„Die Folgen des „Kunstentzuges“ sind immer mehr spürbar“ Alexandra Kloiber-Karner, Schauspielerin_ Wien 13.2.2021

Liebe Alexandra, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich durch die aktuelle Situation nicht viel verändert, außer dass ich die Zeit nun bewusster wahrnehme und nutze. Durch unsere Tochter sind wir als Familie automatisch in einem gewissen Rhythmus, den wir versuchen, an die jeweilige Situation anzupassen. Das bringt natürlich Vor- und Nachteile für alle Beteiligten, ist aber vor allem eine große Bereicherung für jeden von uns. Außerdem habe ich das Glück, als Audiokommentatorin und Hörfilmautorin beim Fernsehen weiter beschäftigt zu sein. Das ist ein großes Geschenk, wofür ich unendlich dankbar bin.

Alexandra Kloiber-Karner, Schauspielerin

Was mir natürlich wahnsinnig fehlt, ist das Theater. So wie fast allen lieben KollegInnen, wurden mir beinahe alle Produktionen seit März 2020 abgesagt oder verschoben und wir wissen de facto nicht, wann wir endlich weiterarbeiten können. Mir persönlich fällt es schwer, permanent „on hold“ zu sein und dann doch immer wieder vertröstet zu werden. Das zehrt an meiner Ausdauer – daran arbeite ich. Gleichzeitig versuche ich, die Zeit für Fortbildung zu nutzen.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wir leben in einer Zeit, in der das Wohl des Einzelnen und das Wohl der Gesellschaft in einem starken Spannungsverhältnis stehen. Dabei vergessen wir, dass beides unmittelbar miteinander korreliert. Wir müssen begreifen, dass wir als vollwertiges Individuum auch Teil des großen Ganzen sind und dass das große Ganze eben die Summe aller Individuen ist. Wenn wir die Welt als großen Körper betrachten und diesen mit unserem menschlichen Körper in Äquivalenz setzen, werden wir erkennen, dass es für einen „vollständigen“ Körper alle Facetten braucht. So wie wir an unseren menschlichen Körpern unterschiedliche Dinge „gut“ finden, gefällt uns auch am Körper „Welt“ manches mehr und manches weniger. In einer Zeit, in der man vermeintliche Schönheitsmakel einfach ausmerzt, nehmen wir uns die Freiheit heraus, diese Korrekturen auch am großen Ganzen vorzunehmen. Aber so, wie dem einen „muskulös“ und dem anderen „kurvig“ gefällt, differiert auch unsere Sicht auf die Welt. Das sollten wir berücksichtigen, wenn wir über andere urteilen und versuchen, unsere Mitmenschen von unseren persönlichen Ideologien zu überzeugen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Als junges Mädchen wurde ich einmal gefragt, warum ich so gerne auf der Bühne stehe. Damals wie heute lautet die Antwort: Ich möchte die Menschen aus ihrem Alltag abholen und sie für einen Augenblick in eine andere Welt entführen.

Das ist wichtig, denn oft ist das Eintauchen in eine andere Welt unsere einzige Möglichkeit, vielseitige neue Impulse zu bekommen. Die brauchen wir aber, um zu wachsen.

Ich denke, wesentlich wird dabei sein, dass wir uns dem nicht verschließen. Wir sind an einem Punkt, wo uns lange genug eingetrichtert wurde, dass Kunst nicht systemrelevant sei. Die Folgen des „Kunstentzuges“ sind allerdings immer mehr spürbar. Es fällt immer schwerer, Zustände zu hinterfragen, wir verlieren unsere Offenheit gegenüber Neuem, konzentrieren uns noch mehr auf uns selbst und versteifen uns zu sehr auf unsere eigenen Ansichten. Das schmälert unseren Handlungsspielraum. Gerade jetzt wäre es wichtig, offen zu bleiben, um Veränderung geschmeidig und mit einem gesunden Maß kritischer Beobachtung annehmen zu können.

Was liest Du derzeit?

Ich habe kürzlich die „Trotzkopf“-Sammlung von Emmy von Rhoden ausgegraben und arbeite mich gerade durch die Entwicklung der Ilse Macket. Mich fasziniert das Frauenbild dieser Zeit – heute undenkbar und doch vielleicht, nebst der parallelen Entwicklung des Männerbildes, mitverantwortlich für die vielen scheiternden Beziehungen. Mir fehlt in unserer Zeit der „Selbstverwirklichung“ das Verantwortungsgefühl gegenüber unseren Mitmenschen. Das „Etwas-Füreinander-Tun-Wollen“, auch wenn man dabei selbst mal zurückstecken muss.

Außerdem liegen aktuell Shakespeares „Was ihr wollt“ und Joachim Meyerhoffs „Hamster im hinteren Stromgebiet“ auf meinem Nachttisch.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Die Liebe und das Mitgefühl sind die Grundlage für den Weltfrieden – auf allen Ebenen.

Dalai Lama

Alexandra Kloiber-Karner, Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Alexandra, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Danke!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Alexandra Kloiber-Karner, Schauspielerin

Alle Fotos_Walter Pobaschnig _Cafè Prückel_Wien_1_21

26.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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