„Der Roman drückt die Sehnsucht aus, berührbar sein zu wollen“ Marcela Selinger, Sängerin_ Romanjubiläum Malina_ Wien 9.9.2021

Marcela Selinger, Sängerin_
am Romanschauplatz Malina _ Wien

Das Thema der emotionalen Abhängigkeit im Roman, diese unerfüllte, Liebe, ist vielen vertraut. Auch mir (lacht).

Es ist im Roman eine tragische Liebe, die in den Abgrund stürzt, in den Selbstmord/Tod treibt. Das Ende bleibt ja mehrdeutig.

In den 1960/70er Jahren war die Situation der Frau natürlich noch in vielem eine andere, etwa auch was das Mitteilen dieses intimen, abgründigen Zustandes betrifft. Es gibt ja im Roman kein Gespräch mit anderen Frauen oder der Familie über ihre Situation. Und dies ist wohl auch ein Bild der Zeit. Dieses Eingeschlossensein in Verzweiflung und Einsamkeit im Zustand einer unglücklichen Liebe.

In den 1970er Jahren war eine Frau, die nicht Mutter, Hausfrau war, per se noch eine „Außenseiterin“. In dieser Situation innere Verletzbarkeit und Intimität preiszugeben, war ja praktisch unmöglich. Es ist ja auch heute noch irrsinnig komplex und schwierig, vor allem auch als Mensch, der sehr in Kontakt mit diesen Gefühlen steht.

Über die extremen Abgründe und Dunkelheiten im Menschen, Liebe, Leben wird heute nach wie vor nicht offen gesprochen. Aber es ist schon enttabuisierter als vor fünfzig Jahren.

Heutzutage gibt es Rollenveränderungen in der Gesellschaft und es gibt auch Männer, die innere Spannungen und  Belastungen nach außen tragen und teilen. Es ist mehr Raum, mehr Platz für diese innere Schwere, Druck und die Verzweiflung über emotionale Abhängigkeiten wie sie im Roman geschildert wird.


Intimität ist facettenreich.
Viele Menschen können mit den emotionalen Abgründen nicht umgehen, die diese auch zu bieten hat. Sie haben Angst davor. Das gesellschaftliche Streben ist nach wie vor nach Leichtigkeit und das Nichtgreifbare – Abgründige wird gerne ausgeblendet- vielleicht weil es zu schwer einzuordnen ist oder zu viele Fragen für das eigene Kennenlernen aufwirft.

Es soll „leicht“ sein. Dafür müssen wir aber erst erkennen, dass das „schwere“ immer da sein wird. Wenn man an der Bewertung arbeitet, wirkt es vielleicht nicht mehr so bedrohlich.

Die Suche nach dem Glück, wie kann ich glücklich sein, steht heute ganz im Vordergrund. Die Schattenseite davon wird ausgeblendet. Beides ist aber „not-wendig“ ,im wahrsten Sinne des Wortes.
Die Balance ist entscheidend.


Die Liebe ist ein Tanz. Wenn wir lieben, sind wir berührbar und somit verletzbar- sowie auch heilbar. Und in extremis ist es ein Tanz zwischen Leben und innerlichem Sterben was zum Tod führen kann wie im Roman oder zu einer Neugeburt.


Der Roman war da bahnbrechend in der schonungslosen Darstellung von Licht und Abgrund der Liebe und des Lebens und ist es heute noch. Ich finde es wichtig, sich persönlich mit den Themen des Romans zu beschäftigen.

Da wir soziale Wesen sind und Beziehungen unser Leben prägen, finde ich, es ist eine Notwendigkeit ,Gefühle und Gedanken bezüglich Liebe und Leben zu reflektieren.

Im Anhören des Romans jetzt dachte ich mir, wow, ich kann das so gut verstehen und deswegen möchte ich mich jetzt für etwas Anderes entscheiden. Literatur kann sehr heilsam sein, weil sie in erster Linie klar darstellt. Das ermöglicht, Themen mit denen man sich identifizieren kann, aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Gegen die Abgründe der Liebe kann man sich nicht schützen, da sie letztendlich in uns selbst zu finden sind. Das geht also nicht, auch fünfzig Jahre danach nicht (lacht). Darum geht es auch nicht im Roman. Der Roman zeigt das „Spiel der Liebe“ und die Gefahr des Verletztwerdens durch die Berührbarkeit, und das bleibt immer so.

Die Frage ist ,wie gehen wir mit dem Scheitern in der Liebe um. Wie wachsen wir daran? Wie benutzen wir die „inneren Werkzeuge“, die wir mitkriegen und die wir, schmerzlich, lernen?

Keiner, der sich der Liebe hingibt und dazu aufmacht, ist gewappnet vor den unermesslichen Schmerzen, die das Chaos birgt. Das hat vor fünfzig und fünfhundert Jahren genauso wehgetan wie heute. Heilung ist ein Prozess. Das ist so. Das ist ein Geheimnis des Menschseins. 


Die Frage ist, lerne ich negative Erfahrungen in der Liebe konstruktiv zu nutzen oder gebe ich mich der Destruktivität hin. Aber dem Schmerz kann keiner entrinnen.

Ich denke, der erste Schritt ist, in Kontakt mit seinen Gefühlen zu kommen und diese zum Ausdruck zu bringen. Authentisch zu werden und sich nicht von den eigenen „Vor – Stellungen“ von sich selbst oder des anderen blenden zu lassen.

Malina und Ivan sind beide unerreichbar für die Frau im Roman. Malina ist anwesend, unmittelbar erreichbar für sie aber in seinem Charakter wieder so schräg, dass er letztlich unerreichbar ist. Ivan ist der solide im Leben stehende Geschäftsmann, hat Kinder, und ist von der Romanze her, der emotional erreichbarere. Aber aufgrund der Situation der Affäre, ist Ivan wiederum unerreichbar.

Von Ivan her gesehen, ist es eine sehr egoistische Konstellation, weil es ein Ablaufdatum hat, außer er dreht es um, was er ja nicht tut. Die Ich-Erzählerin bleibt die Geliebte, die Wartende, Sehnende, Verzweifelnde. Für mich ist das ein extrem gemeines Spiel, das Ivan da treibt. Es ist nicht fair. Man kennt es ja auch heute, aber ich verstehe so etwas nicht, dieses Scheinbild in einer Affäre. Natürlich entbindet es die Ich-Erzählerin nicht von ihrer Selbstverantwortung, dennoch ist es sehr schwer sich aus einer solchen Situation zu lösen und klar zu sehen, wenn man emotional so sehr verwickelt.

Malina ist wie ein Phantom. Er ist eigentlich gar nicht da und trotzdem ein Anker zur Welt, damit sie sich nicht ganz verliert.

Sie ist, bleibt letztlich einsam und allein mit Malina und Ivan. Die Einsamkeit ist ihr Grundgefühl.

Ob sich Männer seit damals verändert haben? Manche vielleicht (lacht). Ich denke man kann das nicht generalisieren und auch nicht auf Männer beschränken- es gibt ebenso Frauen die Affären haben und oftmals läuft das auch nicht einmal schlecht. Es gibt auch nach wie vor Affären mit dem „Schein-Wahren“ nach außen.
In dem Roman geht es ja um mehr als das- es geht um einseitige, unerfüllte Liebe .

Eine geheime Affäre ist sehr stressig. Wenn sich da nicht etwas dreht, dann ist es über die Zeit wohl eher belastend und hat wahrscheinlich ein Ablaufdatum.

Das Thema der Einseitigkeit und Unerreichbarkeit in der Liebe gibt es in allen Facetten. Dazu braucht es keine Affäre.

Liebe und Affäre, da spielen viele gesellschaftspsychologische Mechanismen eine Rolle. Es gibt heute eine größere Offenheit, aber ob die persönliche psychologische Arbeit mehr geworden ist, um daran zu wachsen, würde ich mich nicht trauen zu sagen. Es sind wohl die gleichen inneren Kämpfe wie früher. Und es gibt beides, das „Davonlaufen“ oder das „Sich-Stellen“.

Wie will ich wachsen in Leben und Beziehung? Das ist eine Entscheidung, die zu treffen ist.

Gesundes Wachstum liegt in guter Erde und Pflege. Die Rahmenbedingungen für Wachstum bilden sich aus gesellschaftlichen Gegebenheiten sowie der individuellen Handhabung.

Der dritte Mann als Utopie und Hoffnung im Roman ist für mich der Heiler, der Freund, der sie erkennt, in dem WER sie ist und annimmt in ihrem Schmerz, der totalen Schwere und sagt: „Hey, da ist ein Platz, da kannst du dich ausruhen. Und in diesem Raum ist keiner von den anderen beiden“.

Der dritte Mann ist nur eine Hilfe. Die Entscheidung treffen und den Weg gehen, das muss sie selbst.


Der dritte Mann könnte auch eine Kraft in ihr selbst darstellen einen Raum zu kreieren, der ihr guttut und ihr die Einsamkeit nimmt, hilft, von Abhängigkeiten wegzukommen. Was sie ja versucht aber daran scheitert. Die Utopie bleibt trotzdem, auch im Weg durch die Wand.

Der dritte Mann als Vaterbild im Roman ist die Wurzel ihrer nun erlebten Männergeschichten und wenn sie sich darauf einlässt, kann es auch der heilende Aspekt sein. Wenn sie in diese Ängste reingeht, erkennt sie sich selbst.

Irgendwann ist das Schlachtfeld leer, der Krieg zu Ende und man findet sich wieder, still. Die Stille ist ja auch das Ende des Romans und alles weitere bleibt offen. Das leere Schlachtfeld ist der perfekte Ort, um loszugehen.


Im Roman wird der Krieg, den sie erlebt hat, im Außen wie im Innen, thematisiert und ins Bild gesetzt.


Es ist wichtig seine Grenzen zu erkennen. Zu erkennen, was will ich in der Liebe? Aber es bleibt immer ein Tanz am Abgrund.

Das Verlieren in Vorstellungen, Ideen wie und was man sein sollte, bringt nichts.

Das Thema Liebe und Selbsterkenntnis ist ein lebenslanges.

Wien ist die erste Stadt, in der ich beschloss zu bleiben. Es ist eine sehr gute Mischung aus Stadtatmosphäre und Natur.

Wien ist sehr lebendig, da ist sehr viel Kraft, Energie und auch Ruhe. Das ist außergewöhnlich.

Orte bedeuten mir sehr viel. Da sind viele Erinnerungen und Gefühle und sofort 1000 Bilder im Kopf.

Liebe auf den ersten Blick gibt es, auch wenn mein Verstand sagt, das ist totaler Quatsch (lacht).

Der erste Blick ist oft gar nicht notwendig in der Liebe, die bloße Präsenz kann schon wirken (lacht), wenn man bedenkt auf wie vielen Ebenen unsere Systeme zusammenwirken, die wir mit unserem limitierten gar Bewusstsein nicht erfassen können.

Wenn Menschen sich in ihrer  Berührbarkeit zeigten anstatt in ihrer Macht, würde das die Welt zu einem besseren Ort machen. Das ist eine Herausforderung aber ich wünsche mir das.


Scham ist ein großes Thema in der eigenen Verletzbarkeit. Aber die Konfrontation damit lässt einen sich selbst sowie die anderen Menschen annehmen anstatt zu verurteilen.

Wir können nicht der perfekte Mensch werden. Aber wir können uns gegenseitig Kraft und Halt geben.

Wir können Fehler heilen, wenn es einen Teppich an Halt gibt.  Wenn es das Wissen gibt, kann ich zurück in die Verbindung.

In allem können wir unser Spiegelbild finden. Es ist die Frage wie wir dies nutzen.

Wir vergessen manchmal unsere Spiegelbilder in Menschen, der Natur, der Welt. Es ist gut, sich darauf zu besinnen. In Schönheit sowie Grenzen.


Unsere Spiegel sind immer da. Aber sie sind wertlos, wenn sie nicht erkannt werden.

Die moderne Kommunikation lässt die Missverständnisse in Beziehungen zunehmen. Vor allem bei geschriebenen Nachrichten. Das ist fürchterlich. Du hörst keine Stimme, siehst keinen Körper. Die Nachricht wird dann oft zum Ausdruck persönlicher Stimmungen. Es ist ganz wichtig, sich zu begegnen.


Direkte, unmittelbare Kommunikation ist gesünder. Das gesunde Schweigen miteinander ist sehr wichtig.


Wir können aus Malina ganz, ganz viel mitnehmen. Der Roman ist eine Mahnung, sich seiner selbst und des Bodens, auf dem man steht, bewusst zu werden und dementsprechend zu handeln.


Der Roman drückt die Sehnsucht aus, berührbar sein zu wollen und berühren zu dürfen und da gilt es weiter zu lernen, auch wenn es wehtut.


Der Roman zeigt auch auf,  wie wichtig das „Innehalten“ und das zu suchen was dich stabilisiert, ist. Alles andere lass` außen vor.

Wie wollen wir weiter wachsen mit allen Herausforderungen und aller Schönheit der wahrhaftigen Intimität. Das gibt der Roman für mich zu bedenken.

Das „Ich“ braucht die Beziehung zum „Du“ um sich selbst zu erkennen . Wachstum geschieht dann im „Wir“. In der Interdependez, sozusagen.

Wir sollten daran arbeiten den Kontakt mit uns selber nicht zu verlieren und uns immer fragen wo bin ich jetzt – Im „Ich“, im „Du“ und wo ist das „Wir“?

Wie kann ich wachsen, ohne mich selbst aus den Augen zu verlieren. Und auch mit dem „Du“ zu wachsen, ohne sich im „Du“ zu verlieren, darin steckenzubleiben.


Wir müssen ins „Du“ und zurück ins „Ich“ ,um letztendlich zu sehen, ob es das „Wir“ überhaupt gibt.

Marcela Selinger, Sängerin_
am Romanschauplatz Malina _ Wien

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:

Marcela Selinger, Sängerin_Wien _

http://www.marcy.at/

Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz Malina_Wien.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_8_2021.

https://literaturoutdoors.com

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