Liebe Evelyn, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Der Tag beginnt mit Yoga, dann wird vor allem geschrieben – im Frühling 2021 erscheint die Biografie der kärntnerslowenischen Kulturwissenschaftlerin und Zeitzeugin Katja Sturm-Schnabl bei bahoe books. Damit bin ich sehr beschäftigt, nur wenige Tage vor Abgabe des Manuskripts. Spaziergänge und diverse Onlinekonferenzen gehören ebenfalls zu meinem derzeitigen Alltag. Da ich im vergangenen Semester das erste Mal an der Uni Wien als Lektorin beschäftigt war, bin ich zwischenzeitlich auch mit dem Lesen von Essays meiner wunderbaren Studierenden beschäftigt. Gleichzeitig bereite ich auch das nächste Semester vor, der Lehrauftrag an der Judaistik setzt sich fort, darüber freue ich mich sehr.
Zwischendurch drängt sich auch der Roman auf, den ich seit Jahren mit mir herumtrage und der in Teilen auch schon geschrieben ist. Nach der Biografie soll er endlich den Platz bekommen, der ihm zusteht. Vor wenigen Wochen wäre Gert Jonke 75. geworden. In den 90ern war er mein Lehrer. Ich muss grad oft an ihn denken, auch weil wir so viel über die Schreibmöglichkeiten zu Kärnten gesprochen haben, ist ja nicht nur die Biografie Katja Sturm-Schnabls ein Buch über Kärnten, auch im Roman spielt das Land meiner Herkunft keine kleine Rolle.
Evelyn Steinthaler_Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Mit sich und der Welt Geduld zu haben ist derzeit wohl von großer Bedeutung wie auch sich Neues zu überlegen, denn so wie vor-Covid können wir nicht weitermachen.
Nicht weniger wichtig ist dem gegenwärtigen Neo-Biedermeier nicht auf den Leim zu gehen, das vor allem für Frauen fatal ist, die ja in alte Muster massiv zurückgedrängt werden.
Darüber hinaus ist es wichtig, wie immer, sich nicht von den rechten Rattenfängern betören zu lassen ist.
Anflüge von Gleichgültigkeit müssen verdrängt werden.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Wesentlich ist auf jeden Fall eine Absage an die neoliberale Vereinzelung und Selbstbezogenheit der vergangenen Jahrzehnte. Wenn wir nicht endlich in der notwendigen Verantwortlichkeit erkennen, sind wir verloren. Dabei sehe ich Kunst und Literatur in der Notwendigkeit unbedingter Äußerungen.
Was liest Du derzeit?
„Was Nina wusste“ von David Grossmann
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Die gestundete Zeit Ingeborg Bachmann
Es kommen härtere Tage. Die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont. Bald mußt du den Schuh schnüren und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe. Denn die Eingeweide der Fische sind kalt geworden im Wind. Ärmlich brennt das Licht der Lupinen. Dein Blick spurt im Nebel: die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont.
Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand, er steigt um ihr wehendes Haar, er fällt ihr ins Wort, er befiehlt ihr zu schweigen, er findet sie sterblich und willig dem Abschied nach jeder Umarmung.
Sieh dich nicht um. Schnür deinen Schuh. Jag die Hunde zurück. Wirf die Fische ins Meer. Lösch die Lupinen!
Es kommen härtere Tage.
Vielen Dank für das Interview liebe Evelyn, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Nala Helga, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich stehe so ca. um 9 Uhr- eher noch später auf und frühstücke sehr ausgiebig. Danach betreibe ich ein bisschen Sport.
Momentan lerne ich für ein neues Theaterstück, dass am 7. April, im Theater Center Forum Premiere haben wird. Das Stück heißt „Komödie für Geister“ von Noel Coward. Ich habe sehr viel Text.
Am Nachmittag mache ich dann einen eineinhalbstündigen Spaziergang am Wasser. Ich wohne nur 5 Minuten Gehweg von der ehemaligen Copa Cagrana entfernt und den Donaupark kann, ich von meinem Fenster aus sehen. Er ist sogar fast direkt vor meiner Haustüre. Danach muss ich weiterlernen. Am Abend beschäftige ich mich dann mit privaten Dingen. Zum Beispiel chatten mit lieben Freunden etc.
(Anm: Die Produktion, für die ich sehr viel gelernt hatte, weil viel Text, wurde aufgrund des verlängertem Lockdown abgesagt. Aber sie wird auf 2023 verschoben… ein Lichtblick. Ich spiele dann erst wieder im Dezember in der Weihnachtsgeschichte mit…auch ein Lichtblick…)
Nala Helga Oppenauer_Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich finde, dass es sehr wichtig ist, in unserer Mitte zu bleiben, halt so gut wie es für jeden einzelnen möglich ist. Vor allem auch positiv und ruhig bleiben. Es gibt ja derzeit sehr viel Aggression auch im außen, die nicht notwendig ist und meiner Meinung nach auch nicht viel bringt. Natürlich ist die Situation nicht einfach momentan, aber wir sitzen ja alle im gleichen Boot. Auf der ganzen Welt besteht ja die gleiche Situation.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Vor allem auf jeden Fall von dieser schwierigen Situation auch gelernt zu haben. Es wird sich ja wahrscheinlich auch Positives ergeben. Also ich hoffe, dass die Menschheit daraus gelernt hat. Beispielsweise die Massentierhaltung, könnte abgeschafft werden. Die Umwelt wird auf jeden Fall profitiert haben und hoffentlich sich auch weiter entwickeln.
Was die Kunst betrifft, also beispielsweise, die Frage,welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel zu, bin ich sehr optimistisch. Weil Kunst wird gerade wieder in der Zukunft eine sehr wichtige Rolle spielen, wenn sie nach der Pandemie, nicht noch mehr geschätzt werden wird. Die Menschen sind jetzt schon so richtig hungrig nach Theater und Musik.
Natürlich weiß ich nicht, wie groß der erlittene finanzielle Verlust der zB kleineren Theater Schaden angerichtet hat. Das wird sich erst am Ende der Pandemie zeigen. Aber auch da bin ich sehr optimistisch, dass der Staat die Kunst unterstützen wird. Besonders auch die kleinen Theater.
Was liest Du derzeit?
Ach momentan komme ich nicht zum Lesen, weil ich so mit Textlernen beschäftigt bin und daher keine Zeit und keinen Kopf dafür habe. Aber das nächste Buch das ich lesen werde, ist schon sicher. Es hat mein Schauspielcoach,Karl Wozek, während des Coronalockdows geschrieben. Er ist Schauspieler, Autor und Regisseur.
Das Buch heißt : Morgen bist Du Reich
Bin sehr gespannt darauf. Also in der Art und Weise gespannt, weil es mich verwundert hat, dass Karl über dieses Thema ein Buch schreibt.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Auch wenn Du die Sanduhr stark schüttelst, wird jedes Korn erst dann fallen, wenn es an der Zeit ist.
Erzwinge nicht. Alles wird zur richtigen Zeit geschehen.“
Vielen Dank für das Interview liebe Nala Helga, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theaterprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Daniel, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Das Reisen und das Gehen sind weggefallen. Es kommt mir vor, als sei die Welt zweidimensional geworden. Das macht beim Lesen und Schreiben eigentlich nichts aus; möchte man meinen. In Wirklichkeit aber macht es etwas aus: Die Konzentration ist durch die gesellschaftliche Entwicklung in der Pandemie schwer beeinträchtigt. Ich arbeite also täglich daran, mich zu konzentrieren.
Daniel Wisser_Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Es ist wichtig, dass man sich mit unangenehmen und anstrengenden Dingen beschäftigt. Das kostet Überwindung. Aber beim Laufen ist es genauso. Wenn ich meine Laufrunde beginne, denke ich nach 200 Metern: Es geht gar nicht! Dann aber laufe ich doch die 21 km ohne große Krise. So ist es auch beim Lesen, Denken, Romanschreiben. Wir müssen uns besonders mit einem sehr unangenehmen Gedanken beschäftigen: Dass die Zeit der Pandemie kein Ausnahmezustand ist, sondern einfach unsere Gegenwart, unsere Realität. Darin liegen auch die politischen Versäumnisse in unserem Land: Die Politik muss Menschen helfen und sich nicht als Wahrsager oder Schuldzuweiser betätigen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Das Wort Neubeginn ist eine Tautologie. Das klingt schon so, als wolle man viel von dem zerschlagen, was unsere Welt bisher ausgemacht hat. Und tatsächlich ist es so. Im ersten Jahr der Pandemie haben wir erlebt, wie der Kapitalismus sich die Mechanismen der Lockdowns und Beschränkungen zunutze gemacht hat. Der Literatur kommt jetzt (wie zu jeder Zeit) die Aufgabe zu, ehrlich und präzise über das zu berichten, was geschieht. Das ist heutzutage schon sehr viel und ich sehe nirgendwo einen Ersatz für die ernsthafte Literatur.
Was liest Du derzeit?
Die Kurzgeschichten und Tagebücher von Katherine Mansfield, die Traumdeutung von Sigmund Freud, Die unaufhörliche Wanderung von Karl-Markus Gauß, alte Zeitungen aus den Jahren 1991 und 1992 und die Songtexte der Beatles.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„In den Gesellschaften, die sich auf mündliche Überlieferung stützen, tendiert das Erinnerungsvermögen der Gemeinschaft unwillkürlich dazu, Veränderungen zu verschleiern oder wieder in sich zurückzunehmen. Die relative Formbarkeit des materiellen Lebens geht einher mit einer unausgesprochenen Starrheit des Bildes der Vergangenheit. Die Dinge sind immer so gewesen: Die Welt ist, wie sie ist. Nur in Zeiten heftigen Sozialen Wandels taucht das im allgemeinen mythische Bild von einer anderen und besseren Vergangenheit auf – ein Muster an Vollkommenheit, gegenüber dem die Gegenwart wie ein Verfall, eine Entartung erscheint.“
Ginzburg, Carlo: Der Käse und die Würmer, S. 111
Daniel Wisser, Schriftsteller (links) und Walter Pobaschnig _Foto_Romana Fürlinger
Vielen Dank für das Interview lieber Daniel, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Jetzt gilt es zu erzählen. Was sich zugetragen hat. Im Dorf B. an den Karpaten. Es begann mit den Sommerferien in der Villa. Jedes Jahr. Vor 1989 konnten hier Feriensitze gemietet werden. Ein Leben fand zu einem anderen Leben. Einen Sommer lang. Ist es nicht immer so? Was dauert denn?
Diese Sommer waren Sommer der Spaziergänge, des Malens, des Lesens, der Abenteuer…und der Begegnungen, auch der unheimlichen in einer unheimlichen Welt von Mensch und Gesellschaft…von Tod und Leben. Und Tod und wieder Leben. Und wieder Tod…
Da ist Musik im Haus. Und das ist das Grab im Hügel. Und da ist die Nacht und ihr Leben. So war es damals. Und dann kam ich zurück. Und stelle mich dieser Welt aus Leben und Tod und Tod und Leben und…
„Ich will ihnen also von dieser Erfahrung erzählen, redlich und ohne Umstände: Schritt für Schritt auf das zu, wovor mir graut…“
Die in Zürich lebende und 2015 mit dem 3sat Preis in Klagenfurt ausgezeichnete Schriftstellerin, Dana Grigorcea, legt mit ihrem Roman „Die nicht sterben“ eine mitreißende spannungsgeladene Erzählform im Dialog mit historisch-gesellschaftlicher Reflexion vor, die in Stil und Inhalt innovativ begeistert! Die Autorin geht einen neuen mutigen Weg, zieht alle Register moderner Textvariation und setzt selbstbewusst eine mitreißende Form literarischen Schreibens in Ausdruck und Anspruch. Spielerisch und hintergründig werden Leserin und Leser mit auf eine Reise von Geschichte und Mythos genommen und bewegen sich im fein gesponnen hintergründigen wie wirkmächtigen Raum von Erinnerung und Gegenwart. Lesespannung in Überraschung und Neugierde wie die Frage nach Mensch und Gesellschaft in Geschichte und Gegenwart sind dabei Seite um Seite bis zum furiosen Finale mit am Weg.
„Dana Grigorcea nimmt alles Risiko und setzt einen furiosen literarischen Wurf in Anspruch und Spannung. Ein Ereignis.“
Liebe Fiona, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Unterschiedlich. Vormittags Schreiben und Orga, Mails beantworten, dann meistens irgendwann Uni (online) oder halt Vor/ Nachbereitung / lesen, dann vielleicht am Nachmittag Überarbeiten / Sammeln, versuchen mindestens einmal am Tag rauszugehen und irgendwas mit meinen Händen zu machen (lustige Tiere zeichnen oder hässliche Kissen nähen oder so), mit lieben Menschen telefonieren, zu häufig das Handy entsperren, zu spät schlafen.
Fiona Sironic_Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich weiß nicht genau, wer wir alle sind, aber für mich sind soziale Kontakte und Netze wichtig. Sich über das was passiert austauschen können und verstanden und gesehen werden. Vitamin D ist wichtig. Medizinische Versorgung ist wichtig. Auf sich achten können. Und sicherer Wohnraum.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Ohne Erzählungen etc. lässt es sich einfach schwerer aushalten.
Was liest Du derzeit?
Ein Apartement auf dem Uranus von Paul B. Preciado und Ich fühl‘s nicht von Liv Strömquist.
Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
“So, make kin, not babies! It matters how kin generate kin.” (Donna Haraway, Staying with the Trouble)
Vielen Dank für das Interview liebe Fiona, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Harald, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Der Tag wird zu einem ruhigen Fluss, der unter dem Wasser etwas Beunruhigendes verbirgt…
Ich frühstücke lange und zuviel, hoffe auf Inspiration, die auch lange schläft, schreibe ein bisschen, jogge im Schnee, koche mit Wein,hoffe auf Begegnungen (bald?), höre mehr Musik, und schaue abends Serien, die mich nicht weiterbringen..
aber irgendwie genieße ich auch die Reduktion aufs Zuhause… sehr!
Harald Kappel, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Geduld, Gemeinsamkeit im Einsamen, Selbstfinden… Geduld
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Literatur und Kunst begleiten uns durch die Zeit des Stillstands und halten unsere Sinne offen… um, sobald sie es dürfen, mit größerer Begeisterung eine neue Freiheit feiern zu können..(wobei ich hoffe, dass die Künstler -mangels Öffentlichkeit und Unterstützung-nicht bis dahin in der oben genannten beunruhigenden Tiefe des Flusses ertrunken und vertrieben wurden…)
Was liest Du derzeit?
Ich lese (durcheinander…):
T.C.Boyle ( Ein Freund der Erde)
Mircea Catarescu.
(Solenoid)
Michael Stavaric
(Magma)
…die Aachener Nachrichten, die Zeit und das eclipsed-Rockmagazin…😉
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ein jeder Geist baut sich ein Haus und hinter seinem Haus eine Welt und hinter seiner Welt einen Himmel. Wisse also, dass die Welt für dich existiert.
(Ralph Waldo Emerson)
Vielen Dank für das Interview lieber Harald, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Harald Kappel, Schriftsteller
Foto_Künstlerin „Márti“
7.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch- Maxi Blaha, Schauspielerin:
Maxi Blaha, Schauspielerin_Wien_Ungargasse
Ich habe schon in den 1980er Jahren hier in diesem Stadtviertel Wiens viel Zeit verbracht – Ungargasse, Beatrixgasse, Marokkanergasse, Salmgasse, um den Heumarkt herum. Ich kenne diese Ecke aus meiner Gymnasialzeit sehr gut, hatte einen Freundeskreis hier ringsum.
Ingeborg Bachmann begleitet mich schon seit meiner Schüler*innenzeit. Sie hatte für mich immer eine große Strahlkraft. War für mich persönlich und auch in der Vermittlung des Schulunterrichtes eine Art Ikone.
Ich hatte und habe zu Ingeborg Bachmann in ganz unterschiedlichen persönlichen und künstlerischen Lebensphasen eine gute Verbindung, einen guten Draht. Es ist kein vollständiges Verstehen, aber es sind immer wieder neue Zugänge, Entdeckungen und Inspirationen.
In Linz habe ich etwa im Brucknerhaus ein gemeinsames Bachmann Projekt mit Jazz Musikern – Klaus Dickbauer, Georg Breinschmid, Winfried Gruber – gemacht „In meinen schlaflosen Nächten – Auf den Spuren von Ingeborg Bachmann (2010_Brucknerhaus CD Edition)“. Ein sehr schöner Abend. Ein phantastischer Bachmann-Text ist mir da jetzt schnell in Erinnerung, in dem eine junge Frau durch eine Glastür schlägt als sie ihren ehemaligen Freund mit dessen neuer Frau sieht – „…und sie sieht noch die Flügeltür…und denkt zuletzt, während es sie hineinschleudert unter einem Hagel aus Glasscherben, und während ihr noch wärmer wird vom Aufschlagen und dem Blut, das ihr aus dem Mund und aus der Nase schießt: Immer das Gute im Auge behalten.“ („Ihr glücklichen Augen“ in Simultan, 1972, Ingeborg Bachmann).
Brucknerhaus CD Edition
2016 folgte mein szenischer Theaterabend zu Ingeborg Bachmann und Elfriede Jelinek : „Es gibt mich nur im Spiegelbild – Bachmann, Jelinek“. Elfriede Jelinek nimmt ja den Malina Romanstoff in den „Prinzessinnendramen (Die Wand)“ auf. Es gibt ja viele literarische Entsprechungen zu diesem Verschwinden der Frau im Roman „Malina“. Etwa auch bei Marlen Haushofer. Der literarische Weg führt immer wieder zu „Malina“ zurück. (Anm: zum 90. Geburtstag von Ingeborg Bachmann sowie des 70. Geburtstages von Elfriede Jelinek wurde von Maxi Blaha ein Theaterabend mit live Musik im Rahmenprogramm der 40. Tage der deutschsprachigen Literatur 2016 in Klagenfurt uraufgeführt Es gibt mich nur im Spiegelbild – klagenfurter ensemble )
„Es gibt mich nur im Spiegelbild – Bachmann, Jelinek“ Szenischer Theaterabend_Maxi Blaha 2016
Emilie Flöge wohnte auch hier in der Ungargasse und hatte hier ihre letzte Wohnung. In der Zeit des Zweiten Weltkrieges brachte sie ihre wertvolle Modesammlung eigener wie historischer Kollektionen ihres Wiener Modesalons, unter anderem mit 300 Jahre alten Stickereien, hier in ihre Wohnung. Auch Zeichnungen und Skizzen von Gustav Klimt wurden von Emilie Flöge hier in die Ungargasse gebracht. Die Wohnung ist dann abgebrannt und damit gingen wertvolle kunsthistorische Artefakte verloren. Aber auch persönliche Erinnerungsstücke an ihren Lebenspartner Gustav Klimt. (Anm: Theaterabend_Maxi Blaha „Emilie Flöge – Geliebte Muse“ von Penny Black, 2018 Belvedere Museum Wien | Emilie Flöge. Geliebte Muse, der umjubelten Uraufführung folgte eine weltweite sehr erfolgreiche Tournee mit Stationen etwa in den USA und Japan)
Die Ungargasse, die Topographie hier, begegnet auch bei Elfriede Jelineks Roman „Kinder der Toten“ (1995).
Also die Ungargasse und das Feuer, das Erinnerungen verbrennen, das Verschwinden ist interessanterweise ein künstlerisches, biographisches Thema, das hier in der Ungargasse wiederkehrt.
Bachmann wurde ja eine ganz berühmte Wienerin. Obwohl sie das nicht zu Beginn ihres Lebens war. Aber wie viele Wiener*innen war sie dann die typische Wienerin. Als sie Mitte der 1940 Jahre nach Wien kam, hat sie sich ja sehr schnell alles angewöhnt was man als Wienerin können musste.
Der Roman „Malina“ ist so eine Art literarische, feministische, künstlerische, wienerische Ursuppe.
In „Malina“ ist für mich diese Aufspaltung des Menschsein, von Persönlichkeit zentral. Frau und Mann, Künstlerin und private Person.
Künstlerin und Privatperson sein, war für Ingeborg Bachmann ja ein ganz schmaler Grad. Das Erfolgreichsein in der Kunst und das Unerfolgreichsein in der Liebe. Dieses Festhalten an den völlig falschen Männern. Das hat sie ja auch auf eine Art und Weise getötet. In Malina versucht sich Bachmann von diesem allen loszuschreiben. Für Bachmann ist dieser Roman eine Befreiung. Das ist natürlich immer aktuell und zeitlos wie Literatur, wie das Künstler*innen sein.
Das Schöne an Roman Malina ist, dass es eben nicht so entschlüsselbar ist. Es ist wie ein gutes Gemälde, Musik.
Malina ist ein Ganzes. Ich bin ja keine Literaturwissenschaftlerin. In Malina kann ich mich treiben lassen, in den Bildern, in den Gedanken, heute würden wir wohl sagen in den „schrägen Geschichten“. Es gefällt mir.
Mein Vater, meine Großeltern kommen aus dem III.Bezirk Wiens hier, dem Radetzkyplatz. Meine Mutter lebt auch heute hier im Bezirk. Ich habe sehr viel Lebenszeit von Jugend an hier verbracht. Es ist Heimat für mich.
Für mich als Wienerin ist es auch schön in Malina Plätze der Stadt wiederzufinden und auch mit persönlichen Lebenserfahrungen zu verbinden. Der Stadtpark ist mir etwa sehr nahe, wie auch bei Bachmann.
Es ist auch für mich als Künstlerin gleichsam immer wieder ein Dialog mit Wien. Ein Mitgehen des Lebens in Emotionen, im Erleben. Das macht natürlich etwas mit einem, eine Stadt und das Leben, Lebensphasen darin. Dies ist auch im künstlerischen Prozess bedeutsam, wie ja im Roman und Werk bei Bachmann.
Ich hatte immer starke literarische Männer, künstlerische Persönlichkeiten an meiner Seite. Mein jetziger Freund ist ja Galerist, auch da sind natürlich immer ganz große Kunstwerke präsent. Das ist für mich sehr inspirierend, hat aber auch etwas Erdrückendes. Da komme ich mir auch etwas vor wie Bachmann in ihren Beziehungen zu Hans Weigl (Anm: Julius Hans Weigel * 29. Mai 1908 † 12. August 1991, Wien; Schriftsteller, Theaterkritiker) oder Max Frisch (* 15. Mai 1911 † 4. April 1991 Zürich; Schriftsteller und Architekt). Ich werde mir das schon absichtlich aussuchen (lacht). Es treibt einen an. Aber es ist eine Gradwanderung, die mich wohl auch mit Bachmann verbindet.
Die Topographie ist wie ein pawlowscher Reflex für einen Gefühlszustand. Und dieses hat bei Bachmann und mir auch immer mit Liebe, der Reflexion und der Suche nach perfekter Beziehung, dem perfekten Mann, zu tun.
Bachmann ist auch heute ein Vorbild. Sie ist eine radikale Künstlerin in der gesellschaftlichen Befreiung als Frau, Künstlerin. Sie ist eine Ikone.
Ingeborg Bachmann war auch sehr modeaffin. Etwa am Foto mit dem schwarzen Lackmantel in Rom. Sie hat sich bewusst modisch angezogen. Wie auch Emilie Flöge und auch Elfriede Jelinek. Ebenso Bertha von Suttner. Dies wäre ja nicht so erwartbar. Mode war ja in Künstler*innenkreisen verpönt. Es ist aber ein bewusster Akt. Das Geld bewusst ausgeben für das was Frau möchte. Es ist persönliche Freiheit.
Lieber Georg, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf ist eigentlich nicht so sehr aus dem Rahmen gekommen…Nach dem Kaffee morgens setze ich mich ans Klavier und mach meine Etuden ect. schreibe an meinem zweiten Kabarett…Und chille auch sehr gern.
Georg Drahosch, Schauspieler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Die Hoffnung nicht verlieren auch das geht vorbei und die auch gewonnene Zeit nutzen für Familie und Vorbereitungen für die Bühne…
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Es ist immer der Wandel der Zeit. Wir werden uns anpassen und weitermachen, wenn was zu Ende geht, wird auch was Neues entstehen…
Was liest Du derzeit?
Der Spieler von Dostojweski
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ein Tropfen Glück möcht ich haben, oder ein Fass Verstand
Vielen Dank für das Interview lieber Georg, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspiel-, Kabarettprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Georg Drahosch, Schauspieler
Foto_Barbara Maria Hutter.
7.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Andrea, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein gewöhnlicher Tagesablauf hat sich diese Tage sehr verändert. Normalerweise habe ich die letzten Jahre vormittags meine Tanzunterricht-Stunden vorbereitet, unterrichtet, meine Choreografien für die Shows kreiert, mit meinen Kollegen (Tänzer, Musiker) geprobt. Nachmittags unterrichtete ich immer meine Schüler. Ab Anfang Februar habe ich angefangen, vormittags zusätzlichen Teilzeitjob im sozialen Bereich für 2 Monate auszuüben. Wegen der aktuellen Situation hat sich meine Arbeit als Tänzerin und Tanzlehrerin sehr reduziert. Damit auch mein Einkommen. Meine kreative Arbeit startet dadurch jetzt nach dem Mittagsessen, wann ich meine verbleibenden Online-Unterrichte vorbereite, online unterrichte und selbst meine Choreografien zu Hause kreiere und übe.
Letztes Jahr musste ich mehrfach meine Arbeit verändern. Alle Auftritte musste ich leider absagen. Die größte Herausforderung der letzten Monate war für mich, meine Arbeit auf Online Unterricht umzustellen und meine Schüler dazu zu motivieren. Bei meinen Kinderkursen war es wichtig, die Eltern und die Geschwister dazu zu ermutigen, mitzutanzen, damit die Kinder das Fehlen des Tanzens in den Gruppen überwinden und weiter in Bewegung bleiben. Ich integriere in meine Online – Kinder-Tanzstunden Ausdruckspiele, fröhliche Feinmotorik Übungen, Interaktion zwischen Tanz und Musik, kreatives Mitwirken der Kinder im Unterricht. Dies alles wirkt auf die Kinder unterstützend, stärkend und hilft ihnen Spannungen und Unsicherheiten abzubauen.
Andrea Narten, Tänzerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Aktiv zu bleiben! Nachvorne zu schauen! Nicht in negativen Medien – Nachrichten zu versinken! Ich bereite das Material für meine Unterrichte und für meine kommende mögliche Show auf, bilde mich weiter, setzte mich für die Kunst ein. Die Tanzschulen, Tanzstudios und die Theater können nicht ewig geschlossen bleiben. Die Regierung hat sich die letzten Monate sehr wenig mit der Kunst beschäftigt und sie kaum unterstützt. Wir Künstler brauchen konkrete Schritte für den Wiederaufbau unserer künstlerischen Tätigkeiten. Ich bin bereit, die Initiativen dieser Richtung zu unterstützen. Mit vernünftigen Gesundheitsmaßnahmen und Regeln können die künstlerischen Aktivitäten aus meiner Sicht wieder starten. Gerade in diesen Zeiten ist die heilende Kraft der Kunst extrem wichtig.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, der Kunst an sich zu?
Die letzten Monate haben uns alle sehr herausgefordert, oft aus der inneren Balance gebracht, verunsichert, psychisch belastet, durch emotionale Achterbahnen geführt. Mehr und mehr werden Studien veröffentlicht, wie viele Kinder und Erwachsene aktuell an psychischen Problemen leiden. Bei einem Neubeginn wird es wesentlich sein, sich auf die Aktivitäten zu konzentrieren, die uns energetisch, psychisch, physisch positiv stärken und die uns helfen, negative Gefühle abzubauen. Dabei spielt die Kunst eine große Rolle. Über die 20 Jahre meines Tanzunterrichts habe ich viel Feedback bekommen, wie das Tanzen meine Schüler inspiriert, befreit, gestärkt und über viele Lebenskrisen unterstützend begleitet hat, ihnen Kraft gegeben hat ihren Alltag zu meistern. Der Ausdruck der Emotionen durch Tanz, Gesang, Musik, Schauspiel und anderen künstlerische Aktivitäten hilft intensiv die eigene innere Balance wieder neu zu entdecken. Gerade diese innere Balance ist so wichtig bei einem Neubeginn, um mutig neue berufliche und persönliche Wege einschlagen zu können. Ich drücke uns allen sehr die Daumen!
Was liest du derzeit?
Auf meinem Nachttisch liegen jetzt: Traumfänger von Marlo Morgan – Die Geschichte einer mutigen Frau, die mit den Aborigines wanderte und die Geheimnisse und Weisheiten eines sehr alten Stammes erfuhr. Land unter im Paradies _von Susanne Götze – Reportagen darüber, wie die Menschen in verschiedenen Ländern und Kulturen mit den Folgen des Klimawandels leben. Fulmaya _von Dorota Nvotová – Reiseroman der slowakischen Musikerin, über ihre Trekking-Reisen in Himalaya Gebirge.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Verlasse dich darauf, dass dich das Leben immer wieder zu dir selbst führen wird!“ (aus dem Buch Traumfänger)
Vielen Dank für das Interview liebe Andrea, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Tanzprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!