„Nicht irgendein Virus ist das Problem, sondern der Kapitalismus“ Moritz Gause, Schriftsteller_Berlin 11.2.2021

Lieber Moritz, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Das ist natürlich eine sehr persönliche Frage. Mich hat der Wegfall von Gewissheiten weitaus mehr getroffen, als ich zu Beginn des Jahres erwartet hatte. Auch das Ausbleiben öffentlicher Lesungen und von mir geleiteter Werkstätten ist nur schwer für mich zu verkraften. Auch wenn ich im privaten Leben ein eher introvertierter Mensch bin, hatten doch die (gemeinsame) Arbeit mit Menschen und der Austausch mit Kolleg*innen und Literaturinteressierten immer einen sehr großen Wert für mich, und waren notwendiger Teil meiner Arbeit. Deren Ausbleiben hat den üblichen Selbstzweifeln noch mehr Raum verschafft. Daher, dass Reisen seit langem ausbleiben, sitze ich vornehmlich zuhause, lese, schreibe und zeichne. Außerdem habe ich begonnen, mich mit kurzen, sehr einfach gehaltenen Animationsfilmen zu beschäftigen – eine sehr intensive, kleinteilige Arbeit, die mich manches Mal alles um mich herum hat vergessen lassen. Auch unternehme ich häufig längere Spaziergänge – das Unterwegssein ist von jeher eine wichtige Komponente meiner Arbeit, und nun muss ich neue Wege finden. Hoffentlich wird es mir gelingen, dies als Bereicherung begreifen zu lernen.

Moritz Gause, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Irgendwie cool bleiben wahrscheinlich. Und nicht vergessen, dass diese Pandemie ein Ende haben wird. Warme Kleidung ist jetzt wichtig, damit wir viel in die Natur gehen können, sofern es uns möglich ist. Oder, wenn wir in einer Großstadt leben, durch die ausgestorbenen Innenstädte zu laufen. Zumindest Berlin-Mitte wirkt derzeit wie ein weithin ausgerolltes Gemälde De Chiricos.

Die Verlagerung vieler Lebensbereiche in den digitalen Raum missbehagt mir sehr, und die vergangenen Monate haben mich in meiner Überzeugung bestärkt, dass wir weniger Internet brauchen, und eine geringere Frequenz von Nachrichten. Die Pandemie hat die Tendenz in den Medien nur noch verstärkt, dass wenig über Prozesse gesprochen wird, und viel über einzelne Ereignisse. Ich denke, es ist wichtig, dass wir uns nicht von der engen Taktung des Nachrichtengeschehens mitreißen und vereinnahmen lassen – jeden Tag Statistiken abzurufen und sich über neue Pandemiebekämpfungsmaßnahmen unterrichten zu lassen, verstellt lediglich den Blick auf die notwendigen, langfristigen Prozesse.

Weiterhin hat eben jener immense Bedeutungszuwachs der digitalen Sphäre eine weitere, bereits länger bestehende Tendenz deutlich verschärft: Das permanente Aneinander-vorbei-Reden in den sogenannten sozialen Netzwerken. Wie diese Entwicklung verlangsamt werden könnte, oder gar zum Positiven gewendet, scheint mir ungewiss. Klar wäre es schön, wenn wir zu einer Art 2009er-Facebook zurückfänden, aber das scheint mir eine sehr naive Vorstellung zu sein. Wahrscheinlich sollten wir uns derzeit einfach beschränken, sofern es uns möglich ist. Sowohl physisch als auch fernmündlich: weniger Kontakte, dafür aber umso intensivere.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Zum einen bin ich momentan zu pessimistisch und gelähmt, um darauf eine profunde Antwort geben zu können.

Zum anderen ist das wirklich eine schwierige Frage, da die Antwort so substanziell ausfallen müsste, dass sie hier jeden Rahmen sprengen würde. Es wird keinen Neuanfang geben, weil es kein Ende gegeben hat. Nicht irgendein Virus ist das Problem, sondern der Kapitalismus.

Und dass hinsichtlich einer radikalen Lösung dieses Grundproblems Impulse aus der Kunst kommen, die eine ausreichende Reichweite haben, sehe ich nicht. Und ich sehe da auch wenig Perspektiven. Es läuft vieles nebeneinander her, aber ein Gespräch zwischen den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft findet kaum statt. Es braucht ein weitaus mehr in die Breite reichendes Bewusstsein für die Problemlage, als derzeit vorhanden ist.

Sehr vieles auf diesem Planeten müsste sich radikal ändern. Eine vollkommen utopische Vorstellung. Und diese wird sich kaum verwirklichen.

Freilich sollten wir überlegen, welcher derzeitige Verzicht, bzw. welche als Verzicht empfundene Aufgabe von Gewohnheiten und gewohnten Mustern, tatsächlich kein Verzicht ist, sondern eine auch zukünftig notwendige Beschränkung auf Wesentlicheres.
Wie wäre es mit: Weniger Fernreisen, mehr langfristige (bestenfalls mit Arbeit verbundene) Auslandsaufenthalte (und zwar nicht nur für einige privilegierte, sondern für alle – weltweit; und auch nicht den Mustern post-kolonialer Ausbeutungsstrukturen folgend). Weniger materieller Konsum, mehr Kultur. Weniger Lohnarbeit, mehr Miteinander. Weniger Netflix, mehr Spaziergänge. (Aber ich bin pessimistisch.)

Was wir außerdem brauchen: Mehr Kunst im öffentlichen Raum.

Was wir außerdem brauchen: Weniger Werbung. Mehr Kunst im öffentlichen Raum.

Was liest Du derzeit?

  • Andreas Kapeller: Russland als Vielvölkerreich. Entstehung, Geschichte, Zerfall
  • Judith Keller: Die Fragwürdigen
  • Peter Frankopan: Licht aus dem Osten. Eine neue Geschichte der Welt
  • Marina Zvetajeva: Gedichte
  • Abscheu. Politische Gedichte aus dem alten China, herausgegeben und übersetzt von Thomas O. Höllmann
  • Vladimir Majakovskij: Aus vollem Halse (insbesondere das Gedicht „Wolke in Hosen“)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„[…] Man sagt mir: iß und trink du! Sei froh, daß du hast!
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn
Ich es dem Hungernden entreiße, was ich esse, und
Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt?
Und doch esse und trinke ich. […]“

aus: Bertolt Brecht, „An die Nachgebeborenen“

Vielen Dank für das Interview lieber Moritz, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Moritz Gause, Schriftsteller

Foto_Sascha Kokot

16.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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