„Die Kunst wird unser empathisches Potential wecken“ Max Glatz, Schauspieler_Wien 27.3.2021

Lieber Max, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ende Februar des Jahres befand ich mich in den Endproben für das Stück „Die Schamlosen“ nach Daniil Charms am Theater Arche, für das (aufgrund der geltenden Beschränkungen) noch kein Premierentermin feststeht. Das ist eine Situation, an die man sich erst gewöhnen muss, aber ich bin natürlich sehr froh, dass ich das Glück hatte, proben zu können (noch dazu mit diesem großartigen Ensemble) und das es eine Struktur gab.

Das Pandemie-Vakuum zu füllen – ohne eine klare Aufgabe zu haben meinen Tag zu strukturieren – ist etwas das mir nur phasenweise gelingt.

Max Glatz, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube die Pandemie hat uns unter anderem gezeigt wie leicht sich die Gesellschaft in Lager spaltet und wie das Denken, selbst bei liberalsten Menschen, in einem Freund – Feind Schema verhaftet bleibt. Gleichzeitig sieht man auch wie fluide solche Lager sein können.

Das Denken in Feindbildern reproduziert sich im Kleinsten, wenn wir beispielsweise unsere Lebenspartner insgeheim für Kränkungen verantwortlich machen, und im Großen, auf der Ebene von Nationalstaaten und Staatengebilden. Das produziert ungeheuer viel Leid und Zerstörung im Privaten und im Weltgeschehen.

Dieses Denken aufzulösen und zu transzendieren ist eine jahrtausendealte Aufgabe, und wir werden sie nicht in einer Generation lösen. Aber ich glaube gerade in Zeiten in denen viel Verunsicherung und Perspektivlosigkeit herrscht und in denen sich politische Mächte neu zu ordnen scheinen, ist es besonders wichtig solche Denkstrukturen bewusst zu machen und ihnen entgegenzusteuern. Das ist etwas woran jedeR höchstpersönlich arbeiten kann.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Am Anfang der Pandemie gab es ein ungefähres Gefühl von: diese Unterbrechung des gewohnten Weltlaufs birgt eine große Chance für Veränderung. Das zeigt das große Unbehagen an den kollektiven Entwicklungen und am Getriebe von Konsum und Arbeit. Die Einladung zur Besinnung war greifbar.

Leider sieht es so aus, dass es keine große „Umkehr“ geben wird. Wir haben uns an eine neue Normalität gewöhnt und beschäftigen uns damit die alte Normalität zu kitten und zu überbrücken. Es soll alles so werden wie es einmal war. Gleichzeitig, so scheint mir, nimmt eine – vorher schon starke – instrumentelle Haltung zur Umwelt und den Mitmenschen immer mehr zu. Auch eine gewisse narzisstische Aufgeregtheit. 

Ich denke wenn die Corona-Zeit vorbei ist, werden wir erst einmal begreifen und verarbeiten müssen was da eigentlich mit uns passiert ist. Wir werden Geschichten brauchen, die uns über den Tellerrand von Infektionszahlen, Impfstatistiken und Ausgleichszahlungen blicken lassen. Wir werden Musiken brauchen die uralte Sehnsüchte in uns hochbrausen lassen. Wir werden lernen müssen zu Trauern über die Toten der Intensivstationen, über die abgründige Einsamkeit der Alten in den abgeriegelten Pflegeheimen, über die zerstörten Existenzen. Wir werden den ganz normalen Wahnsinn des Homeschooling-und-Homeoffice Dramas sinnlich und öffentlich zelebrieren müssen. Wir werden die Zerrissenheit unserer utopiehungrigen Herzen tanzen müssen. Wir werden sehen müssen was es mit uns macht, einen fremden Menschen wieder nah an unseren Leib heranzulassen und das auf einer Bühne herauszusprechen. Wir werden lernen müssen über unser kleines beschränktes Pandemie-Selbst herzhaft zu lachen. Und und und.

Für all diese Dinge ist seit jeher die Kunst zuständig. Sei es Instrumentalmusik, abstrakte Malerei, oder politisches Theater. Exzessive Performance, sensibler Arthouse Film, oder moderner Tanz.

Die Kunst wird unser empathisches Potential wecken, keine Richtungen vorgeben, aber die richtigen Fragen stellen, Beispiele liefern, Dinge verdichten und sie in neue sinnliche Zusammenhänge stellen.

Das wünsche ich mir.

Max Glatz_Schauspieler

Was liest Du derzeit?

„Morgen bist du reich“ von Karl Wozek.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Zen-Haiku über das man lange nachdenken kann:

            Zehn Jahre Suche im tiefen Wald.

            Heute großes Gelächter am Flussufer.

            (Soen Roshi)

Vielen Dank für das Interview lieber Max, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Max Glatz, Schauspieler

Fotos_Peter Phillipp

25.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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