusste Denkleistung und dieses auszudrücken, in Worten, Zeichen, Farben, Klängen, dass ist für mich die Aufgabe der Literatur, der Kunst an sich.
Was liest Du derzeit?
Den posthum veröffentlichten Jugendroman von Simone de Beauvoir: Les inséperables, die Untrennbaren, erscheint nächstes Jahr bei Rowohlt. Ein ganz wunderbares Buch, das mich noch einmal ganz neu in die europäische Gesellschaft vor hundert Jahren taucht. Dann lese ich die Essays von Hannah Arendt: Between past and future. Und ich lese viel in dem Sammelband Kinderkriegen, der gerade von Nikola Richter und mir in der Edition Nautilus erscheint, um Veranstaltungen vorzubereiten.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Die Parabel von Franz Kafka aus dem Jahre 1920:
„Er hat zwei Gegner: Der erste bedrängt ihn von hinten, vom Ursprung her. Der zweite verwehrt ihm den Weg nach vorn. Er kämpft mit beiden. Eigentlich unterstützt ihn der erste im Kampf mit dem Zweiten, denn er will ihn nach vorn drängen, und ebenso unterstützt ihn der zweite im Kampf mit dem Ersten; denn er treibt ihn doch zurück. So ist es aber nur theoretisch. Denn es sind ja nicht nur die zwei Gegner da, sondern auch noch er selbst, und wer kennt eigentlich seine Absichten? Immerhin ist es sein Traum, daß er einmal in einem unbewachten Augenblick – dazu gehört allerdings eine Nacht, so finster wie noch keine war – aus der Kampflinie ausspringt und wegen seiner Kampfeserfahrung zum Richter über seine miteinander kämpfenden Gegner erhoben wird.“
Vielen Dank für das Interview liebe Barbara, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Judith-Elisa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tag beginnt mit meiner Arbeit zwischen 3 und 4 Uhr morgens, das tat er aber immer. Aufgrund der vielen Heimarbeit ist es nur umso wichtiger für mich, viel in den Morgenstunden abdecken zu können, da mich dann meine Kinder sehr turbulent und sehr früh überfallen. So anstrengend es ist – das viele Lachen mit den beiden Clowns ist einfach unschlagbar. Danach bringe ich irgendwie Kinder, Familie, wissenschaftliche Forschungs- und Vortragsarbeit, Online-Unterricht und Training meiner Tänzer-/StudentInnen, Leitung von Schule und Akademie… unter einen Hut, wie jeder berufstätige Elternteil. Abends habe ich das Gefühl bereits zu schlafen bevor mein Bett auch nur in meiner Nähe ist.
Das was immer wichtig war. Daran hat sich für mich nicht wirklich was geändert. Liebe und Geborgenheit, Sicherheit und Wärme, also Familie und Freundschaft, Flexibilität, Kreativität… Darin das Genießen des Jetzt und das Wissen um das Morgen. Es gibt immer „dunkle“ Zeiten, aber die sind dafür da, dass wir auch das Licht wieder schätzen lernen. Daran versuche ich mich zu erinnern, wenn mich die Sorge packt.
Viele Menschen, inklusive mir, denken viel nach. Was gut ist. Als Beispiel: Vor Corona klebten so viele Menschen am Handy oder PC – wenn auch viel kritisiert. Jetzt müssen wir Familie und Freunde online treffen, online trainieren, unterrichten, besprechen, usw. – wir haben doch das was wir immer wollten, könnte man sagen… Es ist schön zu sehen, wie viele aufwachen und erkennen, dass das doch nicht das Leben ist, das uns glücklich macht und andere Werte wieder wichtig werden. Wenn wir klug sind, verstehen wir, wo die wirklichen Werte liegen im Leben, die sich von Lockdowns etc. nicht aufhalten lassen (und jetzt könnte man mit meinem ersten Satz wieder von vorne beginnen 😊)
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, der Kunst an sich zu?
Aufbruch ist ein schönes Wort: die Erde bricht auf, um eine Pflanze durch zu lassen, die das Sonnenlicht sucht und zu wachsen beginnt… Wir brechen auf, um die Erkenntnisse, die wir jetzt durch Corona erlangt haben (hoffentlich) in die Tat umzusetzen. Der Tanz war immer Teil von Mensch und Tier, er wird auch jetzt begleiten, Mut machen, erfreuen, zum Denken anregen… Wenn man den Entwicklungsweg des Tanzes betrachtet sieht man, dass die dunkelsten Zeiten (zb. Tanzzäsur der Kirche im Mittelalter) immer jene waren, die dem Tanz/der Kunst am meisten Entwicklung brachten. So wird es auch mit dieser Situation jetzt sein, die Tanz und Kunst wahrlich hart trifft. Wir werden stärker daraus hervorgehen als wir hinein gingen.
Ich denke viel darüber nach in meiner täglichen Arbeit: Tanz hatte das Gefühl, grenzenlos zu sein. Es gab ja wohl tatsächlich nichts, was es darin nicht gab. Das steuerte auf eine absehbare Erschöpfung zu, während gleichzeitig die Tanzwelt taub für gewisse wesentliche Neuerungen wie zum Beispiel die Tanzmedizin zum Schutz der Tänzer war. Seit Corona begann, hat hier auch viel Umdenken stattgefunden, vielleicht, weil Zeit zum Nachdenken war für viele, die jetzt zuhören und wissen wollen, wie man die Tanzmedizin und tanzmedizinische Tanzpädagogik nützen kann für Zeiten wie diese (wie der kreative Aspekt des Tanzes in solcher Isolation aufrechterhalten werden kann, wie man Online Tanz so unterrichten kann, dass Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Amateure und Profis gesund und glücklich erhalten werden können) und für die Zukunft (wie muss Training jetzt gestaltet werden, um für die Rückkehr zur Bühne fit aber auch verletzungsfrei zu sein und darüber hinaus insgesamt stärker, autonomer, mutiger, selbständiger zu werden)… wir diskutieren in meinen Seminaren und Klassen und schaffen so viel Neues, oftmals aus dem Nichts und der Verzweiflung.
Vor kurzem habe ich ein internationales Seminar in der tanzmedizinischen Tanzpädagogik gehalten zum Thema Tanzgeschichte und Entwicklung des Menschen. Danach sagte jemand in der Diskussionszeit: „Das Ganze hat mich jetzt so glücklich gemacht. Ihr Vortrag, der Tanz und die Tanzmedizin machen mir Mut. Der Tanz ist wie wir: Er steht immer auf, er hört nie auf, er sucht sich seinen Weg und er geht stärker aus Katastrophen heraus als er hinein ging.“
… Das ist, was Tanz und Kunst wirklich sind: Stehaufmännchen. So wie wir.
Was liest Du derzeit?
Fachliteratur aus Medizin, Tanzmedizin, Tanzpädagogik, Sportmedizin, Tanzwissenschaften, Text- und Drehbücher…, die Korrekturabzüge meiner eigenen Publikationen und Bücher…, viel zu viele Emails…
…und „Pony, Bear & Appletree“, „Petterson and Findus“, oder die verschiedensten Abenteuer der „Famous Five“. Letztere lese ich gemeinsam mit meinem Mann laut vor und wir haben ein begeistertes Publikum (uns selbst eingeschlossen 😊)
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Es ist ok, wenn du Angst hast, wenn du nur nie vergisst, dass du alles schaffen kannst und deshalb weiter gehst.“ (mein geliebter Mann)
Liebe Anna-Sophie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich bin gerade wieder in einer Übergangsphase zwischen festen Tagesabläufen. Zurzeit schlafe ich lange, räume oder werkel irgendwas in der Wohnung, praktiziere Yoga, trinke Kaffee, versuche noch bei Tageslicht die Wohnung kurz zu verlassen, esse, trinke, schaue Serien. Ab Montag werde ich wieder um halb neun aufstehen, erst Yoga machen (Optimismus) und dann von 10:00-19:00 an einer Onlinefortbildung für Schauspielerinnen im Bereich Film und Fernsehen teilnehmen. Da arbeite ich meine Aufgaben ab, die immer mit der Sichtung eines schweren, deutschen Films (Pleonasmus?)enden. Dann esse ich viele Süßigkeiten vor dem Fernseher, führe ein Grimassengespräch mit meinem Spiegelbild beim Zähne putzen und lege mich je nach Uhrzeit mit oder ohne Buch ins Bett. Der Tag endet damit, dass ich mir den Wecker stelle und ausrechne, wieviel Stunden ich schlafen kann.
Anna-Sophie Fritz, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ein kritischer Umgang mit unserer eigenen Komfortzone, die Fähigkeit, eigene Gefühle zu beobachten und zu entscheiden, welche wieviel Raum brauchen. Außerdem müssen wir uns als Menschheit auf einen gemeinsamen Wahrheitsbegriff einigen, der einerseits nicht dazu missbraucht wird, marginalisierten Gruppen systematisch ihre Erfahrungen und Lebensrealitäten abzusprechen, der aber andererseits auch verhindert, dass solche Menschen, die von den bestehenden Machtverhältnissen profitieren, vermeintliche Fakten erschaffen können, um sich selbst als unterdrückte Befreiungskämpferinnen zu inszenieren und Angst, Dummheit und Wut zu verbreiten. Das schätze ich für uns alle als besonders wichtig ein -abgesehen vom Umdenken gewohnter Machtstrukturen überhaupt, von denen die Pandemie nochmal verdeutlicht hat, wie überholt, zerstörerisch und einseitig profitabel sie sind. Aber solange das nicht passiert: Geduld, Beharrlichkeit, ein kritischer Umgang mit Sozialen Medien bzw strengere Gesetze für die betreibenden Plattformen und intersektionaler Feminismus, always.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater und der Kunst zu?
Wesentlich werden sein: -Die Bereitschaft, nachzudenken, immer wieder von Neuem, auch wenn es langweilig oder anstrengend ist. Die Fähigkeit in einen Dialog zu treten, der nicht daraus besteht, das Gespräch gewinnen zu wollen. -Die Neubewertung von Fehlern: weg vom Kardinalsverbrechen, das um jeden Preis vertuscht werden muss, indem man um so lautstarker eine Position vertritt und alle Denkkapazität darauf verwendet, sich diese Position richtig zu rationalisieren und Bestätigung zu suchen, anstatt sie kritisch zu überprüfen. -Eine ordentliche Streitkultur zu entwickeln und sich dann ordentlich zu streiten. Nicht via sprechdurchfallartigen Facebookkommentaren und Hasstiraden, geschossen aus der Filterblasenkomfortzone der eigenen vier Wände, sondern tatsächlich im Gespräch. Den Schmerz auszuhalten, sich vielleicht geirrt zu haben oder etwas Neues zu lernen. Sich die Arroganz abzugewöhnen, „recht haben“ mit „moralisch überlegen“ zu verwechseln.
Theater und Kunst im Allgemeinen (zu der ich Theater jetzt mal zähle) sind Arbeit am und mit dem Menschen an sich, ohne direkt verwertbaren Leistungsoutput. Wir sind nicht systemrelevant und genau deswegen so wichtig. In Wirtschaftssprache würde ich von Softskills sprechen, aus psychotherapeutischer Sicht von Verarbeitungsprozessen. Es ist aber mehr: Gerade weil in der Kunst nicht alles binär interpretierbar, erklärbar und messbar sein muss, ist sie frei, um Formen des Dialoges auszuloten, die sich nicht nur am Inhalt festmachen; um in Interaktionen zu treten, die keine Antwort erwarten und keine Gewinnerinnen feststellen. Sie hält einen Raum offen für das, was in so einem System erst mal nicht vorgesehen ist -höchstens zur Reparatur, Wartung, Verbesserung oder Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit. Denn natürlich gibt es viele Wege, um Kunst eben doch in bestehende Machtnetzwerke zu inkorporieren, Kunst (und Künstlerinnen!) sind nie unschuldig, nie unsituiert oder unpolitisch (auch und gerade wenn sie „einfach nur Geschichten erzählen“ oder „die Welt abbilden wie sie ist“). Von internen Hierarchien und Machtmissbrauch über den Aufbau von Förderstrukturen hin zur verpflichtenden Selbstvermarktung zeigt uns der Wirtschaftszweig Kunst, dass er sich genauso gut zur neoliberalen Selbstoptimierung sowie zur Tradierung und Festigung von bestehenden Machtverhältnissen eignet.
Also wird die Rolle von Kunst- und Theaterschaffenden erst mal sein, unseren Handlungsspielraum auszuloten und uns zu fragen, ob wir lieber systemrelevant sein wollen oder systemverändernd.
Was liest Du derzeit?
Die Forelle von Leander Fischer.
Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„The woman of rubies replied: What else must I do by law? The oldest replied: You must keep vigil at my death. But, the woman of rubies said, you must do the same for me and how can that be possible? Because, said the oldest, my life is a ring of a very strange shape.“ -Kate Mascarenhas The Psychology of Time Travel
Vielen Dank für das Interview liebe Anna-Sophie, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Gerne 🙂
5 Fragen an KünstlerInnen:
Anna-Sophie Fritz, Schauspielerin
Foto_Darek Gontarski @artandactors_photography
10.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Elisabeth, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Da ich berufstätig bin und an einem Roman schreibe, will ich früh aufstehen. Mein Wecker läutet spätestens um sieben Uhr. Dann trinke ich schwarzen Kaffee, leider meist mehrere Tassen davon, obwohl mich das nervös macht, aber ich liebe schwarzen Kaffee, biologisch angebaut und aus fairem Handel. Nach dem Frühstück setze ich mich an den Schreibtisch. Ich nehme mir vor, täglich drei bis vier Stunden zu schreiben. Mehr ist meist nicht möglich. Zum einen, weil mir die Kraft ausgeht, zum anderen, weil ich viele andere Verpflichtungen habe, die ich auf Dauer nicht vernachlässigen kann.
Meinen Brotberuf als Deutschtrainerin übe ich vorwiegend nachmittags aus, denn ernsthaft schreiben kann ich nur morgens.
Elisabeth Schönherr, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Für mich ist Meditation wichtig. Abstand nehmen von belastenden Dingen, von mir selbst, dem Ego, das mir beim Schreiben im Weg steht. Meditation bedeutet aber auch Auseinandersetzung, lernen Spannungen und Ängste auszuhalten, was in literarische Texte einfließt.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich fürchte eine Spaltung der Gesellschaft.
Wir alle sind aber miteinander verbunden, ob wir es gutheißen oder nicht. Deshalb möchte ich solidarisch sein mit jenen, die durch Corona und die staatlichen Maßnahmen, die damit einhergehen, ihre Existenzgrundlage verlieren.
Ich befürchte, dass Literatur gesellschaftlich weiter an Bedeutung verlieren wird, da die Menschen durch Social Media, Online-Nachrichten, Smartphones, Tablets etc. abgelenkt sind. Sogar mir fällt es mittlerweile schwer, ein Buch zu Ende zu lesen, weil ich es gewohnt bin, mit den Gedanken umherzuwandern und nicht bei der Sache zu bleiben.
Literatur ist für mich eine Möglichkeit nachzudenken, zu reflektieren, Sprache wahrzunehmen, auch jene der Politik, mich zu besinnen, wie wir mit uns selbst und anderen umgehen.
Mit Sicherheit wird Literatur in den kommenden Jahren noch politischer werden. Wir befinden uns in einer Zeit des Umbruchs, der drohenden Gefahr, Literatur, die es ernst meint, blendet das nicht aus, politisiert aber auch nicht in plumper Weise.
Eskapismus ist Unterhaltung, Literatur bedeutet Auseinandersetzung. Da verläuft für mich die Grenze.
Was liest Du derzeit?
Zurzeit lese ich wieder einmal „Pornographie“ von Witold Gombrowicz. Der Roman spielt während der Zeit der Okkupation von Polen durch Nazi-Deutschland, einen dunkleren Ort kann man sich kaum vorstellen.Doch sogar da versuchen die Menschen, Alltag zu leben und Normalität aufrechtzuerhalten. Vor allem bewundere ich Witold Gombrowicz wegen seiner Sprache und der Figurenzeichnungen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Damals, das war 1943, hielt ich mich im ehemaligen Polen auf, im ehemaligen Warschau, ganz auf dem Grund der vollendeten Tatsachen.
Vielen Dank für das Interview liebe Elisabeth, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Melanie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
In gewisser Weise nicht anders als „davor“. Und dann doch wieder komplett neu. Zu Hause sitzen und schreiben gehört ja mehr oder weniger zum Berufsbild einer Autorin. Man weiß um seine Motivationsmöglichkeiten, Prokrastinationsneigungen, Organisationsabläufe und Inspirationsquellen. Was fehlt, sind die direkten Begegnungen und der Austausch mit dem Publikum, den Verlagsmenschen, der kreativen Kollegenschaft. Natürlich können auch über Skype, Zoom & Co. Bücher entstehen bzw. gemeinsam erlebt werden. Das gewisse Etwas aber fehlt. Den ganzen Tag vor einem flimmernden Rechteck zu sitzen, ist fordernder als jede Lesereise quer durch die Lande.
Melanie Laibl, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Solidarität! Aktuell geht in den verschiedensten Bereichen eine Art Schere auf – ein Mittelmaß oder Zwischendrin gibt es kaum. Bei aller gebotenen physischen Distanz müssen wir gleichzeitig näher zusammenrücken und mehr zusammenhalten. Wer, wenn nicht wir hat als Gesellschaft die Mittel und Wege, damit niemand zurückbleibt?
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Bei meinen Lesungen mit Kindern jeden Alters und von überall her sehe ich so viele Gemeinsamkeiten. Die Lust am Erfinden und Erzählen ist universell und verbindet – auch und gerade, wenn sich darüber Diskussionen entspinnen. Entsprechend müssen Kunst und Kultur wieder flächendeckend zugänglich gemacht werden. Sie sind kein „Genussmittel“ sondern, ganz im Gegenteil, ein „Grundnahrungsmittel“.
Was liest Du derzeit?
Wenn ich, wie jetzt gerade, an einem erzählenden Buch arbeite, geht nebenher eigentlich nur Tagesaktuelles – oder Sachbücher! Wobei „Accidentally Wes Anderson“ kein reines Sachbuch ist, sondern eher eine Kopfreise an unterschiedliche Orte, an denen der Meister jederzeit mit seinem Filmteam auftauchen könnte.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„How did it get so late so soon?“ (Dr. Seuss)
Vielen Dank für das Interview liebe Melanie, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Melanie Laibl, Schriftstellerin
Foto_Franz Faustmann
9.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Sebastian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Unregelmäßig aber mit Fixpunkten. Morgens Turnübungen und dann Cafemachen und trinken. Mittags Obst und Gemüse. Abends Spaziergänge. Dazwischen alles, was so zu tun ist. Manchmal mit starken Motivationstiefs. Aber um die „Erstarrungen“, die für mich typisch für mein berufliches Tun sind zu vermeiden – auch weil Sie wegen der verordneten Einsiedelei nicht den gleichen „Lack“ haben, wie in Zeiten der Bewegungsfreiheit (man „verschwendet“ sich zur Zeit damit so ungleich weniger) – um ebenjene zu vermeiden habe ich mir persönlich ein BackUp an Tätigkeiten angelegt, die ich dann relativ mechanisch und einem Untoten gleich exerzieren kann, ohne dass ich in den Stillstand gerate. Der überraschende Vorteil, obwohl nichts passiert geht trotzdem ständig etwas weiter.
Sebastian Brauneis _ Regisseur, Autor
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Diese Frage könnte ich nie beantworten, da die Bedürfnisketten und -bedingungen natürlich hoffentlich immer extrem individuell bleiben „dürfen“, in meinen Augen „müssen“. Und vielleicht ist das dann auch die Antwort, die ich geben könnte. Besonders wichtig ist; Momentan die Frage „Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?“ trotz allem was uns gerade betrifft trotzdem noch nicht annähernd sinnvoll beantworten zu können oder eben auch beantworten zu müssen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Film/Theater, der Kunst an sich zu?
Frei zu bleiben, offen zu bleiben, zu überleben, sich trotzdem laufend selbst und zuerst in Frage zu stellen bevor wir zur Anklage verkommen, solidarisch zu werden, denn das sind wir auch weiterhin nicht, solange wir auch in Zukunft hierarchische, an materieller Wertung orientierte und autoritärer Gesellschaftsformen entstammende, überalterte Strukturen in der Organisation unserer Arbeit, unseres künstlerischen Tuns nutzen um (in dem Fall dann nur scheinbar) Visionäres zu schaffen. Und natürlich nicht langweilig zu sein.
Was liest Du derzeit?
Hauptsächlich die Nachrichten und Bedienungsanleitungen und Tutorials. Ich arbeite momentan am Schnitt eines neuen Films und ich habe während diesen Phasen nicht genug freien Platz in mir, um mich auch auf Schönes von anderen einlassen zu können und dies dann auch so wie es dem Werk gebührt ernsthaft auszukosten.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Wir haben uns.
Vielen Dank für das Interview lieber Sebastian viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Film-, Regieprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Es ist ein kurzes Leben, das dem unerbittlichen grausamen Sturm der Zeit und des Krieges das freie kritische Wort, die Kunst unter größtem Einsatz und Gefahr entgegensetzt. Eine literarische Stimme, die nach dem Getöse und dem Jubel der Massen und dem Schrecken des Endes des Zweiten Weltkrieges nun ein Innehalten und Nachdenken zu setzen sucht und den Menschen in aller Zerbrechlichkeit aber auch Hoffnung Wort und Stimme schenkt.
Wolfgang Borchert, 1921 in Hamburg geboren, Kriegsteilnehmer, verwundet und wiederholt inhaftiert, stirbt an den Folgen des Krieges 1947 in Basel. Sein Schreiben nach dem Ende des Krieges ist gleichsam auch ein Wettlauf mit der Lebenszeit und seiner schweren Lebererkrankung.
Der Kürze der Lebensjahre steht nun ein beeindruckendes schriftstellerisches Lebenswerk gegenüber, welches das gefeierte Theaterstück „Draußen vor der Tür“, Gedichte, Erzählungen, Essays wie Textfragmente umfasst, die zum wesentlichen literarischen Gedächtnis wie Grundstein der deutschsprachigen Moderne zählen. Borchert ragt in seiner Kompromisslosigkeit und Direktheit in Form und Inhalt hervor und katapultiert gleichsam das Innere des Menschen in das Spannungs- wie Vernichtungsfeld eines Krieges und undemokratischen Regimes wie dem Neubeginn danach in Wort und Stimme. Der Blick auf den Menschen in aller stillen wie lauten Gewalt und Zerbrechlichkeit wird zum zeitlosen Befund und Auftrag von Humanität und Demokratie. Der Autor hinterlässt gleichsam ein literarisches Vermächtnis dazu, das von jeder Generation neu zu entdecken und kritisch in die Gegenwart aufzunehmen ist.
Es ist dem Hamburger Rowohlt Verlag sehr herzlich für die Edition dieser Jubiläumsausgabe der ursprünglichen Textfassungen zum 100.Geburtstag des Schriftstellers zu danken!
„Borchert liebt und fordert vom Menschen im Sturm von Zeit, Krieg und Liebe alles. Eine zeitlose Stimme des Mutes wie der Hoffnung.“