„Seuchen begleiten das Wachstum der Menschheit. Wie größenwahnsinnige Phantasien auch“ Angelika Overath, Schriftstellerin, Sent/CH 29.3.2021

Liebe Angelika, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meine Tage haben sich wenig verändert. Ich lebe in einem Dorf mit 900 Einwohnern auf 1440 Metern über dem Meeresspiegel und etwa 300 Meter über dem Inn. Der Inn fließt ab Passau mit der Donau ins Schwarze Meer. Ich schreibe und denke an das Schwarze Meer, an das Marmarameer, an das Mittelmeer, das auch Weißes Meer heißt, daran, dass die Erde ein blauer Planet ist. Daran, dass wir zu 80 Prozent aus Wasser bestehen. Und wir sind Sternenstaub.

Angelika Overath, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

In meinem Dorf wird am 1. März „Chalandamarz“ gefeiert. Das Dorf hat über 20 Brunnen. Die Schulkinder, es sind 80, 90 Kinder, tragen blaue Kittel und rote Mützen, und sie haben Kuhglocken, kleine und auch sehr große, um den Bauch gebunden, mit denen sie läuten. Sie haben lange geübt. Sie singen an allen Brunnen, zweistimmig, dreistimmig, vierstimmig. Es sind alte rätoromanische Chalandamarzlieder, die schon ihre Eltern und Großeltern und die Eltern ihrer Großeltern gesungen haben.

Dieses Jahr war das Singen verboten.

Aber die Lehrer haben mit den Kindern die Lieder aufgenommen. Und am 1. März 2021 standen um 12.30 Uhr die Dorfbewohner, Ski-Touristen auf den Straßen. Die Kinder hatten die Brunnen geschmückt. Sie läuteten mit den Glocken und aus Fenstern und von Balkonen hörten wir eine halbe Stunde lang in ihren Stimmen „Chalandamarz, chaland’avril“ oder „Sü, sü da cumpagnia“ oder „Viagiar“ oder „Inviern, sta bain“. Die Lehrer, die Kinder haben die Situation für sich verwandelt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Seuchen begleiten das Wachstum der Menschheit. Wie größenwahnsinnige Phantasien auch. Dabei gibt es, glaube ich, kein Recht auf Unsterblichkeit. Täglich verhungern auf unserem blauen Planeten 10.000 Menschen. Gesunde Jugendliche, die nur eine Zukunft wollen, ertrinken vor südlichen Stränden.

Es kommt wohl immer darauf an, genau zu sein. Möglichst genau hinzusehen, zuzuhören, aufmerksam dazusein. Und davon, ja, Zeugnis abzulegen. Als Einzelne und schöner: gemeinsam. Nursel Gülenaz und ich hatten, organisiert vom Lyrik Kabinett München, eine Zoom-Lesung von türkischen Liebesgedichten einer vergangenen Avantgarde, die wir übersetzt und herausgegeben haben, „So träume und verschwinde ich“. Diese Gedichte der 1960er Jahre sind heute in der Türkei ein Pulsschlag der Demokratie. Sie werden an öffentliche Wände gemalt, photographiert und ins Netz gestellt. Nursel las aus Istanbul, ich aus meinem Engadiner Dorf Sent. Es war ein wenig magisch.

Was liest Du derzeit?

Die Tagebücher von James Cook. Ich schreibe an „Krautwelten“, ein kleines Buch über Kohl, Kraut, Kabis und all ihre wundersamen Verwandten. Die ersten großen Seekarten des 18. Jahrhunderts verdanken sich dem Sauerkraut. Mit dem Sauerkraut begann die Globalisierung.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wir beide können uns zusammen freuen, komm‘ lass uns in den Himmel schaun!“ (Turgut Uyar)

Vielen Dank für das Interview liebe Angelika, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Angelika Overath, Schriftstellerin

Angelika Overath (Autorin, Herausgeberin, Übersetzerin) – Bücher (penguinrandomhouse.de)

www.schreibschule-sent.ch

Foto__Franziska Barta

7.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Ein Gedanke zu „„Seuchen begleiten das Wachstum der Menschheit. Wie größenwahnsinnige Phantasien auch“ Angelika Overath, Schriftstellerin, Sent/CH 29.3.2021

  1. Das ist einmal ein ganz anderer Zugang. Ich habe den heutigen Beitrag an eine in der Türkei lebende Freundin weitergeleitet. Diese beschäftigt sich auch mit kulturellen Vernetzungen. Angelika Overath alles Gute
    Lg Renate Moran
    (Malerin)

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