„Mit Sicherheit wird Literatur in den kommenden Jahren noch politischer werden“ Elisabeth Schönherr, Schriftstellerin_Wien 2.2.2021

Liebe Elisabeth, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich berufstätig bin und an einem Roman schreibe, will ich früh aufstehen. Mein Wecker läutet spätestens um sieben Uhr. Dann trinke ich schwarzen Kaffee, leider meist mehrere Tassen davon, obwohl mich das nervös macht, aber ich liebe schwarzen Kaffee, biologisch angebaut und aus fairem Handel. Nach dem Frühstück setze ich mich an den Schreibtisch. Ich nehme mir vor, täglich drei bis vier Stunden zu schreiben. Mehr ist meist nicht möglich. Zum einen, weil mir die Kraft ausgeht, zum anderen, weil ich viele andere Verpflichtungen habe, die ich auf Dauer nicht vernachlässigen kann.

Meinen Brotberuf als Deutschtrainerin übe ich vorwiegend nachmittags aus, denn ernsthaft schreiben kann ich nur morgens.

Elisabeth Schönherr, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Für mich ist Meditation wichtig. Abstand nehmen von belastenden Dingen, von mir selbst, dem Ego, das mir beim Schreiben im Weg steht. Meditation bedeutet aber auch Auseinandersetzung, lernen Spannungen und Ängste auszuhalten, was in literarische Texte einfließt.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich fürchte eine Spaltung der Gesellschaft.

Wir alle sind aber miteinander verbunden, ob wir es gutheißen oder nicht. Deshalb möchte ich solidarisch sein mit jenen, die durch Corona und die staatlichen Maßnahmen, die damit einhergehen, ihre Existenzgrundlage verlieren.

Ich befürchte, dass Literatur gesellschaftlich weiter an Bedeutung verlieren wird, da die Menschen durch Social Media, Online-Nachrichten, Smartphones, Tablets etc. abgelenkt sind. Sogar mir fällt es mittlerweile schwer, ein Buch zu Ende zu lesen, weil ich es gewohnt bin, mit den Gedanken umherzuwandern und nicht bei der Sache zu bleiben.

Literatur ist für mich eine Möglichkeit nachzudenken, zu reflektieren, Sprache wahrzunehmen, auch jene der Politik, mich zu besinnen, wie wir mit uns selbst und anderen umgehen.

Mit Sicherheit wird Literatur in den kommenden Jahren noch politischer werden. Wir befinden uns in einer Zeit des Umbruchs, der drohenden Gefahr, Literatur, die es ernst meint, blendet das nicht aus, politisiert aber auch nicht in plumper Weise.

Eskapismus ist Unterhaltung, Literatur bedeutet Auseinandersetzung. Da verläuft für mich die Grenze.

Was liest Du derzeit?

Zurzeit lese ich wieder einmal „Pornographie“ von Witold Gombrowicz. Der Roman spielt während der Zeit der Okkupation von Polen durch Nazi-Deutschland, einen dunkleren Ort kann man sich kaum vorstellen. Doch sogar da versuchen die Menschen, Alltag zu leben und Normalität aufrechtzuerhalten. Vor allem bewundere ich Witold Gombrowicz wegen seiner Sprache und der Figurenzeichnungen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Damals, das war 1943, hielt ich mich im ehemaligen Polen auf, im ehemaligen Warschau, ganz auf dem Grund der vollendeten Tatsachen.

Vielen Dank für das Interview liebe Elisabeth, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Elisabeth Schönherr, Schriftstellerin

Elisabeth Schoenherr – Romane, Gedanken, Inspirationen, Film-Blog (elisabeth-schoenherr.info)

Foto_privat

10.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

2 Gedanken zu „„Mit Sicherheit wird Literatur in den kommenden Jahren noch politischer werden“ Elisabeth Schönherr, Schriftstellerin_Wien 2.2.2021

  1. Ich denke Politik ist über Die Zeit und Zukunft nicht leichter zu verstehen. Da sich Denken und Verhalten unterschiedlich charakterisieren werden. So das wir nicht immer auf Verständnis stoßen werden.

    Das Interview finde ich Klasse

    Grüße von Michael aus Hamburg

    Gefällt mir

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