„Es ist die Literatur, die mir persönlich immer wieder geholfen hat, Dinge zu überstehen und weiterzumachen“ Marco Kerler, Schriftsteller_Ulm 4.2.2021

Lieber Marco, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich hauptberuflich, zu 100 Prozent, in einem Kindergarten arbeite, ich bin Erzieher, hat sich erst mal gar nicht so viel geändert. Ich fahre täglich, viel zu früh für die Welt und mich, mit dem Bus zur Arbeit.

Da das Busfahren insgesamt ca. 2 Stunden meines Tages einnimmt, ist der Bus selbst der Ort, an dem viele meiner Gedichte entstehen. Das heißt, dass ich dort entweder lese, über Projekte nachdenke, schreibe, in ein Büchlein, oder Gedichte in ein Handy tippe, die ich wiederum per SMS an Freundinnen und Freunde verschicke. Das Verschicken ist zum wichtigen Bestandteil meines Arbeitsprozesses geworden. Manchmal schlafe ich aber auch.

Mein nächster Gedichtband, der im Februar bei Rodneys Underground Press erscheinen wird, handelt mitunter vom Busfahren oder spielt an einem großen Busumsteigeplatz. Sein Titel lautet „Ehinger Tor Utopien/Abfahrtszeiten“.

Auf der Arbeit im Kindergarten ist gerade wenig los. Es gibt Notgruppen und wenige Kinder sind angemeldet. Nach der Arbeit hab ich gar nicht mehr so viel Zeit, was zu erledigen, bevor die Ausgangssperre beginnt. Ich muss also gut planen und sofort bereit sein, etwas zu tun. In Baden-Württemberg, in Ulm beginnt die Ausgangssperre um 20 Uhr.

Da ich kein Smartphone besitze, check ich zu Hause erst mal meine E-Mails und all den anderen Online-Kladderadatsch. Ich höre Schallplatten, lese, mache Projekte fertig oder schaue einen Film. Serien gucke ich selten. Podcasts und Hörspiele hab ich noch ganz gern.

Normalerweise würde ich noch in eine Bar, in ein Café gehen, um zu schreiben, Freunde zu treffen, den Abend ausklingen zu lassen. Stattdessen versuche ich früher zu schlafen, gelingt mir aber nicht so gut.

Dinge, die gerade ausfallen, sind z.B. montags der Ulmer Schreibtreff und mittwochs die Druckwerkstatt, in der ich Gedichte im Handsatz setze.

Am Wochenende versuche ich nicht lang auszuschlafen, sondern früh aufzustehen, um noch etwas vom Tag zu haben. Gelingt mir weniger gut.

Marco Kerler, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Echte Toleranz für- und miteinander. Den Glauben an das Gute nicht verlieren und nicht glauben, dass immer das, das für einen selbst gut ist, für den anderen auch gut ist und so weiter und so fort.

Dass es leicht wird, hat ja niemand gesagt. Dass es besser wird, davon bin ich überzeugt. Das bin ich immer! Da hab ich Hoffnung, bin ich zuversichtlich. Die „Rolle“ des melancholischen Dichters hab ich genug gespielt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube nicht, dass Literatur eine besonders andere Rolle bekommen wird, als jene, der ihr sowieso schon inne liegt. Es ist die Literatur, die mir persönlich immer wieder geholfen hat, Dinge zu überstehen und weiterzumachen. Es ist die Literatur, in die ich flüchtete, aus der ich Kraft schöpfte und das wird so bleiben.

Ob Literatur für jemand anderen dieselbe Rolle einnehmen wird (von soll und muss, mag ich nicht sprechen, weil Literatur soll und muss niemals und wenn, dann würde meine etwas anderes tun) ist von der Person abhängig. Manch einer guckt lieber Sport, schaut Fußball. Das ist eben so.

Etwas anderes zu sagen, finde ich überheblich. Auch wenn ich der Literatur in meinem Leben eine große Rolle zuspreche und nicht aufhören werde, Gedichte an jene zu verschenken, die sonst nichts damit anfangen können, weil ich der festen Überzeugung bin, dass es für jeden diesen einen Gedichtband gibt, kann ich doch niemanden dazu zwingen.

Was liest Du derzeit?

In meiner Tasche, die ich überall mitschleppe, befinden sich zur Zeit:

„Little Mags“ von Hadayatullah Hübsch, „Welt und Wirklichkeit“ von Jim Avignon, „Studie in Scharlachrot“ von Arthur Conan Doyle, „John Marr und andere Matrosen“ von Herman Melville, „Zauberspruch für Verwundete“ von Pauline Füg und Markus Freise, sowie eine Ausgabe der Spektrum Kompakt mit dem Thema „Unendlich“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“Das Fatale an Romanen”, sagte John Rivers, “ist, daß sie zuviel Sinn ergeben. Die Wirklichkeit ergibt nie einen Sinn.” aus „Das Genie und die Göttin“ von Aldous Huxley.

Vielen Dank für das Interview lieber Marco, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Marco Kerler, Schriftsteller

Marco Kerler – kritzelt und nennt das Texte

Foto_Susanne Wasserlechner

13.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s