„Das Theater wird gefordert sein, die Menschen wieder abzuholen“ Stefan Moser, Schauspieler_Graz 18.2.2021

Lieber Stefan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tag beginnt auch im „Lockdownbetrieb“ spätestens um 8 Uhr morgens mit einem brotfreien Frühstück und der Tageszeitungslektüre. Dann wechsle ich zwischen Büro- und Studiotisch hin und her. Nach einem ausgedehnten Spaziergang wird gekocht und in der Abendgestaltung bin ich flexibel. Meist wird wieder zwischen den beiden Tischen gewechselt.

Stefan Moser, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Der solidarische Gedanke an eine baldige Normalität, inklusive einem dementsprechenden Verhalten. Wichtig ist auch, dass wir nicht vergessen, dass es nicht sehr weit weg Menschen gibt, denen es immer noch um Welten schlechter geht als uns.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Das Theater wird gefordert sein, die Menschen wieder abzuholen und ihnen einen unbeschwerten Abend, auch abseits des Themas Nummer eins, zuzusagen.

Was liest Du derzeit?

„Geschichten aus dem Wiener Wald“ von Ödön von Horvath.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Man muss, wenn was feststeckt, sich was Neues überlegen.“ („Wieder a Sommer“, Gert Steinbäcker)

Vielen Dank für das Interview lieber Stefan, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspiel-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Stefan Moser, Schauspieler, Musiker

Home – Moser (stefanmoser.com)

Foto_Lukas Moser

26.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Was brauchen wir von der Gesellschaft für gutes Theater?“ Ingala Fortagne, Schauspielerin_Wien 17.2.2021

Liebe Ingala, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich stehe zwischen 7.00 und 8.00 Uhr auf, je nachdem wann der Online Unterricht der Kinder beginnt oder ich selbst Termine habe. Das ist eine gute Stunde später als wenn die Kinder zur Schule müssten. Ich bereite Frühstück, schau, was im Haushalt zu tun ist, verabrede mich mit den Kindern, wann wir essen, wer was wann den Tag über zu tun hat…. Letztendlich ähnelt mein Tagesablauf dem vor der Pandemie, wenn ich als freischaffende Sängerin nicht unterwegs sondern zu Hause war. Das Außergewöhnliche für mich ist, meine fast erwachsenen Kinder so viel um mich zu haben, da sie ihrer Lebensphase entsprechend eigentlich viel weniger da sein „sollten“. Das genieße ich, ehrlich gesagt, auch wenn es mir um ihre unbeschwerte Jugend leidtut.

Ich versuche wenigstens einmal am Tage draußen in der Natur zu sein und habe Kundalini-Yoga für mich entdeckt. Durch die fehlende Abwechslung „unterwegs“ zu sein, die Unsicherheit, ob geplante Projekte stattfinden oder abgesagt werden, bin ich noch mehr gefordert, mich jeden Tag auf das zu besinnen, was ich will, wie ich mein Leben gestalten möchte. Es erfüllt mich mit Dankbarkeit, dass ich mir überhaupt solche Fragen stellen kann und versuche zu erkennen, dass nichts selbstverständlich, jeder meiner Atemzüge ein Geschenk ist.

Ingala Fortagne _ Schauspielerin, Sopranistin, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich mag nicht für alle Menschen sprechen. Jeder steht vor anderen Herausforderungen. Ich merke nur für mich, dass ich das Leben genießen will und niemand etwas davon hat, wenn ich vor mich hin leide, weil durch die Maßnahmen zur Pandemieeindämmung live Konzerte und Theater gerade unmöglich sind. Ich möchte meinen Geist dehnen, mich öffnen für die Möglichkeiten, die ich als Künstler und Mensch trotz allem habe. Vieles, was ich über unsere Situation, unser Wirken in der Welt lese und höre, verwirrt und ängstigt mich. Ich lasse mich berühren, ohne dass ich eine Lösung weiß. Ich will nicht wegschauen. Dieses Nichtwissen und die Angst, die damit verbunden ist, gilt es auszuhalten. Ich brauche mehr Empathie für mich selbst – wie auch für andere. Mich zwischendurch kurz bewusst hinstellen, die Erde und die Luft spüren, zu guter Musik tanzen, über mich und alles lachen, das schafft Abstand von der Verwirrung und Raum für neue Ideen. Ich brauche den Mut, mich und meine Konzepte zu hinterfragen und mich nicht getrennt von meinen Mitmenschen, der Natur zu erleben.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt
dabei dem Schauspiel, der Musik, der Kunst an sich zu?

Zu der Frage kann ich nur meinen letzten Gedanken aufgreifen und weiterführen: wir können aufhören, uns getrennt voneinander zu fühlen. Wie ich denke, fühle und agiere hat einen Einfluss auf den gesamten Organismus. Einerseits gilt es unsere Arroganz der Umwelt, unseren Mitmenschen gegenüber und gleichzeitig unsere unendlichen Möglichkeiten, die in uns allen stecken, zu erkennen. Man kann mit jedem Lebensbereich anfangen. Sehr deutlich ist es für mich bei der Nahrung. Weiß ich überhaupt, wo sie herkommt, wie sie hergestellt ist, welche Prozesse nötig waren, bis sie in meinen Mund gelangt? Ich habe eine Verantwortung. Jeder Mensch darf sich dafür sensibilisieren. Ich denke, für diesen Sensibilisierungsprozess u.a. ist Musik und Theater, die Kunst an sich wunderbar und wesentlich. „Von einem guten Theater geht eine Heilkraft für die gesamte Gesellschaft aus“ (sagt Peter Brook, gerade gelesen bei Markus Kupferblum s.u.) Aber was ist gutes Theater? Wo findet gutes Theater statt, was braucht es dafür? Das sind Fragen, die wir uns als Theaterschaffende immer stellen müssen und in der heutigen Krise umso mehr. Dienen die Theaterstrukturen uns noch, was brauchen wir von der Gesellschaft für gutes Theater? Das sind letztendlich Fragen, die jeder in der Gesellschaft in seinem eigenen Wirkungsbereich zu stellen hat: die geschaffenen Strukturen, die eine Zeitlang nützlich waren, zu hinterfragen. Dazu fällt mir die Frage meines Konfirmationslehrers ein: „Eine Verkehrsampel kann eine lebensrettende Einrichtung sein. Aber wenn ich mitten in der Nacht vor einer Ampel stehe, kein Auto weit und breit zu sehen ist, ich dennoch
stehen bleibe, dient mir dann die Ampel oder diene ich ihr?“ Die Sehnsucht nach der archaischen Kraft einer Melodie, nach der lebendigen Darstellung einer Situation auf der Bühne wird es immer geben. Es ist für den Menschen die Möglichkeit, sich berühren zu lassen, sich selber zuzuschauen, sich zu erkennen und über sich zu lachen. Ich habe mich nun einmal dieser Verführung zu berühren, zu sensibilisieren verschrieben und werde weiter mein Leben danach ausrichten.

Was liest Du derzeit?

Verschiedenes, ich lese selten nur ein Buch. Je nach Laune, Stimmung und Muse greife ich nach dem oder dem. Insgesamt komme ich gerade mehr zum Lesen als vor der Pandemie: „Die Menschheit in Erstaunen versetzen“ Hilma af ; Klingt von Julia Voss, M. Dietrich “Nachtgedanken“ und „Sag mir, dass Du mich liebst“ Briefe zwischen E. M. Remarque und M. Dietrich, A. Polgar „M.- Bild einer berühmten Zeitgenossin“ (alles als Vorbereitung für ein „Marlene“ Programm), „Die Geburt der Neugier…“ von M. Kupferblum, „Im Westen nichts neues“ von E. M. Remarque, „Dying to be me“ von A. Moorjani

Ingala Fortagne _ Schauspielerin, Sopranistin, Schriftstellerin

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Musik aber macht das Herz weich; sie ordnet seine Verworrenheit, löst seine Verkrampftheit und schafft so eine Voraussetzung für das Wirken des Geistes in der Seele, der vorher an ihren hart und verschlossenen Pforte vergeblich geklopft hat. Ja, ganz still und ohne Gewalt macht die Musik die Türen der Seele auf. Nun sind sie offen! Nun ist sie bereit, aufzunehmen. Dieses ist die letzte Wirkung, die Musik auf mich ausübt, die sie mir notwendig macht in diesem Leben. Und so wenig ich mich wasche um des Wassers willen, das ich dazu benötige, so wenig höre ich Musik um der Musik willen.
(Sophie Scholl, Januar 1942)

Vielen Dank für das Interview liebe Ingala, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ingala Fortagne_Schauspielerin, Sopranistin

Ingala Fortagne – Sopranistin & Schauspielerin (ingala-fortagne.com)

Fotos_privat.

26.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Viele werden Scherben einsammeln. Ihre Hoffnungen und kleinen Unternehmen zu Grabe tragen.“ Sandra Blume, Schriftstellerin_Eisenach 17.2.2021

Liebe Sandra, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Die letzten Wochen waren tatsächlich von einer gewissen Einsamkeit geprägt. Ich sah mein Kind, meinen Mann an den Wochenenden, und ganz gelegentlich meine Freundin. Ich war viel im Homeoffice. Zunächst hatte ich das noch begrüßt. Herrlich, zwischendurch mal aufzustehen, die Wildvögel zu füttern oder mal kurz auf einen der Hügel, die das Dorf umrahmen zu klettern und dann später weiter zu arbeiten. Nach fünf Wochen hatte ich jedoch das deutliche Gefühl, langsam tiefe Furchen in alle Wege getreten zu haben. Ich hatte Sehnsucht danach, mich ordentlich statt notdürftig zu schminken, mich statt in Bequemleggins büroschick zu kleiden und mit meinen Kollegen im Büro Landrat zwischen Terminen und dem üblichen Stress kurz zu plaudern.

Sandra Blume, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das ist eine knifflige Frage, auf die ich lange keine gute Antwort finden konnte. Es wird so viel gesagt und geschrieben, was wir tun sollten und was geschehen müsste, dass es mir zum Hals heraus hängt. Ich glaube, was wir jetzt vor allem brauchen, ist Geduld. Und Hoffnung. Und den unbedingten Willen daran zu glauben, dass diese schwierige Zeit endet. Und dass dann etwas Neues kommt, das wir gestalten können. Im Moment sind unserer Gestaltungskraft Grenzen gesetzt. Grenzen, die ich akzeptiere, weil auch ich keinen besseren Weg weiß. Ich sehe die vielen Toten, die ich jeden Tag für unseren Landkreis zähle und den Medien mitteile. Und ich denke, dass es angesichts dessen kein großes Opfer ist, wenn ich die Wege um mein Dorf eben noch etwas länger austrete.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Stehen wir vor einem Aufbruch? Ich bin mir nicht sicher. Wir werden unsere Freiheiten intensiver wahrnehmen für eine Weile. Wir werden die Friseure, die Kinos, die Restaurants und hoffentlich auch die Theater und Galerien einrennen – für eine Weile, weil wir wertschätzen, dass wir all dies haben und nutzen können. Viele werden Scherben einsammeln. Ihre Hoffnungen und kleinen Unternehmen zu Grabe tragen. Andere werden kommen und neue Hoffnungen und Ideen zum Leben erwecken. Wir werden sein, wie Menschen immer sind: die einen vergessen und verdrängen, halten sich am Gewohnten fest und die anderen fangen etwas Neues an.

Was liest Du derzeit?

Ich habe mir eine wunderschöne illustrierte Ausgabe des Herrn der Ringe zugelegt. Und genieße es, das Buch mit seiner herrlichen poetischen Sprache nach Jahren wieder zu lesen. Wenn es draußen stürmt und schneit und drinnen ein Feuer prasselt, lässt sich selbst Corona vergessen. Für eine Weile.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„This storm is making me tired,“ said the boy. „Storms are getting tired too,“ said the horse, „so hold on.“

Charlie Mackesy

Vielen Dank für das Interview liebe Sandra, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Sandra Blume, Schriftstellerin

Herzhüpfen – Texte & Fotos von Sandra Blume (herzhuepfen.com)

Fotos_Annett Jünemann.

24.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Klar ist: Wir brauchen Menschen in Machtpositionen, die den Wert der Kunst erkennen“ Karsten Redmann, Schriftsteller_ St.Gallen/CH 16.2.2021

Lieber Karsten, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Für mich hat sich nicht viel geändert. Ich kann zurzeit, wie schon vor der Pandemie, sehr zeitsouverän leben. Für mich als Schriftsteller fühlt sich das gut an, so kann ich frei arbeiten, mir Wege suchen. Obwohl ich schon recht lange schreibe, und bereits vieles ausprobiert habe, bin ich stets auf der Suche nach der besten Tagesstruktur, einer Struktur, in der ich produktiv sein kann. Früher dachte ich, dass ich möglichst viele Sozialkontakte, das heißt den direkten Austausch mit anderen, unbedingt bräuchte, dass ich ohne diese persönlichen Kontakte nicht glücklich sein könnte, aber das hat sich mit der Zeit verändert. Mittlerweile kann ich recht gut mit mir selbst allein sein. Da ich ein visueller Mensch bin und meine Umwelt gerne beobachte, fehlen mir jetzt aber zunehmend Szenen, Ereignisse sowie Blicke und Gepflogenheiten der Menschen. Es fühlt sich alles etwas enger an. Auch das Denken.

Karsten Redmann, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Antwort 1: Sich mit Geschichten zu versorgen, sich Geschichten zu erzählen, um den Alltag erträglich zu machen. Allgemein formuliert: Sich den Künsten zuwenden, um dort nach Antworten zu suchen. Die Kunst bzw. die Beschäftigung mit ihr, kann uns lehren, uns leiten. Wenn wir uns schon nicht im Außen bewegen können, dann doch wenigstens im Innen. 

Antwort 2: Sich bei Laune halten, sage ich mal so lapidar. Aber auch immer wieder zu versuchen die sich ständig wandelnden Umstände zu begreifen, neue Informationen zu ordnen, zu gewichten, Risiken (für sich und die anderen) abzuwägen, und an eine mögliche und offene Zukunft zu denken.   

Antwort 3: Ich spreche nicht gerne für ein WIR. Wer ist denn dieses UNS ALLE? Grundsätzlich glaube ich, dass jeder für sich am besten weiß oder es zumindest herausfinden sollte was zu tun ist. Wobei ich natürlich auch verstehe, wenn Leute ängstlich werden, unruhig werden, sich nicht mehr wohlfühlen ob der akuten Probleme unserer Zeit. Wenn ich eine naheliegende Empfehlung aussprechen darf – dann, dass ich uns allen ans Herz lege, sich bestmöglich auszutauschen, um besser mit etwaigen Unsicherheiten und Unwägbarkeiten umgehen zu können.

Antwort 4: Eine gefühlte Nähe in der Distanz herstellen.    

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich bin eher skeptisch was den angesprochenen Aufbruch und Neubeginn angeht. Ich gehe nicht davon aus, dass sich die Gesellschaft neu erfindet. Dafür sind die etablierten Institutionen und die sehr tief reichenden Werteinstellungen innerhalb der Gesellschaft zu wirkmächtig. Viele Institutionen verfolgen weitestgehend Eigeninteressen. Warum sollten sich diese Interessen plötzlich verschieben? Außerdem bräuchte ein Um- und Neudenken Möglichkeitsräume – dafür müssten Ressourcen freigesetzt werden. Klar ist: Eine Gesellschaft muss den Wandel schon wollen. Diesen Willen sehe ich nicht. Zumindest bisher nicht. Die wirkmächtigen Diskurse verlaufen in alten Bahnen. Welche Rolle der Kunst/der Literatur zukommen? Die Kunst kann sich nur schwerlich durchsetzen. Das zeigt sich immer wieder und leider überall. Wer sollte ihr größeres Gewicht verleihen? Der Kunstmarkt? Die Künstlerinnen und Künstler selbst? Oft ist sie nur Beiwerk. Ich persönlich würde der Kunst innerhalb der Gesellschaft gerne mehr Gewicht und Einfluss geben wollen, denn ich sehe sie als wesentliches Element geistiger Entwicklung und Menschwerdung – auch wenn sich das ein wenig pathetisch anhört. Klar ist: Wir brauchen Menschen in Machtpositionen, die den Wert der Kunst erkennen, diesen Wert dann auch fördern, nur dann wird sich etwas ändern.           

Was liest Du derzeit?

Habe „Kindeswohl“, den schmalen Roman von Ian McEwan, neben meinem Bett liegen, lese hin und wieder, aber ich werde nicht so ganz warm damit. Ganz anders erging es mir mit dem kürzlich zu Ende gelesenen Roman „In Transit“ von Rachel Cusk. Dieser Text hat mich schon sehr beeindruckt. Auch darf ich ab und an, und zwischendurch, die Texte meiner Freundin kritisch gegenlesen, das mache ich gerne und mit großer Leidenschaft. Es trifft sich gut, dass wir beide schreiben. Ein anderer (auch fremder) Blick auf das Eigene kann nicht falsch sein. Was das Ureigene angeht: Selbstverständlich lese ich mein in Arbeit befindliches Romanmanuskript wieder und wieder. Streiche Absätze, ergänze Passagen. Hoffe, im Frühsommer den Roman abschließen zu können. Es wird aber auch Zeit.        

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Vor nicht allzu langer Zeit bin ich auf folgendes Zitat gestoßen: „Wenn ich von Poesie spreche, betrachte ich sie nicht als ein Genre. Poesie ist ein Bewusstsein für die Welt, eine besondere Art, sich auf die Realität zu beziehen. Poesie wird also zu einer Philosophie, die einen Menschen durch sein Leben führt.“ Das Zitat stammt vom Sowjet-Regisseur Andrei Tarkowski, dessen Arbeiten ich sehr schätze. Seine Bildsprache ist außergewöhnlich. Mit Ingmar Bergman gehört er zu meinen Heroen einer eigenen Bildsprache. Ein kurzer Einblick in die besondere Sprache der beiden Filmemacher findet sich hier – in diesem wunderschön gemachten visuellen Essay: https://www.youtube.com/watch?v=Wfbkn21yvr4

Schon sehr früh dachte ich, die Welt ist mehr als nur das rein Sichtbare, rein Hörbare. Es war mir, als wäre da immer noch etwas anderes da, ein Schwingen, ein Öffnen, ein Raum hinter dem Raum, ein Dahinter. Und ja – dieser besondere Blick auf die Welt, die Poesie als Philosophie, geben alldem was ist, und womöglich sein wird, ein Gewicht. Ohne diese Schwere, ohne dieses Ziehen im Leib, würde mir etwas Wesentliches fehlen.

Ich wünsche jedem Menschen die Möglichkeit einer solchen Kunst- und Welt-Betrachtung. Für mich liegt darin, in dieser Erfahrung, ein außerordentlicher Wert. Es ist der eigentliche Impuls zu schreiben, das Leben einzufangen, es greifbar, nahbar und fühlbar zu machen.

Vielen Dank für das Interview lieber Karsten, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Karsten Redmann, Schriftsteller

Karsten Redmann

Foto__Kilian Schreier.

21.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„sinne offenhalten. lächeln auffädeln. gemeinsam.“ Andrea Karimé_ Schriftstellerin_Köln 16.2.2021

Liebe Andrea, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?

landmarkensuche im alleintag. wie immer. prospektiere die tageslandschaft. buchstabengeländer zum festhalten. texte entstehen langsamer. eine zoomkonferenz. eine einladung zum storytelling. online. ein spaziergang in gesellschaft. büro. telefon und skype.

Andrea Karimé  _ Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

ich denke wieder, ich kann nicht mehr. aber es ist ja ein westliches privileg, dass ich das jetzt erst denke und nicht schon mein ganzes leben. im libanon können viele schon viel länger nicht mehr und machen weiter und in syrien, und moria und an den anderen unglücksorten der welt die weit weg sind von uns. also #leavenoonebehind. ich stelle mich ein auf größeres teilen und lerne brückensprachen und schnüre die schuhe. es gibt was stand-halten lässt. sinne offenhalten. lächeln auffädeln. gemeinsam. immer und zb gegen rechts. für menschlichkeiten. „nicht müde werden/ sondern dem wunder/ leise …“

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

poesie bringt sinne zum klingen. kann zursprachebringen  sichtbarmachen. künstlerische sprachen und geschichten tragen. literatur sammelt und öffnet welten. dokumentiert komponiert neue zusammenhänge. schichtet dichtet wahrnehmungen. kann aufrütteln irritieren. etwas zusammenbrechen lassen. kleingeistiges aus dem gebüsch locken. zum lachen bringen.

trösten. „ein wort ist ein mond. es leuchtet“ (Aya, 9).

Was liest Du derzeit?

maya angelous autobiografie: „Ich weiß warum der gefangene Vogel singt.“ dieser stolz eines schwarzen mädchens in schwierigstem leben, der das ganze buch durchstrahlt. außerdem ihre gedichte: „Phänomenale Frauen“ in der zweisprachigen ausgabe. wenn ich mehrl zeit habe: „Das Meer der Libellen“ von Yvonne Adhiambo Owour. die das Meer aufbaut, sollten das jetzt lesen.

 „… blasse Lichtrahlen, …, die Hoffnung gaben, man könne darauf bauen, dass die Zeit selbst die größten Katastrophen in ferne Echos zu verwandeln vermochte.“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„alone/ all alone/ nobody/ but nobody/ can make it out here alone“

(maya angelou)

Vielen Dank für das Interview liebe Andrea, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Andrea Karimé, Schriftstellerin

Andrea Karimé | Willkommen | Kinderbuchautorin und Geschichtenerzählerin aus Köln (andreakarime.de)

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21.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Reigen Reloaded“ Barbara Rieger (Hg.). Kremayr&Scheriau Verlag

Die Uraufführung von der „Reigen“ in Berlin/Wien wurde 1921 zu einem der größten Theaterskandale der Geschichte. Die gesellschaftlichen Spielformen der Sehnsucht und Liebe, das Wiener „Pantscherl“ (Affäre, Verhältnis), vom Grafen bis zum Stubenmädchen querbeet, wird zum gerichtlichen „öffentlichen Ärgernis“. Der Instanzenweg endete schließlich auf Seiten der Kunst und des Wiener Autors, Arztes und Schriftstellers Arthur Schnitzler (1862 – 1931). Schnitzler selbst ersuchte jedoch 1922 seinen Verlag von weiteren Aufführungen Abstand zu nehmen (1982 aufgehoben). Die Spannung von Kunst und Zeit lässt Schnitzler, der das verdeckte, verdrängte Innere einer doppelbödigen Gesellschaft ins Bühnenlicht stellte wie kein anderer, hier zurückziehen.

100 Jahre später kommt es nun zu einem außergewöhnlichen literarischen Transferprojekt der österreichischen Schriftstellerin Barbara Rieger, welche Schnitzlers Bühnendialog aufnimmt und zehn österreichische SchriftstellerInnen – Gertraud Klemm ∙ Gustav Ernst ∙ Daniel Wisser ∙ Bettina Balàka ∙ Michael Stavarič ∙ Angela Lehner ∙ Martin Peichl ∙ Barbara Rieger ∙ Thomas Stangl ∙ Petra Ganglbauer – einlädt, diesen im 21.Jahrhundert ankommen zu lassen. „Es war ein Experiment, ein Weiterschreiben, ein Reagieren auf den Text des Vorgängers/der Vorgängerin, ein Übernehmen der Figuren, ein Bezugnehmen auf Schnitzler“, umreißt die Herausgeberin Barbara Rieger dieses bemerkenswerte interaktive Literaturprojekt. Literarischer Impuls und Dialog geben nun den Blick frei auf Sehnsucht, Bedürfnis, Drama der Gegenwart. Nehmen im genialen Sprachlicht mit auf die Hochschaubahn, das Riesenrad von Gefühl und Einsamkeit im Tanzen und Stolpern der Liebe. Die literarischen Variationen und Ideen begeistern in ihrem bunten Menschen-, Emotionenfächer.

Der Originaltext Schnitzlers wie ein Vorwort der Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl runden dieses geniale „Darf/kann ich lieben?“.

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Walter Pobaschnig 2_21

„hoffnung. einfach nicht aufhören.“ Petrus Akkordeon, Künstler_Berlin 15.2.2021

Lieber Petrus, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

ich arbeite zur zeit als fachkraft im dreischichtsystem in der vollstationären pflege. eine coronainfektion mit zahlreichen toten haben wir gerade hinter uns, auch ein großteil der mitarbeit*erinnen war in quarantäne. diese arbeit so nebenher. also meist kurz nach vier aufstehen, arbeiten, essen, kunst machen, pferd versorgen, essen, duschen, schlafen.

ich arbeite wie immer an vier bis fünf büchern. es sind ganz wunderbare projekte, wie ich finde. das alles verlangt eine gute zeiteinteilung. leider habe ich gerade meine zeitliche orientierung verloren. also die wochentage. alle sind gleich. nun, es gibt kalender.

Petrus Akkordeon, Künstler, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

hoffnung. einfach nicht aufhören.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

ohne eine zukunft macht weder ein neubeginn, aufbruch oder weiter keinen sinn. also muss die erde erhalten werden. als gesundes lebewesen. und wenn wir nicht lernen uns zu lieben, das meint die anderen und uns selbst, dann wird das nichts werden mit der menschheit.

die kunst gibt es nicht. aber es gibt lebewesen, deren sprache ist poesie. die sagt uns was wesentlich ist. der rest ist eventuell gar nicht so wichtig.

ganz persönlich hoffe das wir alle sehr viel sensibler werden. da können kunstwerke aller art helfen uns zu erschüttern oder zu berühren. mal mehr oder weniger sanft und in allen sprachen. gerne sanft.

Was liest Du derzeit?

all die manuskripte, die mich erreichen, weil sie nach bildern suchen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„halt dich an deiner liebe fest“

ton steine scherben

Vielen Dank für das Interview lieber Petrus viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunst-, Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Petrus Akkordeon, Künstler, Schriftsteller

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21.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Jeanne d`Arc – Seherin, Kriegerin, Heilige“ Eine Biographie, Gerd Krumreich. Beck Verlag.

„Jeanne d`Arc – Seherin, Kriegerin, Heilige“ Eine Biographie. Gerd Krumreich. Beck Verlag.

Es ist ein Jahrhundert des Krieges zwischen englischen und französischen Machtansprüchen, welche die Zeit von der Mitte des 14.Jahrhunderts bis zur Mitte des 15.Jahrhunderts im Westen Europas prägen. Konflikte um die Thronfolge, um die Rolle des Adels, um Macht und Territorium prägen diese Zeit, in der auch eine Pestepidemie wütet. Eine Zeit der Unsicherheiten in allem und einer herausfordernden gesellschaftlichen Zukunft…

Und es sind Persönlichkeiten, welche diese Epoche prägen. Könige, Feldherren aber auch eine junge Frau, deren Lebensweg und Rolle seit Jahrhunderten Gegenstand von Reflexion und Auseinandersetzung ist – Jeanne d`Arc.

Es ist eine junge Frau, die sich in einer Vision berufen sieht und sich an die Spitze französischer Soldaten stellt und in den Krieg zieht. Ihr Weg ist ein gefeierter wie tragischer. Der Blick auf Ihr Leben und Wirken wie Ihren grausamen Tod gibt bis auf den heutigen Tag verschiedenste Zugänge zu Mensch, Politik und Gesellschaft frei.

Gerd Krumreich, em.Professor für Neuere Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf,legt in der vorliegenden Biographie eine umfassende Darstellung von Leben und Wirken Jeanne d`Arcs wie der gesellschaftlichen Voraussetzungen und Entwicklungen vor. Beeindruckend sind die detaillierte historische Schilderung und Auffächerung der Lebensstationen im Kontext der politischen Wegmarken. Für Leserinnen und Leser entsteht so immer eine Zusammenschau, die erläutert und einordnet wie Impulse zur Reflexion liefert. Es ist gleichsam ein spannendes historisches Begleiten und faszinierendes Hinsehen auf Mensch und Zeit.

„Eine historische Darstellung, die im biographischen Detailwissen wie der gesellschaftlichen Gesamtschau begeistert.“

Walter Pobaschnig 2_21

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„Die Pandemie erzeugt Gewinner und Verlierer und das wahre Gesicht in ganz unterschiedlichen Themen“ Franziska Streun, Schriftstellerin_Thun 15.2.2021

Liebe Franziska, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf ist ein Kreislauf zwischen Tag und Nacht im Homeoffice; unter dem Motto „My Home is my Castle“ mit variablen Knotenpunkten und Entwicklungspotenzialen. Pandemiezeit-bedingt fliessen Minuten, Stunden und Wochentage ineinander, oft ohne erkennbare Grenzen und klaren Konturen.

Franziska Streun, Schriftstellerin

Trotzdem folgt der Tagesablauf gewissen Strukturen.

Nach dem Erwachen bleibe ich gerne für einen Moment im Bett liegen und gehe den Tag in Gedanken und bildlich durch. Einem inneren Justieren gleich. Danach Kraft- und Dehnungsübungen. Meinem Körper und meinem Geiste zuliebe. Manchmal hechte ich auch mit sprudelnden Ideen oder Erinnerungen an Pendenzen aus dem Bett und direkt an den Computer oder zum Notizblock.

Bei Kaffee und Müesli lese ich Zeitungen, notiere Dies und Das. Die Flut an Mails sichte ich je nach Möglichkeit erst zwei oder drei Stunden später. In meinem Atelier schreibe ich dem Zeitbudget entsprechend mehr oder weniger Stunden an meinem neuen Buch, oft auch noch oder wieder spät am Abend. Erstmals ein vollständiger Roman. Er ist mir gleichzeitig Inspiration, Herausforderung und innerer Dialog – ein Balanceakt zwischen Imagination und Ausdauer.

Zwischendurch lese ich in dosierten Mengen Corona-News, halte Ausschau nach überraschenden Zeitungsberichten oder lese in den Büchern weiter, die mich parallel begleiten. Belletristik, Recherchen, Biografien, Sachbücher, was immer. In müden Phasen pausiere ich mit einem Spaziergang am See, alleine oder mit einer Freundin, oder schaue einen Krimi. Mich faszinieren starke Figuren in psychologisch komplexen Geschichten. Dramaturgisch und szenisch gekonnte Regieumsetzungen zu studieren, liebe ich.

Mein Tagesablauf punkto Tätigkeit unterscheidet sich kaum von der Zeit vor „Corona“: Homeoffice als Autorin. Neu hinzugekommen ist dagegen das zusätzliche Homeoffice mit meiner 50-Prozent-Anstellung als Journalistin und Redaktorin mitsamt den unterschiedlichen Diensten. Zudem sind die sozialen Kontakte reduziert und verändern teilweise auch ihre Inhalte. Ich warte darauf, dass die verschobenen Lesungen und andere Anlässe stattfinden dürfen.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ein Rezept, das für alle stimmt, sehe ich keines. Zu unterschiedlich wirkt sich die Pandemiezeit aus, zu unterschiedlich ist die jeweilige Konstellation im beruflichen und privaten Umfeld, zu unterschiedlich sind wir Menschen im Umgang mit uns selbst und dem, was gerade ist.

Als wichtig empfinde ich jedoch zwei Elemente: Zum einen den Fokus verstärkt auf das zu lenken, was möglich ist und uns stärkt. Zum anderen in den unliebsamen Dingen einen Sinn oder Zweck finden, damit sie uns weniger belasten oder es uns leichter fällt, sie zu erledigen. Ein nützlicher Kompass für die Richtung ist mir dabei etwa der Grad meiner Freude.

Als Hilfsmittel wähle ich etwa die Distanz oder den Blickwinkel, mit dem ich das Geschehen beobachte. Die Pandemie erzeugt Gewinner und Verlierer, zeigt Schwächen und Stärken und das wahre Gesicht in ganz unterschiedlichen Themen. Richtig spannend wird es, sobald die vielschichtigen Veränderungen bei uns, im Umfeld und in der Welt fassbar werden und sich zeigen.

Reflektieren, hinschauen und erforschen, was ist, wie ich es mir wünschte und was ich wie optimieren kann, erachte ich als wesentlich. Neugierig bleiben, experimentieren, Ich-Zeit nutzen und in sich selbst und die eigene Entwicklung investieren. Sozusagen als Selbst- oder Überlebensstrategie, um optimistisch und voller Energie bleiben zu können. Und dies trotz zum Beispiel ständig verschobener Lesungen und sonstigen Anlässen, Social Distancing und verringerten Einnahmen, trotz der zunehmenden Ungewissheit, den Tragödien womöglich im eigenen Umfeld oder in der Welt und den ewigen Good-, Bad- und Fake-News rund um die Uhr.

Denn auf unsere aktive Rolle und persönliche Verantwortung für uns, unser Tun oder Nicht-Tun können wir in der Regel direkt Einfluss nehmen. Zwar wandelt die außergewöhnliche Zeit mehr als üblich zwischen Freud und Leid auf dem Grat des Handelns und Akzeptierens. Doch sie ist oder kann auch eine Chance sein – und diese zu sehen und zu nutzen, das können wir alle versuchen. Wenigstens in gewissen Bereichen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Jeder Tag ist ein endloser Aufbruch. Das Wort Aufbruch trägt die Bewegung in sich. Weil sich alles ständig bewegt. Die Konstellation der Begegnungen, die Komposition der Situation, das Empfinden im Körper. In jeder Sekunde ist gleichzeitig Gegenwart und wird Zukunft gestaltet. Je mehr dabei Unveränderbares – wie zum Beispiel, dass aktuell Pandemie-Zeit ist – und Neues integriert werden kann, desto mehr ist möglich.

Die Natur und das Universum sind in ihrer Vollkommenheit und Vielfalt ein unermessliches, in seiner Gesamtheit unkopierbares Kunstwerk – und von Menschenhand gestaltete Kunst ist ein Ausdruck menschlicher Existenz. Alles, was ist, enthält Kunst; hohe Kunst, ausgedrückte, beeinflusste, improvisierte, wissenschaftliche, experimentelle – und Literatur ist eine von unzähligen Formen im Versuch, das Leben zu fassen. Worte sind Ausdruck von Gefühlen, Gedanken, Vorstellungen, Wünschen, Abenteuern, Tragödien. Poetisch, philosophisch, dramatisch, wissenschaftlich, kurz oder lang.

Kunst mag rechnerisch für viele Leute wenig bis alles andere als systemrelevant sein, sondern Luxus, Hobby oder Freizeit und in seltenen Fällen ein Investitionsfeld, mit dem sich Geld verdienen lässt. Doch Kunstformen geben Zeitgeist und Geschehen weiter. Als Zeugin und Gesicht von Gegenwart. Ohne menschliche Existenz gäbe es kein menschenkreiertes Wirken. Jeglicher Inspiration gehen Energie und Impulse von lebenden Menschen voraus. Jegliche von ihm gestaltete Form ist im Ursprung ein Ausdruck menschlicher Existenz.

Der Mensch ist ein Kunstwerk des Lebens auf dieser Welt. Alles Lebende ist in seiner gesamten Komplexität ein Wunder, das für andere und oft sogar auch für uns selbst lediglich in Facetten fassbar und ergründbar ist. Um sich zu entfalten, zu erkennen und zu inspirieren oder je nachdem sogar seine Zeit füllen oder innere Leere auffüllen zu können, braucht es Kunst.

Kunst als Folge und Ergebnis von Schaffen, Kreieren, Erzeugen, Erkennen, Mitteilen in unzähligen Varianten ist existenziell – und in diesem Kontext ist Literatur genauso systemrelevant wie jede Form der Kunst und viele andere Dinge.

Was liest Du derzeit?

„Der Apfelbaum“ von Christian Berkel, „Die Schlange im Wolfspelz“ von Michael Maar, „Männer in Kamelhaarmänteln“ von Elke Heidenreich, „Und was hat das mit mir zu tun?“ von Sacha Batthyani, „Das Gedächtnis des Körpers“ von Joachim Bauer und „Die Jahre“ von Annie Ernaux

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wer zur Kunst keine naive Beziehung hat, das heisst, wer nur durch Edukation dazu gebracht worden ist, Kunst für eine ernste Sache zu halten, wir sich nie damit abfinden, dass das Kunstwerk mehr ist als ein Anlass zur Interpretation. Es ist eine Existenz per se.“ (Max Frisch)

Vielen Dank!

Vielen Dank für das Interview liebe Franziska, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Vielen Dank lieber Walter Pobaschnig – für deine Arbeit und das Interview, die tolle Idee mit den fünf Fragen und dem Universum an Antworten und Gedanken, die dadurch innerhalb der Literaturszene und darüber hinaus ausgetauscht werden können.

PS: Heute ist für mich – rein zufällig am selben Tag, an dem ich dir die Antworten maile – ein Feiertag. Am Mittag sind die Belegexemplare von der 5. Auflage meiner Romanbiografie „Die Baronin im Tresor“, Zytglogge Verlag, eingetroffen.

Gratuliere, liebe Franziska, viel Erfolg weiterhin!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Franziska Streun, Schriftstellerin

www.franziskastreun.ch

Alle Fotos_Franziska Streun

5.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

„Gerecht. Kunst sollte auch dafür passende Worte finden“ Maria Publig, Autorin_Wien 14.2.2021

Liebe Maria, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?

Da mein Lebensweg bisher anders, vielfältiger und ungewisser verlief, als bei vielen anderen, hat das, finde ich, jetzt Vorteile. Ich finde mich dadurch in Krisenzeiten vielleicht besser zurecht, bin flexibler, wendiger, aber auch strukturierter – zumindest habe ich den Eindruck. …. Daher ein Plädoyer für eine kreativ-künstlerische Ausbildung an allen Schulen bereits von der Grundstufe weg, WIE ICH SIE HABEN DURFTE. Später das auch in den wirtschaftlichen und technischen Zweigen fortsetzen.

Maria Publig, Autorin, Journalistin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Grundoptimismus und eine positive Lebenshaltung sollten auch jetzt bei jeder/m erhalten bleiben. Das stärkt auf jeden Fall das Immunsystem. Ich habe bei manchen allerdings das Gefühl, dass ihnen ihr Leben regelrecht weggerutscht ist oder sie glauben, künftig keines mehr zu haben. Denn ohne sie geht halt nix. Warum bloß? Die Erde dreht sich weiter. Trotz allem. Wir sind da! Gewiss: in einer Ausnahmesituation. Keiner ungefährlichen sogar. In der Gesamtheit. Doch es gibt Social Media, Skype, Handy, finanzielle Hilfe, auch begrenzte Möglichkeiten der Begegnung mit Freunden und der Familie. Meist sind PartnerInnen und Kinder bei uns. Es ist möglich, Neues zu entdecken. Gemeinsam. Im Kleinen. Die ungewöhnliche Zeit gibt uns Aufgabe und Freiheit zugleich, das zu tun.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich hoffe, dass die Gesellschaft nicht mehr nur jenen, die höher, öfter, weiter als andere springen, applaudiert. Sondern auch jenen wie KünstlerInnen und LiteratInnen, die in ihren Werken innere Prozesse freilegen. Bewegen. Gesellschaft spiegeln. Kreative Langsamkeit wiederentdecken. Perspektiven eröffnen. Sich künstlerisch mit Ängsten beschäftigen, Betroffenheit zeigen, Zuversicht spenden, das Leben geistreich und fantasievoll abbilden. Da Konzerne durch die Pandemie immensen Reichtum anhäufen konnten, wäre dieser selbstverständlich mit der gesamten Welt zu teilen. Gerecht. Kunst sollte auch dafür passende Worte finden.

Was liest Du derzeit?

Stefan Zweig ist für mich immer ein Erlebnis. Seine „Schachnovelle“ nahm ich jetzt nach langem wieder zur Hand.

Orhan Pamuks türkisches Epos „Diese Fremdheit in mir“ habe ich kürzlich gelesen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Gib das, was dir wichtig ist nicht auf, nur weil es nicht einfach ist.“ (Albert Einstein)

Maria Publig, Autorin, Journalistin

Vielen Dank für das Interview liebe Maria, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Textprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Maria Publig, Autorin, Journalistin

https://www.maria-publig.at

https://www.facebook.com/mariapublig

Fotos_interfoto

18.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

https://www.maria-publig.at