„Dass Kunst und Literatur immer da sind, dieser ganze Vorrat an Menschlichkeit“ Volha Hapeyeva, Schriftstellerin_Krems 13.2.2021

Liebe Volha, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mit dem Lockdown ist der Alltag nicht besonders vielfältig. Am Morgen checke ich meine Emails während ich Kaffee trinke. Dann arbeite ich an Texten, manchmal führe ich Gespräche mit meinem Verleger oder meiner Übersetzerin. Nach dem Mittagsessen arbeite ich wieder, und lese. Ab und zu gehe ich ein bisschen spazieren. Am Abend spreche ich mit meiner Mutter und meinem Lebenspartner, der leider zurzeit in Amerika arbeitet, oder auch mit Freunden, ich sehe mir ein paar Episoden von Serien an, nehme mein Abendessen ein und gehe schlaffen.

Volha Hapeyeva, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Geistig und physisch gesund zu bleiben, daran müssen wir uns immer wieder erinnern, denn es ist jetzt eine ungewöhnliche Zeit. Man sollte lieber nicht zu streng mit sich und anderen sein, sondern versuchen die Schönheit im Alltag zu sehen und sich des Lebens bewusst zu sein.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Für mich persönlich sind Kunst und Poesie die Rettungsmittel. Ohne sie wäre mein Leben unmöglich. Selbst zu schaffen und zu sehen was die anderen schaffen – das gibt mir Freude und Kraft, um weiter zu leben. Aber das muss vielleicht nicht für jeden so sein. Wir sind alle verschieden und haben verschiedene Mechanismen, um mit schwierigen Situationen zurecht zu kommen. Was ich meine ist, dass Kunst und Literatur immer da sind, wenn jemand sie braucht, dieser ganze Vorrat an Menschlichkeit, es freut mich immer, dass er da ist, um zu helfen.

Einmal wurde ein Freund von mir verhaftet und ins Gefängnis gesteckt, nur weil er Bücher verkaufte. Er war kein Poesieliebhaber, aber in seinem ersten Brief aus dem Gefängnis bat er mich, dass ich ihm meine Gedichte schicke, das half ihm, dort zu überleben. Für mich war das ein starkes Argument, weiterzumachen und nie wieder an der Bedeutung der Poesie und des poetischen Worts zu zweifeln.

Auf allen Ebenen unseres Lebens gibt es so viel unnötige Gewalt. Sie tötet Menschen nicht nur körperlich, Gewalt verstümmelt unsere Herzen und Seelen, sie macht Aggression, Wut und Angst zu normalen, fast routinemäßigen Elementen des Alltags. Deshalb ist Poesie und Kunst für mich ein Mittel, um Empathie auszudrücken und zu verbreiten.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerne mehrere Bücher parallel.

Zu Zeit lese ich:

„Colors for Your Every Mood: Discover Your True Decorating Colors” von Leatrice Eiseman, ein Buch über Farben mit spannenden und interessanten Einblicken in die Welt der Farben.

„Sumi-e: Japanische Tuschemalerei: Techniken und kultureller Hintergrund“ von Naomi Okamoto – noch ein Buch das mit Kunst und Malen verbunden ist, in dem die Autorin ganz poetisch die Feinheiten dieses Japanischen Genres erklärt, z.B. wenn sie über Grenzen und Umrisse schreibt. Nebel und Ungenauigkeit werden in Japan mehr geschätzt als im Westen, wo Genauigkeit und Klarheit der Kontur wichtig sind. Vielleicht wegen des feuchten Klimas. Neblige Landschaften sind ein beliebtes Motiv der japanischen Malerei, was auch eine besondere Sicht auf das Leben widerspiegelt: alles ist unbeständig. Im Gegensatz zum Westen – wo das Wichtigste der Logos ist, mit seinen klaren Grenzen.

Das Buch des dänischen Professors Svend Brinkmann „Pfeif drauf!: Schluss mit dem Selbstoptimierungswahn“. Ich wurde von Brinkmanns These angezogen: laut dessen die Extrapolation der Überlebenslogik auf das tägliche Leben für die Psyche des Einzelnen und für soziale Beziehungen im Allgemeinen schädlich ist. Das Leben ist nicht wie ein linearer Fortschritt von null bis zehn — eher wie ein ungleichmäßiges Kardiogramm. Die Orientierung an dieser Art von Erzählung ist humaner und ethischer, weil wir das Recht auf Versagen, auf Kümmernis, Schmerz anerkennen und dadurch dieses Recht auch für Andere anerkennen können.

Als Audiobuch höre ich das Buch des berühmten amerikanischen Psychoanalytikers und Schriftstellers Irvin Yalom „Denn alles ist vergänglich: Geschichten aus der Psychotherapie“ (Creatures of a Day: And Other Tales of Psychotherapy). Das ist keine einfache Lektüre, aber eine nützliche, die Themen sind  Älterwerden, Ruhestand, Umgang mit dem Tod.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Heute habe ich nichts gemacht

Aber viele Dinge geschahen in mir

                                Roberto Juarroz, argentinischer Dichter

Für viele Menschen, die mit intellektueller Arbeit beschäftigt sind, verläuft der kreative Prozess unsichtbar, man muss viel nachdenken, sich etwas vorstellen, lesen und diskutieren, und oft entsteht nach einem ganzen Tag solcher Arbeit — eine Zeile oder gar keine. Aber das bedeutet nicht, dass es keine Arbeit gab, es gab sie, aber sie war vor den Augen verborgen und hatte keine materielle Verkörperung.

Vielen Dank für das Interview liebe Volha, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Ich danke Ihnen!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Volha Hapeyeva, Schriftstellerin

Volha Hapeyeva

Foto_Zhanna Gladko

Volha Hapeyeva (Вольга Гапеева), geboren in Minsk (1982), ist eine belarussische Lyrikerin, Autorin, Übersetzerin und promovierte Linguistin. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Preise und Auszeichnungen. In Deutschland war sie u. a. Stipendiatin der Stiftung Preußische Seehandlung (2009) und Gastautorin im Literarischen Colloquium Berlin (2018). In Österreich war sie 2013 Artist-in-Residence im Internationalen Haus der Autoren in Graz und 2014 Artist- in-Residence in Wien (KulturKontakt des Kultusministeriums).

Volha Hapeyeva schreibt Gedichte, Prosa und Dramen. Sie tritt ebenso als Kinderbuchautorin wie als Übersetzerin hervor. In Zusammenarbeit mit Künstlern der elektronischen Musik veranstaltet sie audiovisuelle Performances. Sie ist häufig Gast auf Internationalen Festivals. 2019/2020 ist Volha Hapeyeva für ein Jahr Stadtschreiberin von Graz. Volha Hapeyeva ist Mitglied des PEN-Zentrums Belarus und des unabhängigen Schriftstellerverbandes Belarus. Ihre Gedichte wurden in mehr als 10 Sprachen übertragen, sie wurden in den USA, Österreich, Deutschland, Polen, Russland, Georgien, Litauen und anderen Ländern veröffentlicht. Sie ist die Autorin von 11 Büchern auf Belarussisch, u. a. erschienen zuletzt die Gedichtbände „Die Grammatik des Schnees“, „Schwarzer Mohn“, „Die Worte die mir passierten“ und der Roman „Camel-Travel“. Auf Deutsch erschienen Lyrikband „Mutantengarten“ (Edition Thanhäuser, 2020), Roman „Camel-Travel“, Droschl Verlag, 2021 Hapeyeva forscht in den Bereichen vergleichende Linguistik, Sprachphilosophie, Körpersoziologie und Geschlechterfragen in Kultur und Literatur. Sie ist Autorin einer theoretischen Monographie über vergleichende Linguistik und eines zweisprachigen Sem-Wörterbuchs der optativen Semantik.

http://www.hapeyeva.org

18.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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