„Stipendien, etwa vom Staat, demokratisieren die Kunst, erlauben Menschen, sie ernsthaft zu betreiben“ Simon Sailer, Schriftsteller_Wien 7.2.2021

Wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Um sieben wache ich auf und lese eine Stunde im Bett. Dann male ich zwei Stunden, mit einer Früstückspause, während die erste Schicht trocknet. Ich schreibe einige Seiten. Den Rest des Tages verbummle ich. Das mit dem Malen ist neu, sonst ist im Grunde alles wie früher, nur dass ich normalerweise mehr davon im Kaffeehaus gemacht hätte.

Simon Sailer, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dieselben Dinge wie immer. Allerdings weiß ich nicht, welche das sind.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich bin nicht sicher, ob wir wirklich vor einem gesellschaftlichen Aufbruch stehen. Es spricht wenig dafür, dass sich demnächst etwas grundlegend ändern wird. Was die Kunst betrifft, fällt mir auf, dass jetzt viele die Wichtigkeit der Kultur beschwören, als wäre sie vom Aussterben bedroht. Die Kunst ist eine Konstante der Menschheitsgeschichte. Sie ist gar nicht wegzukriegen und bedarf deshalb auch nicht unbedingt besonderer Förderung um ihrer selbst willen. Aber: Stipendien, etwa vom Staat, demokratisieren die Kunst, erlauben Menschen, sie ernsthaft zu betreiben, die es sich sonst nicht leisten könnten.

Was liest Du derzeit?

Ich bin inzwischen beim dritten Band der Broken Earth Trilogie von N.K. Jemisin angelangt.

Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Warum nicht ein Brecht-Gedicht, das mir in letzter Zeit ohne offensichtlichen Grund im Kopf herumgeistert:

Der Rauch

Das kleine Haus unter Bäumen am See

Vom Dach steigt Rauch

Fehlte er

Wie trostlos dann wären

Haus, Bäume und See.

Vielen Dank für das Interview lieber Simon, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Simon Sailer, Schriftsteller

Simon Sailer

Foto_Sarah Kanawin.

19.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Und Träume zu spinnen ist eine gute Zuflucht in der Krise – jedenfalls meine Zuflucht“ Dilek Mayatürk-Yücel, Schriftstellerin_Berlin 7.2.2021

Liebe Dilek, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?

Meine Tage laufen nicht immer gleich ab. Ich bin in der Regel nachts aktiver und produktiver; die meisten Sachen mache ich nachts. Da mein Buch „Brache“ vor noch relativ kurzer Zeit erschienen ist, bin ich viel damit beschäftigt. Zum Beispiel arbeite ich mit einem österreichischen Schauspieler und Universitätsdozenten über Skype an der Vertonung der Gedichte aus „Brache“. Das macht Spaß.

Ansonsten mache ich, was ich immer mach: Ich lese und schreibe. Wenn es nicht zu kalt ist, gehe ich spazieren. Ich arbeite an meinem neuen Buch und versuche, mein Deutsch zu verbessern. Und ich mache Pläne. Es gibt Dinge, die ich mir für dieses Jahr vorgenommen habe. Dafür mache ich kleine Schritte.

Um diese Zeiten ohne Schaden an Geist und Seele zu überstehen, versuche ich mich weiterzubilden. Ich lese über Fotografie und sortiere meine alten Fotos. Ich koche viel. Das klingt vielleicht merkwürdig, aber für mich ist das eine neue Sache. Vor dem Schlafen mache ich neuerdings Joga. Und jeden Tag sitze ich auf dem Sofa und mache nichts anderes als nachzudenken.

Dilek Mayatürk-Yücel, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube: Nicht klagen, sondern sich mit dem beschäftigen, was uns schöpferisch macht. Im Laufe eines Tages gehen uns tausende Dinge durch den Kopf. Ein Teil davon kann aus Angst bereiten. Wir können versuchen, sie mit Übungen unter Kontrolle zu bringen. Wenn ich mich beim Klagen und Beschweren ertappe, versuche ich, mir das abzugewöhnen. Wir sollten uns unserer Schwächen bewusst sein. Krisenzeiten sind gute Gelegenheiten, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Außerdem scheint mir wichtig: Geduld, Verständnis und Unterstützung der Menschen in unserer Umgebung. Der Mensch kann von Natur aus Ungewissheit nicht ausstehen; er kann es sogar vorziehen, mit einer großen, aber konkreten Gefahr zu leben als in ständiger Ungewissheit. Aber wir haben ein Gehirn und sind fähig, es zu lenken. Das ist eine individuelle Sache, kein anderer Mensch kann für Sie denken. Über die Funktionsweise unseres Gehirns wissen wir weniger als über das Bedienungsmenü unseres Smartphones. In Krisenzeiten wird deutlich, welche Nervenstärke es besitzt. So, wie man seine Arm- und Beinmuskeln trainieren kann, kann man auch seine Nerven trainieren.

Es gibt Menschen, die innerhalb von fünf Minuten hunderte dreistelliger Zahlen auswendig lernen können – mit dem gleichen Gehirn wie alle anderen. Der Unterschied ist: Sie trainieren ihr Gehirn.

Und Träume zu spinnen ist eine gute Zuflucht in der Krise – jedenfalls meine Zuflucht.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur und Kunst sind meine zuverlässigen Weggefährten. Wenn Bücher Menschen wären, würde ich mich bei jedem einzelnen von ihnen für ihre Freundschaft bedanken.

Was liest du derzeit?

Yu Hua, Der Mann, der sein Blut verkaufte

George Orwell, Essays

Hans Magnus Enzensberger, Gedichte 1950-2020

Adam Phillips, Missing out: In Praise of the Unlived life

Welches Zitat, welchen Text Impuls möchtest du uns mitgeben?

„Es gibt für den Menschen keine geräuschlosere und ungestörtere Zufluchtsstätte als seine eigene Seele.“ (Marcus Aurelius)

Vielen Dank für das Interview liebe Dilek, viel Freude und Erfolg weiterhin für Ihre großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Ich bedanke mich. Bleiben Sie gesund.

5 Fragen an KünstlerInnen:

Dilek Mayatürk Yücel, Schriftstellerin

Foto_Baris Özogul

13.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Jedenfalls möchte ich keinen Corona-Roman lesen“ Marcus Jensen, Schriftsteller_Berlin 6.2.2021

Lieber Marcus, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Glücklicherweise wenig anders als sonst. Ich schreibe an eigenen Texten, und zum Broterwerb lektoriere ich Texte anderer. Meine Frau – selber Autorin – wohnt schräg über die Straße, wir sehen uns täglich, treffen zur Zeit selten Freunde, gehen halt ab und zu einkaufen. Das ist der Vorteil, wenn man eh schon ‚HomeOffice‘ betreibt und Katzen statt Kinder hat.

Marcus Jensen, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich muss tatsächlich oft daran denken, dass meine Eltern – beide über achtzig – den Zweiten Weltkrieg überlebt haben und die Nachkriegszeit. Das prägt. Das hilft im Lockdown. Wir sollten cool bleiben. Und hoffen, dass die Impfungen so richtig losgehen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Besonders hart trifft es gerade die, die das Beste tun, die eng am Menschen sind. Und ich fürchte, wesentlich wird sich nichts ändern, Impfungen und Medikamente werden das Problem lösen. Was die Literatur betrifft: Lassen wir uns wie immer überraschen, jedenfalls möchte ich keinen Corona-Roman lesen.

Was liest Du derzeit?

Josef Winklers ‚Domra‘ und Jean Lopez‘ ‚Den Zweiten Weltkrieg verstehen‘ und Chet Van Duzers „Sea Monsters on Medieval and Renaissance Maps“. Schöne krasse Mischung, aber das ist immer so.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Zitat von Richard Nixon. Meine erste politische Kindheitserinnerung ist nicht Brandts, sondern Nixons Rücktritt, wenige Monate später. Die Amerikaner haben eben diese Inszenierungs-Gabe, die einem Siebenjährigen imponiert. Sein rattenartiges Grinsen, sein halb verächtliches Winken, bevor er hinter dem Weißen Haus in den Hubschrauber stieg und entflog. 1974 dachten doch alle, schlimmer könne es nicht werden. In seinem berühmten Interview mit David Frost drei Jahre danach entlarvte Nixon sich selbst: „Well, when the president does it … that means that it is not illegal.“ Und was für ein Intellektueller war dieser Mann im Vergleich zum jetzigen Präsidenten, der noch immer ein paar Tage Zeit hat, um der Welt zu zeigen, wer er ist.

Vielen Dank für das Interview lieber Marcus, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Marcus Jensen, Schriftsteller

https://mj67.de

Marcus Jensen – Autorenlexikon (literaturport.de)

Foto Porträt_Gerald Zörner. Text_Marcus Jensen.

13.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Die Zeiten des Stillstehens sind vorbei. Damit meine ich das Stillstehen im Leben“ Sünje Lewejohann, Schriftstellerin_Berlin 6.2.2021

Liebe Sünje, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe morgens früh und vor den Kindern auf, mache mir Kaffee und nutze diese ruhige Zeit des Tages für erste Notizen, Tagebuch schreiben, Instagram, To Do Listen, manchmal Meditationen. Je nach dem wie meine Stimmung ist. Jetzt sind gerade Schulferien, aber in der Schulzeit geht es bei uns dann nach dem Frühstück mit Homeschooling weiter: das heißt, ich arbeite gemeinsam mit meinem elfjährigen Sohn an unserem großen Esstisch: er macht seine Schulsachen, ich unterstütze ihn dabei und arbeite an meinen Sachen, wenn er
selbstständig arbeitet. Meine vierzehnjährige Tochter hat Onlineunterricht und arbeitet alleine in ihrem Zimmer.

Ansonsten schreibe oder arbeite ich in jeder freien Minute des Tages an meinen Projekten, oft bis spät Abends. Nebenbei organisiere ich den Haushalt, kaufe ein, koche Essen, schaue Netflix, mache Yoga und gehe Laufen. Die Kinder und ich haben ein paar neue Rituale in den Alltag integriert und wir führen sehr viele Gespräche in denen oft unsere Wünsche, Alltagssorgen und auch Ängste thematisiert werden. Das ist eine der großen Errungenschaften der Pandemie, dass wir einander viel intensiver wahrnehmen. Wir kochen jetzt auch oft gemeinsam, backen Brot, arbeiten an kreativen Projekten und veranstalten
Kinoabende im Wohnzimmer.

Außerhalb des Lockdowns habe ich einen Coworkingarbeitsplatz in einem Café, der fehlt mir sehr. Jetzt bin ich auf die Wohnung beschränkt, was mitunter sehr einsam ist. Mir fehlt der Austausch mit Kollegen und jede Form von Literaturveranstaltungen und natürlich das Treffen mit Freunden, das Feiern und Reisen.

Sünje Lewejohann, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir unsere Werte überprüfen. Corona wird uns alle verändern. Natürlich können wir mit aller Kraft versuchen, so weiterzumachen wie bisher und immer an dem alten Leben, das wir vor Corona hatten, festhalten. Oder wir können mal loslassen und schauen, was braucht es jetzt? Wir können unsere Werte nochmal überprüfen. Vor Corona ist uns vielleicht nicht klar gewesen, wie sehr wir die Verbindung zu anderen Menschen brauchen. Und vielleicht dürfen wir uns jetzt nochmal darauf besinnen. Sind unsere Werte wirklich nur Konsum? Oder liegen unsere Werte vielleicht doch woanders?


Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt
dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube, wir müssen beweglich bleiben. Die Zeiten des Stillstehens sind vorbei. Damit meine ich das Stillstehen im Leben. Wir hatten uns ja alle sehr schön in unseren Komfortzonen eingerichtet. Aber das Leben ist kein Parkplatz. Jetzt werden wir alle ordentlich durchgerüttelt.

Etwas, das Corona uns lehrt ist ja, dass wir von Tag zu Tag leben müssen. Dass nichts mehr planbar ist und dass nichts selbstverständlich ist. Wir müssen komplett neu denken lernen. Unsere Kreativität ist gefragt wie nie. Das ist auch eine Chance; eine Riesenherausforderung zwar, aber auch eine Chance. Wir müssen schauen, was uns am Leben hält, wenn alles andere wegbricht. Wir müssen schauen, was uns menschlich macht. Literatur und Kunst, die ganze Kultur ist ein so kostbares Gut. Auch das wird jetzt vielen so
klar wie nie; dass Kultur uns am Leben hält, dass sie uns zeigt, wer wir sind, dass sie uns zeigt, was uns wichtig ist, was uns ausmacht, was unsere Herzen zum Singen bringt. Dass wir mehr brauchen als Luft zum Atmen und Nahrung. Wir brauchen auch Geschichten, wir brauchen Musik, Filme und Kunst. Auch hier dürfen wir uns noch einmal ganz neu besinnen, glaube ich.

Was liest Du derzeit?

Margarete Stokowski, Die letzten Tage des Patriarchats und Patti Smith, Just
Kids.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Alles ist Mist. Aber dann möchte man sich manchmal auf die Erde setzen und
sich vor Freude ins Hemd weinen.“
Aus: Janosch, Cholonek oder der liebe Gott
aus Lehm

Vielen Dank für das Interview liebe Sünje, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Sünje Lewejohann, Schriftstellerin

der goldene fischSünje Lewejohann, Autor bei der goldene fisch (der-goldene-fisch.de)

Foto_privat

5.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Das Internet ist alles was der Fall ist“ Cordula Simon, Schriftstellerin_Graz 6.2.2021

Liebe Cordula, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

An sich ist der Tagesablauf wie immer. Ich finde es gar etwas albern, dass gerade jetzt Autoren gefragt werden, was sich geändert hat, obwohl wir ja auch zuvor schon viel zu Hause saßen. Nicht jeder kann es sich leisten die Sessel im Kaffeehaus zu wärmen. Menschen, die ins Home Office gesteckt wurden, die plötzlich im Schichtbetrieb sind, oder mit Kindern länger zu Hause, hätten nun wohl Bände zu füllen. Ich schreibe also, lese, versuche mich nicht zu wenig zu bewegen und verlasse das Haus meist nur, wenn jemand gestorben ist. Zwar würde man meinen, dass Bestattung krisensicher sei, jedoch ist auch hier gerade nicht mehr zu tun als sonst: Es scheinen weniger an Corona zu sterben, als Menschen ohne Lockdown an anderen Todesarten umgekommen wären, wie Herzinfarkten, OPs, Verkehrsunfällen. Viele Bestatter müssen ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken. Da ich hier nur geringfügig tätig bin, hat auch das keine Auswirkungen auf mich. Spürbar war hier nur nach dem ersten Lockdown im Frühjahr die Zahl der Suizide. Das ist etwas, was sich geändert hat: Die Todesarten, die wir im Bestattungsinstitut zu sehen bekommen.

Cordula Simon, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich kann nicht beurteilen, was wichtig für alle ist. Die ganze Welt taumelt und stolpert durch neuartige, unbekannte Situationen. So haben wir vielleicht eine weltweite Pandemie, aber auch erstmals die Möglichkeit, uns digital nahe zu sein und einander physisch zu meiden. Zugleich kommt die Informationswelle im Internet mit viel Disinformation, dichotomischen Denken, sich abkapselnden Blasen, ermöglicht aber auch einen weiter funktionierenden weltweiten Handel, wenngleich der Einzelhandel leidet und um die Wirtschaft weiterpreschen lassen zu können, wird konsumiert, um das soziale Gefüge nicht zu gefährden, auch wenn dieser Konsum mit einem ökologisch hohen Preis verbunden ist – Das Internet ist alles was der Fall ist und noch nie saßen so viele Menschen zu Hause um sich dermaßen intensiv damit zu befassen. Ein Getriebe aus ineinandergreifenden Zahnrädern ist diese Welt geworden und wir können in Echtzeit dabei zusehen während wir es Infotainment nennen. Heutzutage ist es auch leichter denn je, die plausibelsten Dinge für falsch und die unplausibelsten für wahr zu halten, denn das Internet preist uns jeden Klick mit Gefühlen an. Für mich selbst ist es wichtig, meine Emotionen gegenüber dem weltweiten Wahnsinn zurück zu nehmen, denn der Hass, den verschiedene Gruppen im Netz aufeinander zeigen, macht irrational. Vielleicht wäre das wichtig: Kalte Ratio im Angesicht des Irrationalen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Momentan ist von einem Aufbruch nicht viel zu spüren. Eher von einem Stillstand und was wesentlich sein wird, wird wohl jeder für sich herausfinden müssen. Ebenso wie jeder selbst herausfinden wird, welche Rolle Literatur und Kunst im eigenen Leben spielen: Unterhaltung? Beschwichtigung? Aufstachelung? Ästhetischer Genuss? Oder die globale Entertainmentmaschine im Netz drängt sich nach vorn, wie sie es schon seit Jahren tut. Während Literaturhäuser und Theater digital aufrüsten. Spannend wird es allemal.

Was liest Du derzeit?

Viel Wissenschaft aus den Bereichen Digitalisierung, Posthumanismus, Linguistik und ein paar antike Geschichtsschreiber.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 Die meisten Menschen leben nicht ihr Leben, sondern das anderer, über das sie sich so aufregen, dass sie ihr Leben zu leben, vergessen. (Curt Goetz)

Cordula Simon, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Cordula, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Cordula Simon, Schriftstellerin

cordula simon | autorin | graz (cordula-simon.at)

Fotos_Cordula Simon

13.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Dieser Hardcore-Kapitalismus wird in der Postapokalypse wohl kritisch hinterfragt werden müssen“ Doris Maria Weigl, Künstlerin_ Mühlviertel/OÖ 5.2.2021

Liebe Doris, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Schau, malen ist an sich eine einsame Kunst. Gesang oder Schauspiel, da tasten dich, während du performst, hunderte Augenpaare ab, von vertrauten und von fremden Menschen. Beim Malen bist du allein. Allein mit deinem Baby, das du über viele Stunden hinweg unter Freude und Schmerzen gebierst und einem Kaffee. Oder einem Glas Wein. Je nach Tageszeit. Daran hat auch dieses unsägliche Virus nichts geändert. Mein eremitisches Künstlerleben ist irgendwie normal geworden, irgendwie mainstream. Ich hoffe, das ändert sich bald wieder, schließlich will ich mir beim Schaffen wieder leid tun in all meiner exklusiven Verlassenheit.

Im Ernst, ich hoffe und glaube, dass diese Zeit bald wieder vorüber ist und wir uns alle rückblickend wundern, was wir da alles tun und lassen mussten. Wirtschaftlich merke ich selbst als Illustratorin zum Glück nicht sehr viel. Aufträge kommen von meinem Stamm-Klientel aber auch von neuen Auftraggebern. The show is going on, wie’s scheint.

Aber ich will endlich wieder raus, Vernissagen veranstalten, meine Kunst ausstellen, mit den Menschen sein. Darauf freu ich mich unglaublich! Bis dahin male ich mir meine einsame Welt bunt und schön. Ein bisschen Robinson. Ein bisschen Pippi.

Doris Maria Weigl, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Lernen. Aus den bitteren Erfahrungen etwas Schmackhaftes mitnehmen. Erinnere dich an die Anfänge dieser Pandemie. Wir waren nicht mal imstande, einfache Masken selbst herzustellen. Weil das Vlies von einem Ende der Welt kommt und die Gummibänder von einem anderen. Und wir hier, am dritten Ende der Welt, wir ordern das Zeug emissionsmaximierend aus der ganzen Welt, und das, um ein paar Kreuzer zu sparen. Dieser Hardcore-Kapitalismus, diese hinter-uns-die-Sintflut-Mentalität, das wird in der Postapokalypse wohl kritisch hinterfragt werden müssen.

Dass es nicht unbedingt immer karibisches Dingsbums sein muss, sondern auch der Park, das Wäldchen ums Eck Entspannung bieten kann, das haben wir ja alle bereits erkannt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Kunst verbindet. Jetzt mehr denn je. Das ist es, was Kunst ausmacht.

Für mich als Malerin ist es zentrales Gelübde, Emotionen zu schaffen. Menschen mitzunehmen, zu entertainen, ihnen Freude zu machen. In diesen sehr speziellen Tagen ist es wesentlich mit Schönem zu heilen, zu trösten, gut zu tun.

Aber ich verspreche dir: Wenn das vorbei ist, werde ich da sein und erinnern, anecken und provozieren. Ich werde unbequem sein und das Meine tun, damit wir alle die ganze Scheiße nicht wieder allzu schnell vergessen, sondern aus diesen grässlichen, wichtigen Zeiten lernen.

Was liest Du derzeit?

„Narziß und Goldmund“ von Hermann Hesse.

Und eine wirklich gelungene Biographie über Leonardo da Vinci. Ich mag seine Vielschichtigkeit, nicht nur in der Malerei, auch in seinen Gedanken. Wusstest du, dass er gemeint hat, „Kraft wird aus dem Zwang geboren und stirbt an der Freiheit“? Alleine über die Ambivalenz dieses einen Satzes kannst du Abende lang sinnieren und diskutieren. Herrlich.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Es gibt immer verschiedene Blickwinkel, nicht nur schwarz und weiß. Kunst ist bunt. Wie wir.

Vielen Dank für das Interview liebe Doris Maria, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Doris Maria Weigl, Illustratorin / Grafikerin / Malerin.

Illustrationen – Doris Maria Weigl – Illustrationen (illustratorin.at)

Foto_Doris Maria Weigl

11.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„…ob wir uns aus der Gemütlichkeit des Althergebrachten lösen können“ Safak Saricicek, Schriftsteller_Heidelberg 5.2.2021

Lieber Safak, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Relativ geregelt, lieber Walter. Ich stehe  früh auf, um einige Stunden als HiWi in der Bibliothek der Juristischen Fakultät zu arbeiten. Nach einem kleinen  Abstecher zwecks Mittagsessen  widme ich mich sodann dem Lernen. Oft gehe ich am Ende des Arbeits- und Studientags  eine halbe Stunde zu Fuß nach Hause, um nicht in der vollen Straßenbahn zu sein, um die  zauberhaften Heidelberger Viertel aufmerksamer wahrzunehmen  sowie  der Bewegung wegen.

Safak Saricicek, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Optimismus trotz allem, Geduld und Mitgefühl  mit uns selbst und für unsere Mitmenschen, Vertrauen in die Wissenschaft und das wir alternative Wege finden, mit Freunden und Familie  zu reden. Auch unser Glaube kann uns jetzt bestärken und beitragen zur Resilienz.

Konkret und pragmatisch würde ich sagen: Bewegung, Beschäftigung, unsere sozialen Kontakte sowie die Pflege des Geists (in der Gestalt von Kunst und Kultur).

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Digitalisierung beschleunigt sich gezwungenermaßen, Konzepte wie Home Office werden gezwungenermaßen weitestgehend verbreitet und darüber hinaus wird ein Umdenken forciert, was unsere Bedeutung im globalen Ökosystem, wie auch unsere Handlungen bezüglich anderer Lebewesen angeht. Wesentlich wird sein, ob wir als  Menschheit die Egozentrik und den Narzissmus im Kleinen überwinden werden können, was letztlich darüber entscheiden wird, ob wir den kollektiven Narzissmus werden überwinden können, namentlich den bis zum Rassismus führenden Nationalismus, den absoluten Anthropozentrismus, den raubbeuterischen Neoliberalismus und ob wir uns aus der Gemütlichkeit des Althergebrachten lösen können, dass der Mensch ein Wolf ist für den Menschen und vom zynischen Determinismus. Ich sehe vielmehr in der jetzigen pandemischen Krise, die nur eine von vielen zukünftigen sein wird, dass Menschen selbst in einer am Profit und Kapitalmaximierung orientierten Gesellschaft, zur Solidarität fähig sind und willens sich auch um die Schwachen zu kümmern, einfach gesagt: willens, menschlich zu handeln. Der Literatur und Kunst kommt, so denke ich, mitunter die Aufgabe zu dieses Menschsein und Menschlichsein höchstindividuell auszudrücken.

Was liest Du derzeit?

Zu viele Bücher parallel, was hier als Aufzählung ausufern würde. Ich habe, um einige spontan zu nennen, vor Kurzem die Vorrede zu Hegels Phänomenologie des Geistes abgeschlossen und lese darin weiter, lyrisch war ich beispielsweise in den Gefilden Jules Supervielles unterwegs oder zB mit Edip Cansever.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Guy Debord “Society of the Spectacle“

(…) The unreal unity proclaimed by the spectacle masks the class division underlying the real unity of the capitalist mode of production. What obliges the producers to participate in the construction of the world is also what excludes them from it. What brings people into relation with each other by liberating them from their local and national limitations is also what keeps them apart. What requires increased rationality is also what nourishes the irrationality of hierarchical exploitation and repression. What produces society’s abstract power also produces its concrete lack of freedom.

Vielen Dank für das Interview lieber Safak, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Safak Saricicek, Schriftsteller

Foto_privat

11.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Ein Großer geht und bleibt“ _ Station bei Arik Brauer_Lola Lindenbaum, Künstlerin_Wien 4.2.2021

Lola Lindenbaum, Künstlerin

Ich war tief getroffen vom Tod von Arik Brauer, er war für mich der Inbegriff der Lebensfreude und der unerschöpflichen Energie, bis ins hohe Alter (Ein Sinnbild der Dynamik ist Arik am Fahrrad, ob unterwegs nach Paris, Nordafrika oder auf der Donauinsel – jedenfalls stets unterwegs). Arik Brauer war mir so vertraut und ich kann nicht ergründen, weshalb genau.

Lola Lindenbaum_ Ein Grosser geht und bleibt 95×95 2021 _ Öl, Ölkreide, Spray,Leim auf textilisiertem Keilrahmen

Ich habe anlässlich seines Todes einige Dokumentationen und Interviews mit ihm angeschaut und es drängte sich mir stets das Wort „Vertrautheit“ auf. Ich hab Arik Brauer 2x in natura gesehen, das erste Mal bei der Teilnahme an der Aufnahmeprüfung a.d. Akademie der Bildenden Künste 1996 im Semper Depot und bei einer Einladung im Jüdischen Museum anlässlich seines 90. Geburtstags, wo wir auch die Gelegenheit hatten ein paar Worte zu wechseln.

Lola Lindenbaum_Das Glück ist auf Besuch 154x205cm Öl, Ölkreide, Wandfarbe auf Textil/Holzrahmen

DAS GLÜCK IST AUF BESUCH DAS GLÜCK EIN FLÜCHTIGER UNERWARTETER GAST LEISTET NIE GESELLSCHAFT GALOPPIERT VORÜBER AN DER LEISTUNGSGESELLSCHAFT ES KANN SICH’S AUCH LEISTEN UNBEMERKT IM AUGENBLICK WIRD’S ERST ERKANNT WENN’S IST SCHON VORBEI. @Lolalindenbaum

Er ließ sich trotz schicksalhafter Kindheit, die sorglos begann und  durch den Nationalsozialismus und die grausame Ermordung des Vaters in der Shoah abrupt und schmerzlich beendet wurde, nicht brechen und er ließ sich seines Lebenswillens- und seiner Lebensfreude nicht berauben. Was aus seinen Interviews hervorgeht, ist der ihn begleitende Gemütszustand der Freude –der Freude am Leben, Freude am Sein, Freude an der Familie und der  Freude am Malen.

Lola Lindenbaum _ Das Primat des Inhalts weicht der Stofflichkeit in der Blauen Stunde 110×110 2021 Ölkreide, Öl, Leim, Spray, Collagenelemente auf textilisiertem Keilrahmen

Obwohl seine Bilder inhaltlich pathetisch anmuten und oft mythologisch mit Motiven und Themen aus dem Alten Testament aufgeladen sind, macht er die Hermeneutik mittels bunter Farben für den Betrachter verdaulich und somit aufnehmbar:

„Die Kunst muss und darf alles, und das seit jeher. Sie muss aufrütteln und erschrecken, muss aber auch genießbar sein und den Menschen streicheln, einlullen und ihm Gutes tun.“

Brauer der Weltbürger, Cosmopolit  und Geschichtenerzähler.

Lola Lindenbaum _ Das Bestreben, jenen Rollen auszuweichen, in die sie sich gedrängt fühlte Öl, Acryl, Collagenelemente, Spray, Tüll, auf textilisiertem Keilrahmen

Arik Brauer hatte viele Identitäten, er war so vielschichtig und farbenfroh wie seine Bilder. Er wollte sich nicht auf eine Rolle festlegen und sich nicht von einem Genre okkupieren lassen. Als der Song „Köpferl im Sand“ als Grundstein des Austro-Pop herauskam, wollte er sich nicht von der Pop-Maschinerie vereinnahmen lassen, er wollte nach wie vor Zeit zum Malen und für seine Familie haben.

Und er wollte malen, wie es ihm entsprach und nicht wie es die Avantgarde für opportun befand.

Arik Brauer hat sich künstlerisch genauso wenig in eine Schiene drängen lassen, wie politisch (mit Ausnahme der kommunistischen Jugendbewegung, was er sich zeitlebens selbst vorgeworfen hat).  

Lola Lindenbaum _ Die Trauerweide und die Frau im Cocktailsessel haben heute nichts vor 120×120 2021 Öl, Acryl, Asche, Ölkreide auf Leinwand
Lola Lindenbaum _ Piano forte 120×160 2021 Öl,Wandfarbe, Ölkreide, Asche, Acryl auf Leinwand

Er ließ sich in politischen Dingen nicht in eine Schublade pressen und scheute sich nicht auch dem linken Mainstream zu widersprechen. Er habe im Laufe seines Lebens gelernt, alles zu hinterfragen und wurde skeptisch, wenn alle in eine gewisse Richtung sprangen.  In diesem Zusammenhang meinte er dazu in einem Interview mit dem Standard 2019:

„Ich habe gelernt, dass jede Strömung nur eine Teilwahrheit in sich trägt. In meinem Weltbild ist das etwas ganz Grundlegendes. Man muss alles hinterfragen, vor allem die Mainstreams“

Lola Lindenbaum _ Starry, starry night Öl, Asche, Ölkreide, Collagenelement auf Leinwand 80×80 2021

Brauer malte und sagte, was er für richtig hielt. Und er hat es, so wie er mehrfach betonte, niemals bereut, dass er ein Leben außerhalb des Mainstreams verbracht hat.

Nicht zuletzt für seine erfrischende Ehrlichkeit zu sich selbst und der Welt gegenüber habe ich ihn bewundert und ich wollte dieses Gefühl der Wertschätzung bleibend im Außen manifestieren. Das kann ich am besten mit Bildern- was gemalt ist, bleibt: Ich lege einen Teil von mir auf die Leinwand, doch obwohl ich dieses Ich-Fragment loslasse, bleibt es mir.

Lola Lindenbaum _ The flower on the grave sized me 80×120 Acryl, Ölkreide, Spray, Collagenelemente auf Leinwand

Die Transformation des Inneren auf die Leinwand beruhigt und erleichtert mich, es entlastet mein Wesen und meine Gedankenspirale scheint sich dadurch langsamer zu drehen. Ich habe das Gefühl, ich kann so mein Leben ein Stück weit entwirren.Es ist für mich, als hätte ich etwas Unaussprechliches ausgesprochen.

Lola Lindenbaum _ Letthemtalk 80×130 2020 Öl,Acryl, Ölkreide auf LEinwand

„Ein Großer geht und bleibt“. Das Thema „Wertschätzung“ wird mit einem dynamischen In-sich- Motiv zum Ausdruck gebracht. Ich male, wie der Maler selbst gemalt wird. Und er ist ein Grosser. Er geht und bleibt.

Lola Lindenbaum ,Künstlerin _Station bei Arik Brauer, Wien_Ottakring_Kindheits-, Jugendhaus des Universalkünstlers Arik Brauer (1929 – 2021)

http://www.lolalindenbaum.com/de/

Alle Bilder/Texte_ Lola Lindenbaum

Style/Requisite_Lola Lindenbaum

Lola Lindenbaum _ Künstlerin

Alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Kindheits-, Jugendhaus von Arik Brauer_Wien, Ottakring.

Idee&Regie_Lola Lindenbaum und Walter Pobaschnig

Wien_4.2.2021

https://literaturoutdoors.com/

„Es ist die Literatur, die mir persönlich immer wieder geholfen hat, Dinge zu überstehen und weiterzumachen“ Marco Kerler, Schriftsteller_Ulm 4.2.2021

Lieber Marco, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich hauptberuflich, zu 100 Prozent, in einem Kindergarten arbeite, ich bin Erzieher, hat sich erst mal gar nicht so viel geändert. Ich fahre täglich, viel zu früh für die Welt und mich, mit dem Bus zur Arbeit.

Da das Busfahren insgesamt ca. 2 Stunden meines Tages einnimmt, ist der Bus selbst der Ort, an dem viele meiner Gedichte entstehen. Das heißt, dass ich dort entweder lese, über Projekte nachdenke, schreibe, in ein Büchlein, oder Gedichte in ein Handy tippe, die ich wiederum per SMS an Freundinnen und Freunde verschicke. Das Verschicken ist zum wichtigen Bestandteil meines Arbeitsprozesses geworden. Manchmal schlafe ich aber auch.

Mein nächster Gedichtband, der im Februar bei Rodneys Underground Press erscheinen wird, handelt mitunter vom Busfahren oder spielt an einem großen Busumsteigeplatz. Sein Titel lautet „Ehinger Tor Utopien/Abfahrtszeiten“.

Auf der Arbeit im Kindergarten ist gerade wenig los. Es gibt Notgruppen und wenige Kinder sind angemeldet. Nach der Arbeit hab ich gar nicht mehr so viel Zeit, was zu erledigen, bevor die Ausgangssperre beginnt. Ich muss also gut planen und sofort bereit sein, etwas zu tun. In Baden-Württemberg, in Ulm beginnt die Ausgangssperre um 20 Uhr.

Da ich kein Smartphone besitze, check ich zu Hause erst mal meine E-Mails und all den anderen Online-Kladderadatsch. Ich höre Schallplatten, lese, mache Projekte fertig oder schaue einen Film. Serien gucke ich selten. Podcasts und Hörspiele hab ich noch ganz gern.

Normalerweise würde ich noch in eine Bar, in ein Café gehen, um zu schreiben, Freunde zu treffen, den Abend ausklingen zu lassen. Stattdessen versuche ich früher zu schlafen, gelingt mir aber nicht so gut.

Dinge, die gerade ausfallen, sind z.B. montags der Ulmer Schreibtreff und mittwochs die Druckwerkstatt, in der ich Gedichte im Handsatz setze.

Am Wochenende versuche ich nicht lang auszuschlafen, sondern früh aufzustehen, um noch etwas vom Tag zu haben. Gelingt mir weniger gut.

Marco Kerler, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Echte Toleranz für- und miteinander. Den Glauben an das Gute nicht verlieren und nicht glauben, dass immer das, das für einen selbst gut ist, für den anderen auch gut ist und so weiter und so fort.

Dass es leicht wird, hat ja niemand gesagt. Dass es besser wird, davon bin ich überzeugt. Das bin ich immer! Da hab ich Hoffnung, bin ich zuversichtlich. Die „Rolle“ des melancholischen Dichters hab ich genug gespielt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube nicht, dass Literatur eine besonders andere Rolle bekommen wird, als jene, der ihr sowieso schon inne liegt. Es ist die Literatur, die mir persönlich immer wieder geholfen hat, Dinge zu überstehen und weiterzumachen. Es ist die Literatur, in die ich flüchtete, aus der ich Kraft schöpfte und das wird so bleiben.

Ob Literatur für jemand anderen dieselbe Rolle einnehmen wird (von soll und muss, mag ich nicht sprechen, weil Literatur soll und muss niemals und wenn, dann würde meine etwas anderes tun) ist von der Person abhängig. Manch einer guckt lieber Sport, schaut Fußball. Das ist eben so.

Etwas anderes zu sagen, finde ich überheblich. Auch wenn ich der Literatur in meinem Leben eine große Rolle zuspreche und nicht aufhören werde, Gedichte an jene zu verschenken, die sonst nichts damit anfangen können, weil ich der festen Überzeugung bin, dass es für jeden diesen einen Gedichtband gibt, kann ich doch niemanden dazu zwingen.

Was liest Du derzeit?

In meiner Tasche, die ich überall mitschleppe, befinden sich zur Zeit:

„Little Mags“ von Hadayatullah Hübsch, „Welt und Wirklichkeit“ von Jim Avignon, „Studie in Scharlachrot“ von Arthur Conan Doyle, „John Marr und andere Matrosen“ von Herman Melville, „Zauberspruch für Verwundete“ von Pauline Füg und Markus Freise, sowie eine Ausgabe der Spektrum Kompakt mit dem Thema „Unendlich“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“Das Fatale an Romanen”, sagte John Rivers, “ist, daß sie zuviel Sinn ergeben. Die Wirklichkeit ergibt nie einen Sinn.” aus „Das Genie und die Göttin“ von Aldous Huxley.

Vielen Dank für das Interview lieber Marco, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Marco Kerler, Schriftsteller

Marco Kerler – kritzelt und nennt das Texte

Foto_Susanne Wasserlechner

13.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Und die Möglichkeit zu bieten, sich zu finden“ Doron Rabinovici, Schriftsteller_Wien 4.2.2021

Lieber Doron, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ab 7 oder 8 schreibe ich, dann esse ich zu Mittag, dann wieder das Schreiben und zwischendurch gehe ich spazieren. Am Abend noch einmal gemeinsames Essen, Lesen und Nachrichten.

Doron Rabinovici, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Rücksichtnahme, Verständnis für die Ängste und Sorgen anderer und das Einhalten der epidemiologischen Maßnahmen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Zum Ausdruck zu bringen, was ist und die Möglichkeit zu bieten, sich zu finden.

Was liest Du derzeit?

Gerade jetzt wieder einen Essay von Hannah Arendt aus dem Jahr 1945: „Antisemitismus und faschistische Internationale“. Davor von Gerald Knaus: Welche Grenzen brauchen wir.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Bin ich verurteilt, so bin ich nicht nur verurteilt zum Ende, sondern auch verurteilt, mich bis ins Ende hinein zu wehren.

Franz Kafka, 20.6.1916

Vielen Dank für das Interview lieber Doron, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Doron Rabinovici, Schriftsteller

Doron Rabinovici

Foto_Lukas Beck

16.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com