„Das gegenwärtige Neo-Biedermeier ist vor allem für Frauen fatal“ Evelyn Steinthaler, Schriftstellerin_ Wien 8.3.2021

Liebe Evelyn, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der Tag beginnt mit Yoga, dann wird vor allem geschrieben – im Frühling 2021 erscheint die Biografie der kärntnerslowenischen Kulturwissenschaftlerin und Zeitzeugin Katja Sturm-Schnabl bei bahoe books. Damit bin ich sehr beschäftigt, nur wenige Tage vor Abgabe des Manuskripts. Spaziergänge und diverse Onlinekonferenzen gehören ebenfalls zu meinem derzeitigen Alltag. Da ich im vergangenen Semester das erste Mal an der Uni Wien als Lektorin beschäftigt war, bin ich zwischenzeitlich auch mit dem Lesen von Essays meiner wunderbaren Studierenden beschäftigt. Gleichzeitig bereite ich auch das nächste Semester vor, der Lehrauftrag an der Judaistik setzt sich fort, darüber freue ich mich sehr.

Zwischendurch drängt sich auch der Roman auf, den ich seit Jahren mit mir herumtrage und der in Teilen auch schon geschrieben ist. Nach der Biografie soll er endlich den Platz bekommen, der ihm zusteht. Vor wenigen Wochen wäre Gert Jonke 75. geworden. In den 90ern war er mein Lehrer. Ich muss grad oft an ihn denken, auch weil wir so viel über die Schreibmöglichkeiten zu Kärnten gesprochen haben, ist ja nicht nur die Biografie Katja Sturm-Schnabls ein Buch über Kärnten, auch im Roman spielt das Land meiner Herkunft keine kleine Rolle.

Evelyn Steinthaler_Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Mit sich und der Welt Geduld zu haben ist derzeit wohl von großer Bedeutung wie auch sich Neues zu überlegen, denn so wie vor-Covid können wir nicht weitermachen.

Nicht weniger wichtig ist dem gegenwärtigen Neo-Biedermeier nicht auf den Leim zu gehen, das vor allem für Frauen fatal ist, die ja in alte Muster massiv zurückgedrängt werden.

Darüber hinaus ist es wichtig, wie immer, sich nicht von den rechten Rattenfängern betören zu lassen ist.

Anflüge von Gleichgültigkeit müssen verdrängt werden.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wesentlich ist auf jeden Fall eine Absage an die neoliberale Vereinzelung und Selbstbezogenheit der vergangenen Jahrzehnte. Wenn wir nicht endlich in der notwendigen Verantwortlichkeit erkennen, sind wir verloren. Dabei sehe ich Kunst und Literatur in der Notwendigkeit unbedingter Äußerungen.

Was liest Du derzeit?

„Was Nina wusste“ von David Grossmann

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Die gestundete Zeit                              Ingeborg Bachmann

Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Bald mußt du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.
Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel:
die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.

Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar,
er fällt ihr ins Wort,
er befiehlt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich
und willig dem Abschied
nach jeder Umarmung.

Sieh dich nicht um.
Schnür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen!

Es kommen härtere Tage.

Vielen Dank für das Interview liebe Evelyn, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Evelyn Steinthaler, Schriftstellerin

Home | evelynsteinthaler

Foto_privat

11.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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