„Und Träume zu spinnen ist eine gute Zuflucht in der Krise – jedenfalls meine Zuflucht“ Dilek Mayatürk-Yücel, Schriftstellerin_Berlin 7.2.2021

Liebe Dilek, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?

Meine Tage laufen nicht immer gleich ab. Ich bin in der Regel nachts aktiver und produktiver; die meisten Sachen mache ich nachts. Da mein Buch „Brache“ vor noch relativ kurzer Zeit erschienen ist, bin ich viel damit beschäftigt. Zum Beispiel arbeite ich mit einem österreichischen Schauspieler und Universitätsdozenten über Skype an der Vertonung der Gedichte aus „Brache“. Das macht Spaß.

Ansonsten mache ich, was ich immer mach: Ich lese und schreibe. Wenn es nicht zu kalt ist, gehe ich spazieren. Ich arbeite an meinem neuen Buch und versuche, mein Deutsch zu verbessern. Und ich mache Pläne. Es gibt Dinge, die ich mir für dieses Jahr vorgenommen habe. Dafür mache ich kleine Schritte.

Um diese Zeiten ohne Schaden an Geist und Seele zu überstehen, versuche ich mich weiterzubilden. Ich lese über Fotografie und sortiere meine alten Fotos. Ich koche viel. Das klingt vielleicht merkwürdig, aber für mich ist das eine neue Sache. Vor dem Schlafen mache ich neuerdings Joga. Und jeden Tag sitze ich auf dem Sofa und mache nichts anderes als nachzudenken.

Dilek Mayatürk-Yücel, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube: Nicht klagen, sondern sich mit dem beschäftigen, was uns schöpferisch macht. Im Laufe eines Tages gehen uns tausende Dinge durch den Kopf. Ein Teil davon kann aus Angst bereiten. Wir können versuchen, sie mit Übungen unter Kontrolle zu bringen. Wenn ich mich beim Klagen und Beschweren ertappe, versuche ich, mir das abzugewöhnen. Wir sollten uns unserer Schwächen bewusst sein. Krisenzeiten sind gute Gelegenheiten, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Außerdem scheint mir wichtig: Geduld, Verständnis und Unterstützung der Menschen in unserer Umgebung. Der Mensch kann von Natur aus Ungewissheit nicht ausstehen; er kann es sogar vorziehen, mit einer großen, aber konkreten Gefahr zu leben als in ständiger Ungewissheit. Aber wir haben ein Gehirn und sind fähig, es zu lenken. Das ist eine individuelle Sache, kein anderer Mensch kann für Sie denken. Über die Funktionsweise unseres Gehirns wissen wir weniger als über das Bedienungsmenü unseres Smartphones. In Krisenzeiten wird deutlich, welche Nervenstärke es besitzt. So, wie man seine Arm- und Beinmuskeln trainieren kann, kann man auch seine Nerven trainieren.

Es gibt Menschen, die innerhalb von fünf Minuten hunderte dreistelliger Zahlen auswendig lernen können – mit dem gleichen Gehirn wie alle anderen. Der Unterschied ist: Sie trainieren ihr Gehirn.

Und Träume zu spinnen ist eine gute Zuflucht in der Krise – jedenfalls meine Zuflucht.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur und Kunst sind meine zuverlässigen Weggefährten. Wenn Bücher Menschen wären, würde ich mich bei jedem einzelnen von ihnen für ihre Freundschaft bedanken.

Was liest du derzeit?

Yu Hua, Der Mann, der sein Blut verkaufte

George Orwell, Essays

Hans Magnus Enzensberger, Gedichte 1950-2020

Adam Phillips, Missing out: In Praise of the Unlived life

Welches Zitat, welchen Text Impuls möchtest du uns mitgeben?

„Es gibt für den Menschen keine geräuschlosere und ungestörtere Zufluchtsstätte als seine eigene Seele.“ (Marcus Aurelius)

Vielen Dank für das Interview liebe Dilek, viel Freude und Erfolg weiterhin für Ihre großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Ich bedanke mich. Bleiben Sie gesund.

5 Fragen an KünstlerInnen:

Dilek Mayatürk Yücel, Schriftstellerin

Foto_Baris Özogul

13.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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