„Sie schreibt das aus was in ihr ist“ Huei Chiang, Geigerin_ Romanjubiläum Malina_Wien 17.6.2021

Ich bin in Taiwan aufgewachsen. Musik war für mich und meine Schwester ein Fixpunkt der familiären Früherziehung. Ich wollte aber selbst auch immer Musik hören, etwa beim Einschlafen oder beim Einsteigen ins Auto (lacht). Ich forderte stets laut: „Bitte, spiel` Musik!“. Es war dann für mich und meine Schwester vorgezeichnet, dass wir auch Musik beruflich machen wollen. Meine Schwester ist Pianistin.

Huei Chiang _ Geigerin

Mit drei Jahren spielte ich Zuhause etwas am Pianino. Meine Mutter leitete mich dann an. Dann kam ich an die Yamaha Musikschule. Dort gibt es gemeinsames Spielen der Kinder. Die Form und der Klang der Geige haben mich da sehr früh schon fasziniert. Und ich habe gesagt, „ich will Geigerin werden.“

Mit fünf Jahren entschied ich Geige zu spielen. Meine Eltern freuten sich auch darüber, da ja meine Schwester eine Klavierausbildung machte. Im Musikschulsystem von Taiwan ist es jedoch vorgegeben zwei Musikinstrumente zu lernen.

Mit sechzehn Jahren kam ich nach Salzburg ans Mozarteum und studierte Violine. Mit neunzehn Jahren ging ich nach Spanien und war zehn Jahre lang erste Geigerin in einem Kammerorchester. 2012 kam ich zurück nach Österreich, zuerst nach Salzburg und dann nach Innsbruck. Jetzt in der Corona Zeit bin ich nach Wien gezogen.

Wien ist für mich die schönste Stadt, in der ich bisher gelebt habe. Als Musikerin denke ich daran, dass hier Musiker wie Mozart, Schubert oder Beethoven gelebt haben. Es ist ein besonders Gefühl in jener Stadt zu leben, in der die Musik, die ich spiele, herkommt. Das finde ich sehr berührend. Es ist magisch und ich bin sehr dankbar hier zu leben.

Ich lese gerne – Romane, Erzählungen, Kurzgeschichten. Noch mehr las ich in meiner Jugend.

Der Roman Malina erzählt so ehrlich über das Leben, die Liebe einer Frau und ihre Beziehungen. Ich denke da steckt auch viel von Ingeborg Bachmann selbst drinnen. Ich schreibe auch, bin jedoch keine Schriftstellerin, und dann schreibe ich über das was ich gut kenne, weiß.

Ingeborg Bachmann war sehr mutig, die Außen- und Innenwelt einer Frau zu beschreiben. Das war ja vor 50 Jahren nicht selbstverständlich.

Heutzutage ist es eine offene Welt, in der man über alles sprechen kann. Die Beziehungsrealitäten sind ja sehr vielfältig. Frau und Mann sind freier geworden.

Emotionen verarbeite ich in der Musik und im Schreiben. Ich denke Musik und Worte helfen einander. Wenn das Wort an Grenzen kommt, kann Musik diese Stimmung aufnehmen.

Wenn ich emotional sehr gedrückt bin, dann hilft mir ein Mittel: Tanzen! (lacht).

Bewegung ist ein Gefühl von Freiheit.

Liebe beschreiben? Oh, mein Gott (lacht). Ich denke, Liebe ist am Schwierigsten zu beschreiben. Es ist etwas so Großes, es gibt so viele Formen, Richtungen.

Liebe, das ist das Gefühl eines inneren Friedens mit sich und der Welt. Es ist ein Spüren, ein „Wow“ und ein Gefühl von Dankbarkeit.

Ich war lange Zeit verheiratet. Meine Geige ist aber die längste Beziehung, die ich hatte (lacht). In einer Beziehung gibt es immer verschiedene Phasen von Nähe und Distanz. Auch in der Musik gibt es das. Aber ich komme dann immer wieder zurück zur Musik, weil es das ist, was ich am Besten kann. In einer Beziehung kann es auch so sein. Man ist nicht immer 100 % verliebt. Nicht in einen Menschen, nicht in eine Geige. Liebe, Beziehung, Musik, da gibt es viele Ähnlichkeiten.

Musik gibt und braucht viel Energie. Etwa die Vorbereitung eines Konzertes. Es ist so viel Schönheit in der Musik, die erfüllt, manchmal spiele ich aber auch nur für mich. Als persönliche Freude.

Es ist für die Frau in der Gesellschaft schon vieles besser geworden. Aber nicht in allen Ländern. In Asien entscheiden Frauen viel Zuhause und die Männer haben auch Respekt.

Malina ist sehr poetisch geschrieben. Ich habe es in der englischen Fassung gelesen.

Ingeborg Bachmann hat eine eigene Sprache, um ihre Geschichte zu erzählen. Das ist sehr spannend. Ich sollte mehr deutschschreibende Autor*innen lesen (lacht).

Wenn ich verliebt bin, ist die Beziehung im Mittelpunkt.

Eine Beziehung kann ein Zirkus von Nähe und Distanz sein. Wie ist man in der Liebe glücklich? Ich habe darauf keine Antwort. Wichtig ist in jedem Fall sich selbst zu kennen.

Freunde von mir leben seit vielen Jahren in einer polyamorösen Beziehung. Sie sagen dies habe auch viele Herausforderungen.

Liebe, das ist auch wesentlich das Gefühl zu geben und dafür braucht es Richtung und Weg.

Liebe auf den ersten Blick habe ich persönlich erlebt. Es war dann allerdings ein langes Warten, zwei Jahre, auf diese Liebe. Ob es Liebe auf den ersten Blick auch in späteren Jahren gibt? Da ist in jedem Fall mehr Vorsicht dabei.

Ich schaue im Verliebtsein zunächst darauf, welcher Mensch er ist. Auch in der Beziehung, Liebe zu sich selbst. In jungen Jahren ist man verliebt mit der Idee verliebt zu sein.

Die Frau in Malina ist sehr sensibel. Sie spricht nicht viel mit Ivan. Sie schreibt das aus was in ihr ist.

Ivan? Er sollte mehr kommunizieren.

Malina? Dasselbe wie bei Ivan (lacht). Mehr auszudrücken was sie denken.

Es wäre zur Frau im Roman nicht korrekt zu sagen, das ist gut oder schlecht. Sie versucht ja rauszukommen aus den Zweifeln, der Unzufriedenheit. Aber irgendwie ist es auch ok. Es ist ihr Weg, vielleicht ihr ganz persönlicher Prozess des Lernens.

Der Roman ist eine Inspiration herauszufinden wie man liebt. Was passt zu meinem Leben? Das ist mein erster Eindruck beim Lesen.

Huei Chiang _ Geigerin

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:

Huei Chiang_Geigerin _Wien _ Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.

Huei Chiang – Geigerin – Huei Chiang

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Hotel Regina_Wien_6_2021.

https://literaturoutdoors.com

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