„Ich befürchte eine Rückkehr des Zeitalters der Irrationalität“ Michal Hvorecky, Schriftsteller _Bratislava 13.7.2021

Lieber Michal, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich wache früh auf um noch bisschen Zeit zum Lesen oder Schreiben zu haben, bevor auch die Familie wach wird. Dann geht´s richtig los. Das Dauerchaos beginnt. Ich arbeite in der einzigen deutschsprachigen Bibliothek in Bratislava. Da bin ich meistens um 8:30 Uhr. Ich lebe umgeben von Büchern und Geschichten. Schöner geht´s nicht. Am frühen Abend lese ich dann den Kindern vor, wir sind auch fast jeden Tag draußen an der frischen Luft. Wenn Nachwuchs dann im Bett liegt, so um 20:30, lese oder schreibe ich noch kurz.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Den Anstand bewahren. Ich befürchte eine Rückkehr des Zeitalters der Irrationalität. Weil die Unwahrheit ihre zersetzende Wirkung heute immer stärker entfaltet.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ohne Kultur war es über ein Jahr sehr still. Doch in der slowakischen Politik gibt es kaum Bewusstsein für die schwierige Situation der Kunst- und Kulturszene. Die Kultur wurde auch nicht Teil unseres Zukunftsplans für den Corona-Wiederaufbau. Die Kultur oder die Wissenschaft gehören nicht zu den langfristigen Zielen der umstrittenen Viererkoalition. Diese Gleichgültigkeit und kulturelle Arroganz sollen sie sich lieber sparen.

Was liest Du derzeit?

Olga Tokarzcuk: Taghaus, Nachthaus. Ein großartiges Buch aus der Mitte Europas.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Ideologie diente ihrer Natur nach immer dazu, Verbrechen ein übermenschliches Antlitz zu verleihen, sodass diese Verbrechen den Eindruck erwecken, dass sie nicht von Menschen verursacht wurden, sondern von einer unbegreiflichen, mächtigen Hand der Geschichte.“ Milan Šimečka, Tschechoslowakischer Autor und Dissident.

Vielen Dank für das Interview lieber Michal, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Michal Hvorecky, Schriftsteller

Michal Hvorecký – Wikipedia

Romanneuerscheinung: Michal Hvorecky, Tahiti.Utopia, Roman, Tropen Verlag/Klett-Cotta. Übersetzung: Mirko Kraetsch.

Klett-Cotta :: Tahiti Utopia – Michal Hvorecky

Fotos_1 Nils Bröer; 2 privat.

4.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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