„Immer nur an den nächsten Satz denken, ein Wort, ein Komma oder auch einen Punkt machen“ Barbara Peveling, Schriftstellerin_Paris 3.2.2021

Liebe Barbara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Eine von Stunde zu Stunde neu improvisierte Normalität, die sich zieht wie Kaugummi, voller Momente des Zweifelns, des Verzweifelns auch, aber mit Blitzen voller Glück. In Frankreich sind seit der zweiten Welle die Schulen offengeblieben, das ist eine unglaubliche Erleichterung. Hier ist die Strategie strikte Ausgangsbeschränkungen und Homeoffice. Im ersten Lockdown bin ich über meinen Gedichtband gestolpert, den ich immer schon fertig stellen wollte. Daran arbeite ich. Austausch mit anderen KünstlerInnen findet leider nur digital statt und wir arbeiten auch an entsprechenden literarischen Formaten. Der Alltag wird noch lange improvisiert bleiben.

Barbara Peveling, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Durchhalten, nicht aufgeben, die Straße ist lang wie bei Beppo Straßenkehrer, Stück für Stück, immer nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich, den nächsten Satz, ein Wort, ein Komma oder auch einen Punkt machen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Unserem Erbe geht kein Testament voraus, schrieb René Char. Wir befinden uns in einer Zeit der Linimalität, Schwellenzustand, laut Victor Turner. Wichtig ist, dass wir, das, was René Char auch später als eine Art Schatz aus der Zeit des Widerstandes beschrieb, dieser Freiheit des Überganges, dass wir auf diese bewahren, sie in die neue Normalität retten, die wir uns schaffen müssen. Nach Hannah Arendt ist das eine bewusste Denkleistung und dieses auszudrücken, in Worten, Zeichen, Farben, Klängen, dass ist für mich die Aufgabe der Literatur, der Kunst an sich.

Was liest Du derzeit?

Den posthum veröffentlichten Jugendroman von Simone de Beauvoir: Les inséperables, die Untrennbaren, erscheint nächstes Jahr bei Rowohlt. Ein ganz wunderbares Buch, das mich noch einmal ganz neu in die europäische Gesellschaft vor hundert Jahren taucht. Dann lese ich die Essays von Hannah Arendt: Between past and future. Und ich lese viel in dem Sammelband Kinderkriegen, der gerade von Nikola Richter und mir in der Edition Nautilus erscheint, um Veranstaltungen vorzubereiten.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Die Parabel von Franz Kafka aus dem Jahre 1920:

Er hat zwei Gegner: Der erste bedrängt ihn von hinten, vom Ursprung her. Der zweite verwehrt ihm den Weg nach vorn. Er kämpft mit beiden. Eigentlich unterstützt ihn der erste im Kampf mit dem Zweiten, denn er will ihn nach vorn drängen, und ebenso unterstützt ihn der zweite im Kampf mit dem Ersten; denn er treibt ihn doch zurück. So ist es aber nur theoretisch. Denn es sind ja nicht nur die zwei Gegner da, sondern auch noch er selbst, und wer kennt eigentlich seine Absichten? Immerhin ist es sein Traum, daß er einmal in einem unbewachten Augenblick –  dazu gehört allerdings eine Nacht, so finster wie noch keine war –  aus der Kampflinie ausspringt und wegen seiner Kampfeserfahrung zum Richter über seine miteinander kämpfenden Gegner erhoben wird.“

Vielen Dank für das Interview liebe Barbara, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Vielen lieben Dank für diese tolle Initiative!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Barbara Peveling, Schriftstellerin

Barbara Peveling – Wikipedia

24.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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