„Die Zeiten des Stillstehens sind vorbei. Damit meine ich das Stillstehen im Leben“ Sünje Lewejohann, Schriftstellerin_Berlin 6.2.2021

Liebe Sünje, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe morgens früh und vor den Kindern auf, mache mir Kaffee und nutze diese ruhige Zeit des Tages für erste Notizen, Tagebuch schreiben, Instagram, To Do Listen, manchmal Meditationen. Je nach dem wie meine Stimmung ist. Jetzt sind gerade Schulferien, aber in der Schulzeit geht es bei uns dann nach dem Frühstück mit Homeschooling weiter: das heißt, ich arbeite gemeinsam mit meinem elfjährigen Sohn an unserem großen Esstisch: er macht seine Schulsachen, ich unterstütze ihn dabei und arbeite an meinen Sachen, wenn er
selbstständig arbeitet. Meine vierzehnjährige Tochter hat Onlineunterricht und arbeitet alleine in ihrem Zimmer.

Ansonsten schreibe oder arbeite ich in jeder freien Minute des Tages an meinen Projekten, oft bis spät Abends. Nebenbei organisiere ich den Haushalt, kaufe ein, koche Essen, schaue Netflix, mache Yoga und gehe Laufen. Die Kinder und ich haben ein paar neue Rituale in den Alltag integriert und wir führen sehr viele Gespräche in denen oft unsere Wünsche, Alltagssorgen und auch Ängste thematisiert werden. Das ist eine der großen Errungenschaften der Pandemie, dass wir einander viel intensiver wahrnehmen. Wir kochen jetzt auch oft gemeinsam, backen Brot, arbeiten an kreativen Projekten und veranstalten
Kinoabende im Wohnzimmer.

Außerhalb des Lockdowns habe ich einen Coworkingarbeitsplatz in einem Café, der fehlt mir sehr. Jetzt bin ich auf die Wohnung beschränkt, was mitunter sehr einsam ist. Mir fehlt der Austausch mit Kollegen und jede Form von Literaturveranstaltungen und natürlich das Treffen mit Freunden, das Feiern und Reisen.

Sünje Lewejohann, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir unsere Werte überprüfen. Corona wird uns alle verändern. Natürlich können wir mit aller Kraft versuchen, so weiterzumachen wie bisher und immer an dem alten Leben, das wir vor Corona hatten, festhalten. Oder wir können mal loslassen und schauen, was braucht es jetzt? Wir können unsere Werte nochmal überprüfen. Vor Corona ist uns vielleicht nicht klar gewesen, wie sehr wir die Verbindung zu anderen Menschen brauchen. Und vielleicht dürfen wir uns jetzt nochmal darauf besinnen. Sind unsere Werte wirklich nur Konsum? Oder liegen unsere Werte vielleicht doch woanders?


Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt
dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube, wir müssen beweglich bleiben. Die Zeiten des Stillstehens sind vorbei. Damit meine ich das Stillstehen im Leben. Wir hatten uns ja alle sehr schön in unseren Komfortzonen eingerichtet. Aber das Leben ist kein Parkplatz. Jetzt werden wir alle ordentlich durchgerüttelt.

Etwas, das Corona uns lehrt ist ja, dass wir von Tag zu Tag leben müssen. Dass nichts mehr planbar ist und dass nichts selbstverständlich ist. Wir müssen komplett neu denken lernen. Unsere Kreativität ist gefragt wie nie. Das ist auch eine Chance; eine Riesenherausforderung zwar, aber auch eine Chance. Wir müssen schauen, was uns am Leben hält, wenn alles andere wegbricht. Wir müssen schauen, was uns menschlich macht. Literatur und Kunst, die ganze Kultur ist ein so kostbares Gut. Auch das wird jetzt vielen so
klar wie nie; dass Kultur uns am Leben hält, dass sie uns zeigt, wer wir sind, dass sie uns zeigt, was uns wichtig ist, was uns ausmacht, was unsere Herzen zum Singen bringt. Dass wir mehr brauchen als Luft zum Atmen und Nahrung. Wir brauchen auch Geschichten, wir brauchen Musik, Filme und Kunst. Auch hier dürfen wir uns noch einmal ganz neu besinnen, glaube ich.

Was liest Du derzeit?

Margarete Stokowski, Die letzten Tage des Patriarchats und Patti Smith, Just
Kids.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Alles ist Mist. Aber dann möchte man sich manchmal auf die Erde setzen und
sich vor Freude ins Hemd weinen.“
Aus: Janosch, Cholonek oder der liebe Gott
aus Lehm

Vielen Dank für das Interview liebe Sünje, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Sünje Lewejohann, Schriftstellerin

der goldene fischSünje Lewejohann, Autor bei der goldene fisch (der-goldene-fisch.de)

Foto_privat

5.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s