„Die Welt ist keine schöne, aber wir machen sie zu einer“ David Hoffmann, Schriftsteller_ Wien 27.3.2021

Lieber David, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wenn es einen vorgegebenen gibt, so besteht er aus aufwachen, schreiben, essen, schreiben, nochmal essen, schlafen, essen, bisschen trinken, spazieren gehen. Oder vielleicht doch eher aufwachen, spazieren gehen, essen, schlafen, aufwachen, schreiben. Zwischendrin fühle ich in meinen Körper, ertaste mental, ob ich bereits erkrankt bin und womöglich bald sterben werde, woraufhin mir klar wird, dass ich Mitte Dreißig bin und mich das Virus voraussichtlich nicht stark mitnehmen wird, weshalb ich sodann um die Gesundheit der Elterngeneration bange.

David Hoffmann, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zuerst Solidarität und Zusammenhalt zeigen, niemanden zurücklassen, gesellschaftliche Missstände aufzeigen und davon betroffene Menschen aus Gewaltverhältnissen befreien (oder sie dabei unterstützen sich zu befreien). Dann angesichts der Pandemie und weit verbreiteten Fehlinformationen offen auf jene zuzugehen, die Schwierigkeiten damit haben, sich in der gegenwärtigen Lage verstandesgemäß und emotional zurechtzufinden, und ihnen dabei helfen aus dem gefährlichen Sumpf, der das Internet zum Teil geworden ist, wieder herauszukommen. Schließlich freundlich und wohlwollend sein.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Jetzt noch mehr als sonst ist klar: Die Welt ist keine schöne, aber wir machen sie zu einer. Kunst und Literatur werden sich trotzdem ihren Platz wieder erkämpfen müssen, wenn sie nicht neben Serien und fluffiger Unterhaltung in Häppchenform in der Bedeutungslosigkeit versinken wollen. Am besten gepaart mit gewagter Konfrontation mit den Machthabenden. Mein Aufruf: Schreibt Schmähgedichte, malt Karikaturen, komponiert Protestsongs, postet das, verlinkt dabei Mark Zuckerberg, Jeff Bezos, Elon Musk oder die Leute von YouTube und eine*n Politiker*in bei euch vor Ort, vernachlässigt dabei jedoch bitte nicht die Gefahren der Pandemie, welche uns alle vor nicht geahnte Probleme gestellt haben und noch stellen werden. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass uns das Schlimmste noch bevorsteht, ist nicht gering. Das sage ich als Optimist.

Was liest Du derzeit?

Ein weise Frau hat mir mal gesagt: „David, du brauchst drei Bücher, um glücklich zu sein. Ein Sachbuch und zweimal Prosa.“ Das hat mir sofort eingeleuchtet. Morgens lese ich also Theorie und abends Prosa oder, wenn ich mutig bin, etwas Lyrik. So sind die Bucher, deren Inhalte ich zurzeit verzehre, folgende:

Patti Smith: ‚The Year of The Monkey‘, ein berührendes, somnambules Werk.

Ovid: ‚Amores‘, ich lese meiner Partnerin, mit der ich über Ländergrenzen hinweg eine Fernbeziehung führe — in Zeiten der Pandemie und nationalistischer Abschottung innerhalb der EU eine Herausforderung —, regelmäßig ein Kapitel vor und schicke ihr dieses als Sprachnachricht.

Chomsky: ‚On Anarchism‘, ein Geschenk zu einem Thema, das mich in letzter Zeit vermehrt lockt. Besonders die Frage nach einer gewaltfreien Gesellschaft (Walter Benjamin). Klar, es handelt sich, wie Ursula K. Le Guin ihr Sci-Fi Meisterwerk ‚Freie Geister‘ untertitelte, um ‚eine ambivalente Utopie‘, trotzdem: „träume weiter von Anarchie“ (WIZO).

Für mein derzeitiges Projekt gönne ich mir ein wenig von dem phänomenologischen und lyriktheoretischen Werk Gaston Bachelards. Er hat mich — als einen in der feministischen Technikphilosophie geschulten, der Kritischen Theorie oder zumindest gesellschaftspolitischen Fragen nahen Leser — stark herausgefordert und führt mich täglich an den Rand des Nervenzusammenbruchs (wer schreibt von sich im Majestätsplural?). Ein hervorragendes Erlebnis.

Jeden Abend Gedicht von Friederike Mayröcker aus der Suhrkamp Sammlung 1939-2003.

Am WC liegen darüber hinaus:

Norbert Wiener: ‚Cybernetics‘. Das habe ich mir mal für das Studium gegönnt, verstehe aber mehr als die Hälfte des verständlichen Teiles dieses Buches nicht mehr.

‚The Ethical Slut‘. Es gab Zeiten, in denen ich mal mehr und mal weniger eine Schlampe war. Dabei ethisch zu bleiben, war stets eine Herausforderung, der ich selten gewachsen war. Daher dieser Klassiker der verantwortungsvollen Unzucht (auch ein Geschenk).

Und ein Groschenroman, mit dem ich die anderen Bücher verdecke, falls mal Besuch kommen sollte…

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

In Krisenzeiten können Zen-Buddhistische Zitate ganz hilfreich sein. Eines, das mich seit Jugendtagen begleitet und an das ich gerne denke, ist folgendes:

„Ein Mann, der über eine Ebene reiste, stieß auf einen Tiger. Er floh, den Tiger hinter sich. Als er an einen Abgrund kam, suchte er Halt an der Wurzel eines wilden Weinstocks und schwang sich über die Kante. Der Tiger beschnupperte ihn von oben. Zitternd schaute der Mann hinab, wo weit unten ein anderer Tiger darauf wartete, ihn zu fressen. Nur die Wurzel hielt ihn. Doch zwei Mäuse, eine blaue und eine gelbe, machten sich bereits daran, nach und nach die Weinwurzel durchzubeißen. Da sah der Mann eine saftige Erdbeere neben sich. Während er sich mit der einen Hand an der Wurzel festhielt, pflückte er mit der anderen die Erdbeere und biss hinein. Wie süß sie schmeckte!“

Zum Schluss noch Adornos berühmtes Spiegel-Zitat: „Mir nicht.“

Vielen Dank für das Interview lieber David, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

David Hoffmann, Schriftsteller

David Hoffmann [Dada Hoffi] wuchs in Österreich und Ungarn auf, veröffentlicht Prosa und Lyrik in Magazinen und Anthologien und übersetzt aus dem Ungarischen. Studium der Philosophie in Wien mit einer Abschlussarbeit zu feministischer Technikphilosophie. Teil der Redaktion von SYN. Magazin für Theater-, Film- und Medienwissenschaft. Er ist Mitbegründer der Lese- und Performancereihe dichtung//s//ring und zeitweises Mitglied von Philosophy Unbound. Er arbeitet an seinem ersten Gedichtband.

Literaturhaus Wien: Smashed To Pieces – Verena Dürr | David Hoffmann | Jakob Kraner

Foto_privat

25.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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