„Nah genug beieinanderbleiben, um nicht der Länge nach einsam auf die Schnauze zu fallen“ Michael Augustin, Schriftsteller_ Bremen 24.4.2021

Lieber Michael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Seit ich vor etlichen Jahren einmal Writer-in-Residence und Gastprofessor an einem College in den USA war und in der Nähe des dortigen Sportzentrums wohnte, zu dem auch eine Schwimmhalle gehörte, habe ich es mir angewöhnt, egal wo ich gerade bin, am frühen Morgen, sozusagen bevor das Leben beginnt, also vor dem Frühstück, eine halbe Stunde lang zu schwimmen, wenn denn ein Meer, irgendein Gewässer oder eben eine Schwimmhalle zur Verfügung steht. Zur Zeit sind in Bremen alle Hallenbäder dicht und verrammelt. Um draußen zu schwimmen, ist es noch zu kalt…also steige ich Corona bedingt jeden Morgen aus dem Bett aufs Fahrrad und strample am Ufer der Weser entlang, die knapp 150m hinter unserem Haus in Richtung Nordsee fließt. Das ist eigentlich auch schon der heftigste Einschnitt im Tagesablauf, denn der Rest des Tages verläuft auch jetzt wie vor der Pandemie: home office….Schreibtisch, Computer, Zettelei, Korrespondenz, Recherche, Collage-Utensilien, Schere, Stempelkasten und -kissen usw. Und natürlich: Gedicht-Lektüre zu allen Tageszeiten, nach dem von meinem bayerischen Freund Leitner geklauten Motto: Ein gutes Gedicht rettet den Tag! Was anders ist und mich als Phantomschmerz quält: das Reisen, bzw. die abgesagten, ausgefallenen, unmöglich gewordenen Reisen und Treffen mit den Kollegen und Kolleginnen in aller Welt! Die schönen und lebenserhaltenden Unterbrechungen des Alltags: Buchmessen, Lesungen, Buchpremieren, Festivals. Die Poesiefestivals in Bukarest, Marrakesch und Belgrad, auf die ich mich wahnsinnig gefreut hatte: abgesagt oder zur Zoomkonferenz verkommen.

Michael Augustin_Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir, während wir darauf achten, den überlebenswichtigen Abstand einzuhalten, doch nah genug beieinanderbleiben, um nicht der Länge nach einsam auf die Schnauze zu fallen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Als Optimist gehe ich davon aus, dass nach all den gesammelten und angehäuften Erfahrungen des Pandemiejahres unser kaputt gespartes und zu Tode rationalisiertes Gesundheitssystem an Haupt und Gliedern repariert werden wird und den dort Beschäftigten endlich die angemessene Wertschätzung zukommt. Und dass unserer marodes Bildungssystem zukünftigen Herausforderungen ähnlich der Coronakrise gewachsen sein wird. Der Mensch ist nämlich äußerst lernfähig. Als Pessimist weiß ich allerdings, dass Optimisten nicht alle Tassen im Schrank haben. Der Literatur und Kunst wird auch in Zukunft die Rolle von Literatur und Kunst zukommen. Sagen im Chor: der Optimist und der Pessimist.

Was liest Du derzeit?

Heinrich Mann: Abrechnungen

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Wenn dir heute nicht gefällt, dann nimm doch einfach morgen. Da ist eh wieder heute.

Vielen Dank für das Interview lieber Michael, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Michael Augustin_Schriftsteller

MICHAEL AUGUSTIN – POET & ARTIST – 1543332146s Webseite! (jimdofree.com)

Fotos_Michael Augustin

23.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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