„„Malina“ ist eine künstlerische, feministische, wienerische Ursuppe“ Maxi Blaha, Schauspielerin_Station bei Bachmann_Wien 6.3.2021

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch- Maxi Blaha, Schauspielerin:

Maxi Blaha, Schauspielerin_Wien_Ungargasse

Ich habe schon in den 1980er Jahren hier in diesem Stadtviertel Wiens viel Zeit verbracht – Ungargasse, Beatrixgasse, Marokkanergasse, Salmgasse, um den Heumarkt herum. Ich kenne diese Ecke aus meiner Gymnasialzeit sehr gut, hatte einen Freundeskreis hier ringsum.

Ingeborg Bachmann begleitet mich schon seit meiner Schüler*innenzeit. Sie hatte für mich immer eine große Strahlkraft. War für mich persönlich und auch in der Vermittlung des Schulunterrichtes eine Art Ikone.

Ich hatte und habe zu Ingeborg Bachmann in ganz unterschiedlichen persönlichen und künstlerischen Lebensphasen eine gute Verbindung, einen guten Draht. Es ist kein vollständiges Verstehen, aber es sind immer wieder neue Zugänge, Entdeckungen und Inspirationen.

In Linz habe ich etwa im Brucknerhaus ein gemeinsames Bachmann Projekt mit Jazz Musikern – Klaus Dickbauer, Georg Breinschmid, Winfried Gruber –  gemacht „In meinen schlaflosen Nächten – Auf den Spuren von Ingeborg Bachmann (2010_Brucknerhaus CD Edition)“. Ein sehr schöner Abend. Ein phantastischer Bachmann-Text ist mir da jetzt schnell in Erinnerung, in dem eine junge Frau durch eine Glastür schlägt als sie ihren ehemaligen Freund mit dessen neuer Frau sieht – „…und sie sieht noch die Flügeltür…und denkt zuletzt, während es sie hineinschleudert unter einem Hagel aus Glasscherben, und während ihr noch wärmer wird vom Aufschlagen und dem Blut, das ihr aus dem Mund und aus der Nase schießt: Immer das Gute im Auge behalten.“ („Ihr glücklichen Augen“ in Simultan, 1972, Ingeborg Bachmann).

Brucknerhaus CD Edition

2016 folgte mein szenischer Theaterabend zu Ingeborg Bachmann und Elfriede Jelinek : „Es gibt mich nur im Spiegelbild – Bachmann, Jelinek“. Elfriede Jelinek nimmt ja den Malina Romanstoff in den „Prinzessinnendramen (Die Wand)“ auf. Es gibt ja viele literarische Entsprechungen zu diesem Verschwinden der Frau im Roman „Malina“. Etwa auch bei Marlen Haushofer. Der literarische Weg führt immer wieder zu „Malina“ zurück.  (Anm: zum 90. Geburtstag von Ingeborg Bachmann sowie des 70. Geburtstages von Elfriede Jelinek wurde von Maxi Blaha ein Theaterabend mit live Musik im Rahmenprogramm der 40. Tage der deutschsprachigen Literatur 2016 in Klagenfurt uraufgeführt   Es gibt mich nur im Spiegelbild – klagenfurter ensemble )

„Es gibt mich nur im Spiegelbild – Bachmann, Jelinek“ Szenischer Theaterabend_Maxi Blaha 2016

Emilie Flöge wohnte auch hier in der Ungargasse und hatte hier ihre letzte Wohnung. In der Zeit des Zweiten Weltkrieges brachte sie ihre wertvolle Modesammlung eigener wie historischer Kollektionen ihres Wiener Modesalons, unter anderem mit 300 Jahre alten Stickereien, hier in ihre Wohnung. Auch Zeichnungen und Skizzen von Gustav Klimt wurden von Emilie Flöge hier in die Ungargasse gebracht. Die Wohnung ist dann abgebrannt und damit gingen wertvolle kunsthistorische Artefakte verloren. Aber auch persönliche Erinnerungsstücke an ihren Lebenspartner Gustav Klimt.  (Anm: Theaterabend_Maxi Blaha „Emilie Flöge – Geliebte Muse“ von Penny Black, 2018  Belvedere Museum Wien | Emilie Flöge. Geliebte Muse, der umjubelten Uraufführung folgte eine weltweite sehr erfolgreiche Tournee mit Stationen etwa in den USA und Japan)

Maxi Blaha „Emilie Flöge – Geliebte Muse“ von Penny Black, 2018 

Die Ungargasse, die Topographie hier, begegnet auch bei Elfriede Jelineks Roman „Kinder der Toten“ (1995).

Also die Ungargasse und das Feuer, das Erinnerungen verbrennen, das Verschwinden ist interessanterweise ein künstlerisches, biographisches Thema, das hier in der Ungargasse wiederkehrt. 

Bachmann wurde ja eine ganz berühmte Wienerin. Obwohl sie das nicht zu Beginn ihres Lebens war. Aber wie viele Wiener*innen war sie dann die typische Wienerin. Als sie Mitte der 1940 Jahre nach Wien kam, hat sie sich ja sehr schnell alles angewöhnt was man als Wienerin können musste.

Der Roman „Malina“ ist so eine Art literarische, feministische, künstlerische, wienerische Ursuppe.

In „Malina“ ist für mich diese Aufspaltung des Menschsein, von Persönlichkeit zentral. Frau und Mann, Künstlerin und private Person.

Künstlerin und Privatperson sein, war für Ingeborg Bachmann ja ein ganz schmaler Grad. Das Erfolgreichsein in der Kunst und das Unerfolgreichsein in der Liebe.  Dieses Festhalten an den völlig falschen Männern. Das hat sie ja auch auf eine Art und Weise getötet. In Malina versucht sich Bachmann von diesem allen loszuschreiben. Für Bachmann ist dieser Roman eine Befreiung. Das ist natürlich immer aktuell und zeitlos wie Literatur, wie das Künstler*innen sein.

Das Schöne an Roman Malina ist, dass es eben nicht so entschlüsselbar ist. Es ist wie ein gutes Gemälde, Musik.

Malina ist ein Ganzes. Ich bin ja keine Literaturwissenschaftlerin. In Malina kann ich mich treiben lassen, in den Bildern, in den Gedanken, heute würden wir wohl sagen in den „schrägen Geschichten“. Es gefällt mir. 

Mein Vater, meine Großeltern kommen aus dem III.Bezirk Wiens hier, dem Radetzkyplatz. Meine Mutter lebt auch heute hier im Bezirk. Ich habe sehr viel Lebenszeit von Jugend an hier verbracht. Es ist Heimat für mich.

Für mich als Wienerin ist es auch schön in Malina Plätze der Stadt wiederzufinden und auch mit persönlichen Lebenserfahrungen zu verbinden. Der Stadtpark ist mir etwa sehr nahe, wie auch bei Bachmann.

Es ist auch für mich als Künstlerin gleichsam immer wieder ein Dialog mit Wien. Ein Mitgehen des Lebens in Emotionen, im Erleben. Das macht natürlich etwas mit einem, eine Stadt und das Leben, Lebensphasen darin. Dies ist auch im künstlerischen Prozess bedeutsam, wie ja im Roman und Werk bei Bachmann.

Ich hatte immer starke literarische Männer, künstlerische Persönlichkeiten an meiner Seite. Mein jetziger Freund ist ja Galerist, auch da sind natürlich immer ganz große Kunstwerke präsent. Das ist für mich sehr inspirierend, hat aber auch etwas Erdrückendes. Da komme ich mir auch etwas vor wie Bachmann in ihren Beziehungen zu Hans Weigl (Anm: Julius Hans Weigel * 29. Mai 1908 † 12. August 1991, Wien; Schriftsteller, Theaterkritiker) oder Max Frisch (* 15. Mai 1911 † 4. April 1991 Zürich; Schriftsteller und Architekt). Ich werde mir das schon absichtlich aussuchen (lacht). Es treibt einen an. Aber es ist eine Gradwanderung, die mich wohl auch mit Bachmann verbindet.

Die Topographie ist wie ein pawlowscher Reflex für einen Gefühlszustand. Und dieses hat bei Bachmann und mir auch immer mit Liebe, der Reflexion und der Suche nach perfekter Beziehung, dem perfekten Mann, zu tun.

Bachmann ist auch heute ein Vorbild. Sie ist eine radikale Künstlerin in der gesellschaftlichen Befreiung als Frau, Künstlerin. Sie ist eine Ikone.

Ingeborg Bachmann war auch sehr modeaffin. Etwa am Foto mit dem schwarzen Lackmantel in Rom. Sie hat sich bewusst modisch angezogen. Wie auch Emilie Flöge und auch Elfriede Jelinek. Ebenso Bertha von Suttner. Dies wäre ja nicht so erwartbar. Mode war ja in Künstler*innenkreisen verpönt. Es ist aber ein bewusster Akt. Das Geld bewusst ausgeben für das was Frau möchte. Es ist persönliche Freiheit.

Ingeborg Bachmann, Rom, November 1969 _  Renate von Mangoldt © Andreas Burkhardt

Mode macht Literatur und Kunst sehr sexy.

Ich schaue mir gerne Schönes an.  Schönheit muss nicht hohl sein. Ich mag Theater, das interessant, ergreifend und schön ist.

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:

Maxi Blaha, Schauspielerin _Station bei Ingeborg Bachmann_ Wien_Romanschauplatz „Malina“.

Maxi Blaha

Alle Fotos/Interview_Walter Pobaschnig _ Romanschauplatz „Malina“ _Wien_3.3.2021

Walter Pobaschnig _ 3_2021

https://literaturoutdoors.com

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