„Literarische Streicheleinheiten sind ineffizient“ Erika Kronabitter, Schriftstellerin_Bregenz 13.2.2021

Liebe Erika, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Neubeginnen. Das denke ich mir oft, wenn ich morgens mit meiner Kaffeetasse am kleinen Schreibfenster sitze und zu den Fenstern am gegenüberliegenden Haus blicke oder auf den See. Jetzt gerade, da alles so ruhig unter der dicken Schneedecke liegt. Die Welt könnte doch einfach neu beginnen. Aber ich weiß, das ist ein utopischer Wunsch. Dabei wäre jetzt der beste Zeitpunkt. Vielleicht der einzige, einer der sich in einigen hundert Jahren erst wieder bietet.

Persönlich war ein gewisser Neubeginn im Jänner 2020, da ich beim AutorInnenverband Literatur Vorarlberg das Amt der Präsidentin übernommen habe. Mit einer nicht enden wollenden To-do-Liste. Ein Neubeginn neben meiner schriftstellerischen Arbeit, neben Workshops, Kunst und Familie. Mein Anspruch ist Partizipation, d.h. Teilhabe für alle, kein namedropping, sondern Möglichkeiten der Teilnahme zu eröffnen, Weiterentwicklung für KollegInnen der Literatur Vorarlberg und Vernetzung mit anderen AutorInnen anzuregen. Der erste Lockdown und die abgesagten Auftritts/Lesungsmöglichkeiten waren somit nicht die Zeit, in Agonie zu versinken, sondern Impetus, dem Coronavirus, das sich so allmächtig in den Gehirnen festgesetzt hatte, mit einem Gedichtvirus den Kampf anzusagen. Radio Vorarlberg hat die Idee umgesetzt und Gedichte von mehr als 40 AutorInnen als „Wohnzimmerliteratur“, wie diese radiophonen Einschübe dann genannt wurden, gesendet.

Dieses „Neu“ zog sich durch das ganze 2020: Wir ermuterten VeranstalterInnen, Videolesungen zu machen, ich lernte in diesem ersten Lockdown ein neues Videoschnittprogramm, erlernte Meetings per ZOOM einzuberufen, Online-Workshops und -Sitzungen durchzuführen (diese online-Workshops machten es möglich, dass Teilnehmende von Wien, Zürich und Mexiko an Schreibworkshops teilnehmen konnten, die live nie eine solch weite Reise für einen Workshop auf sich genommen hätten) und ich selbst habe online Theatervorstellungen und Diskussionen besucht, die ich sonst nie besuchen hätte können. Eine Aufführung in Wien, eine in Dresden, Theater in St. Pölten – ein Veranstaltungshopping an manchen Abenden.

Dadurch, dass es keine Möglichkeit gibt, abends zu Lesungen zu gehen und KollegInnen zu treffen, verschieben sich diese verlorenen Möglichkeiten auf lange Telefongespräche, gemeinsames Essen per Zoom und „Besuch“ von Online-Lesungen. Ich glaube, Online-Lesungen werden auch künftig eine gute Möglichkeit sein, eine größere Reichweite für SchriftstellerInnen zu erzielen. Dies habe ich auch beim Feldkircher Lyrikpreis festgestellt, welchen ich seit 2003 organisiere: Er sah 2020 zum ersten Mal die Preisvergabe des 3. Preises durch das Publikum vor. Gezwungen, ihre Gedichte online zu präsentieren, hatten somit die auf der Shortlist stehenden DichterInnen ein ungeahntes weites Welt-Feld, Votings für ihre Gedichte zu erhalten.

Erika Kronabitter, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Den Gedanken, des Neubeginnens weiter zu denken: Wie oft sprachen wir schon vom Grundeinkommen? Jetzt wäre die beste Möglichkeit. Jetzt, da die Regierung sowieso viel Geld in die Hand nehmen muss, ich denke da an Ausfallsbonus, Covid-Gelder usw., könnten die Politiker aller Farben tatsächlich die Probe aufs Exempel machen.

Jetzt könnte umgedacht werden. Wir wissen doch, wer in dieser schwierigen Zeit, in welcher so viele Menschen von einem Minimum leben, die Gewinne einstreift. Hier muss eine Besteuerung/Höherbesteuerung ansetzen.

Jetzt, 2021 angesichts der Ausweitung der Pandemie und Virusmutation wünschte ich mir, es gäbe in der Presse und Berichterstattung ein klügeres, verantwortungsvolles Vorgehen, d.h. ein gezieltes Aufmerksammachen zu Besonnenheit und Solidarität. Was bringt ein ständiges Wiederholen von „Coronamüdigkeit“? So etwas ist einfach lächerlich. Wenn jemand Krebs hat, kann er auch nicht von einer „Krebsmüdigkeit“ sprechen. Dazu kommen noch VerschwörungstheoretikerInnen und Rechtsradikale, welche die Gunst der Stunde nutzen. Gratis-„Dumpf“-Zeitschriften, welche man bei der U-Bahn und den Bahnhöfen zur freien Entnahme vorfindet, dürfen von Parteien nicht mitfinanziert werden.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Aufbruch oder Neubeginn – dass diese Pandemie, die Lockdowns zu einer gewissen Veränderung führen, da bin ich mir nicht so sicher. Das Denken der Menschen, ihr Verhalten, Ellbogentechnik und die Gier nach Mehr und Mehr lässt sich nicht so leicht verändern. Das Gejammer, dies und jenes derzeit nicht tun zu dürfen, weil die Regierung nicht oder doch, weil die oder der… und immer noch die Masken oder schon wieder eine Virusmutation… Viele drängen ja gerade dazu, sofort wieder dort weiter zu machen, wo es am 13. März 2020 gestoppt hat.

Andererseits: Literatur hat immer schon eine tragende Rolle gespielt und Veränderungen bewirkt – ich denke hier an verschiedene Frauen wie Elfriede Jelinek, Virginia Woolf, Simone de Beauvoir, Judith Butler, Margaret Atwood, welche mit ihren Texten zur Diskussion und Denkveränderungen beigetragen haben.

Das wird Literatur auch weiterhin tun/tun müssen: Aufzeigen, den Finger in die Wunde, sodass es weh tut. Dazu gehört auch, Wehleidigkeiten aufzuzeigen. Literarische Streicheleinheiten sind ineffizient.

SchriftstellerInnen, SchauspielerInnen, MusikerInnen und KünstlerInnen müssen auch nach dem hoffentlich letzten Lockdown zusammenarbeiten und als große Konstante agieren. Und sie müssen von der Politik als wichtiger Part im Gesamtsystem gesehen, dementsprechend auch finanziell bedacht werden.

Was liest Du derzeit?

Ich versuche mich an Ulysses von James Joyce, allerdings nicht im Original, sondern in der Übertragung von Hans Wollschläger;

Weiters lese ich immer wieder in Die Jahre von Annie Ernaux und GRM von Sibylle Berg – drei Bücher von ungefähr zehn, die ich je nach Tag und Laune weiterlese und immer wieder Gedichte von Friederike Mayröcker.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich halte es mit Friederike Mayröcker, die sagt, es ist eine Gnade, schreiben zu können.

Erika Kronabitter, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Erika, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Erika Kronabitter, Schriftstellerin

www.kronabitter.com

Foto_Alain Barbero bzw. Petra Rainer

18.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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