„Kunst ist die Befreiung der Fantasie“ Jovana Nastasijevic, Schriftstellerin _Novi Sad/Gera 12.7.2021

Liebe Jovana, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zwischen den „Konstanten“ – Arbeit, Einkäufen und üblichem Wasauchimmer – stecken die Momente des Lebenswerten: Eine ruhige Minute zum Lesen, eine Stunde zur körperlichen Übung oder Klavierspielen; der Vers, der mir endlich einfällt und ein monatelang sich quälendes Gedicht auflöst. Kleine-große Weisheiten, die mein fünfjähriger Sohn auf dem Weg zum See hervorbringt. Solche Momente versuche ich (und mich an ihnen) festzuhalten.

Jovana Nastasijevic, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

In schweren Zeiten leidet alles: Körper, Geist, Immunität; am meisten aber, die Menschlichkeit. Es klingt floskelhaft, aber wir sollten mehr als sonst füreinander da sein. Manchmal sind die gesperrten Wege eben die „richtigen“, weil wir keine Wahl haben, als umzudrehen und uns einen neuen zu suchen. Oder zu bahnen?

Ungewissheit bringt uns dazu, aus der Komfortzone hinauszutreten. Das Leben waghalsiger zu nehmen, auch etwas fatalistischer: Ja, was habe ich denn wirklich zu verlieren? Alles ist so fragil, außer der Lebenslust. Sie ist das Unkraut, das wir um jeden Preis pflegen (oder eher, sein lassen) müssen: so hartnäckig und unerziehbar, wie ein bockiges Kind. Aber es gibt dennoch nur die bedingungslose Liebe zurück.

Für mich sind Kunst, Kind und Lebenslust Synonyme. Solang man nur so viel wie eine Spur davon in sich wiederfindet, ist noch nichts verloren!   

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Inhalt finden in uns selbst – ist zwar keine allgemeingültige Formel, aber ein guter Anfang. In uns selbst sollten wir das „Erz“ finden, egal wie unscheinbar; es von überflüssigem Material – Ängsten, Zweifeln – möglichst befreien und aufheben. Es kann alles sein: Inspiration, Idee, Aktion. Das Wichtigste: Es muss für uns selbst eine Bedeutung haben. Das gibt dem Dasein einen inhärenten Zweck; aber nur so können wir auch für die anderen gut sein. Man braucht dafür Geduld (lasst es euch von der ungeduldigsten Person der Welt sagen!), viel Arbeit, aber auch andere Menschen.  

Die Kunst könnte dabei eine große Rolle spielen, unabhängig davon, ob man sie selbst schafft oder „nur“ Rezipient ist. Kunst ist das Echte am (Da)Sein. Die Befreiung der Fantasie, die Fähigkeit, in andere Welten hineinzuspähen und darin die Antworten – oder vielleicht neue spannende Fragen – zu finden, ist der Beginn der Selbsterkenntnis. Eigene Grenzen verschieben, immer in neuen Richtungen, das ist vielleicht die Kunst des Lebens.

Was liest Du derzeit?

Sexual Personae von Camille Paglia, Simultan von Ingeborg Bachmann und Zarazna zona („Ansteckungszone“), ein Gedichtband von zwei wundervollen Künstlern aus Kroatien, Damir Radić und Andrijana Kos-Lajtman. Zwischendurch immer Gedichte, mehr Gedichte… und noch Gedichte.  

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Apropos Neubeginn, greife ich an dieser Stelle auf meine Germanistikstudium-Zeit zurück (damals meine „Neugeburt“, in einer anderen Sprache). Im Unterschied zur gesprochenen, ist die deutsche Literatursprache aber für eine Nicht-Muttersprachlerin ein dicht zugewachsener Weg. (Komfortzone, Fehlanzeige!)

Einer der ersten Autoren, die ich als Studentin im Original gelesen habe – und dessen „monumental schlichte“ Sprache für mich immer noch als Wegweiser funktioniert – weiß es:  „Glück des Schriftstellers ist der Gedanke, der ganz Gefühl, ist das Gefühl, das ganz Gedanke zu werden vermag.“

—- Thomas Mann, Der Tod in Venedig

Vielen Dank für das Interview liebe Jovana, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Jovana Nastasijevic, Schriftstellerin

Alle Fotos_privat

8.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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