„Ich sehe nirgendwo einen Ersatz für die ernsthafte Literatur“ Daniel Wisser, Schriftsteller_Wien 7.3.2021

Lieber Daniel, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Das Reisen und das Gehen sind weggefallen. Es kommt mir vor, als sei die Welt zweidimensional geworden. Das macht beim Lesen und Schreiben eigentlich nichts aus; möchte man meinen. In Wirklichkeit aber macht es etwas aus: Die Konzentration ist durch die gesellschaftliche Entwicklung in der Pandemie schwer beeinträchtigt. Ich arbeite also täglich daran, mich zu konzentrieren.

Daniel Wisser_Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es ist wichtig, dass man sich mit unangenehmen und anstrengenden Dingen beschäftigt. Das kostet Überwindung. Aber beim Laufen ist es genauso. Wenn ich meine Laufrunde beginne, denke ich nach 200 Metern: Es geht gar nicht! Dann aber laufe ich doch die 21 km ohne große Krise. So ist es auch beim Lesen, Denken, Romanschreiben. Wir müssen uns besonders mit einem sehr unangenehmen Gedanken beschäftigen: Dass die Zeit der Pandemie kein Ausnahmezustand ist, sondern einfach unsere Gegenwart, unsere Realität. Darin liegen auch die politischen Versäumnisse in unserem Land: Die Politik muss Menschen helfen und sich nicht als Wahrsager oder Schuldzuweiser betätigen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Das Wort Neubeginn ist eine Tautologie. Das klingt schon so, als wolle man viel von dem zerschlagen, was unsere Welt bisher ausgemacht hat. Und tatsächlich ist es so. Im ersten Jahr der Pandemie haben wir erlebt, wie der Kapitalismus sich die Mechanismen der Lockdowns und Beschränkungen zunutze gemacht hat. Der Literatur kommt jetzt (wie zu jeder Zeit) die Aufgabe zu, ehrlich und präzise über das zu berichten, was geschieht. Das ist heutzutage schon sehr viel und ich sehe nirgendwo einen Ersatz für die ernsthafte Literatur.

Was liest Du derzeit?

Die Kurzgeschichten und Tagebücher von Katherine Mansfield, die Traumdeutung von Sigmund Freud, Die unaufhörliche Wanderung von Karl-Markus Gauß, alte Zeitungen aus den Jahren 1991 und 1992 und die Songtexte der Beatles.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„In den Gesellschaften, die sich auf mündliche Überlieferung stützen, tendiert das Erinnerungsvermögen der Gemeinschaft unwillkürlich dazu, Veränderungen zu verschleiern oder wieder in sich zurückzunehmen. Die relative Formbarkeit des materiellen Lebens geht einher mit einer unausgesprochenen Starrheit des Bildes der Vergangenheit. Die Dinge sind immer so gewesen: Die Welt ist, wie sie ist. Nur in Zeiten heftigen Sozialen Wandels taucht das im allgemeinen mythische Bild von einer anderen und besseren Vergangenheit auf – ein Muster an Vollkommenheit, gegenüber dem die Gegenwart wie ein Verfall, eine Entartung erscheint.“

Ginzburg, Carlo: Der Käse und die Würmer, S. 111

Daniel Wisser, Schriftsteller (links) und Walter Pobaschnig _Foto_Romana Fürlinger

Vielen Dank für das Interview lieber Daniel, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Daniel Wisser, Schriftsteller

Daniel Wisser – Schriftsteller

Fotos_Walter Pobaschnig/Romana Fürlinger _ Konzerthaus Wien 1_2020

1.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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