Liebe Svenja, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich ziehe mich kaum mehr an, ich gehe kaum mehr raus und wenn, dann in den Wald, ich schreibe wenig, schleife eher, lese viel, die Wohnung ist recht eng, wir sind zu viert und alle ziemlich groß, mir wächst langsam ein Bart.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
…zu fragen, wer und was bei dem „wir“ alles dabei ist. Literatur und Kunst sind im besten Fall selbst der Aufbruch.
Was liest Du derzeit?
Gedichte: Galal Alahmadi, Maren Kames, Thomas Kling, Schlussworte der Nebenkläger*innen im Halle-Prozess, Theweleit, Haraway, Preciado
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Du hast keine hängenden Schultern, verantwortlich ist / dieses eine heikle Wort.“ Galal Alahmadi, Die Leere der Vase, Secession Verlag Berlin, 2020
Vielen Dank für das Interview liebe Svenja, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Florian-Raphael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Durch den ganzen Trubel, der uns seit letztem Jahr begleitet, schaue ich noch mehr auf mich und habe begonnen darauf zu hören, was mir gut tut. Also beginnt mein Tag mit einer guten Runde Yoga und Atemübungen. Dann geht’s, anders als den Großteil von 2020 wieder ans Proben, worüber ich mich glücklich schätze und endlich wieder meine kreativen Energien raus lassen kann. Organisieren und Planen kommt auch ganz oft vor, speziell wenn so wie jetzt wieder die Maßnahmen in geplante Projekte eingreifen. Nichts ist wirklich fix, also heißt es planen, warten, ob etwas angekündigt oder verordnet wird, um dann womöglich wieder umzuplanen. Was leider auch die Folge hat, dass man teilweise Projekte absagen muss, weil diese sich auf einmal überschneiden. Da hab ich letztes Jahr schon viel Geduld gelernt. In Nichtpandemiezeiten würde ich auch regelmäßig als Zuseher ins Theater gehen. Das fällt natürlich jetzt weg, genauso wie Freunde treffen, ins Kino gehen, Restaurants, und und und… Stattdessen bemühe ich mich durch Spaziergänge, Wanderungen und Sport genügend Bewegung zu bekommen, die für mich sehr wichtig ist. Mein Abend endet meistens gemütlich beim Film/Serie schauen, Lesen, Zocken oder mal bei ein bisschen Tai Chi, je nachdem worauf ich Lust habe.
Florian-Raphael Schwarz_Schauspieler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Einerseits die Ruhe und das Vertrauen, dass diese ganze Situation besser wird, wenn jeder seinen Teil dazu beiträgt und Verantwortung übernimmt. Und da geht es nicht darum, irgendjemandem oder einer Seite Schuld hinzuschieben, sondern darum, gemeinsam dran zu bleiben und Geduld zu haben. Andererseits ist es nun auch wichtig, dass wir uns darüber Gedanken machen, wie wir weiter machen möchten.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ich würde mir wünschen, dass es vermehrt weggeht vom „Ich“, dem Ego, und mehr zu einem „Wir“, einem Miteinander. Das meine ich nicht nur untereinander, sondern auch in der Politik, in der Wirtschaft, zwischen den Ländern. Ich würde mir wünschen, dass wir realisieren, was wir Ungeheures gemeinsam schaffen können – viel mehr als alleine oder gegeneinander ankämpfend. Dass jeder Verantwortung trägt und einen Teil beitragen kann, damit alle ein schönes Leben auf diesem wundervollen Planeten haben. Und ja, ich weiß, das klingt vielleicht zu optimistisch, um wahr zu sein… aber nur vielleicht.
Die Kunst hat, genau wie jeder einzelne von uns, die Möglichkeit sich wieder neu zu finden, neu zu erfinden und mehr denn je, Dinge aufzuzeigen. Kunst schafft es auch zu unterhalten, Erfahrungen und Perspektiven zu liefern, egal in welcher Form auch immer.
Wir haben aber auch gesehen, wie selbstverständlich für viele die Kunst und das Theater war. Hier gilt es sich wieder seinen Platz zu erkämpfen und aufzuzeigen, wie wichtig unsere Arbeit als Schauspieler und das Ganze, das am Theater geschieht, eigentlich ist. Es ist ein Ort, wo man durch das Geschehen auf der Bühne Geschichten und Situationen live mit- und durcherleben kann. Es ist ein Ort, der eine einzigartige Verbindung zwischen den Schauspielern und dem Publikum entstehen lässt, welche von keinem Fernseher oder Stream abgelöst werden kann. Das Theater verleiht einem das Gefühl, an etwas teilzuhaben. Denn nach der Vorstellung tauscht man sich aus, hört anderen dabei zu oder behaltet das Erlebte für sich. Emotionen zu teilen und sich auszutauschen ist ein wichtiger Bestandteil von uns Menschen, der nicht ersetzt werden kann. Genau deswegen brauchen wir einen Ort wie das Theater, wo Verbindungen geschaffen, gesehen, besprochen und gefühlt werden können.
Was liest Du derzeit?
„Der arme Spielmann“ von Franz Grillparzer.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Auch das geht vorüber, oder die Nacht ist am dunkelsten vor dem Morgen.
Florian-Raphael Schwarz_Schauspieler
Vielen Dank für das Interview lieber Florian-Raphael, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Florian-Raphael Schwarz, Schauspieler
Alle Fotos_Walter Pobaschnig_reenacting _ Malina_Roman_Ingeborg Bachmann_Wien 2_2021.
7.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Alexandra, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf hat sich durch die aktuelle Situation nicht viel verändert, außer dass ich die Zeit nun bewusster wahrnehme und nutze. Durch unsere Tochter sind wir als Familie automatisch in einem gewissen Rhythmus, den wir versuchen, an die jeweilige Situation anzupassen. Das bringt natürlich Vor- und Nachteile für alle Beteiligten, ist aber vor allem eine große Bereicherung für jeden von uns. Außerdem habe ich das Glück, als Audiokommentatorin und Hörfilmautorin beim Fernsehen weiter beschäftigt zu sein. Das ist ein großes Geschenk, wofür ich unendlich dankbar bin.
Alexandra Kloiber-Karner, Schauspielerin
Was mir natürlich wahnsinnig fehlt, ist das Theater. So wie fast allen lieben KollegInnen, wurden mir beinahe alle Produktionen seit März 2020 abgesagt oder verschoben und wir wissen de facto nicht, wann wir endlich weiterarbeiten können. Mir persönlich fällt es schwer, permanent „on hold“ zu sein und dann doch immer wieder vertröstet zu werden. Das zehrt an meiner Ausdauer – daran arbeite ich. Gleichzeitig versuche ich, die Zeit für Fortbildung zu nutzen.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Wir leben in einer Zeit, in der das Wohl des Einzelnen und das Wohl der Gesellschaft in einem starken Spannungsverhältnis stehen. Dabei vergessen wir, dass beides unmittelbar miteinander korreliert. Wir müssen begreifen, dass wir als vollwertiges Individuum auch Teil des großen Ganzen sind und dass das große Ganze eben die Summe aller Individuen ist. Wenn wir die Welt als großen Körper betrachten und diesen mit unserem menschlichen Körper in Äquivalenz setzen, werden wir erkennen, dass es für einen „vollständigen“ Körper alle Facetten braucht. So wie wir an unseren menschlichen Körpern unterschiedliche Dinge „gut“ finden, gefällt uns auch am Körper „Welt“ manches mehr und manches weniger. In einer Zeit, in der man vermeintliche Schönheitsmakel einfach ausmerzt, nehmen wir uns die Freiheit heraus, diese Korrekturen auch am großen Ganzen vorzunehmen. Aber so, wie dem einen „muskulös“ und dem anderen „kurvig“ gefällt, differiert auch unsere Sicht auf die Welt. Das sollten wir berücksichtigen, wenn wir über andere urteilen und versuchen, unsere Mitmenschen von unseren persönlichen Ideologien zu überzeugen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Als junges Mädchen wurde ich einmal gefragt, warum ich so gerne auf der Bühne stehe. Damals wie heute lautet die Antwort: Ich möchte die Menschen aus ihrem Alltag abholen und sie für einen Augenblick in eine andere Welt entführen.
Das ist wichtig, denn oft ist das Eintauchen in eine andere Welt unsere einzige Möglichkeit, vielseitige neue Impulse zu bekommen. Die brauchen wir aber, um zu wachsen.
Ich denke, wesentlich wird dabei sein, dass wir uns dem nicht verschließen. Wir sind an einem Punkt, wo uns lange genug eingetrichtert wurde, dass Kunst nicht systemrelevant sei. Die Folgen des „Kunstentzuges“ sind allerdings immer mehr spürbar. Es fällt immer schwerer, Zustände zu hinterfragen, wir verlieren unsere Offenheit gegenüber Neuem, konzentrieren uns noch mehr auf uns selbst und versteifen uns zu sehr auf unsere eigenen Ansichten. Das schmälert unseren Handlungsspielraum. Gerade jetzt wäre es wichtig, offen zu bleiben, um Veränderung geschmeidig und mit einem gesunden Maß kritischer Beobachtung annehmen zu können.
Was liest Du derzeit?
Ich habe kürzlich die „Trotzkopf“-Sammlung von Emmy von Rhoden ausgegraben und arbeite mich gerade durch die Entwicklung der Ilse Macket. Mich fasziniert das Frauenbild dieser Zeit – heute undenkbar und doch vielleicht, nebst der parallelen Entwicklung des Männerbildes, mitverantwortlich für die vielen scheiternden Beziehungen. Mir fehlt in unserer Zeit der „Selbstverwirklichung“ das Verantwortungsgefühl gegenüber unseren Mitmenschen. Das „Etwas-Füreinander-Tun-Wollen“, auch wenn man dabei selbst mal zurückstecken muss.
Außerdem liegen aktuell Shakespeares „Was ihr wollt“ und Joachim Meyerhoffs „Hamster im hinteren Stromgebiet“ auf meinem Nachttisch.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Die Liebe und das Mitgefühl sind die Grundlage für den Weltfrieden – auf allen Ebenen.
Dalai Lama
Alexandra Kloiber-Karner, Schauspielerin
Vielen Dank für das Interview liebe Alexandra, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Danke!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Alexandra Kloiber-Karner, Schauspielerin
Alle Fotos_Walter Pobaschnig _Cafè Prückel_Wien_1_21
26.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Volha, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mit dem Lockdown ist der Alltag nicht besonders vielfältig. Am Morgen checke ich meine Emails während ich Kaffee trinke. Dann arbeite ich an Texten, manchmal führe ich Gespräche mit meinem Verleger oder meiner Übersetzerin. Nach dem Mittagsessen arbeite ich wieder, und lese. Ab und zu gehe ich ein bisschen spazieren. Am Abend spreche ich mit meiner Mutter und meinem Lebenspartner, der leider zurzeit in Amerika arbeitet, oder auch mit Freunden, ich sehe mir ein paar Episoden von Serien an, nehme mein Abendessen ein und gehe schlaffen.
Volha Hapeyeva, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Geistig und physisch gesund zu bleiben, daran müssen wir uns immer wieder erinnern, denn es ist jetzt eine ungewöhnliche Zeit. Man sollte lieber nicht zu streng mit sich und anderen sein, sondern versuchen die Schönheit im Alltag zu sehen und sich des Lebens bewusst zu sein.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Für mich persönlich sind Kunst und Poesie die Rettungsmittel. Ohne sie wäre mein Leben unmöglich. Selbst zu schaffen und zu sehen was die anderen schaffen – das gibt mir Freude und Kraft, um weiter zu leben. Aber das muss vielleicht nicht für jeden so sein. Wir sind alle verschieden und haben verschiedene Mechanismen, um mit schwierigen Situationen zurecht zu kommen. Was ich meine ist, dass Kunst und Literatur immer da sind, wenn jemand sie braucht, dieser ganze Vorrat an Menschlichkeit, es freut mich immer, dass er da ist, um zu helfen.
Einmal wurde ein Freund von mir verhaftet und ins Gefängnis gesteckt, nur weil er Bücher verkaufte. Er war kein Poesieliebhaber, aber in seinem ersten Brief aus dem Gefängnis bat er mich, dass ich ihm meine Gedichte schicke, das half ihm, dort zu überleben. Für mich war das ein starkes Argument, weiterzumachen und nie wieder an der Bedeutung der Poesie und des poetischen Worts zu zweifeln.
Auf allen Ebenen unseres Lebens gibt es so viel unnötige Gewalt. Sie tötet Menschen nicht nur körperlich, Gewalt verstümmelt unsere Herzen und Seelen, sie macht Aggression, Wut und Angst zu normalen, fast routinemäßigen Elementen des Alltags. Deshalb ist Poesie und Kunst für mich ein Mittel, um Empathie auszudrücken und zu verbreiten.
Was liest Du derzeit?
Ich lese gerne mehrere Bücher parallel.
Zu Zeit lese ich:
„Colors for Your Every Mood: Discover Your True Decorating Colors” von Leatrice Eiseman, ein Buch über Farben mit spannenden und interessanten Einblicken in die Welt der Farben.
„Sumi-e: Japanische Tuschemalerei: Techniken und kultureller Hintergrund“ von Naomi Okamoto – noch ein Buch das mit Kunst und Malen verbunden ist, in dem die Autorin ganz poetisch die Feinheiten dieses Japanischen Genres erklärt, z.B. wenn sie über Grenzen und Umrisse schreibt. Nebel und Ungenauigkeit werden in Japan mehr geschätzt als im Westen, wo Genauigkeit und Klarheit der Kontur wichtig sind. Vielleicht wegen des feuchten Klimas. Neblige Landschaften sind ein beliebtes Motiv der japanischen Malerei, was auch eine besondere Sicht auf das Leben widerspiegelt: alles ist unbeständig. Im Gegensatz zum Westen – wo das Wichtigste der Logos ist, mit seinen klaren Grenzen.
Das Buch des dänischen Professors Svend Brinkmann „Pfeif drauf!: Schluss mit dem Selbstoptimierungswahn“. Ich wurde von Brinkmanns These angezogen: laut dessen die Extrapolation der Überlebenslogik auf das tägliche Leben für die Psyche des Einzelnen und für soziale Beziehungen im Allgemeinen schädlich ist. Das Leben ist nicht wie ein linearer Fortschritt von null bis zehn — eher wie ein ungleichmäßiges Kardiogramm. Die Orientierung an dieser Art von Erzählung ist humaner und ethischer, weil wir das Recht auf Versagen, auf Kümmernis, Schmerz anerkennen und dadurch dieses Recht auch für Andere anerkennen können.
Als Audiobuch höre ich das Buch des berühmten amerikanischen Psychoanalytikers und Schriftstellers Irvin Yalom „Denn alles ist vergänglich: Geschichten aus der Psychotherapie“ (Creatures of a Day: And Other Tales of Psychotherapy). Das ist keine einfache Lektüre, aber eine nützliche, die Themen sind Älterwerden, Ruhestand, Umgang mit dem Tod.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Heute habe ich nichts gemacht
Aber viele Dinge geschahen in mir
Roberto Juarroz, argentinischer Dichter
Für viele Menschen, die mit intellektueller Arbeit beschäftigt sind, verläuft der kreative Prozess unsichtbar, man muss viel nachdenken, sich etwas vorstellen, lesen und diskutieren, und oft entsteht nach einem ganzen Tag solcher Arbeit — eine Zeile oder gar keine. Aber das bedeutet nicht, dass es keine Arbeit gab, es gab sie, aber sie war vor den Augen verborgen und hatte keine materielle Verkörperung.
Vielen Dank für das Interview liebe Volha, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Volha Hapeyeva (Вольга Гапеева), geboren in Minsk (1982), ist eine belarussische Lyrikerin, Autorin, Übersetzerin und promovierte Linguistin. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Preise und Auszeichnungen. In Deutschland war sie u. a. Stipendiatin der Stiftung Preußische Seehandlung (2009) und Gastautorin im Literarischen Colloquium Berlin (2018). In Österreich war sie 2013 Artist-in-Residence im Internationalen Haus der Autoren in Graz und 2014 Artist- in-Residence in Wien (KulturKontakt des Kultusministeriums).
Volha Hapeyeva schreibt Gedichte, Prosa und Dramen. Sie tritt ebenso als Kinderbuchautorin wie als Übersetzerin hervor. In Zusammenarbeit mit Künstlern der elektronischen Musik veranstaltet sie audiovisuelle Performances. Sie ist häufig Gast auf Internationalen Festivals. 2019/2020 ist Volha Hapeyeva für ein Jahr Stadtschreiberin von Graz. Volha Hapeyeva ist Mitglied des PEN-Zentrums Belarus und des unabhängigen Schriftstellerverbandes Belarus. Ihre Gedichte wurden in mehr als 10 Sprachen übertragen, sie wurden in den USA, Österreich, Deutschland, Polen, Russland, Georgien, Litauen und anderen Ländern veröffentlicht. Sie ist die Autorin von 11 Büchern auf Belarussisch, u. a. erschienen zuletzt die Gedichtbände „Die Grammatik des Schnees“, „Schwarzer Mohn“, „Die Worte die mir passierten“ und der Roman „Camel-Travel“. Auf Deutsch erschienen Lyrikband „Mutantengarten“ (Edition Thanhäuser, 2020), Roman „Camel-Travel“, Droschl Verlag, 2021 Hapeyeva forscht in den Bereichen vergleichende Linguistik, Sprachphilosophie, Körpersoziologie und Geschlechterfragen in Kultur und Literatur. Sie ist Autorin einer theoretischen Monographie über vergleichende Linguistik und eines zweisprachigen Sem-Wörterbuchs der optativen Semantik.
Liebe Erika, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Neubeginnen. Das denke ich mir oft, wenn ich morgens mit meiner Kaffeetasse am kleinen Schreibfenster sitze und zu den Fenstern am gegenüberliegenden Haus blicke oder auf den See. Jetzt gerade, da alles so ruhig unter der dicken Schneedecke liegt. Die Welt könnte doch einfach neu beginnen. Aber ich weiß, das ist ein utopischer Wunsch. Dabei wäre jetzt der beste Zeitpunkt. Vielleicht der einzige, einer der sich in einigen hundert Jahren erst wieder bietet.
Persönlich war ein gewisser Neubeginn im Jänner 2020, da ich beim AutorInnenverband Literatur Vorarlberg das Amt der Präsidentin übernommen habe. Mit einer nicht enden wollenden To-do-Liste. Ein Neubeginn neben meiner schriftstellerischen Arbeit, neben Workshops, Kunst und Familie. Mein Anspruch ist Partizipation, d.h. Teilhabe für alle, kein namedropping, sondern Möglichkeiten der Teilnahme zu eröffnen, Weiterentwicklung für KollegInnen der Literatur Vorarlberg und Vernetzung mit anderen AutorInnen anzuregen. Der erste Lockdown und die abgesagten Auftritts/Lesungsmöglichkeiten waren somit nicht die Zeit, in Agonie zu versinken, sondern Impetus, dem Coronavirus, das sich so allmächtig in den Gehirnen festgesetzt hatte, mit einem Gedichtvirus den Kampf anzusagen. Radio Vorarlberg hat die Idee umgesetzt und Gedichte von mehr als 40 AutorInnen als „Wohnzimmerliteratur“, wie diese radiophonen Einschübe dann genannt wurden, gesendet.
Dieses „Neu“ zog sich durch das ganze 2020: Wir ermuterten VeranstalterInnen, Videolesungen zu machen, ich lernte in diesem ersten Lockdown ein neues Videoschnittprogramm, erlernte Meetings per ZOOM einzuberufen, Online-Workshops und -Sitzungen durchzuführen (diese online-Workshops machten es möglich, dass Teilnehmende von Wien, Zürich und Mexiko an Schreibworkshops teilnehmen konnten, die live nie eine solch weite Reise für einen Workshop auf sich genommen hätten) und ich selbst habe online Theatervorstellungen und Diskussionen besucht, die ich sonst nie besuchen hätte können. Eine Aufführung in Wien, eine in Dresden, Theater in St. Pölten – ein Veranstaltungshopping an manchen Abenden.
Dadurch, dass es keine Möglichkeit gibt, abends zu Lesungen zu gehen und KollegInnen zu treffen, verschieben sich diese verlorenen Möglichkeiten auf lange Telefongespräche, gemeinsames Essen per Zoom und „Besuch“ von Online-Lesungen. Ich glaube, Online-Lesungen werden auch künftig eine gute Möglichkeit sein, eine größere Reichweite für SchriftstellerInnen zu erzielen. Dies habe ich auch beim Feldkircher Lyrikpreis festgestellt, welchen ich seit 2003 organisiere: Er sah 2020 zum ersten Mal die Preisvergabe des 3. Preises durch das Publikum vor. Gezwungen, ihre Gedichte online zu präsentieren, hatten somit die auf der Shortlist stehenden DichterInnen ein ungeahntes weites Welt-Feld, Votings für ihre Gedichte zu erhalten.
Erika Kronabitter, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Den Gedanken, des Neubeginnens weiter zu denken: Wie oft sprachen wir schon vom Grundeinkommen? Jetzt wäre die beste Möglichkeit. Jetzt, da die Regierung sowieso viel Geld in die Hand nehmen muss, ich denke da an Ausfallsbonus, Covid-Gelder usw., könnten die Politiker aller Farben tatsächlich die Probe aufs Exempel machen.
Jetzt könnte umgedacht werden. Wir wissen doch, wer in dieser schwierigen Zeit, in welcher so viele Menschen von einem Minimum leben, die Gewinne einstreift. Hier muss eine Besteuerung/Höherbesteuerung ansetzen.
Jetzt, 2021 angesichts der Ausweitung der Pandemie und Virusmutation wünschte ich mir, es gäbe in der Presse und Berichterstattung ein klügeres, verantwortungsvolles Vorgehen, d.h. ein gezieltes Aufmerksammachen zu Besonnenheit und Solidarität. Was bringt ein ständiges Wiederholen von „Coronamüdigkeit“? So etwas ist einfach lächerlich. Wenn jemand Krebs hat, kann er auch nicht von einer „Krebsmüdigkeit“ sprechen. Dazu kommen noch VerschwörungstheoretikerInnen und Rechtsradikale, welche die Gunst der Stunde nutzen. Gratis-„Dumpf“-Zeitschriften, welche man bei der U-Bahn und den Bahnhöfen zur freien Entnahme vorfindet, dürfen von Parteien nicht mitfinanziert werden.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Aufbruch oder Neubeginn – dass diese Pandemie, die Lockdowns zu einer gewissen Veränderung führen, da bin ich mir nicht so sicher. Das Denken der Menschen, ihr Verhalten, Ellbogentechnik und die Gier nach Mehr und Mehr lässt sich nicht so leicht verändern. Das Gejammer, dies und jenes derzeit nicht tun zu dürfen, weil die Regierung nicht oder doch, weil die oder der… und immer noch die Masken oder schon wieder eine Virusmutation… Viele drängen ja gerade dazu, sofort wieder dort weiter zu machen, wo es am 13. März 2020 gestoppt hat.
Andererseits: Literatur hat immer schon eine tragende Rolle gespielt und Veränderungen bewirkt – ich denke hier an verschiedene Frauen wie Elfriede Jelinek, Virginia Woolf, Simone de Beauvoir, Judith Butler, Margaret Atwood, welche mit ihren Texten zur Diskussion und Denkveränderungen beigetragen haben.
Das wird Literatur auch weiterhin tun/tun müssen: Aufzeigen, den Finger in die Wunde, sodass es weh tut. Dazu gehört auch, Wehleidigkeiten aufzuzeigen. Literarische Streicheleinheiten sind ineffizient.
SchriftstellerInnen, SchauspielerInnen, MusikerInnen und KünstlerInnen müssen auch nach dem hoffentlich letzten Lockdown zusammenarbeiten und als große Konstante agieren. Und sie müssen von der Politik als wichtiger Part im Gesamtsystem gesehen, dementsprechend auch finanziell bedacht werden.
Was liest Du derzeit?
Ich versuche mich an Ulysses von James Joyce, allerdings nicht im Original, sondern in der Übertragung von Hans Wollschläger;
Weiters lese ich immer wieder in Die Jahre von Annie Ernaux und GRM von Sibylle Berg – drei Bücher von ungefähr zehn, die ich je nach Tag und Laune weiterlese und immer wieder Gedichte von Friederike Mayröcker.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ich halte es mit Friederike Mayröcker, die sagt, es ist eine Gnade, schreiben zu können.
Erika Kronabitter, Schriftstellerin
Vielen Dank für das Interview liebe Erika, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Andrea, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Meine Tage sind stiller geworden, im Innen und Außen.
Ich verbringe die Tage im Homeoffice und habe durch die entfallende Wegstrecke zur Arbeit mehr Zeit für meine Texte und Spaziergänge im Wald. Dort erfahre ich absolute Freiheit fernab vom Lärm draußen. Ich gehe abseits der Wege, querfeldein und mitten hindurch, alleine auf mich gestellt. Es ist ein anderes Erleben als auf einem Pfad zu gehen. Barfuß stehe ich dann manchmal dort, und die Ideen für mein Schreiben kommen dort ganz automatisch.
Die Stille ist ein wesentlicher Aspekt meiner Arbeit. Da es in meinem Kopf permanent lärmt, suche ich wohl deshalb die Stille; aktuell im außen im Wald.
Wenn ich so darüber nachdenke, ist die Situation bis auf wenige Dinge, die nicht möglich sind, aktuell genau das, was mir zusagt: nämlich der Rückzug von außen und der Versuch, mich selbst aushalten zu können.
Und wenn ich mich aushalte, dann ist das schon ein großer Gewinn.
Andrea Wecke, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Wir dürfen nicht den Mut verlieren und nicht das Vertrauen – und zwar in uns selbst. Der Mensch hält mehr aus als er sich vorstellen kann, und wichtig ist die Verbundenheit zu uns selber. Das sich selbst spüren können und das Aushalten der Situation wie sie eben nun mal ist.
Einsamkeit ist ein weiterer Aspekt meiner Texte. Die Menschen wollen gesehen und geliebt werden, und in Zeiten wie diesen erfahren gerade die Social Media Kanäle auch eine andere Tragweite als noch vor einem Jahr. Das ist Fluch und Segen zugleich, entsteht doch nur eine scheinbare Nähe und ein scheinbares Gesehenwerden. Aber es ist wichtig, das Gemeinschaftsgefühl nicht zu verlieren. Keiner muss alleine sein – auch wenn es nur die scheinbare Nähe ist, auch sie kann tröstlich sein.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich denke, unser Leben wird nach dieser Zeit ein anderes sein. Selbst, wenn wir zur „gewohnten Normalität“ zurückkehren. Was ist diese Normalität und wer sagt, dass wir „normal“ gelebt haben? Vielleicht haben die Menschen sich jahrelang auch verrannt und der jetzige Zustand kommt dem einer Normalität nahe?
Die Situation ist in unserem Kopf: Nur wir haben sie erlebt, vielleicht finanzielle Einbußen erlitten oder einen geliebten Menschen durch die Krankheit verloren. Es ist ein Neubeginn, und diese Chance sollten wir nutzen, uns selbst wieder nahe zu kommen.
Es ist meiner Meinung nach an der Zeit, endlich umzudenken und aufzuwachen. Welches Leben wollen wir führen? Welche Werte können wir den Kindern vermitteln? Literatur und Kunst an sich kann hier helfen. Viele Menschen haben das Lesen für sich entdeckt und es ist doch wunderbar, wenn wir diese kleinen Veränderungen in den Neubeginn integrieren.
Höher, schneller, weiter. Ich denke dieses Kapitel ist zu Ende. Gescheitert an uns selbst und es ist an der Zeit, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, auch wenn es schmerzlich ist.
Wir können aktuell von der Literatur nur lernen. Sie hat die dunkelsten Kapitel der Menschheit über Jahrhunderte hinweg überstanden und das gedruckte Wort ist geblieben.
Was liest Du derzeit?
Aktuell ist es wieder einmal „Die Infantin trägt den Scheitel links“ von Helena Adler, ich lese es bereits das dritte Mal beziehungsweise es lohnt sich immer, darin mal zu blättern und zu lesen.
Clarice Lispector und Ludwig Fels sind auch wunderbare Wegbegleiter.
All diese Texte berühren mich sehr und bestärken mich in meinem Tun.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Es ist kein Zitat, vielmehr das, worum es mir geht beim Schreiben.
Ich will alles auf Papier bringen …
All das Unerhörte, Obszöne, Liebliche, Traurige, Freudige, Erregende, Versöhnliche, Dankbare, Hässliche, Mutige, Bigotte, Verstörende, Grausame, Entsetzliche… also alle Facetten, die das Leben uns vor die Füße wirft.
Das versuche ich beim Schreiben auszudrücken.
Andrea Wecke, Schriftstellerin
Vielen Dank für das Interview liebe Andrea, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Textprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Andrea Wecke, Autorin
Fotos_Regina Ziegler
17.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Martin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Da ich meinen erlernten Beruf gesundheitsbedingt habe aufgeben müssen, hat sich mein Tagesablauf durch Corona nur wenig verändert. Ich schreibe vor allem am späten Vormittag und späten Nachmittag; dazwischen erledige ich Sachen, die man eher beiläufig tut, Social Media zum Beispiel. Doch steht durch Corona nun einmal in der Woche Home-Schooling an, nicht bei uns daheim, sondern bei Nichten und Neffen. Da ich wegen einer schweren Erkrankung meiner Frau stets koche, einkaufe und chauffiere, ist es nicht an allen Tagen gleich.
Martin Meyer, Schriftsteller, Musiker
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Geduld und Empathie. Geduld ist in unserer globalisierten, schnelllebigen Welt zu einem arg knappen Gut geworden, desgleichen die Empathie. Jeder und jede Einzelne sowie auch die Gesellschaft als Ganzes bedürfen dieser Tugenden in diesen Zeiten mehr als je zuvor. Sie sind daher auch conditio sine qua non dafür, dass Individuum und Gesellschaft unbeschadet, hoffentlich sogar gestärkt, aus dieser Krise hinauskommen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Musik, der Kunst an sich zu?
Kunst aller Gattungen ist seit jeher ein Seismograph des Mikrokosmos Mensch und des Makrokosmos Gesellschaft – ob Literatur oder Musik, bildende Kunst, Theater, Tanz oder Architektur. In der Kunst kann sich Individuelles ungehindert und schöpferisch Bahn brechen in dieser globalisiert uniformen Welt. Daher ist mir um den einzelnen Künstler, die einzelne Künstlerin nicht bange. Mehr Sorge beschleicht mich über die institutionelle Kunst, die Theater, Orchester, Ballette und Museen. Auch hier ist aber jeder einzelne Künstler, jede einzelne Künstlerin mit in der Pflicht. Wir zusammen müssen darauf dringen, dass es solche Räume der Kunst auch nach Corona ungeschmälert gibt.
Was liest Du derzeit?
Als Sachbuch lese ich gerade „Salon Deutschland. Geist und Macht 1900-1945“ von Wolfgang Martynkewicz.
An Romanen „Lügenbilder“ von Kerstin Lange, das ist ein aktueller Krimi, der im pfälzischen Speyer spielt und in die Nazizeit zurückreicht. Und „Die Ewigkeit des Augenblicks“ von Stefanie Hohn, ein überaus lesenswerter Roman, der von dem französischen Bildhauer Rodin inspiriert ist.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ganz kurz: Stay tuned! Mir gefällt dieser Impuls, weil er mehr meint als nur das Durchhaltevermögen. Mit ihm ist man auch stets gut gestimmt, ähnlich wie bei „Good vibes/vibrations“. Ich bin ja auch Musiker, ich weiß genau, wovon ich da spreche.
Martin Meyer, Schriftsteller, Musiker
Vielen Dank für das Interview lieber Martin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Roland, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Man schwebt so dahin, da kann man wenigstens nicht stolpern.
Roland Neuwirth, Musiker, Komponist, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ein Innenleben.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Was heißt Aufbruch? Ich bin schon 70 Jahre unterwegs. Und was heißt gesellschaftlich? Meine Gesellschaft ist die AKM, finanziert von Gabalier.
Stimmt, Kunst ist ein Grundnahrungsmittel, aber auch nur für Menschen.
Was liest Du derzeit?
„Orfanelle“ von Franz Winter
„Deutsche Metrik und Versgeschichte“ von Dieter Breuer
„Große Kompositionslehre, 2. Band, Der polyphone Satz“ von Hugo Riemann, S.138, §2: Der Ursprung der Fuge
„Die Axt im Hause“ von Otto Werkmeister
„Mach dich nicht so klein, du bist nicht so groß!“ von Josef Joffe
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Zur Widersprüchlichkeit der Forderung nach einem Grundeinkommen für freischaffende Künstler (so leid sie mir auch tun!):
„Reifen besteht nicht im Verzicht auf unsere Sehnsüchte, sondern im Eingeständnis, dass die Welt nicht verpflichtet ist, sie zu erfüllen.“
Nicolás Gómez Dávila
Vielen Dank für das Interview lieber Roland, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musik-, Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Roland Neuwirth, Musiker, Komponist, Schriftsteller
„Die Macht der Seuche“ Wie die große Pest die Welt veränderte 1347-1353. Volker Reinhardt. Beck Verlag
Es sind Zeiten, die Mensch und Gesellschaft erschüttern. Eine Pandemie ergreift die Welt und katapultiert aus wie verändert gewohnte vertraute Lebensbahnen. Plötzlich ist alles anders und tagtägliche Herausforderungen in Bekämpfung und Perspektive begleiten Zeit und Gegenwart…
So unsicher der Blick in die Zukunft in Zeiten einer Pandemie ist, so interessant ist der Blick zurück auf ähnliche Ereignisse und deren Erfahrungen und Veränderungen. Die Geschichte kann hier Anhaltspunkte, Reflexionen und Impulse anbieten, die Gegenwärtiges einordnen helfen können oder zumindest zu sehen, dass die Menschheitsgeschichte auch immer eine Geschichte medizinischer Herausforderungen war und ist.
Der renommierte Sachbuchautor und Professor für Geschichte an der Universität Fribourg, Volker Reinhardt, legt nun einen umfassenden Blick auf die Pestepidemie in Europa im 14.Jahrhundert vor, die in ihren Detailkenntnissen wie flüssigen Erzählform begeistert. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Italien und den Auswirkungen der Pest auf das tägliche private wie gesellschaftliche Leben. Es sind erschütternde historische Informationen, die Leserinnen und Leser hier kennenlernen, welche die Gefahr und in vielen auch Hilflosigkeit von Mensch und Gesellschaft angesichts der Pest erkennen lassen.
Der Autor gibt einen Überblick zu Pest in Italien/Europa in drei Kapitel, die Ausbreitung und Leiden wie auch die Zeit danach in den Blick nehmen. Es entsteht so ein Gesamtbild, welches im historischen Vergleich interessante Zugänge bietet. Ein Anhang mit Anmerkungen, Quellenangaben, Bildnachweis und Personenregister lässt sehr gut historisch orientieren wie auch weiterführende Informationen nachschlagen.
„Ein erschütternder wie spannender Blick in das Zeitalter der Pest in Europa.“
Lieber Moritz, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Das ist natürlich eine sehr persönliche Frage. Mich hat der Wegfall von Gewissheiten weitaus mehr getroffen, als ich zu Beginn des Jahres erwartet hatte. Auch das Ausbleiben öffentlicher Lesungen und von mir geleiteter Werkstätten ist nur schwer für mich zu verkraften. Auch wenn ich im privaten Leben ein eher introvertierter Mensch bin, hatten doch die (gemeinsame) Arbeit mit Menschen und der Austausch mit Kolleg*innen und Literaturinteressierten immer einen sehr großen Wert für mich, und waren notwendiger Teil meiner Arbeit. Deren Ausbleiben hat den üblichen Selbstzweifeln noch mehr Raum verschafft. Daher, dass Reisen seit langem ausbleiben, sitze ich vornehmlich zuhause, lese, schreibe und zeichne. Außerdem habe ich begonnen, mich mit kurzen, sehr einfach gehaltenen Animationsfilmen zu beschäftigen – eine sehr intensive, kleinteilige Arbeit, die mich manches Mal alles um mich herum hat vergessen lassen. Auch unternehme ich häufig längere Spaziergänge – das Unterwegssein ist von jeher eine wichtige Komponente meiner Arbeit, und nun muss ich neue Wege finden. Hoffentlich wird es mir gelingen, dies als Bereicherung begreifen zu lernen.
Moritz Gause, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Irgendwie cool bleiben wahrscheinlich. Und nicht vergessen, dass diese Pandemie ein Ende haben wird. Warme Kleidung ist jetzt wichtig, damit wir viel in die Natur gehen können, sofern es uns möglich ist. Oder, wenn wir in einer Großstadt leben, durch die ausgestorbenen Innenstädte zu laufen. Zumindest Berlin-Mitte wirkt derzeit wie ein weithin ausgerolltes Gemälde De Chiricos.
Die Verlagerung vieler Lebensbereiche in den digitalen Raum missbehagt mir sehr, und die vergangenen Monate haben mich in meiner Überzeugung bestärkt, dass wir weniger Internet brauchen, und eine geringere Frequenz von Nachrichten. Die Pandemie hat die Tendenz in den Medien nur noch verstärkt, dass wenig über Prozesse gesprochen wird, und viel über einzelne Ereignisse. Ich denke, es ist wichtig, dass wir uns nicht von der engen Taktung des Nachrichtengeschehens mitreißen und vereinnahmen lassen – jeden Tag Statistiken abzurufen und sich über neue Pandemiebekämpfungsmaßnahmen unterrichten zu lassen, verstellt lediglich den Blick auf die notwendigen, langfristigen Prozesse.
Weiterhin hat eben jener immense Bedeutungszuwachs der digitalen Sphäre eine weitere, bereits länger bestehende Tendenz deutlich verschärft: Das permanente Aneinander-vorbei-Reden in den sogenannten sozialen Netzwerken. Wie diese Entwicklung verlangsamt werden könnte, oder gar zum Positiven gewendet, scheint mir ungewiss. Klar wäre es schön, wenn wir zu einer Art 2009er-Facebook zurückfänden, aber das scheint mir eine sehr naive Vorstellung zu sein. Wahrscheinlich sollten wir uns derzeit einfach beschränken, sofern es uns möglich ist. Sowohl physisch als auch fernmündlich: weniger Kontakte, dafür aber umso intensivere.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Zum einen bin ich momentan zu pessimistisch und gelähmt, um darauf eine profunde Antwort geben zu können.
Zum anderen ist das wirklich eine schwierige Frage, da die Antwort so substanziell ausfallen müsste, dass sie hier jeden Rahmen sprengen würde. Es wird keinen Neuanfang geben, weil es kein Ende gegeben hat. Nicht irgendein Virus ist das Problem, sondern der Kapitalismus.
Und dass hinsichtlich einer radikalen Lösung dieses Grundproblems Impulse aus der Kunst kommen, die eine ausreichende Reichweite haben, sehe ich nicht. Und ich sehe da auch wenig Perspektiven. Es läuft vieles nebeneinander her, aber ein Gespräch zwischen den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft findet kaum statt. Es braucht ein weitaus mehr in die Breite reichendes Bewusstsein für die Problemlage, als derzeit vorhanden ist.
Sehr vieles auf diesem Planeten müsste sich radikal ändern. Eine vollkommen utopische Vorstellung. Und diese wird sich kaum verwirklichen.
Freilich sollten wir überlegen, welcher derzeitige Verzicht, bzw. welche als Verzicht empfundene Aufgabe von Gewohnheiten und gewohnten Mustern, tatsächlich kein Verzicht ist, sondern eine auch zukünftig notwendige Beschränkung auf Wesentlicheres. Wie wäre es mit: Weniger Fernreisen, mehr langfristige (bestenfalls mit Arbeit verbundene) Auslandsaufenthalte (und zwar nicht nur für einige privilegierte, sondern für alle – weltweit; und auch nicht den Mustern post-kolonialer Ausbeutungsstrukturen folgend). Weniger materieller Konsum, mehr Kultur. Weniger Lohnarbeit, mehr Miteinander. Weniger Netflix, mehr Spaziergänge. (Aber ich bin pessimistisch.)
Was wir außerdem brauchen: Mehr Kunst im öffentlichen Raum.
Was wir außerdem brauchen: Weniger Werbung. Mehr Kunst im öffentlichen Raum.
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„[…] Man sagt mir: iß und trink du! Sei froh, daß du hast! Aber wie kann ich essen und trinken, wenn Ich es dem Hungernden entreiße, was ich esse, und Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt? Und doch esse und trinke ich. […]“
aus: Bertolt Brecht, „An die Nachgebeborenen“
Vielen Dank für das Interview lieber Moritz, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Moritz Gause, Schriftsteller
Foto_Sascha Kokot
16.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.