„Demokratische und solidarische Umgangsformen mit Ängsten zu finden“ Eva Schörkhuber, Schriftstellerin_ Wien 28.3.2021

Liebe Eva, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich durch die Corona-Pandemie nur wenig verändert: Als Schriftstellerin verbringe ich den größten Teil meiner Arbeitszeit ohnehin am Schreibtisch zu Hause – wobei ich großes Glück habe: Mein Arbeitszimmer ist geräumig und hell, ich sehe vom Schreibtisch aus die Wolken und Vögel vorüberziehen.

Was sich wie für alle Kunstschaffenden verändert hat, ist, dass es momentan keine öffentlichen Auftritte gibt: Das hat zwar meinen Terminkalender entspannt, aber es fehlt mir doch sehr, mich bei Veranstaltungen mit Kolleg*innen auszutauschen, mich von Lesungen, Konzerten, Theatervorstellungen und den Begegnungen dabei inspirieren zu lassen.  

Eva Schörkhuber, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich habe den Eindruck, dass eine Art Schollendenken um sich greift, dass die je eigenen Denk- und Sehterritorien mit Parolen und Glaubenssätzen umzäunt werden. Jeder Sicht- und Perspektivenwechsel wird als eine Art Verrat betrachtet, alle müssen sich für eine Seite entscheiden: Das ist in einer derart komplexen Zeit, in der es gesamtgesellschaftliche, globale Reflexionen darüber bräuchte, wie wir durch radikale Veränderungen unserer Lebens- und Wirtschaftsformen den ökologischen, gesundheitlichen und humanitären Krisen beikommen können, buchstäblich verheerend.

Wenn diese Schollen auftauchen – und sie sind nicht erst mit Covid-19 aufgetaucht, sie sind durch diese Krisensituation noch deutlicher geworden, noch schärfer abgegrenzt – ist das ein Zeichen dafür, dass Angst regiert und dass Angst eingesetzt wird, um Menschen einfacher regieren zu können.

Dabei ist nicht die Angst selbst das Problem, sondern ihre Verdrängung, die sie dann eben auch instrumentalisierbar macht: Wir leben in einer beängstigenden Zeit, selbst im globalen Norden, in den reichsten Ländern der Welt, sind immer mehr Menschen von Armut bedroht. Die Lebens- und Arbeitsverhältnisse verschlechtern sich, wobei die Pandemie und die mit ihr einhergehende Wirtschaftskrise die Situation noch zuspitzt.

Viele der Maßnahmen, die gesetzt werden, zielen auf die Aufrechterhaltung eines Status Quo, der den allermeisten Menschen auf dieser Welt sukzessive den Boden unter den Füßen wegzieht. So zu tun, als wäre nichts, als würde es mit dem Ende der Pandemie so weiter gehen können wie zuvor, schürt die Ängste ebenso wie die teilweise berechnend eingesetzten Schreckensszenarien: Vermittelt und verstärkt wird in beiden Fällen das Gefühl der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins, das auf mitunter sehr gefährliche Weisen kompensiert wird.

Ich denke in diesem Sinne ist es jetzt besonders wichtig, demokratische und solidarische Umgangsformen mit dieser Angst, mit diesen Ängsten zu finden und uns diesen zu stellen: Nicht vereinzelt auf den Schollen, auf diesen Splitterstücken einer verdrängten Vergangenheit, und gegeneinander, sondern in Anbetracht einer globalen Situation, die es gemeinsam zu verändern gilt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich würde sagen, dass es allen künstlerischen Ausdrucksformen gegeben ist, diese Schollen, von denen ich oben geschrieben habe, zum Schmelzen zu bringen: Mehrdeutigkeit, Widersprüchlichkeit, Bedeutungsverschiebungen sind Mittel gegen territoriale Abschottungen von Denk- und Sehweisen. Jede Art von Kunst, ob Musik, Schauspiel, bildende Kunst, Literatur ist global, ist beeinflusst von ganz unterschiedlichen Strömungen und Bewegungen, die allesamt nicht so einfach einem bestimmten kulturellen oder gar nationalen Fahrwasser zugeordnet werden können.

Was den Aufbruch und Neubeginn, die notwendigen Veränderungen unserer Lebens- und Wirtschaftsformen anbelangt, denke ich, dass die Stärke von Literatur und Kunst darin besteht, sich gegen jede Art von Abstraktion, von Verallgemeinerung zu wenden. Kunst, auch so genannte abstrakte Kunst, ist immer konkret: Sie bedeutet eine konkrete Auseinandersetzung mit materiellen Gegebenheiten, wobei die Materialien sehr unterschiedlich sein können: Es kann sich um Farbe, um Ton-Frequenzen, um Stahlbeton, aber auch um soziale Zusammenhänge und Emotionen handeln.

Die Zugänge zur Welt, die Kunst eröffnet, führen insofern näher an den jeweiligen Gegenstand heran, als sie ihn komplexer, vielschichtiger machen. Die künstlerische Annäherung zielt nicht auf restlose Klärung, auf Feststellung, sondern darauf, die Verhandlungen, die ich als Künstlerin, als Schriftstellerin mit ‚meinem‘ Gegenstand führe, sichtbar zu machen, auszustellen. 

So würde ich auch einen Aufbruch und Neubeginn sehr gerne sehen: Nicht als abstraktes Manifest, das über die meisten Köpfe hinweg beschlossen und durchgesetzt wird, sondern als permanentes Ausverhandeln auf einer ganz breiten Basis, ohne zentrale Regierung und ohne zentrales Komitee.   

Was liest Du derzeit?

Passend zu dieser Vorstellung von Aufbruch und Neubeginn – Eva Gebers Roman über Louise Michel. 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Die Qualität des Lichts, in dem wir unser Leben prüfend betrachten, beeinflusst unmittelbar, was wir erleben und welche Veränderungen wir durch unser Leben zu bewirken hoffen.“

Audre Lorde: Dichten ist kein Luxus. 

Vielen Dank für das Interview liebe Eva, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Eva Schörkhuber, Schriftstellerin

Foto_privat

26.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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