„Im Wort Unterhaltung steckt das Wort HALTUNG drinnen“ Eva Filip, Schriftstellerin_ Göppingen/D 30.3.2021

Liebe Eva, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Schreiben geschieht in der Einsamkeit. Man ist allein, also man ist allein mit seinen Figuren, die virtuell sind. Daher hat sich mein Tagesablauf in dieser virtuellbetonten Zeit nicht viel verändert. Ein paar Lesungen wurden abgesagt. Das ist schade, denn die Begegnungen mit den Lesern sind wichtig und schön. Man trifft sich mit Leuten, die das gleiche Thema interessiert, manche kennen bereits die Figuren, die einem im Laufe der Zeit des Schreibens ans Herz gewachsen sind. Es ist, als hätte man gemeinsame Bekannte, also auch sofort Gesprächspartner, die einem irgendwie vertraut sind, obwohl man sich noch nie begegnet ist.

Eva Filip, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

 Auf sich und die anderen aufpassen. Diese Krise lehrt uns, dass wir alle Kinder dieses einen Planeten Erde sind. Zusammenhalten! Vielleicht hilft uns die entschleunigte Zeit, die globale Wirtschaft zu überdenken und uns auf alte Werte zu besinnen, auf das, was wirklich zählt: Menschlichkeit, Respekt, Achtsamkeit.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wichtig ist, nicht den Mut zu verlieren. Die Geschichte zeigt uns, dass alle Krisen auch wieder vergehen. Die Kunst ist gerade in Krisenzeiten sehr wichtig. „Das Dekameron“ von Boccaccio wurde in einer Krisenzeit geschrieben, um die Menschen zu unterhalten. Die Kunst hat eine tröstende Funktion und die Fähigkeit Unterhaltung und Freude zu bringen. Anderseits steckt im Wort Unterhaltung das Wort HALTUNG drinnen. Vielleicht ist es gerade jetzt wichtiger denn je, was wir schreiben, malen, komponieren…

Die Kunst verändert nicht die Umstände, aber die Wahrnehmung und das Denken der Menschen. Damit aber beginnt Veränderung und Neubeginn.

Was liest Du derzeit?

„Die Unschärfe der Welt“ von Iris Wolff. Der jungen Autorin ist ein wunderbarer Roman gelungen, intelligent, feinsinnig und sprachlich grandios, mit einer guten Mischung Verstand und Humor. Interessant finde ich die Komposition. Auf dem Hintergrund des zusammenbrechenden Ostblocks und der leidvollen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts erzählen  sieben Menschen aus vier Generationen. Es sind Figuren, deren Lebenswege durch eine Hauptperson verbunden sind, die selbst nur durch die Erzählungen der anderen dem Leser bekannt wird. Das ist eine recht gewagte Erzählweise, die aber voll aufgeht und eine interessante Unschärfe in das Geschehen bringt. Der Leser ist dauernd gefordert, die angebotenen Wahrnehmungen zu verarbeiten, weiter zu denken.  

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich möchte einen Textimpuls, der den Künstlern Mut machen soll, aus meinem Roman „Nichtschweigen. Im rumänischen Gulag“ (KLAK Verlag Berlin, 2018, Seite 269)  mitgeben.

„Glauben Sie, dass Kunst etwas verändern kann?“, fragte ich skeptisch. „Mit Sicherheit“, sagte er. „Sie verändert nicht die politischen Verhältnisse, aber das Denken der Menschen. Die Kunst ist eine große Macht.

Vielen Dank für das Interview liebe Eva, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Textprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Eva Filip, Schriftstellerin

Eva Filip. Autorin | KLAK VerlagKLAK Verlag

Foto__privat

3.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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