„Die Kunst macht einfach weiter“ Andreas Frank, Schriftsteller _Leverkusen 14.7.2021

Lieber Andreas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf ist zumindest werktags von dem Fulltime Job geprägt, den ich seit mehr als 20 Jahren ausübe. Allerdings findet der seit über einem Jahr komplett im Home-Office statt. Das war anfangs sehr angenehm. Mittlerweile sind meine sozialen Kontakte im Kollegen- und Freundeskreis beinahe ausnahmslos gegen Null gefahren, alles findet online oder am Telefon statt, und das nervt. Es fühlt sich an, als hätte mich jemand zum Stubenarrest verdonnert, und ich weiß bis heute nicht, weshalb.

Ich schreibe viel weniger als früher. Mir fehlen die Ideen, die alltäglichen Beobachtungen. Viele meiner Texte sind spontan entstanden, auf der Straße, in Cafés, auf einer Parkbank, manchmal im Auto. Da ich das Haus kaum noch verlasse, fehlen diese Eindrücke und Anregungen. Filme oder Bücher liefern nur selten Inspiration, und wenn, dann nur Second Hand. Ich hab mich für den Moment damit abgefunden, hoffe aber sehr, dass die Muse mich wieder küsst, sobald ich die Maske endgültig absetzen darf.

Andreas Frank, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke, es ist wichtig, die Füße noch ein wenig still zu halten. Wir befinden uns hoffentlich auf dem abklingenden Ast dieser Pandemie, zumindest hier in Europa. Doch in anderen Ländern, auf anderen Kontinenten sterben die Menschen noch immer in Massen. Es ist noch nicht vorbei!

Ich habe Verständnis für alle, die nun auf einen Schlag nachholen wollen, was sie über mehr als ein Jahr verpasst haben, vor allem für die jungen Menschen. Meine Bitte: macht, was geht, aber bleibt weiterhin vorsichtig und rücksichtsvoll.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wir werden sicherlich eine Art Neubeginn erleben, aber den kann ich nicht voraussagen. Um die Kunst mache ich mir keine Sorgen. Die hat seit ewigen Zeiten alle Krisen und die schlimmsten Katastrophen überstanden. Die Kunst macht einfach weiter, weil sie von Individuen erschaffen wird, die neben und über den Dingen stehen. Menschen, die anders sehen und empfinden als die meisten von uns. Und die wird es immer geben.

Was ich mir nicht wünsche: Dass nach dem hoffentlich absehbaren Ende dieser Pandemie eine Flut von künstlerisch ambitionierten Corona-Reflexionen in Wort, Ton und Bild auf uns heranrollt. Ich denke, die Leute sind durch, sie haben das Thema satt. Ich will nicht dafür sprechen, dass die Kunst der Ablenkung dienen soll, aber im Moment wünsche ich mir nichts sehnlicher als ein wenig Abwechslung durch Museen, Kinos, Theater, Konzerte, Straßenfeste, Trödelmärkte, Reisen, Kneipen- und Restaurantbesuche etc., alles was geht. Und da möchte ich vorerst nichts von dem Thema hören, das uns nun schon so lange beschäftigt.

Was liest Du derzeit?

Seit Beginn des letzten Jahres lese ich fast ausschließlich Biographien und Autobiographien. Die Bände können gar nicht dick genug sein. Das Hineinversetzen in ein fremdes und bedeutsames Leben in anderen Zeiten und an anderen Orten ist für mich der beste Weg, mich von den aktuellen Wirren und Sorgen abzulenken, meine Gedanken auf Reisen zu schicken und dabei noch etwas zu lernen. Nachdem ich die neue Biographie von Benjamin Moser über Susan Sontag, eine der  einflussreichsten US-Amerikanerinnen  der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts,  gelesen habe, dachte ich, es wäre eine angemessene Idee, mit „Autobiographie der Alice B. Toklas“ auch ein umfangreiches und sehr schönes Buch über eine der einflussreichsten US-Amerikanerinnen der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, nämlich Gertrude Stein, zu lesen. Das Buch stammt noch aus den Beständen meines Studiums. Ich habe es immer gern, wenn man durch die Lektüre eines neuen Buches an die alten Bücher erinnert wird, und sie dann erneut in die Hand nimmt und liest.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Da gäbe es unzählige. Da ich jedoch gerade in die Autobiographie der Alice B. Toklas vertieft bin, die natürlich die Autobiographie der Gertrude Stein ist, möchte ich folgende Passage zitieren, die ihr von Amerika geprägtes Demokratieverständnis inmitten der Schrecken des ersten Weltkriegs in Europa widerspiegelt: „(…) als gute Demokratin behandelte sie einen Menschen wie den anderen. Wenn man sich so verhält, sagte sie, dann hilft einem jeder und bei allem. Wichtig ist nur, betont sie immer, dass einem der Sinn für Gleichheit tief im Blute steckt. Dann tut jeder alles für den anderen.“ Das ist ein schönes Sinnbild dafür, was Demokratie außerhalb des rein politischen Kontexts auch bedeuten kann. Was sie eigentlich sagen will: Seid nett zueinander!

Vielen Dank für das Interview lieber Andreas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Andreas Frank, Schriftsteller

Foto_privat.

8.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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