„Und vor allem weitermachen. Die Projekte nicht liegen lassen“ John Sauter, Schriftsteller, Leipzig 30.3.2021

Lieber Johnny, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich mache viel Musik. Das ist gut für die Seele. Geht so ab neun morgens los, da texte ich meist was, wie jetzt gerade, wenn ich das Interview beantworte. Auf dem Schreibtisch neben mir liegt ein Blatt, wo ich mir Notizen, Schlagworte und Phrasen drauf schreib, die ich später verkette.

John Sauter, Schriftsteller, Sänger

Die LP „Nostromo“ (via Das Label mit dem Hund) ist grad frisch draußen, hab wieder mehr Kopf frei. Gegen 11 geht’s also ab ins Studio, Treffen mit einem Produzenten, mit dem ich gerade neu zusammenarbeite. Sitzen an ein paar spannenden Songs. Der hat echt was drauf. Mein Gitarrist Chris hat uns auch grad neue Spuren zum rumbasteln geschickt. Nach der Session werd ich ein bisschen an Gedichten arbeiten. Bin ich grad wieder angefixt, da mein neuer Band „Zone“ (erscheint unter meinem bürgerlichen Namen John Sauter) endlich vom Schreibtisch ist und in diesem Moment in die Druckerei geht.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Füreinander da sein. Auch wenn die andere Person vielleicht mal nervt. Niemanden allein- oder zurücklassen. Und vor allem weitermachen. Die Projekte nicht liegen lassen und denken, kann ich ja auch morgen (oder übermorgen, oder überüber…) machen. Nein. Man sollte sich klar sein, dass man die Sachen eben nicht für den übergestülpten Terminplan macht, sondern für sich selbst. (Ja!) Und im zweiten Schritt ist der Output ja auch für andere wichtig, die wiederum darauf reagieren (können). Sprich, regelmäßig aufstehen, Bett machen und produktiv/kreativ sein, da lassen sich die eigenen Dämonen am besten im Zaum halten. Ausgetrieben bekommt man sie eh nie ganz, hehe.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Sie wird den Menschen Halt geben, Hoffnung und Perspektive. Das hat sie schon immer getan. Klar können wir das jetzt von ihr ein- und herfordern. Aber sie wird uns ihre weiche Hand auf die Schulter legen, und flüstern, dass sie nie weg war. Sondern immer schon da.

Was liest Du derzeit?

Gerade liegt hier ein Text von Martina Hefter, eine Schriftstellerin, die ich sehr schätze, und die öfters mal auch über meine Texte drüberliest. Es geht in ihrem Text um ein Pferd. Das in der Stadt lebt. Da habe ich direkt eine kleine Skizze dazugekritzelt. Was liegt hier noch. Mmh. Hesse! Meine Mitbewohnerin hatte mich darauf aufmerksam gemacht, dass in unserem Haus auf der Geschenkestufe ein Stapel Hermann Hesse-Bücher liegt. Den hab ich mir instant geholt. Ich lese in den Gedichten herum, wenn ich nervös durch die Wohnung tigere. Ich glaube, ich habe schon wieder zu viel Kaffee getrunken. Aaah. Jedenfalls stehen da gute, aufwühlende aber auch Kraft gebende Dinge drin. Guter Vibe. Kunst-Machen heißt auch Sozialarbeiter*in sein. Hesse ist mir gerade ein guter Sozialarbeiter. Martinas Großstadtpferd aber auch!

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Mein Verleger und Lektor Helge Pfannenschmidt meinte neulich, dass er es krass findet, wie sehr es in meinem neuen Buch um Freundschaft geht. Das ist mir vorher selbst nie aufgefallen. Ich dachte immer, das Buch ist mega düster. Diesen Effekt habe ich aber schon öfter beobachtet, dass Leute was ganz Anderes und Positives mit den geschriebenen Sachen anstellen in ihrem Kopf. Das finde ich knuffig, super und toll. Deswegen:

„Ein kalter Planet kann es sein

Wir müssen uns festhalten“

(aus: „Mädchen am See“, in Zone, 2021, Edition Azur/Voland&Quist, Dresden/Berlin 2021)

Vielen Dank für das Interview lieber Johnny, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Musikprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Danke für deine Zeit, lieber Walter,

Cheers!

5 Fragen an KünstlerInnen:

John Sauter, Schriftsteller, Musiker

Foto_Alena Sternberg

1.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Im Wort Unterhaltung steckt das Wort HALTUNG drinnen“ Eva Filip, Schriftstellerin_ Göppingen/D 30.3.2021

Liebe Eva, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Schreiben geschieht in der Einsamkeit. Man ist allein, also man ist allein mit seinen Figuren, die virtuell sind. Daher hat sich mein Tagesablauf in dieser virtuellbetonten Zeit nicht viel verändert. Ein paar Lesungen wurden abgesagt. Das ist schade, denn die Begegnungen mit den Lesern sind wichtig und schön. Man trifft sich mit Leuten, die das gleiche Thema interessiert, manche kennen bereits die Figuren, die einem im Laufe der Zeit des Schreibens ans Herz gewachsen sind. Es ist, als hätte man gemeinsame Bekannte, also auch sofort Gesprächspartner, die einem irgendwie vertraut sind, obwohl man sich noch nie begegnet ist.

Eva Filip, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

 Auf sich und die anderen aufpassen. Diese Krise lehrt uns, dass wir alle Kinder dieses einen Planeten Erde sind. Zusammenhalten! Vielleicht hilft uns die entschleunigte Zeit, die globale Wirtschaft zu überdenken und uns auf alte Werte zu besinnen, auf das, was wirklich zählt: Menschlichkeit, Respekt, Achtsamkeit.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wichtig ist, nicht den Mut zu verlieren. Die Geschichte zeigt uns, dass alle Krisen auch wieder vergehen. Die Kunst ist gerade in Krisenzeiten sehr wichtig. „Das Dekameron“ von Boccaccio wurde in einer Krisenzeit geschrieben, um die Menschen zu unterhalten. Die Kunst hat eine tröstende Funktion und die Fähigkeit Unterhaltung und Freude zu bringen. Anderseits steckt im Wort Unterhaltung das Wort HALTUNG drinnen. Vielleicht ist es gerade jetzt wichtiger denn je, was wir schreiben, malen, komponieren…

Die Kunst verändert nicht die Umstände, aber die Wahrnehmung und das Denken der Menschen. Damit aber beginnt Veränderung und Neubeginn.

Was liest Du derzeit?

„Die Unschärfe der Welt“ von Iris Wolff. Der jungen Autorin ist ein wunderbarer Roman gelungen, intelligent, feinsinnig und sprachlich grandios, mit einer guten Mischung Verstand und Humor. Interessant finde ich die Komposition. Auf dem Hintergrund des zusammenbrechenden Ostblocks und der leidvollen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts erzählen  sieben Menschen aus vier Generationen. Es sind Figuren, deren Lebenswege durch eine Hauptperson verbunden sind, die selbst nur durch die Erzählungen der anderen dem Leser bekannt wird. Das ist eine recht gewagte Erzählweise, die aber voll aufgeht und eine interessante Unschärfe in das Geschehen bringt. Der Leser ist dauernd gefordert, die angebotenen Wahrnehmungen zu verarbeiten, weiter zu denken.  

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich möchte einen Textimpuls, der den Künstlern Mut machen soll, aus meinem Roman „Nichtschweigen. Im rumänischen Gulag“ (KLAK Verlag Berlin, 2018, Seite 269)  mitgeben.

„Glauben Sie, dass Kunst etwas verändern kann?“, fragte ich skeptisch. „Mit Sicherheit“, sagte er. „Sie verändert nicht die politischen Verhältnisse, aber das Denken der Menschen. Die Kunst ist eine große Macht.

Vielen Dank für das Interview liebe Eva, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Textprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Eva Filip, Schriftstellerin

Eva Filip. Autorin | KLAK VerlagKLAK Verlag

Foto__privat

3.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Seuchen begleiten das Wachstum der Menschheit. Wie größenwahnsinnige Phantasien auch“ Angelika Overath, Schriftstellerin, Sent/CH 29.3.2021

Liebe Angelika, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meine Tage haben sich wenig verändert. Ich lebe in einem Dorf mit 900 Einwohnern auf 1440 Metern über dem Meeresspiegel und etwa 300 Meter über dem Inn. Der Inn fließt ab Passau mit der Donau ins Schwarze Meer. Ich schreibe und denke an das Schwarze Meer, an das Marmarameer, an das Mittelmeer, das auch Weißes Meer heißt, daran, dass die Erde ein blauer Planet ist. Daran, dass wir zu 80 Prozent aus Wasser bestehen. Und wir sind Sternenstaub.

Angelika Overath, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

In meinem Dorf wird am 1. März „Chalandamarz“ gefeiert. Das Dorf hat über 20 Brunnen. Die Schulkinder, es sind 80, 90 Kinder, tragen blaue Kittel und rote Mützen, und sie haben Kuhglocken, kleine und auch sehr große, um den Bauch gebunden, mit denen sie läuten. Sie haben lange geübt. Sie singen an allen Brunnen, zweistimmig, dreistimmig, vierstimmig. Es sind alte rätoromanische Chalandamarzlieder, die schon ihre Eltern und Großeltern und die Eltern ihrer Großeltern gesungen haben.

Dieses Jahr war das Singen verboten.

Aber die Lehrer haben mit den Kindern die Lieder aufgenommen. Und am 1. März 2021 standen um 12.30 Uhr die Dorfbewohner, Ski-Touristen auf den Straßen. Die Kinder hatten die Brunnen geschmückt. Sie läuteten mit den Glocken und aus Fenstern und von Balkonen hörten wir eine halbe Stunde lang in ihren Stimmen „Chalandamarz, chaland’avril“ oder „Sü, sü da cumpagnia“ oder „Viagiar“ oder „Inviern, sta bain“. Die Lehrer, die Kinder haben die Situation für sich verwandelt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Seuchen begleiten das Wachstum der Menschheit. Wie größenwahnsinnige Phantasien auch. Dabei gibt es, glaube ich, kein Recht auf Unsterblichkeit. Täglich verhungern auf unserem blauen Planeten 10.000 Menschen. Gesunde Jugendliche, die nur eine Zukunft wollen, ertrinken vor südlichen Stränden.

Es kommt wohl immer darauf an, genau zu sein. Möglichst genau hinzusehen, zuzuhören, aufmerksam dazusein. Und davon, ja, Zeugnis abzulegen. Als Einzelne und schöner: gemeinsam. Nursel Gülenaz und ich hatten, organisiert vom Lyrik Kabinett München, eine Zoom-Lesung von türkischen Liebesgedichten einer vergangenen Avantgarde, die wir übersetzt und herausgegeben haben, „So träume und verschwinde ich“. Diese Gedichte der 1960er Jahre sind heute in der Türkei ein Pulsschlag der Demokratie. Sie werden an öffentliche Wände gemalt, photographiert und ins Netz gestellt. Nursel las aus Istanbul, ich aus meinem Engadiner Dorf Sent. Es war ein wenig magisch.

Was liest Du derzeit?

Die Tagebücher von James Cook. Ich schreibe an „Krautwelten“, ein kleines Buch über Kohl, Kraut, Kabis und all ihre wundersamen Verwandten. Die ersten großen Seekarten des 18. Jahrhunderts verdanken sich dem Sauerkraut. Mit dem Sauerkraut begann die Globalisierung.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wir beide können uns zusammen freuen, komm‘ lass uns in den Himmel schaun!“ (Turgut Uyar)

Vielen Dank für das Interview liebe Angelika, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Angelika Overath, Schriftstellerin

Angelika Overath (Autorin, Herausgeberin, Übersetzerin) – Bücher (penguinrandomhouse.de)

www.schreibschule-sent.ch

Foto__Franziska Barta

7.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Geschichten machen das Dasein aus“ Björn Bischoff, Schriftsteller_Erlangen 29.3.2021

Lieber Björn, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zu wenig Routine, zu viel Organisation. Dazwischen: Schreiben. Prosa und Journalistisches. Ersteres etwa für das Projekt Erlangen NOIR von Philip Krömer, Michael Jordan und mir. Zweiteres etwa zur eben erschienen Dokumentation »Framing Britney Spears«.

Björn Bischoff, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Für alle mag ich nicht sprechen, zumal es da auch schnell ins Pastorale geht. Für mich persönlich kann ich sagen: Hoffnung, Literatur und Menschen. (Liest sich nicht wirklich weniger pastoral, oder?)

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich würde mich da von Literatur und Kunst lösen: Geschichten generell schaffen Empathie, Leben und Hoffnung. Und das wird es in der nächsten Zeit sehr viel brauchen. Oder braucht es eigentlich immer. Das ist aber natürlich nur mein naiver Glaube. Ob es so kommt? Wer weiß das schon. Geschichten bewegen aber weit mehr, als viele Leute glauben. Sie überdauern Jahrhunderte und habe eine eigene Kraft. Sie begleiten uns ein Leben lang. Sie machen das Dasein aus.

Was liest Du derzeit?

Aktuell liegt hier »Vorbildliche Selbstmorde« von Enrique Vila-Matas. Ansonsten George Saunders für die Seele, Samanta Schweblin für die Stimme, Ottessa Moshfegh für mein Inneres und Franz Kafka für alles und nichts und einfach so.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Try and be nice to people, avoid eating fat, read a good book every now and then, get some walking in, and try and live together in peace and harmony with people of all creeds and nations.« (Der Sinn des Lebens frei nach Monty Python)

Vielen Dank für das Interview lieber Björn, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Björn Bischoff, Schriftsteller

Autor – TOR Online.de (tor-online.de)

Foto_Julien Fertl Photography

26.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Das Entwerfen und Nachdenken über neue Perspektiven aber auch mal ablenkende Unterhaltung“ Bérénice Brause, Schauspielerin_Celle/D 28.3.2021

Liebe Bérénice, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zurzeit recht unspektakulär. Ich stehe zwischen 8 und 9 Uhr auf und mache Yoga zum in den Tag kommen. Danach mache ich Musik an, bereite mir mit der Mokkamaschine einen Espresso zu. Bis der fertig ist, gehe ich ins Bad. Mein Espresso-Frühstück genieße ich dann, während ich meine Mails checke und die Nachrichten lese. Danach arbeite ich meine selbstgeschriebenen To-do-Listen ab, die momentan eher kurz sind.

Ich gehe raus, um meinen kleinen Erledigungen nachzugehen und kaufe mir dann noch irgendwas Leckeres zu Essen. Zuhause wieder angekommen, mache ich mir noch einen Kaffee und arbeite an meinen eigenen kleinen künstlerischen Projekten weiter, wie zum Beispiel an UNDINE, ein Langzeitprojekt von mir, in dem ich inspiriert von Ingeborg Bachmanns Undine geht, Jean Giraudouxs Undine und Friedrich de La Motte Fouqués romantischen Undine Märchen einen Text bzw. Monologe entwickle und in Form von Videos, Fotos und Musik als Ausdrucksmittel dessen experimentiere.

Bérénice Brause, Schauspielerin

Öfter veröffentliche ich dann auch mal Videos auf Instagram und Facebook. Es tut mir gut mit meinen Gedanken und Ideen nach außen zu gehen. Auch wenn es die Situation vor Publikum auf der Bühne zu spielen natürlich nicht ersetzt. Aber mir ist es vor allem wichtig weiterhin künstlerisch aktiv zu bleiben. Manchmal habe ich dann aber auch doch keine Motivation daran weiterzuarbeiten und lese dann lieber oder gehe draußen spazieren. Da kommen mir aber manchmal neue Gedanken und Input.

Oftmals begegne ich nach dem Spaziergang meiner Nachbarin von gegenüber, eine ältere Dame, mit der ich dann immer noch ein bisschen plaudere. Neuerdings legt sie mir fast jeden Tag eine Kleinigkeit, wie etwa ein paar Trauben, eine Zwiebel oder einen Apfel vor die Tür, weil sie zu viel davon hat und mir eine Freude bereiten will. Das zaubert mir immer ein Lächeln ins Gesicht. Ich bringe ihr dann am Wochenende mal ein Stück selbstgebackenen Kuchen oder eine Räucherforelle vom Fischladen mit. Abends mache ich dann meistens nochmal Yoga, koche mir danach Abendessen, zünde Kerzen an und schaue mir einen Film auf Mubi an. Gegen 0 Uhr bin ich dann sehr müde und gehe ins Bett.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Positiv bleiben und noch ein bisschen durchhalten. Versuchen das Beste aus der Situation zu machen. Momentan ist ja schon etwas mehr Licht in Sicht. Auch wenn ich mir darüber bewusst bin, dass ich das aus einer sehr privilegierten Position heraus sage mit meiner Festanstellung hier am Theater. Für viele Menschen ist es wahrscheinlich nicht so einfach positiv zu denken. 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Das Theater hat zum einen die die Aufgabe thematisch intensiv auf die Pandemie und die vergangenen Ereignisse einzugehen, zu reflektieren, zu verarbeiten und Menschen die Chance zu geben, sich darüber auszutauschen und in Kommunikation darüber zu kommen. Bis vor kurzem haben wir hier im Schlosstheater Celle an dem Stück „Die weisse Krankheit“ von Karel Čapek geprobt. Ein tschechisches Stück aus den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts. In diesem Stück geht es auch um eine Pandemie: die weiße Krankheit, die im Originalstück aber in Zusammenhang gebracht wird mit den Folgen und Auswirkungen des Faschismus und dem Krieg. In unserer Fassung haben wir aber den Fokus vor allem auf einen Abgleich mit aktuellen Zeitgeschehen, zum Beispiel die Gefahr des Zerbröckelns der Demokratie durch Unmut in der Gesellschaft und aufkommende Radikalisierung gelegt. Ich war in der Probenzeit dankbar für die Möglichkeit, mich mit meinen Kolleginnen und dem ganzen Team der Produktion regelmäßig über aktuelle Geschehnisse austauschen und das dann auf die Bühne bringen zu können. Auf Abstand und mit Maske natürlich. Ich bin sehr gespannt wie das Publikum die Inszenierung dann aufnehmen wird, sollte es dann zur Aufführung kommen.

Zum anderen glaube ich, dass sich die Menschen jetzt auch Ablenkung und Erfrischung wünschen. Sie wollen nicht immer wieder mit den Problemen ihres Alltags und der Corona-Krise konfrontiert werden. Ich denke, dass es wichtig ist, einen Ausgleich zwischen Reflexion aktuellen Zeitgeschehens, das Entwerfen und Nachdenken über neue Perspektiven in der Zukunft und aber auch mal ablenkender Unterhaltung zu finden. Denn ich verstehe auch die Sehnsucht nach Ausbruch aus dem Alltag. Und wir dürfen auch nicht vergessen, dass es noch viele andere wichtige Themen und Problematiken zu bearbeiten gibt abgesehen von Corona. Jedoch ist es wichtig sich mit der aktuellen Problematik der Pandemie auseinanderzusetzten. Diese Krisensituation wird wohl sowieso von alleine in die Kunst miteinfließen und unsere Zeit wiederspiegeln, ob wir es wollen oder nicht. Es wird auf jeden Fall viel neuen Stoff und alten Stoff neu zu bearbeiten geben. 

Was liest Du derzeit?

Die Illusion der Gewissheit von Siri Hustvedt

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein persisches Sprichwort von Nezami: Jede dunkle Nacht hat ein helles Ende.

Vielen Dank für das Interview liebe Bérénice, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Bérénice Brause, Schauspielerin

Foto_Emanuel Droneberger

10.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Demokratische und solidarische Umgangsformen mit Ängsten zu finden“ Eva Schörkhuber, Schriftstellerin_ Wien 28.3.2021

Liebe Eva, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich durch die Corona-Pandemie nur wenig verändert: Als Schriftstellerin verbringe ich den größten Teil meiner Arbeitszeit ohnehin am Schreibtisch zu Hause – wobei ich großes Glück habe: Mein Arbeitszimmer ist geräumig und hell, ich sehe vom Schreibtisch aus die Wolken und Vögel vorüberziehen.

Was sich wie für alle Kunstschaffenden verändert hat, ist, dass es momentan keine öffentlichen Auftritte gibt: Das hat zwar meinen Terminkalender entspannt, aber es fehlt mir doch sehr, mich bei Veranstaltungen mit Kolleg*innen auszutauschen, mich von Lesungen, Konzerten, Theatervorstellungen und den Begegnungen dabei inspirieren zu lassen.  

Eva Schörkhuber, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich habe den Eindruck, dass eine Art Schollendenken um sich greift, dass die je eigenen Denk- und Sehterritorien mit Parolen und Glaubenssätzen umzäunt werden. Jeder Sicht- und Perspektivenwechsel wird als eine Art Verrat betrachtet, alle müssen sich für eine Seite entscheiden: Das ist in einer derart komplexen Zeit, in der es gesamtgesellschaftliche, globale Reflexionen darüber bräuchte, wie wir durch radikale Veränderungen unserer Lebens- und Wirtschaftsformen den ökologischen, gesundheitlichen und humanitären Krisen beikommen können, buchstäblich verheerend.

Wenn diese Schollen auftauchen – und sie sind nicht erst mit Covid-19 aufgetaucht, sie sind durch diese Krisensituation noch deutlicher geworden, noch schärfer abgegrenzt – ist das ein Zeichen dafür, dass Angst regiert und dass Angst eingesetzt wird, um Menschen einfacher regieren zu können.

Dabei ist nicht die Angst selbst das Problem, sondern ihre Verdrängung, die sie dann eben auch instrumentalisierbar macht: Wir leben in einer beängstigenden Zeit, selbst im globalen Norden, in den reichsten Ländern der Welt, sind immer mehr Menschen von Armut bedroht. Die Lebens- und Arbeitsverhältnisse verschlechtern sich, wobei die Pandemie und die mit ihr einhergehende Wirtschaftskrise die Situation noch zuspitzt.

Viele der Maßnahmen, die gesetzt werden, zielen auf die Aufrechterhaltung eines Status Quo, der den allermeisten Menschen auf dieser Welt sukzessive den Boden unter den Füßen wegzieht. So zu tun, als wäre nichts, als würde es mit dem Ende der Pandemie so weiter gehen können wie zuvor, schürt die Ängste ebenso wie die teilweise berechnend eingesetzten Schreckensszenarien: Vermittelt und verstärkt wird in beiden Fällen das Gefühl der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins, das auf mitunter sehr gefährliche Weisen kompensiert wird.

Ich denke in diesem Sinne ist es jetzt besonders wichtig, demokratische und solidarische Umgangsformen mit dieser Angst, mit diesen Ängsten zu finden und uns diesen zu stellen: Nicht vereinzelt auf den Schollen, auf diesen Splitterstücken einer verdrängten Vergangenheit, und gegeneinander, sondern in Anbetracht einer globalen Situation, die es gemeinsam zu verändern gilt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich würde sagen, dass es allen künstlerischen Ausdrucksformen gegeben ist, diese Schollen, von denen ich oben geschrieben habe, zum Schmelzen zu bringen: Mehrdeutigkeit, Widersprüchlichkeit, Bedeutungsverschiebungen sind Mittel gegen territoriale Abschottungen von Denk- und Sehweisen. Jede Art von Kunst, ob Musik, Schauspiel, bildende Kunst, Literatur ist global, ist beeinflusst von ganz unterschiedlichen Strömungen und Bewegungen, die allesamt nicht so einfach einem bestimmten kulturellen oder gar nationalen Fahrwasser zugeordnet werden können.

Was den Aufbruch und Neubeginn, die notwendigen Veränderungen unserer Lebens- und Wirtschaftsformen anbelangt, denke ich, dass die Stärke von Literatur und Kunst darin besteht, sich gegen jede Art von Abstraktion, von Verallgemeinerung zu wenden. Kunst, auch so genannte abstrakte Kunst, ist immer konkret: Sie bedeutet eine konkrete Auseinandersetzung mit materiellen Gegebenheiten, wobei die Materialien sehr unterschiedlich sein können: Es kann sich um Farbe, um Ton-Frequenzen, um Stahlbeton, aber auch um soziale Zusammenhänge und Emotionen handeln.

Die Zugänge zur Welt, die Kunst eröffnet, führen insofern näher an den jeweiligen Gegenstand heran, als sie ihn komplexer, vielschichtiger machen. Die künstlerische Annäherung zielt nicht auf restlose Klärung, auf Feststellung, sondern darauf, die Verhandlungen, die ich als Künstlerin, als Schriftstellerin mit ‚meinem‘ Gegenstand führe, sichtbar zu machen, auszustellen. 

So würde ich auch einen Aufbruch und Neubeginn sehr gerne sehen: Nicht als abstraktes Manifest, das über die meisten Köpfe hinweg beschlossen und durchgesetzt wird, sondern als permanentes Ausverhandeln auf einer ganz breiten Basis, ohne zentrale Regierung und ohne zentrales Komitee.   

Was liest Du derzeit?

Passend zu dieser Vorstellung von Aufbruch und Neubeginn – Eva Gebers Roman über Louise Michel. 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Die Qualität des Lichts, in dem wir unser Leben prüfend betrachten, beeinflusst unmittelbar, was wir erleben und welche Veränderungen wir durch unser Leben zu bewirken hoffen.“

Audre Lorde: Dichten ist kein Luxus. 

Vielen Dank für das Interview liebe Eva, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Eva Schörkhuber, Schriftstellerin

Foto_privat

26.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Kunst wird unser empathisches Potential wecken“ Max Glatz, Schauspieler_Wien 27.3.2021

Lieber Max, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ende Februar des Jahres befand ich mich in den Endproben für das Stück „Die Schamlosen“ nach Daniil Charms am Theater Arche, für das (aufgrund der geltenden Beschränkungen) noch kein Premierentermin feststeht. Das ist eine Situation, an die man sich erst gewöhnen muss, aber ich bin natürlich sehr froh, dass ich das Glück hatte, proben zu können (noch dazu mit diesem großartigen Ensemble) und das es eine Struktur gab.

Das Pandemie-Vakuum zu füllen – ohne eine klare Aufgabe zu haben meinen Tag zu strukturieren – ist etwas das mir nur phasenweise gelingt.

Max Glatz, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube die Pandemie hat uns unter anderem gezeigt wie leicht sich die Gesellschaft in Lager spaltet und wie das Denken, selbst bei liberalsten Menschen, in einem Freund – Feind Schema verhaftet bleibt. Gleichzeitig sieht man auch wie fluide solche Lager sein können.

Das Denken in Feindbildern reproduziert sich im Kleinsten, wenn wir beispielsweise unsere Lebenspartner insgeheim für Kränkungen verantwortlich machen, und im Großen, auf der Ebene von Nationalstaaten und Staatengebilden. Das produziert ungeheuer viel Leid und Zerstörung im Privaten und im Weltgeschehen.

Dieses Denken aufzulösen und zu transzendieren ist eine jahrtausendealte Aufgabe, und wir werden sie nicht in einer Generation lösen. Aber ich glaube gerade in Zeiten in denen viel Verunsicherung und Perspektivlosigkeit herrscht und in denen sich politische Mächte neu zu ordnen scheinen, ist es besonders wichtig solche Denkstrukturen bewusst zu machen und ihnen entgegenzusteuern. Das ist etwas woran jedeR höchstpersönlich arbeiten kann.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Am Anfang der Pandemie gab es ein ungefähres Gefühl von: diese Unterbrechung des gewohnten Weltlaufs birgt eine große Chance für Veränderung. Das zeigt das große Unbehagen an den kollektiven Entwicklungen und am Getriebe von Konsum und Arbeit. Die Einladung zur Besinnung war greifbar.

Leider sieht es so aus, dass es keine große „Umkehr“ geben wird. Wir haben uns an eine neue Normalität gewöhnt und beschäftigen uns damit die alte Normalität zu kitten und zu überbrücken. Es soll alles so werden wie es einmal war. Gleichzeitig, so scheint mir, nimmt eine – vorher schon starke – instrumentelle Haltung zur Umwelt und den Mitmenschen immer mehr zu. Auch eine gewisse narzisstische Aufgeregtheit. 

Ich denke wenn die Corona-Zeit vorbei ist, werden wir erst einmal begreifen und verarbeiten müssen was da eigentlich mit uns passiert ist. Wir werden Geschichten brauchen, die uns über den Tellerrand von Infektionszahlen, Impfstatistiken und Ausgleichszahlungen blicken lassen. Wir werden Musiken brauchen die uralte Sehnsüchte in uns hochbrausen lassen. Wir werden lernen müssen zu Trauern über die Toten der Intensivstationen, über die abgründige Einsamkeit der Alten in den abgeriegelten Pflegeheimen, über die zerstörten Existenzen. Wir werden den ganz normalen Wahnsinn des Homeschooling-und-Homeoffice Dramas sinnlich und öffentlich zelebrieren müssen. Wir werden die Zerrissenheit unserer utopiehungrigen Herzen tanzen müssen. Wir werden sehen müssen was es mit uns macht, einen fremden Menschen wieder nah an unseren Leib heranzulassen und das auf einer Bühne herauszusprechen. Wir werden lernen müssen über unser kleines beschränktes Pandemie-Selbst herzhaft zu lachen. Und und und.

Für all diese Dinge ist seit jeher die Kunst zuständig. Sei es Instrumentalmusik, abstrakte Malerei, oder politisches Theater. Exzessive Performance, sensibler Arthouse Film, oder moderner Tanz.

Die Kunst wird unser empathisches Potential wecken, keine Richtungen vorgeben, aber die richtigen Fragen stellen, Beispiele liefern, Dinge verdichten und sie in neue sinnliche Zusammenhänge stellen.

Das wünsche ich mir.

Max Glatz_Schauspieler

Was liest Du derzeit?

„Morgen bist du reich“ von Karl Wozek.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Zen-Haiku über das man lange nachdenken kann:

            Zehn Jahre Suche im tiefen Wald.

            Heute großes Gelächter am Flussufer.

            (Soen Roshi)

Vielen Dank für das Interview lieber Max, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Max Glatz, Schauspieler

Fotos_Peter Phillipp

25.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Welt ist keine schöne, aber wir machen sie zu einer“ David Hoffmann, Schriftsteller_ Wien 27.3.2021

Lieber David, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wenn es einen vorgegebenen gibt, so besteht er aus aufwachen, schreiben, essen, schreiben, nochmal essen, schlafen, essen, bisschen trinken, spazieren gehen. Oder vielleicht doch eher aufwachen, spazieren gehen, essen, schlafen, aufwachen, schreiben. Zwischendrin fühle ich in meinen Körper, ertaste mental, ob ich bereits erkrankt bin und womöglich bald sterben werde, woraufhin mir klar wird, dass ich Mitte Dreißig bin und mich das Virus voraussichtlich nicht stark mitnehmen wird, weshalb ich sodann um die Gesundheit der Elterngeneration bange.

David Hoffmann, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zuerst Solidarität und Zusammenhalt zeigen, niemanden zurücklassen, gesellschaftliche Missstände aufzeigen und davon betroffene Menschen aus Gewaltverhältnissen befreien (oder sie dabei unterstützen sich zu befreien). Dann angesichts der Pandemie und weit verbreiteten Fehlinformationen offen auf jene zuzugehen, die Schwierigkeiten damit haben, sich in der gegenwärtigen Lage verstandesgemäß und emotional zurechtzufinden, und ihnen dabei helfen aus dem gefährlichen Sumpf, der das Internet zum Teil geworden ist, wieder herauszukommen. Schließlich freundlich und wohlwollend sein.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Jetzt noch mehr als sonst ist klar: Die Welt ist keine schöne, aber wir machen sie zu einer. Kunst und Literatur werden sich trotzdem ihren Platz wieder erkämpfen müssen, wenn sie nicht neben Serien und fluffiger Unterhaltung in Häppchenform in der Bedeutungslosigkeit versinken wollen. Am besten gepaart mit gewagter Konfrontation mit den Machthabenden. Mein Aufruf: Schreibt Schmähgedichte, malt Karikaturen, komponiert Protestsongs, postet das, verlinkt dabei Mark Zuckerberg, Jeff Bezos, Elon Musk oder die Leute von YouTube und eine*n Politiker*in bei euch vor Ort, vernachlässigt dabei jedoch bitte nicht die Gefahren der Pandemie, welche uns alle vor nicht geahnte Probleme gestellt haben und noch stellen werden. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass uns das Schlimmste noch bevorsteht, ist nicht gering. Das sage ich als Optimist.

Was liest Du derzeit?

Ein weise Frau hat mir mal gesagt: „David, du brauchst drei Bücher, um glücklich zu sein. Ein Sachbuch und zweimal Prosa.“ Das hat mir sofort eingeleuchtet. Morgens lese ich also Theorie und abends Prosa oder, wenn ich mutig bin, etwas Lyrik. So sind die Bucher, deren Inhalte ich zurzeit verzehre, folgende:

Patti Smith: ‚The Year of The Monkey‘, ein berührendes, somnambules Werk.

Ovid: ‚Amores‘, ich lese meiner Partnerin, mit der ich über Ländergrenzen hinweg eine Fernbeziehung führe — in Zeiten der Pandemie und nationalistischer Abschottung innerhalb der EU eine Herausforderung —, regelmäßig ein Kapitel vor und schicke ihr dieses als Sprachnachricht.

Chomsky: ‚On Anarchism‘, ein Geschenk zu einem Thema, das mich in letzter Zeit vermehrt lockt. Besonders die Frage nach einer gewaltfreien Gesellschaft (Walter Benjamin). Klar, es handelt sich, wie Ursula K. Le Guin ihr Sci-Fi Meisterwerk ‚Freie Geister‘ untertitelte, um ‚eine ambivalente Utopie‘, trotzdem: „träume weiter von Anarchie“ (WIZO).

Für mein derzeitiges Projekt gönne ich mir ein wenig von dem phänomenologischen und lyriktheoretischen Werk Gaston Bachelards. Er hat mich — als einen in der feministischen Technikphilosophie geschulten, der Kritischen Theorie oder zumindest gesellschaftspolitischen Fragen nahen Leser — stark herausgefordert und führt mich täglich an den Rand des Nervenzusammenbruchs (wer schreibt von sich im Majestätsplural?). Ein hervorragendes Erlebnis.

Jeden Abend Gedicht von Friederike Mayröcker aus der Suhrkamp Sammlung 1939-2003.

Am WC liegen darüber hinaus:

Norbert Wiener: ‚Cybernetics‘. Das habe ich mir mal für das Studium gegönnt, verstehe aber mehr als die Hälfte des verständlichen Teiles dieses Buches nicht mehr.

‚The Ethical Slut‘. Es gab Zeiten, in denen ich mal mehr und mal weniger eine Schlampe war. Dabei ethisch zu bleiben, war stets eine Herausforderung, der ich selten gewachsen war. Daher dieser Klassiker der verantwortungsvollen Unzucht (auch ein Geschenk).

Und ein Groschenroman, mit dem ich die anderen Bücher verdecke, falls mal Besuch kommen sollte…

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

In Krisenzeiten können Zen-Buddhistische Zitate ganz hilfreich sein. Eines, das mich seit Jugendtagen begleitet und an das ich gerne denke, ist folgendes:

„Ein Mann, der über eine Ebene reiste, stieß auf einen Tiger. Er floh, den Tiger hinter sich. Als er an einen Abgrund kam, suchte er Halt an der Wurzel eines wilden Weinstocks und schwang sich über die Kante. Der Tiger beschnupperte ihn von oben. Zitternd schaute der Mann hinab, wo weit unten ein anderer Tiger darauf wartete, ihn zu fressen. Nur die Wurzel hielt ihn. Doch zwei Mäuse, eine blaue und eine gelbe, machten sich bereits daran, nach und nach die Weinwurzel durchzubeißen. Da sah der Mann eine saftige Erdbeere neben sich. Während er sich mit der einen Hand an der Wurzel festhielt, pflückte er mit der anderen die Erdbeere und biss hinein. Wie süß sie schmeckte!“

Zum Schluss noch Adornos berühmtes Spiegel-Zitat: „Mir nicht.“

Vielen Dank für das Interview lieber David, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

David Hoffmann, Schriftsteller

David Hoffmann [Dada Hoffi] wuchs in Österreich und Ungarn auf, veröffentlicht Prosa und Lyrik in Magazinen und Anthologien und übersetzt aus dem Ungarischen. Studium der Philosophie in Wien mit einer Abschlussarbeit zu feministischer Technikphilosophie. Teil der Redaktion von SYN. Magazin für Theater-, Film- und Medienwissenschaft. Er ist Mitbegründer der Lese- und Performancereihe dichtung//s//ring und zeitweises Mitglied von Philosophy Unbound. Er arbeitet an seinem ersten Gedichtband.

Literaturhaus Wien: Smashed To Pieces – Verena Dürr | David Hoffmann | Jakob Kraner

Foto_privat

25.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Frag’ junge Römer – kennt ihr die Sonne noch“ Carina Herbst, Tänzerin_ Station bei Falco_ Palais Auersperg_Wien 26.3.2021

Carina Herbst_Tänzerin, Tanzpädagogin

Junge Römer – kennt ihr die Sonne noch,

sie kennt die Sorgen

Der Lorbeerkranz, ein neuer Tanz

schwingt Rhythmus in die Hüften der Stadt

Man sieht und kennt und sagt sich

was diese Nacht zu sagen hat

Fragt nicht nach neuen alten Werten

seht weißes Licht, seht nur Gefühl

Die Nacht gehört uns bis zum Morgen

wir spielen jedes Spiel

Lass diese Reise niemals enden

das Tun kommt aus dem Sein allein

Allein aus

Dimensionen, die

Illusionen und

Sensationen lohnen…

non é la fine del viaggino, cé sempre un domani e

Ci sono dimensioni, con illusioni e sensazioni

Give me more …

Junge Römer,

kennt ihr die Sonne noch,

im Land wo jeder Traum gelandet ist – man vergisst

Young romans – there is a night before each day

and that price is still to pay

non é la fine del viaggino,

cé sempre un domani e

Carina Herbst_Tänzerin, Tanzpädagogin

Carina Herbst, Tänzerin, Tanzpädagogin_Station bei Falco_Wien.

Palais Auersperg _Wien _ 19.3.2021

Choreographie/Kostüm_Carina Herbst.

Text: „Junge Römer“ _Falco_1984

Alle Fotos_Walter Pobaschnig _3_21.

„Die zeitgenössische Kunst wird sich verändern“ Patrick Li, Künstler_Wien 26.3.2021

Lieber Patrick, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufgrund der Auswirkungen der Covid-Pandemie mussten im vergangenen Jahr viele Ausstellungen, Veranstaltungen sowie Reisen abgesagt werden. Ich konzentriere mich daher auf das künstlerische Schaffen. Grundsätzlich pendele ich jeden Tag zwischen dem Zuhause und dem Atelier. Mein Zuhause ist ungefähr 3 Kilometer vom Atelier entfernt. Manchmal, wenn das Wetter gut ist, gehe ich gerne zu Fuß hin, um meinen Körper mehr zu bewegen und gleichzeitig auch frische Luft zu schnappen. Während des Malprozesses werde ich ruhiger und achte mehr darauf, wie das Werk und seine Entwicklung voranschreitet, sodass ich die durch die Einschränkungen des Lockdowns verursachte
negative Atmosphäre oder den Frust vergessen kann. Die häufige Kommunikation mit Freunden und Familie hilft mir auch dabei, ein gesundes Leben und eine positive Arbeitseinstellung aufrechtzuerhalten.

Patrick Li, Künstler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wir sollten mehr auf die Freuden und die positiven Aspekte des Lebens achten, damit wir nicht zu einem Magneten werden, der stets negative Energie absorbiert. Wir stellen uns geduldig den Einschränkungen und Schwierigkeiten, die durch die Pandemie verursacht werden. Wir schätzen die Freunde, Verwandten und Lebenspartner um uns herum sowie sie die positive Energie, die es uns bringt. Wir versuchen, unsere Arbeit gut zu machen und behandeln sie als Hobby. Selbst wenn wir nur eine kleine Arbeitsleistung erzielt haben, sollten wir uns eine entsprechende Bestätigung und Belohnung geben. Wenn Sie gerade arbeitslos sind, sollten Sie in dieser Zeit überlegen, etwas Neues zu lernen, da neues Wissen unser eigenes Wertgefühl verbessern kann. Oder Sie können endlich Dinge tun, die
zwar seit mehreren Jahren anstehen, wofür Sie aber nicht den richtigen Zeitpunkt gefunden haben. Kurz gesagt, wir müssen nach vorne schauen. Diese schwierige Zeit wird vergehen, und alles wird wieder zur Normalität zurückkehren.


Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt
dabei der Kunst an sich zu?


Die globale Pandemie wird irgendwann vorübergehen, und jeder wird vor einem neuen
Ausgangspunkt stehen. Unser tägliches Leben wird anders sein als vor der Pandemie.
Unser künftiges Leben wird in der Postpandemie existieren, in der es kontinuierliche technologische Fortschritte und die Koexistenz des Covid-Virus geben wird. Daher wird sich auch die zeitgenössische Kunst in der Welt entsprechend verändern. Gleichzeitig sind wir es seit langem gewohnt, die ganze Welt egozentrisch zu betrachten. Wir stehen an einem neuen Ausgangspunkt und beginnen, über neue künstlerische Ausdrucksformen nachzudenken und zu fragen. Kunst hat immer den höchsten mentalen Zustand der Menschheit reflektiert und ist daher unverzichtbar. Ich glaube, dass die Kunst der Postpandemie unser Verständnis und unsere Erkenntnis des Lebens und der Welt auf eine höhere Ebene bringen wird.

Was liest Du derzeit?

„Die Pest“ von Albert Camus. „Journals“ von Keith Haring.


Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Aufstehen, Straßenbahn, Büro, Essen, Arbeit, Essen, Schlafen, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, immer derselbe Rhythmus – das ist sehr lange ein bequemer Weg. Eines Tages aber steht das Warum da, und mit diesem Überdruss, in dem sich Erstaunen mischt, fängt alles an.“
Albert Camus, Sisyphos

Vielen Dank für das Interview lieber Patrick, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Patrick Li, Künstler

welcome to my art world – Welcome to Patrick Li’s Artist Webseite!

Alle Fotos_Patrick Li

26.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com