„Ob wir lieber systemrelevant sein wollen oder systemverändernd“ Anna-Sophie Fritz, Schauspielerin_Berlin 2.2.2021

Liebe Anna-Sophie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin gerade wieder in einer Übergangsphase zwischen festen Tagesabläufen. Zurzeit schlafe ich lange, räume oder werkel irgendwas in der Wohnung, praktiziere Yoga, trinke Kaffee, versuche noch bei Tageslicht die Wohnung kurz zu verlassen, esse, trinke, schaue Serien. Ab Montag werde ich wieder um halb neun aufstehen, erst Yoga machen (Optimismus) und dann von 10:00-19:00 an einer Onlinefortbildung für Schauspielerinnen im Bereich Film und Fernsehen teilnehmen. Da arbeite ich meine Aufgaben ab, die immer mit der Sichtung eines schweren, deutschen Films (Pleonasmus?)enden. Dann esse ich viele Süßigkeiten vor dem Fernseher, führe ein Grimassengespräch mit meinem Spiegelbild beim Zähne putzen und lege mich je nach Uhrzeit mit oder ohne Buch ins Bett. Der Tag endet damit, dass ich mir den Wecker stelle und ausrechne, wieviel Stunden ich schlafen kann.

Anna-Sophie Fritz, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ein kritischer Umgang mit unserer eigenen Komfortzone, die Fähigkeit, eigene Gefühle zu beobachten und zu entscheiden, welche wieviel Raum brauchen. Außerdem müssen wir uns als Menschheit auf einen gemeinsamen Wahrheitsbegriff einigen, der einerseits nicht dazu missbraucht wird, marginalisierten Gruppen systematisch ihre Erfahrungen und Lebensrealitäten abzusprechen, der aber andererseits auch verhindert, dass solche Menschen, die von den bestehenden Machtverhältnissen profitieren, vermeintliche Fakten erschaffen können, um sich selbst als unterdrückte Befreiungskämpferinnen
zu inszenieren und Angst, Dummheit und Wut zu verbreiten. Das schätze ich für uns alle als besonders wichtig ein -abgesehen vom Umdenken gewohnter Machtstrukturen überhaupt, von denen die Pandemie nochmal verdeutlicht hat, wie überholt, zerstörerisch und einseitig profitabel sie sind. Aber solange das nicht passiert: Geduld, Beharrlichkeit, ein kritischer
Umgang mit Sozialen Medien bzw strengere Gesetze für die betreibenden
Plattformen und intersektionaler Feminismus, always.


Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich
stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem
Theater und der Kunst zu?

Wesentlich werden sein: -Die Bereitschaft, nachzudenken, immer wieder von Neuem, auch wenn es langweilig oder anstrengend ist. Die Fähigkeit in einen Dialog zu treten, der nicht daraus besteht, das Gespräch gewinnen zu wollen. -Die Neubewertung von Fehlern: weg vom Kardinalsverbrechen, das um jeden Preis vertuscht werden muss, indem man um so lautstarker eine Position vertritt und alle Denkkapazität darauf verwendet, sich diese Position richtig zu rationalisieren und Bestätigung zu suchen, anstatt sie kritisch zu überprüfen. -Eine ordentliche Streitkultur zu entwickeln und sich dann ordentlich zu
streiten. Nicht via sprechdurchfallartigen Facebookkommentaren und Hasstiraden, geschossen aus der Filterblasenkomfortzone der eigenen vier Wände, sondern tatsächlich im Gespräch. Den Schmerz auszuhalten, sich vielleicht geirrt zu haben oder etwas Neues zu lernen. Sich die Arroganz abzugewöhnen, „recht haben“ mit „moralisch überlegen“ zu verwechseln.

Theater und Kunst im Allgemeinen (zu der ich Theater jetzt mal zähle) sind Arbeit am und mit dem Menschen an sich, ohne direkt verwertbaren Leistungsoutput. Wir sind nicht systemrelevant und genau deswegen so wichtig. In Wirtschaftssprache würde ich von Softskills sprechen, aus psychotherapeutischer Sicht von Verarbeitungsprozessen. Es ist aber mehr:
Gerade weil in der Kunst nicht alles binär interpretierbar, erklärbar und messbar sein muss, ist sie frei, um Formen des Dialoges auszuloten, die sich nicht nur am Inhalt festmachen; um in Interaktionen zu treten, die keine Antwort erwarten und keine Gewinnerinnen feststellen. Sie hält einen Raum offen für das, was in so einem System erst mal nicht vorgesehen ist -höchstens zur Reparatur, Wartung, Verbesserung oder Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit. Denn natürlich gibt es viele Wege, um Kunst eben doch in bestehende Machtnetzwerke zu inkorporieren, Kunst (und Künstlerinnen!) sind nie unschuldig, nie unsituiert oder unpolitisch (auch und gerade wenn sie „einfach nur Geschichten erzählen“ oder „die Welt abbilden wie sie ist“). Von internen Hierarchien und Machtmissbrauch über den Aufbau von Förderstrukturen hin zur verpflichtenden Selbstvermarktung zeigt uns der
Wirtschaftszweig Kunst, dass er sich genauso gut zur neoliberalen Selbstoptimierung sowie zur Tradierung und Festigung von bestehenden Machtverhältnissen eignet.

Also wird die Rolle von Kunst- und Theaterschaffenden erst mal sein, unseren Handlungsspielraum auszuloten und uns zu fragen, ob wir lieber systemrelevant sein wollen oder systemverändernd.

Was liest Du derzeit?

Die Forelle von Leander Fischer.


Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„The woman of rubies replied: What else must I do by law? The oldest replied:
You must keep vigil at my death. But, the woman of rubies said, you must do
the same for me and how can that be possible? Because, said the oldest, my
life is a ring of a very strange shape.“
-Kate Mascarenhas The Psychology of Time Travel

Vielen Dank für das Interview liebe Anna-Sophie, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Gerne 🙂

5 Fragen an KünstlerInnen:

Anna-Sophie Fritz, Schauspielerin

Foto_Darek Gontarski @artandactors_photography

10.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com



Ein Gedanke zu „„Ob wir lieber systemrelevant sein wollen oder systemverändernd“ Anna-Sophie Fritz, Schauspielerin_Berlin 2.2.2021

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s