Herzlich willkommen, liebe Ina Soléa, Schauspielerin, hier im Mercure Grand Hotel Biedermeier Wien!
Ina Soléa, Schauspielerin _ Wien
Unser literaturoutdoors Thema ist die vielseitige Schriftstellerin, Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé (1861 – 1937), die auch wesentliche Wien Bezüge hat und deren Todestag sich 2022 zum 85mal jährt.
Träume, Traumanalyse spielen eine große Rolle in Leben und Denken Lou Andreas-Salomés. Welcher Traum ist Dir jetzt in Erinnerung?
Ich habe in letzter Zeit viel über Lou Andreas-Salomé und ihre Gespräche mit Künstlern, Philosophen wie R.M.Rilke oder Friedrich Nietzsche gelesen. Dabei hatte ich auch einen Traum, in dem ich mich mit Nietzsche unterhalte und ihm sage „Du solltest mal wieder nach den Sternen greifen!“ (lacht).
Lou Andreas-Salomé schätzte das Spielerische in Wort und Begegnung. Der Philosoph Nietzsche war ihr da in vielem zu ernst. In diesem Sternentraum habe ich dies wohl verarbeitet (lacht).
Wie liest Du selbst diesen Traum?
Wir sind alle, und natürlich auch in der Kunst, in einer sehr ernsten Situation. Dennoch sollten wir in die Zukunft schauen und unsere Träume, Sterne nicht außer Acht lassen. So weit es möglich ist.
Vielleicht wurden vieler unserer Träume zu einer Pflichterfüllung, zu einer pocket list. Es ist gut Sterne, Träume zu haben und daran zu arbeiten.
Träume haben einen Sinn. Psychoanalytisch gesehen und idealistisch. Lou Andreas-Salomè wusste dies und versuchte dies in ihren Werken und Leben zu verbinden. Wissen und Wege, Traum und Leben.
Sprich´ über deine Träume und du sprichst über dich.
Wir sollten öfters zu den Sternen blicken und danach greifen.
Sigmund Freud hat den Traum als „Königsweg“ der Erkenntnis des Unbewussten bezeichnet. Welche Bedeutung haben Träume für Dich?
Meine Träume sind intensiv und ich schöpfe daraus.
Im Traum reflektiere ich sehr stark meinen Alltag und wenn ich träume, entspanne ich mich auch davon.
Die Welt ist in vielem grenzenlos. In ihren Träumen, Visionen ist sie es nicht.
Ein Traum hat immer mit der Welt, Weltverständnis zu tun. Psychologie und Philosophie sind beste Freunde.
Träumst Du regelmäßig und schreibst Du diese auf?
Ja. Ich schreibe meine Träume nach dem Aufwachen auf.
Wenn ich sehr intensiv geträumt habe und auch meine Stimmung danach ist, male ich unmittelbar danach, bevor ich das Bild im Kopf wieder losgelassen habe.
Ich denke, wir haben alle die Träume der Nacht bei uns, aber wir lassen diese wieder gehen, weil uns der Alltag sofort ganz einnimmt.
Träume, Gedanken sind für uns sehr schnell Vergangenheit, unbeachtete Vergangenheit.
Wie gehst Du dann mit den notierten, gemalten, reflektierten Träumen in den Tag? Welchen Impuls bekommst Du da?
Ich lasse zunächst die Träume in Wort und Bild ruhen. Die Richtungen, Bedeutungen ergeben sich dann von selbst im Zusammenspiel von Tag und Traum.
Alle unsere Emotionen sind im Traum reflektiert. Freud spricht da ja von „Traumarbeit“.
Emotionen können verschiedenste Symbolformen im Traum annehmen. Das kann ein Buch oder Fenster etwa sein. Und wir selbst stecken da drin.
Im Traum sind Emotionen pur da, nicht kontrolliert vom Denken.
Das Interesse für Träume, für die in Wien von Sigmund Freud begründete Wissenschaft der Psychoanalyse, führte Lou Andreas-Salomè nach Wien. Welche Zugänge gibt es von Dir zu Ihr?
Mich fasziniert ihre Neugierde und auch ihre Konsequenz dieser nachzugehen.
Das Interesse sich Wissen anzueignen, auch über Konventionen der Zeit hinweg, finde ich sehr mutig und spannend.
Diese Selbstentscheidung der Frau bei Lou Andreas-Salomè ist bis heute ein Vorbild.
Sie war eine Superheldin und wenn wir in der Frauenemanzipation Stufen zurückgehen oder zurückkatapultiert werden, denken wir an sie.
Sehr schnell wurde sie als „intellektuelle Kurtisane“ bezeichnet. Lou war eine Frau, die sich nicht um Klischees kümmerte. Sie ging ihren Weg und setzte eigene Standards.
Lou hat die Frauenrolle der Zeit gleichsam zertrümmert. Sie war auch in der männlich dominierten Psychoanalyse eine Vorreiterin und wollte unbedingt an Freuds Vorlesungen teilnehmen.
Warum ist sie so neugierig? Allein das war in Zeit und Gesellschaft verstörend.
Lou war in Russland nicht unglücklich, aber sie wollte nach Wien. Das Weiterziehen war für sie selbstverständlich.
Die russische Melancholie ist sehr tiefgründig. Ich lerne auch gerade Russisch mit meinem Sohn.
Die Liebe, etwa die Mutterliebe, ist in der russischen Sprache sehr schön ausgedrückt.
Wie siehst Du den künstlerischen, intellektuellen Gesprächskreis um Lou?
Im Briefstil der Bezugspersonen ist eine interessante, fast kindliche, Aufgeregtheit zu bemerken, wenn Lou zur Sprache kommt. Da war auch viel Bewunderung, was Lou wohl überraschte. Sie wusste aber Bestens damit umzugehen, durchschaute vieles.
Sie schwärmten von ihr in großem Respekt.
Lou wurde sehr schnell intellektuell und persönlich akzeptiert. Das erstaunt in der so von Männern dominierten Zeit in allen Lebensbereichen.
Es gab wenig Misstrauen ihr gegenüber. Und Misstrauen gehört bis heute zu unserer Gesellschaft.
Fasziniert hat Lou alle. Das zeigen die Erwähnungen in den Briefen. Tiefgründige Diskurse gibt es da allerdings nicht.
Lou war nicht künstlich. Sie war menschlich sehr präsent.
In Wien wurde ihr Denken etwas dunkler, ernster. Das fällt auch in Fotografien auf.
Was nimmst Du von der Begegnung mit Lou in ihren Werken, Briefen mit?
Die Freude an Neugierde und Verspieltheit.
Lous Intellektualität macht Spaß. Sie entdeckt die Welt mit offenen Augen.
Sie ist ein interessantes, schönes Rollenbild.
Ich mag diese Balance von Neugierde und Kontrolle bei Lou.
Ich finde es faszinierend wie Lou mit ihren Fragen an der Festung einer männlich dominierten Gesellschaft in Denken, Liebe, Sinn rüttelt.
Mich fasziniert dieses direkte, kindliche Fragen, wie – „Was ist das Licht? Wie sehe ich es? Werde ich es im Dunklen vermissen? Werde ich mich erinnern?“. Genau so stellte ich mir Lou vor. Lou hatte diesen Mut Fragen zu stellen, den es zu allen Zeiten braucht.
Es gibt keine blöden Fragen, nur unzureichende Antworten.
Bei Lou ist in der Neugierde auch immer eine Zuversicht.
Liebe war für Lou immer auch eine intellektuelle Reise zu sich selbst.
Du hast Dich in der Vorbereitung auch für eine wunderbare Kostüm-, Requisitenwahl entschieden. Was hat Dich da angeleitet?
Ich habe das Buch „Und Nietzsche weinte“ von Irvin D.Yalom mitgebracht, weil ich die Beschreibung von Nietzsche, der ja mit Lou befreundet war, im Buch sehr interessant fand, weil in aller Emotion, Zerbrechlichkeit, auch in der Beziehung zu Lou, dargestellt.
Nietzsche sagte über Lou „von welchem Stern bist denn du uns zugefallen?“. Das fiel mir wieder ein und darum habe ich diese Sternenkette mitgebracht.
Nietzsche hat ja sehr selten so persönlich gesprochen.
Als ich die Sternenkette Zuhause fand, war Lou wieder in meinem Kopf (lacht).
Ich verbinde den Pelzmantel stark mit Russland.
Die Kapitänsmütze deswegen, weil Lou Herrin über ihren Kopf ist. Ich bin mein eigener Herr.
Das Buch „Sternstunden der Menschheit“ von Stefan Zweig hat mich auch an Lou erinnert, die Thematik in dem Buch. Wie wird die Welt von morgen sein? Ich kann da beide sehr gut verbinden, obwohl sie sich ja nicht kannten.
Der Kimono – weil Lou sehr weltoffen war und die Goldfarbe an ihre Epoche des Fin-de-Siècle erinnert. Ich könnte mir vorstellen, sie hätte es auch so provokativ – kulturverbindend – getragen.
Lous Horizont war sehr groß.
Zigarette und Kaffee gehören auch zu Lou.
So kann ich sie mir vorstellen mit all diesen Dingen.
Was sind Deine derzeitigen Schauspielprojekte, -ausblicke?
Ich habe im Dezember letzten Jahres für eine historische ORF Spiel-Dokumentation über die Habsburger Dynastie in der Rolle der Geliebten des Kaisers Leopold I (*1640 +1705) gedreht.„Habsburgs Allüren“ wird im Jänner des Jahres im ORF ausgestrahlt.
Auch das Literaturprojekt mit szenischen Lesungen zum Roman „Morendo“ von Klaus Oberrauner geht 2022 weiter und ich arbeite auch an weiteren szenischen Lesungen mit Künstlern.
Es gibt auch noch weitere Rollenangebote für das Jahr und vielleicht ja auch mit literaturoutdoors ein weiteres Projekt (lacht).
Darf ich Dich abschließend zu einem Lou Achrostikon bitten?
Literatur
Offenheit
Unbewusstes
Ina Soléa, Schauspielerin _ Wien
Herzlichen Dank, liebe Ina, für Dein Kommen und Deine Zeit in großartiger Wort/Porträt/Performancewie die wunderbare Vorbereitung und Auswahl der Kostüm- und Requisitenvariationen wie Dein Interview zum Thema Lou Andreas-Salomé, Schriftstellerin, Psychoanalytikerin (*1861 Sankt Petersburg +Göttingen 1937).
Liebe Ina, viel Freude und Erfolg für alle Schauspiel- Literaturprojekte 2022!
Liebe Nataya, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich nutze diese Zeit der vielen Unmöglichkeiten letztes Jahr dazu, mich um meine Gesundheit zu kümmern. Ich habe mein Schauspielstudium abgeschlossen, wofür ich ein Stück erarbeitet habe, – was sehr viel Arbeit war, aber es war eine wunderschöne und sehr lustige Arbeit ( der Titel ist „Hommage an die Sinnlosigkeit“) – habe eine Bewerbungswelle hinter mich gebracht und gönnte mir dann eine kleine Auszeit in einem therapeutischen Programm. Deshalb war mein Tagesablauf unter der Woche mit vielen Therapien durchzogen, was mir sehr gut tat.
Ende November letzten Jahres war ich damit fertig und jetzt habe ich vor, mit den Bewerbungen weiter zu machen und mir beruflich etwas aufzubauen, da ich mir vorgenommen habe diese Spielzeit frei zu arbeiten. Ich bin sehr interessiert an allem und motiviert für alles, was auf mich zukommt, sei es Theater, Film oder sonst etwas. In meiner Freizeit versuche ich, trotz Corona, meine FreundInnen zu sehen, ins Theater und ins Kino zu gehen und mich auch handwerklich auszutoben. Ich übe mich gerade an der Bildhauerei: für meine Abschlussarbeit habe ich eine lebensgroße, goldene Kuh gebaut und vor kurzem habe ich aus Sandstein eine Schlange geschlagen. Außerdem plane ich, meine Hommage nochmal aufzuführen.
Nataya Sam, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Auf uns zu achten. Auf unsere Bedürfnisse und wie sie sich mit den Corona Maßnahmen vereinbaren lassen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Musik, der Kunst an sich zu?
Ob wir tatsächlich vor einem Aufbruch stehen, weiß ich nicht. Dieses Aufbruchsgefühl war ja schon im Frühling da, als sich die Maßnahmen gelockert haben und unser Leben normaler wurde. Jetzt sieht es wieder anders aus, die Maßnahmen werden wieder verstärkt und es fühlt sich wie ein Rückschritt an. Außerdem dachten ja alle, dass es „nach Corona“ ganz anders werden würde. In dieses „nach Corona“ durften wir ja zum Glück im Sommer schon ein bisschen rein schnuppern, es hat sich zwar manches verändert, wie z.B. dass Kreuzfahrtschiffe nicht mehr nach Venedig rein dürfen, aber so ein starker Umbruch scheint es mir nicht zu sein. Aber vielleicht kommt das ja noch. Dafür scheint es mir wichtig, dass wir auf bestimmte Veränderungen beharren und unsere vielleicht neuen oder veränderten Lebenselemente mit aller Kraft beibehalten. Was natürlich einen großen Unterschied macht, sind die Abstandsregelungen und das Maskentragen. Das hat unser Leben schon sehr verändert. Ich glaube es ist wichtig, dass wir unser Näherverhältnis neu ausloten um Nähe wieder zulassen zu können und das vielleicht auf eine Art, die uns eher gut tut und passender ist.
Ein wichtiger Aspekt der Kunst ist gerade, dass sie unterhält, dass sie wieder stattfindet und uns ein bisschen Lebensgefühl wieder gibt und auch verbindet, vor allem wenn man Teil der Szene ist. Wichtig ist, dass sie die neuen Erfahrungen verarbeitet und bearbeitet. Viele Menschen und vor allem KünstlerInnen haben sich in dieser Corona Zeit viel mit Rückzug, Einsamkeit, Abgeschiedenheit usw. konfrontiert. Das sind meiner Meinung nach wichtige Themen, die davor vielleicht etwas untergegangen sind oder eventuell auch ein bisschen tabuisiert waren. Also zumindest kommt mir das beim Thema Einsamkeit so vor, wenn ich da an mich denke. Zuzugeben einsam zu sein scheint mir gefühlsmäßig – nicht rational! – eine Niederlage zu sein. Da finde ich es sehr praktisch, dass das jetzt so in den Vordergrund gerückt ist und dass es „okay geworden“ ist, sich einsam zu fühlen und darüber zu reden. Also ja, wahrscheinlich gibt es und gab es schon viele Aufbrüche, da habe ich mich vorher wohl geirrt.
Was liest Du derzeit?
Ich lese zur Zeit „Keine Ahnung“ von Nele Stuhler und „Im Grunde gut“ von Rutger Bregman. Mit Nele habe ich schon mal gearbeitet, wir haben zusammen eine Stückentwicklung gemacht, in der auch Textpassagen aus ihrem Buch vorkommen. Die Arbeit war wunderschön, mein liebstes Projekt bis jetzt, in dem ich mitwirken durfte. Ich bin ein großer Fan ihrer Texte, sie machen so viel Spiellaune und Lust damit zu experimentieren. Das Buch von Rutger Bregman hat mir meine Psychiaterin empfohlen und ich kann es nur allen Leuten und vor allem Menschen mit depressiver Neigung empfehlen. Bregman betrachtet die Welt aus der Sicht, dass der Mensch nicht im Grunde schlecht, sondern eben gut ist und das belegt er mit vielen geschichtlichen Ereignissen und wissenschaftlichen Studien. Zum Beispiel stellt er das Stanford Prison Experiment richtig: Die TeilnehmerInnen, die die Wärter spielten, waren nicht von sich aus so brutal und grausam zu jenen, die die Gefangenen spielten, sondern sie wurden vorher von Philip Zimbardo dazu instruiert und führten diese Vorgaben unter dem Glauben aus, etwas Gutes für die Wissenschaft zu tun. Unterm Strich behauptet Bregman die Menschen täten Böses unter der Annahme Gutes zu tun. Es ist sehr erfrischend die Welt aus dieser Sicht zu betrachten und wenn man das jetzt auf Corona und einen möglichen Blackout umlegt, macht man sich gleich viel weniger Sorgen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Der Abschlusssatz meines Stückes: „Zum Glück hat das Leben keinen Sinn.“ – Camus
Nataya Sam, Schauspielerin
Vielen Dank für das Interview liebe Nataya, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Andrea, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Aufstehen, lesen, in den Verlag spazieren. Arbeiten. Changieren zwischen Verlagsalltag und meiner Arbeit als Grafikdesignerin. Viele Pausen einlegen, spazieren gehen. Pandemiebedingt brauche ich aktuell eine gute Arbeitsstruktur und Ruhephasen zwischendurch, um mich fokussieren zu können. Der Ausgleich zwischen Komplexität und Entspannung ist in den letzten Monaten wichtiger geworden. Und die Gespräche mit Freund*innen. TaiChi. Viele Bücher. Einen ausgewogenen Schlafplan.
Andrea Schmidt_Verlegerin, Typografin und Lehrende
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Solidarität und Empathie. Keine gesellschaftlichen Grabenkämpfe. Ein wacher politischer Blick. Achtsamkeit im Umgang mit einem selbst und für andere.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Die letzten anderthalb Jahre empfinde ich als Zäsur. Ich denke auch, dass wir jetzt vor einem neuen, gesellschaftlichen und persönlichen Aufbruch stehen. Ich finde es wichtig, dass wir eine gemeinsame Sprache finden, die möglichen Spaltungen in der Gesellschaft entgegenwirkt. Vielleicht müssen wir sogar ein neues Vokabular entwickeln, um gemeinsam diese Krise überstehen und Handlungsweisen für zukünftige Krisenzeiten entwickeln zu können.
Kunst und Kultur sind neben Bildung und Sozialwesen tragende Pfeiler des sozialen Zusammenhalts demokratischer Gesellschaften. Die Geschichte zeigt, dass sich in Krisenzeiten Gesellschaften zunehmend polarisieren. Eine diverse Kulturlandschaft ermöglicht es, den Zusammenhalt einer vielfältigen Gesellschaft zu stärken und sie vor anti-pluralistischen und populistischen Tendenzen zu schützen.
Literatur im Speziellen ist wirksam und kann multidimensionale Perspektiven eröffnen, neue Bilder von Welt erschaffen, komplexe Themen formulieren und Debatten anregen. Sie kann unseren Blick erweitern und neue Räume eröffnen. Ich wünsche mir mehr positiven Umgang mit Vagheit und Komplexität, und auch mehr Freude an diversen, literarischen Stimmen jenseits von Stereotypen und Labels wie z. B. Frauen- oder Befindlichkeitsliteratur. Für das Verlagshaus Berlin und für alle Independent-Verlage wünsche ich mir eine unabhängige Verlagsförderung in Deutschland.
Was liest Du derzeit?
»Dream House« von Carmen Maria Machado (Serpent’s Tail, 2020) – brilliante, kaleidoskopartige Fragmente einer queeren Protagonistin, die über Missbrauch in einer toxischen Beziehung erzählt. In ihren Streifzügen durch verschiedene literarische Genres versammelt sie eine Menge Kompliz*innen um sich, allen voran Zora Neale Hurston, Louise Bourgeois oder Godspeed You! Black Emperor. Lyrische Prosa!
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
»Wir werden sie sammeln müssen, die körperlichen und psychischen Spuren, die sich in uns einschreiben, ob wir sie wahrhaben wollen oder nicht.« Carolin Emcke
(14. April 2020 aus: Emcke, Carolin: Journal. Tagebuch in Zeiten der Pandemie, S. Fischer 2021, S. 89)
Andrea Schmidt_Verlegerin, Typografin und Lehrende
Vita:
Andrea Schmidt lebt in Berlin und arbeitet als Verlegerin, Typografin und Lehrende. Seit 2005 führt sie als Mitverlegerin das Verlagshaus Berlin – ein Independentverlag für Gegenwartslyrik und Illustration. 2010 gründete sie »Typografie/im/Kontext«, ein Atelier für Grafikdesign mit Fokus auf Editorial und Corporate Design. Sie interessiert sich für multilinguale Typografie, inklusives Design, hält Vorträge und Workshops im Bereich transkultureller Gestaltung und lehrte Typografie und Designtheorie u. a. an der UdK Berlin, der FH Potsdam, der CAA Hangzhou (China) und der HBK Braunschweig. In dem Projekt »Ampersand Interart« inszeniert sie intermediale Musik- und Literaturprojekte in Form von Licht- und Bewegtbild. (www.typografie-im-kontext.de)
Vielen Dank für das Interview liebe Andrea, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Verlags-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Andrea Schmidt_Verlegerin, Typografin und Lehrende
Fotos_1,2,6 Charlotte Werndt; 3 Verlagshaus Berlin; 4 Haus für Poesie; 5 Cordula Giese.
10.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Ich war von September 1960 bis Juni 1961 Lektor für Deutsch am German Department der University of Wales in Aberystwyth.
University of Wales _Aberystwyth
Mein sehr liebenswürdiger Chef war Prof C. P. Magill, ein Hobbit wie ich heute weiß. Es gab eine „Medieval Society“, bei der ich als Mediaevist natürlich Mitglied war. Eines Tages hieß es (wohl im Spätherbst 1960), es werde ein Gast aus Oxford sprechen, ein Anglist namens Tolkien, der über Beowulf arbeite oder gearbeitet habe. Ich fand mich also im Talar (den ich dort trug) an der Stelle des Vortrags – ich glaube im Hauptgebäude der Universität – ein, der Vortragende war schon da, man stand plaudernd herum.
Magill, der mich sehr schätzte, stellte mich Tolkien vor und wir schüttelten uns die Hände.
Vom Vortrag weiß ich nur, dass es um Verbalformendubletten ging, so wie wrought neben worked. Mich hat dabei nur das Bestehen einer älteren Form neben einer moderneren interessiert (ich hab auch später über solche sprachlichen Archaismen gearbeitet). An eine Diskussion erinnere ich mich nicht, ebenso wenig an einen Umtrunk und falls es den gab, dann nur für die staff-members der Anglistik. Ich erinnere mich nur, dass jemand sagte, der Vortragende komme aus Südafrika, und an das Aussehen Tolkiens, eines mittelgroßen, hageren Manns mit scharfer Nase.
Ich bin bereit zu beschwören, daß von Tolkiens literarischer Tätigkeit mit keiner Silbe die Rede war. Magill, der wußte, daß ich über Märchen dissertierte, hätte sicher eine Bemerkung fallen lassen, auch als er mich Tolkien vorstellte. Eine Anglistin, deren Namen ich vergessen habe und mit der ich häufig bei Mittagessen zusammentraf und andere – ich war keineswegs isoliert – sagten nichts diesbezügliches über Tolkien. Und so ist mir der Gelehrte ganz gleichgültig geworden und in Vergessenheit geraten, bis ich den Little Hobbit kennenlernte und seinen Verfasser zu bewundern begann. Vor einigen Jahren hab ich einen kleinen Aufsatz über die verschiedenen Sprachen bei Tolkien geschrieben.
emer. o. Univ.-Prof. Dr. Helmut Birkhan_Wien
Ältere Sprachen und Literatur
Institut für Germanistik Universitätsring 1 1010 Wien
John Ronald Reuel Tolkien (*3.1.1892 Bloemfontein + 2.9.1973 Bournemouth) , Schriftsteller und Philologe
Sein Roman Der Herr der Ringe (The Lord of the Rings, 1954/55, deutsche Übersetzung 1969/70) ist eines der erfolgreichsten Bücher der Literaturgeschichte und wurde von Peter Jackson verfilmt (Triologie 2001 – 2003). Das Werk J.R.R.Tolkiens umfasst umfangreiche literarische Schriften, Studien, die bis heute eine große Leser*innenschaft begeistern und vielfältig künstlerisch inspirieren.
Liebe Corina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich habe meine Tage immer gern strukturiert und organisiert. Ich habe täglich mein Tanztraining, da es mir sehr wichtig ist, mich nicht nur künstlerisch sondern auch tanztechnisch ständig weiterzuentwickeln, weshalb ich auch nicht nur Zeitgenössischen Tanz und Ballett trainiere, sondern auch andere Stile und Disziplinen wie Breaking und Akrobatik. Dann habe ich Proben, je nachdem, ob ich gerade in einem Projekt/einer Produktion tanze, oder selbst ein Projekt habe (z.B. mit der Blare Dance Company, die ich mit 6 Kolleg*innen gerade gegründet habe), mal mehr und mal weniger, wie es eben so ist als freischaffende Tänzerin. Nebenbei unterrichte ich auch.
Corina Hoser, Tänzerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich weiß gar nicht, was ich da sagen soll, es gibt so vieles. Ich denke was sehr relevant ist, ist nicht den Mut zu verlieren und gemeinsam aktiv zu werden/bleiben. In den letzten 2 Jahren, in denen unsere Leben ziemlich auf den Kopf gestellt wurden, hat sich nach und nach eine lose Gruppe von Tänzer*innen, zu einer richtigen Gemeinschaft entwickelt, die sich unterstützt und zusammenarbeitet und für einander da ist. Wir haben eine Trainingsgruppe organisiert, eine Company gegründet und haben vor, uns gemeinsam selbst Möglichkeiten zu schaffen, da diese von außen nicht gegeben sind. Wir sind nicht nur Kolleg*innen, sondern Freund*innen und sich nicht alleine irgendwie in dieser prekären Situation voran zu kämpfen, sondern miteinander, fühlt sich gleich bei weitem weniger aussichtslos an. Dies ist nur ein Beispiel auf meiner persönlichen Mikroebene, doch mit all den furchtbaren Dingen, die sich auf dieser Welt so abspielen, ist dies auch auf eine größeren Ebene übertragbar und von immenser Bedeutung, wenn auch natürlich schwieriger.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, der Kunst an sich zu?
Puh, auch hier, weiß ich wieder nicht wo ich anfangen soll. Ich denke, es wird wesentlich sein, dass die Menschen das herrschende Wertesystem hinterfragen und die bestehende Krise nutzen um eben dieses, in meinen Augen absolut verkehrte Wertesystem neu zu ordnen, was uns dann auch ermöglichen würde, die schwerwiegenden Probleme, wie Ungerechtigkeit und Diskriminierung auf verschiedensten Ebenen, Klima, Konflikte und Kriege und und und, zu lösen. Dabei ist mir sehr wohl bewusst, dass dies toll klingt aber die Veränderung solcherlei fixer Strukturen ist natürlich extrem schwierig, aber ich will einfach glauben, dass es nicht unmöglich ist. In dem Ganzen finde ich, müssen wir vorsichtig sein, dass wir beim Versuch die Situation in unserer unmittelbaren Umgebung zu verbessern, nicht vergessen über den Tellerrand zu blicken, denn der Neubeginn hier heißt leider nicht, dass das überall so ist und wie wir in vielen Regionen der Welt sehen, gibt es einiges, das nicht vergessen werden darf, um das sich gekümmert werden muss, und zwar von allen.
Die Kunst kann denke ich, dazu beitragen, dass es gelingen kann, die Aufmerksamkeit auf bestimmte Themen zu lenken. Als Künstler*innen können wir Problematiken, die andere Arten von Kommunikation nicht derartig zu vermitteln vermögen, auf eine einzigartige Weise in Diskurs bringen. Ich denke besonders im Tanz, mit unseren Körpern in Bewegung, können wir Inhalte auf eine ganz spezielle Art und Weise transportieren, auch wenn dies für manche vielleicht nicht auf den ersten Blick verständlich ist.
Was liest Du derzeit?
Derzeit lese ich das Buch „The Neurocognition of Dance“ herausgegeben von Bettina Bläsing, Martin Putze und Thomas Schack. Davor habe ich mehrere Bücher von Stephen Hawking und anderen Physikern gelesen, da ich eine Passion für Astrophysik und Kosmologie habe.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Da bleibe ich gleich bei Hawking, der sagte: „Der größte Feind des Wissens ist nicht Ignoranz, sondern die Illusion wissend zu sein“
Corina Hoser, Tänzerin
Vielen Dank für das Interview liebe Corina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Tanzprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Corina Hoser, Tänzerin
Fotos_privat.
14.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Ariane, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Wenn ich nicht aktiv für eine neue Produktion lerne oder probe ist mein Tag oft gleich strukturiert. Er beginnt mit einer Einheit Hot yoga und am Nachmittag breite ich mich für meine kommenden Auditions vor. (ob in Form von Gesangstunden oder Selbststudium).
Ich gehe oft zu kulturellen Veranstaltungen um die Kollegen zu unterstützen.Zweimal die Woche unterrichte ich Liedinterpretation bzw Auditionclass. Zur Zeit versuche ich auch mein Buch „Mein Audition-Journal“ Wegbegleiter für Musicaldarsteller*innen, bekannter zu machen und lerne wie man das auch online bewerkstelligt.
Ariane Swoboda, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Das wir gemeinsam durch diese Zeit kommen. Mit Respekt und Vorsicht.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Literatur, der Kunst an sich zu?
Gerade habe ich mit lieben Kollegen einen Theaterworkshop mit Musik und Tanz für Kinder und Jugendliche gemacht. Es zeigt sich immer wieder, gerade in Krisen, wie wichtig jegliche Kunstform für Kinder ist. Sich auszuprobieren, in anderen Rollen zu schlüpfen, zu reflektieren, welcher Text einen anspricht oder etwas in dir auslöst. Spielerisch mit heiklen Themen umzugehen.
Aber eigentlich für alle Menschen : So kann Musik und Bewegung mir helfen die Gedanken des Alltags zu relativieren. Die Arbeit in der kreativen Gemeinschaft kann mir wieder Freude, Hoffnung und Mut geben.ein paar Stunden nicht an den Alltag erinnert zu werden ist für jegliches Alter die schönste Eigenschaft von Kunst.
Was liest Du derzeit?
Im Grunde gut vpn Rutger Bregmann
sehr zu empfehlen – da es in vielen Ansätzen Zeigt, dass der Mensch eine Zukunft hat
..und immer wieder den Falter – journalistische Professionalität
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtet Du uns mitgeben?
Wer loslässt, hat die Hände frei!
Vielen Dank für das Interview liebe Ariane, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Ariane Swoboda, Schauspielerin
Foto_Daniel Murtagh
8.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Wir sind hier im traditionsreichen Cafè Prückel an der Wiener Ringstraße. Welche Verbindungen gibt es von Dir zur Wiener Kaffeehauskultur?
Es gibt wunderschöne Kaffeehäuser in Wien und das Cafè Prückel ist eines davon, in dem ich mich besonders wohlfühle.
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Warum ich mich so wohlfühle hier, kann ich jetzt spontan nicht genau dingfest machen, aber es ist die Verbindung von typischer Kaffeehausatmosphäre und Innenarchitektur, die es für mich ausmachen.
Gerade am Vormittag ist auch der Lichteinfall hier besonders.
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Das Kaffeehaus ist für mich ein Ort der Kontemplation wie der Zerstreuung.
Ich könnte stundenlang im Kaffeehaus sitzen und einfach Leute beobachten.
Wenn ich mir Notizen im Kaffeehaus mache, Wortfetzen aufgreife, da entstehen oft die besten Ideen.
Ist es auch ein Ort des künstlerischen Austausches?
Ja, man trifft sich gern hier.
Es ist aber auch sehr viel Inspiration im stillen aufmerksamen Dasein im Kaffeehaus. Da ist Weg und Wahrnehmung im Innen wie Außen.
Welche Zugänge gibt es von Dir zur in Wien geborenen Schauspielerin Romy Schneider, deren Todestag sich 2022 zum 40mal jährt?
Romy Schneider ist ein Mythos und sie ist sagenumwoben.
Was mich an Romy Schneider immer schon faszinierte und fasziniert ist diese Zerbrechlichkeit, diese personifizierte Melancholie, auch die Tragik.
Ich liebe ihre Stimme, diese hat etwas kindlich-melancholisches.
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Den ersten Berührungspunkt gab es für mich mit dem Film „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“, den ich mit meiner Großmutter gesehen habe und dieser war ihr Lieblingsfilm.
Ich habe diesen Film dann über die Jahre immer wieder gesehen. Romy Schneider ist da noch in der Rolle des Kindes, die von der Mutter motiviert oder gedrängt wird. Man sieht aber auch da schon ihr Antlitz.
Menschen können Ausstrahlung haben aber ein richtiges Antlitz haben die wenigsten.
Ihre Lebensgeschichte, ihre unerfüllte, widerspenstige Liebe und Liebessehnsucht ist etwas, das ich immer mit Romy Schneider verbinde.
Liebe und Leiden. Man kann sich da immer wieder gut in Romy Schneider hineinversetzen.
Licht und Schatten, von Glanz und Glamour bis zu tragischen Schicksalsschlägen wie dem Tod ihres Sohnes, welcher ihr das Herz gebrochen haben muss, das alles begleitet sie bis zu ihrem frühen Tod.
Romy Schneider versprüht für mich den tragischen Glamour.
Ich habe von meinen Lyrikbänden auch Texte rausgesucht, welche zum Leben Romy Schneiders passen könnten. Ich kann nicht gut vorlesen aber ich versuch`s (lacht) :
Du verbindest in Deiner Kunst verschiedenste Genres in Experiment und Innovation. Wie ist es für Dich als Künstlerin immer wieder neue Wege zu gehen bzw. Wege zu verbinden?
Es ist der Anspruch mich selbst zu überraschen, auszutesten als Künstlerin.
Ich wechsle Medium, Methodik, Sujets, da ergibt sich einfach Neues.
Das in verschiedene Rollen zu schlüpfen, ist eine Form der Lebendigkeit und ganz wesentlich. Da entdecke ich neue Seiten an mir.
In verschiedenen Rollen kann ich neu, anders auf die Welt zugehen.
Gibt es weitere Filme von Romy Schneider, die Dich begeistern, inspirieren?
Ja, natürlich, etwa „Swimming Pool“, ein Klassiker, den ich sicherlich 20mal gesehen habe – ein Kunstwerk immer wieder aufs Neue.
„Swimming Pool“ ist von seiner Stimmung filmisch unübertroffen.
Es gibt ja auch Neuverfilmungen von „Swimming Pool“, aber das Original mit Romy Schneider, Alain Delon, Jane Birkin ist da nicht erreicht.
Dieser Film ist nicht nachzunahmen, auch in seinen vielen Details, etwa dem Grillenzirpen, welches im Sommer immer wieder an den Film denken lässt.
Apropos, da hätte ich auch ein Gedicht dazu (lacht). Ich habe es mir für das Interview markiert:
den Sommer suchen
nichts anderes tun
reglos in der Sonne liegen
warten ohne zu warten
nichts passiert
das gefürchtete Nichts
doch es war nicht so schlimm wie erwartet
habe das Nichts also abgepasst
und auch das Alles
in den Horizont starren
flimmernde Unendlichkeit
die Grenzen fließen
wo höre ich auf wo fängst du an
nichts wird alles
ich verschmelze mit
allem
sonst nichts.
Lola Linden, Liebe In Zwanzig Teilen, 2012
Ich habe heute morgen im Zusammenhang von „Swimming Pool“ an dieses Gedicht gedacht. Es symbolisiert für mich die Stimmung des Films.
Mit Romy Schneiders Filmpartner in Swimming Pool Alain Delon verband die Schauspielerin auch eine Liebesbeziehung. Sie haben sich in Wien beim Filmdreh zu „Christine“ (1958) kennengelernt und eine große wie tragische Liebe nahm da ihren Anfang.
Wie siehst Du Romy Schneider als Liebende?
Da ist viel unerfüllte Sehnsucht, die auch in den Filmen wie Interviews zu sehen, spüren ist.
Romy Schneider hat kurz vor ihrem Tod ein ausführliches Interview in Quiberon (F) gegeben, in dem sie auch über ihre Kindheit, Jugend, ihr späteres Privatleben offen sprach.
Romy Schneider war eine Projektionsfläche männlicher Begierde von Jugend an. Ihre Liebe blieb unerfüllt.
Die Todesursache „Herzversagen“ bei Romy Schneider hat auch eine symbolische Aussage.
Zum Abschied winke ich mit dem Wedel. Auf diese Reise gehst du ohne mich. 03/21, 120×80, Öl,Ölkeide,Collagenelemnte, Acryl, Spray,Eichenblätter a.textilisiertem Holzrahmen
Romy Schneider arbeitet in „Swimming Pool“ nach der gescheiterten Beziehung wieder mit Alain Delon zusammen. Wie ist diese Trennung von Kunst und persönlichem Schmerz, Trauer möglich?
Möglicherweise waren sie zu diesem Zeitpunkt schon freundschaftlich verbunden. Als Künstlerin/Künstler ist der Rollenwechsel ein Teil des Berufes und man trennt da Biografisches.
Romy Schneider ist in Wien geboren und hat hier in jungen Jahren ihre ersten Filme sehr erfolgreich gedreht. Was kannst Du Wienerisches an Romy Schneider erkennen?
In ihren ersten Filmrollen in den 1950er Jahren sind natürlich die Typologie des „süßen Wiener Mädels“ und das „Sisi Klischee“ bestimmend. Sie hat dann gekämpft, dies abzustreifen und hat sich wie ein Schmetterling aus dem Korsett dieser Rollenbilder herausgeschält. Das ist ihr sehr, sehr gut gelungen.
Sie findet dann als Schauspielerin in Frankreich in beeindruckender Weise künstlerisch zu sich selbst.
Als Schauspielerin zeichnet Romy Schneider eine Internationalität aus.
Romy Schneider wird in eine Schauspielfamilie geboren, vor allem väterlicherseits in die große Wiener Albach-Retty Tradition. Wie kann es da gelingen einen eigenständigen Weg künstlerisch zu gehen?
Das ist ihr beeindruckend und nicht selbstverständlich gelungen.
Mit so bekannten dominanten Eltern, die in der Filmbranche der Zeit einen klingenden Namen hatten, wenn man sich da emanzipiert und etwas Eigenes macht, bedarf es schon einer großen Eigenständigkeit.
Romy Schneider ist ein Mythos.
Viele Schicksalsschläge erschütterten das Leben Romy Schneiders. Kann Kunst da eine Hilfe, Stütze sein?
Bis zu einem gewissen Grad schon. Aber der Selbstmord ihres Ex-Mannes, der Tod ihres Sohnes, da kann man sich als Außenstehende nicht reinversetzen, dies wäre anmaßend.
Kunst kann mildern, aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass man an solchen Schicksalsschlägen wie jenen bei Romy Schneider zerbrechen kann.
Verändern Schicksalsschläge auch den persönlichen Weg der Kunst, auch zu den Grenzen darin?
Sicherlich, der Fokus und die Sicht auf Dinge, was ist wesentlich was ist nicht wesentlich, verändert sich.
Kunst ist der Weg, das auf das Papier, die Mal- und Filmleinwand zu bringen, was wesentlich ist.
Kunst stellt immer die Frage was ich berühren will. Und was ich auslassen will.
Schicksalsschläge verändern den Fokus der Berührung wie der Auslassung in der Kunst.
Die Lücke, die Auslassung sind wesentliche methodische Elemente der Kunst.
Die Lücke macht es aus (lacht). Das Wort kommt ja etymologisch von Glück (lacht).
Die Auslassung ist in der Lyrik die Quintessenz. Das unterscheidet auch die Lyrik von anderen Literaturformen, weil der Sinnzusammenhang ganz wesentlich mit der Form verbunden ist.
Das Ganzheitliche wie Spielerische sind in der Lyrik faszinierend.
Wie vollzieht sich dieser Entscheidungsprozess der Auslassung, Lücke?
Ich schreibe nicht regelmäßig. Wenn ich schreibe, ist es ein flow und ich habe da auch eine Lust darauf, die Lücke zu finden. Wo wird es skurril? Wo beginnt der Wortwitz?
Schreiben ist auch ein Antizipieren von glücklichen Erwartungen im Lesen. Das macht mir sehr viel Spaß.
Schreiben ist für mich etwas Spielerisches. Das ist die wesentlichste Komponente und ich freue mich selbst, wenn ich mit Worten spielen darf.
Wie kann es gelingen glücklich zu werden und Glück mittels des Setzens wie Annehmens von Lücken, auch tragischen wie bei Romy Schneider, festzuhalten?
Ich glaube, dass wenn man sehr intensiv leiden kann, kann man auch ganz tiefe Glücksmomente erleben.
Bei Romy Schneider gab es nichts Lauwarmes, keine Mittelmäßigkeit, da ist alles sehr polar.
Auf Fotos von ihr ist viel Melancholisches, Trauriges aber auch viel Glück zu sehen.
Jedes Fotos von ihr hat Ausdruck.
Romy Schneider wurde oft interviewt. Auch heute ist dies natürlich ein Element eines Künstler*innenlebens. Welche Bedeutung haben Interviews für Dich?
Es kommt natürlich auf das Gesprächssetting an, das Gegenüber – wem ich erzähle ich etwas, wo öffnet man sich, wie ist die Situation?
Wenn ich über meine künstlerische Tätigkeit erzählen kann, bin ich sehr offen. Das mache ich gerne und erzähle, was mich bewegt, was mich antreibt.
Ich spreche gerne über Details des künstlerischen Prozesses wie ich etwa eine Leinwand herstelle, mit Materialien experimentiere oder Asche über Bilder streue oder diese im Garten eingrabe. Es ist vielfältig und es gibt viel zu erzählen, wenn es interessiert (lacht).
Was sind Deine derzeitigen künstlerischen Projekte?
Mich interessiert nach wie vor das Spannungsfeld von abstrakten und figurativen Elementen.
Ich male jetzt wieder farbenfroher als vor einem Jahr.
too rarely we are gazing out of the window, version 21, Öl, Ölkreide, Acryl a.LW 100×100
Zeit für pure Synapsenschlüsse 86x73cm 2021 Öl, Ölkreide, Spray,Acryl a.collagierter Kartonage, gerahmt
Menschen kommen in meinen Bildern fast immer vor. Es ist ganz selten, dass ich Bilder male, auf denen sich kein Mensch befindet. Weil das doch oft auch der missing link ist (lacht).
Sag mir zuerst, was Flaubert damit zu tun hat? 10/21, 140×100, Öl,Ölkreide, Acryl, Spray, Collagenelemente a.Leinwand
Collagen als Gesamtbild sind ebenso eine wesentliche Form. Ich habe jetzt auch viele Zeitungen aus unterschiedlichen Epochen für meine Collagen gekauft. Das ist sehr spannend im Prozess des Ausschneidens. Etwa bei den Werbungen verschiedenster Epochen. Wie waren die Claims damals, wie sehen sie heute aus? Ich arbeite sehe gerne mit diesen Claims und da kommen oft sehr skurrile Dinge heraus, die mich dann wieder überraschen (lacht).
Deine Bilder faszinieren in Ausdruckskraft, Vielfalt und Hintergründigkeit. Sie umfangen und ziehen in der Betrachtung, filmähnlich, sehr stark hinein. Ist dies auch eine Intention in Deinem Kunstprozess?
Grundsätzlich ist Kunst für mich ein Antrieb und Drang es zu tun.
Im Entstehungsprozess kommt das Bild gleichsam aus mir heraus.
Das Feedback und der Dialog danach sind für mich sehr spannend.
Sehr gerne verstecke ich in einem Bild Elemente, die personenbezogen sind. Ich bin dann neugierig und oft überrascht wie die Reaktionen darauf sind.
Es gibt einen bestimmten Bildwitz, und damit zu spielen, im Dialog mit den Betrachtenden, ist sehr spannend.
Das Erschaffene und das Sehen haben ein Verbindungselement. Es schließt sich ein Kreis und die scheinbare Beiläufigkeit ist dann keine.
Es ist immer eine Dynamik zwischen Kunstschöpfung und Betrachtung. Und es ist ein Geheimnis, man kommt nie ganz dahinter.
Ich mag die spielerische Komponente im Werk.
Du lebst in Wien und Niederösterreich. Arbeitest Du künstlerisch an beiden Orten?
Ich arbeite künstlerisch mittlerweile ausschließlich in meinem Atelier in Niederösterreich. Ich kann die Welten gleichsam so besser trennen.
Meine Kunst ist intensiv im Entstehungsprozess. Ich schütte die Farbe etwa und brauche grundsätzlich einen Raum, wo ich nicht sorgsam sein muss und keine Angst haben muss mit bemalten Fingern wo hinzugreifen (lacht). Da muss ich werken können und brauche Raum. Diesen Raum habe in Niederösterreich.
In Wien bin ich auch beruflich in einem anderen Setting. Ich sammle mir da gleichsam die künstlerische Energie und wenn ich aufs Land fahre, sprudelt dies heraus (lacht).
Mein Mann hat einmal an einem Samstag auf die Uhr geschaut und ich war da neun Stunden im Atelier und bin nur einmal kurz raufgegangen, um einen Tee zu trinken (lacht). Da gibt es keine Zeit zu verlieren, es muss dann raus (lacht).
Wie vollzieht sich dieser intensive künstlerische Arbeitsprozess persönlich?
Ich kann nicht mehr aufhören.
Ich denke zwischendurch jetzt ist mir kalt oder ich ziehe mich um, aber ich muss das dann durchziehen, um ein Befriedigungsgefühl zu haben.
Das größte Befriedigungsgefühl ist, wenn ich am Abend mein Werk sehe und mit mir zufrieden bin, mit dem, was ich aus mir herausgelassen habe. Das ist extrem befreiend und dann kann ich andere Dinge tun (lacht). Kann ich gemütlich in ein Lokal oder Kaffeehaus gehen oder einen Film sehen. Aber vorher muss ich mit mir selbst ins Reine kommen und das funktioniert über die Malerei. Mein Leben ein bissl ordnen, scheinbar zumindest (lacht).
Du hast für Romy Schneider den Begriff des Antlitzes verwendet. Was macht für Dich ein Antlitz aus und hebt es hervor?
Ein Antlitz hat eine Tiefe. Es ist mehr als das Gesicht.
Ein Antlitz hat ein gewisses Leuchten, das sich durch das Medium der Fotografie, des Filmes durchspüre, weil es durchscheint.
Bei einem Antlitz liegt einfach mehr dahinter. Hinter den Augen, wie immer man das beschreiben möchte.
Ein Antlitz wird heute immer seltener.
Umso mehr die Bilderflut heute zunimmt, umso kostbarer sind Antlitze, weil sie kaum vorhanden sind.
Wenn ein tiefer Gesichtsausdruck nicht Zufall, sondern wiederkehrend ist, dann würde ich sagen, diese Person hat ein Antlitz.
Romy Schneider ist für mich das personifizierte Antlitz.
Ist ein Antlitz bleibend oder kann es sich verändern?
Es kann sich verändern.
Meine Theorie ist, dass sich Geschichten, die wir erleben, auf das Gesicht legen.
Das Gesicht, die Ausstrahlung verändert sich durch die Lebensumstände, die Erfahrungen, die man macht und daher verändert sich auch ein Antlitz.
Bei Romy Schneider war das Antlitz das Unverwüstbare.
Ende der 1970er, Anfang der 1980er hat das Leben Romy Schneider gezeichnet. Das Strahlen verschwindet und man sieht die Geschichten, die sich auf das Gesicht legen.
Das ursprüngliche Gesicht, wie es gedacht war – wie etwa bei der Klarheit kindlicher Gesichter – das scheint bei einem Antlitz immer wieder durch. Auch wenn die Person sich verändert, physiologisch verändert, scheint es durch. Das kann man durchblitzen sehen. Das ist altersunabhängig.
Erni Mangold hat etwa auch ein Antlitz. Es gibt mehrere, aber sie fällt mir jetzt spontan ein. Senta Berger zum Beispiel auch.
Oder Lola Lindenbaum.
(lacht) danke.
Romy Schneider und die Mode. Wie siehst Du ihren Stil, Stilwandlungen?
Da ist Eleganz fernab von jeder Protzigkeit. Eine sehr subtile Eleganz.
Zunächst vollzieht sie einen Imagewandel in der Abkehr vom süßen Wiener Mädel und dann sind die französischen Einflüsse erkennbar.
Sie hat etwa gerne Rollkragenpullover getragen und da einen späteren Modetrend antizipiert, war da ihrer Zeit voraus.
Ihren inneren Wandel vom süßen Wiener Mädel wollte sie auch nach Außen zeigen.
Sie legt ein sehr mondänes Modeverständnis an den Tag und ist da sehr französisch.
Und sie hat eine wunderschöne Stimme. Dieses Monotone, Melancholische, Mädchenhafte.
Vielleicht ist diese Klangfarbe ihrer Stimme auch etwas typisch Wienerisches?
Möglicherweise.
Was hat Dich heute in Deiner Kleiderauswahl zum Fotoshooting „Station bei Romy Schneider“ angeleitet?
Ich wollte verschiedene Facetten zeigen, die Romy Schneiders Leben begleitet haben.
Einerseits das Mondäne in Materialien, die weich und fließend sind, das Mediterrane auch, „Swimming Pool“ (lacht), anderseits auch die Kopfdeckungen. Romy Schneider hat gerne Hüte getragen. Auf vielen Fotos trägt sie auch ein Halsband.
Mäntel mit Gürtel sind für mich auch etwas sehr französisches. Der Trenchcoat gehört für mich zu Alain Delon (lacht).
Die Stiefel habe ich eher flach gewählt, weil sie auch da modisch sehr subtil agierte.
Gedeckte Farben, das passt auch gut zum Cafè Prückel.
Ich könnte mir gut vorstellen, dass Romy Schneider hier sitzt. Dies wäre absolut nicht abwegig.
Der Begriff des Antlitzes trifft auch architektonisch auf das Cafè Prückel zu. Da ist nichts getrickst. Alleine die Luster und die Farbe und der Samt. Ich habe die Haptik von Samt sehr gerne.
Romy Schneider war eine hocherotische Frau und Projektionsfläche. Sie ist mit großer Nonchalance damit umgegangen, auch modisch. Immer selbstbewusst.
Darf ich Dich abschließend zu einem Achrostikon zu Romy Schneider bitten?
Rar – sie ist unnachahmlich, nicht imitierbar. Das ist sehr, sehr rar.
Ortsunabhängig– ich würde sie keinen Ort zuordnen oder sie damit verketten.
Mild– sie hat etwas sehr Zartes, Mildes, etwa in ihrer Stimme.
Y –
Y ist natürlich ein besonders schwieriger Assoziationsbuchstabe. Aber etwas offenzulassen, gehört ja vielleicht auch zu Romy Schneider.
(lacht)
Wenn Lola Lindenbaum im Cafè sitzt, was gehört da dazu?
Das kommt auf die Tageszeit an. Ich bin gerne vormittags im Cafè und trinke da gerne einen Kaffee mit viel Milch. Es gibt auch sehr gute Kuchen hier, den Birnenkuchen etwa, das mag ich auch sehr gerne.
Wenn ich abends ins Cafè gehe, hier gibt es ja auch Klaviermusik, das ist eine ganz besondere Atmosphäre, hat etwas von einer Bar-Atmosphäre, sehr schön. Und am Abend trinke ich dann einen Wein. Da ist es vorbei mit dem Kaffee (lacht).
Herzlichen Dank, liebe Lola, für Dein Kommen und Deine Zeit in großartiger Wort/Porträt/Performancewie die wunderbare Vorbereitung und Auswahl der Kostüm- und Requisitenvariationen wie Deine Lyrik-, Bildauswahl und Dein Interview jetzt zum Thema Romy Schneider, Schauspielerin (*1938 Wien +Paris 1982).
Liebe Lola, viel Freude und Erfolg für alle Kunstprojekte 2022!
Also, ich stehe pünktlich um 6:30 auf und gehe joggen. Nach dem Duschen trinke ich einen Kaffee und lese oder schaue Nachrichten. Dann gehe ich entweder zur Probe oder ich arbeite zu Hause an meinen Projekten: u.a. Buch schreiben, Konzepte entwickeln, über neue mögliche Formate brainstormen usw….Ne Scherz!!! So ist das natürlich nicht:) Mein Tagesablauf ist immer anders. Und das ist etwas wofür ich sehr dankbar bin. Ich könnte sehr schwer damit umgehen, wenn es 365 Tage im Jahr die gleiche Abfolge wäre:) aber ich versuche in jeden Tag eine größere oder auch kleinere Menge an Sport zu packen, eine Riesenportion Spaß und gaaaaanz viel Liebe:) und das auch ganz besonders jetzt, in dieser neuen Zeit, die so Vieles verändert hat.
Anna Kramer, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich denke, dass es für jeden von uns sehr wichtig ist dankbar zu sein. Dankbar darüber was wir haben. Schon jetzt haben. Und nicht immer mehr zu wollen. Und dadurch vielleicht nie im Moment zu sein. Und ich glaube, dass das so wichtig ist – im Moment zu sein. Nicht die Vergangenheit oder die Zukunft leben. Jetzt. Das Jetzt ist so entscheidend.
Ich würde mir wünschen, dass wir alle mehr Demut hätten vor der Natur, vor unserem wundervollen Planeten, auf dem wir doch nur Gäste sind für eine kurze Zeit. Ich würde mir wünschen, dass wir uns auf Augenhöhe begegnen könnten. Alle Menschen. Wie schön wäre das denn! Ich denke das wäre wichtig. Aufhören zu glauben, dass man etwas Besseres ist. Aufhören, den Planeten auszubeuten und alle Lebewesen, die darauf sind. Ich finde wichtig, dass wir uns in Liebe begegnen und respektvoll miteinander umgehen. Und besonders wichtig ist, dass wir gemeinsam lachen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ja ein Neubeginn könnte es sein… Aber ist das denn wirklich so? Manchmal habe ich das Gefühl, der Mensch, in der Masse, ist unwillig dazuzulernen. Ich habe das Gefühl, dass sich alles im Kreis dreht, wieder und wieder. Es wiederholt sich, solange bis es nicht mehr weitergehen wird…
Welche Rolle die Kunst dabei spielen wird? Ich glaube, dass die Kunst, unter anderem dafür da ist, eine Gesellschaft oder gesellschaftliche Umbrüche zu spiegeln. Und in dem sie sie reflektiert, könnte sie dazu beitragen, dass die Menschen beginnen zu verstehen, sich wiedererkennen und vielleicht ein bisschen beginnen selbst zu reflektieren. Sie könnte ein Vermittler sein zwischen all den unterschiedlichen Welten und Anschauungen. Ja, ich bin fest davon überzeugt, dass sie Nähe vermitteln kann. Dass sie dazu beitragen kann, dass wir endlich die Augen öffnen und beginnen Verantwortung zu übernehmen. Dass Populismus, Rassismus, Fremdenhass, Ausgrenzung, Mobbing, nicht ein ganz normales Erscheinungsbild bleiben in unserer heutigen Gesellschaft. All das kann die Kunst, in welcher Form auch immer vermitteln. Und das kann sie nicht nur, das muss sie. Sie kann so viel, die Kunst, aber doch nur wenn sie frei ist. Und das ist für mich persönlich der wesentlichste Bestandteil der Kunst, die Freiheit. Die Freiheit alles sein zu können und alles benennen zu können. Ohne Angst. Das Theater/ Schauspiel/die Kunst hat einen großen Auftrag und gleichzeitig darf sie sich nie zu ernst nehmen.
Was liest Du derzeit?
„The forty rules of love“ von Elif Shafak
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„No matter who you are, no matter where you come from, you are beautiful“ Michelle Obama
Vielen Dank für das Interview liebe Anna, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Isolde, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Meist wache ich sehr zeitig auf und seit ich eine kleine OP hatte, habe ich mir tatsächlich angewöhnt, mit dem iPad im Bett zu frühstücken. Inzwischen schaffe ich das fast ohne Krümel … Dort lese ich dann meine Nachrichten auf den Sozialen Netzwerken und schaue, was sonst noch so in der Welt passiert ist.
Danach mache ich Frühstück für meinen Sohn und bin für ihn da, bis er auf dem Schulweg ist. Tagsüber lerne ich und versuche Ideen für meine Selbstständigkeit im Bereich Grafik-Design und mein Portfolio zu entwickeln, an meiner Webseite zu arbeiten – und im besten Fall schaffe ich etwas Kunst. Vielleicht sollte ich die Reihenfolge umkehren? Ich glaube, das ist eine gute Idee. Manchmal nehme ich mir zu viel auf einmal vor und dann schaffe ich im schlechtesten Fall gar nichts…
Bis ich damit fertig bin, ist meist schon Nachmittag, dann muss ich ein wenig haushalten, Kochen für meinen Sohn, wenn er aus der Schule kommt und gemeinsam laufen wir dann mit unseren Hunden. Falls ich abends nicht zu müde bin, mache ich das gleiche wie morgens …
Isolde Schmitz, Künstlerin, Grafik-Designerin
Ich bin sehr froh, dass ich im Moment die Möglichkeit habe, meinen Tag, meine Zeit, meine Arbeit, so zu gestalten. Doch ich habe große Existenzangst, was die Zukunft betrifft, die mich allzu oft lähmt.
2020 habe ich meinen freiberuflichen Weg in die Kunst und in die Selbstständigkeit begonnen, ermutigt von ein paar Menschen, denen ich sehr dankbar dafür bin. Es freut mich, wenn Menschen das berührt, was ich mache. Wohin genau mich dieser Weg führt – ich weiß es nicht. Bis jetzt kann ich nicht davon leben und ich bin ganz am Anfang mit meinem Schaffen. Auf jeden Fall ist es ein Aufbruch.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ein wenig mehr Stille, Vernunft und weniger Geschrei täte der Welt gut. Wahre Freiheit liegt ohnehin in uns selbst.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Während der letzten Zeit haben sich interessante neue Tendenzen sowohl auf dem Kunstmarkt selbst entwickelt als auch in der Zusammenarbeit und im Austausch zwischen den Künstlern. Virtuell und online haben sich bisher nicht gekannte oder weniger genutzte Möglichkeiten aufgetan. Zum Beispiel das Thema NFT ist sehr spannend, ob man das mag oder nicht. Kunst ist zugänglicher geworden, finde ich. Eine für mich sehr schöne Möglichkeit ist das Zeichnen nach Modell per Zoom Meeting – zusammen mit Menschen aus verschiedensten Teilen der Welt. Sozusagen Kunstmomente, die verbinden.
Über Kunst im allgemeinen ist schon so viel gesagt und geschrieben worden. Für mich ist es in erster Linie die Auseinandersetzung mit meinem eigenen Dasein. Sie schafft Harmonie und Ästhetik oder rüttelt auf, schafft Chaos oder Ordnung, lenkt die Gedanken und schenkt neue Blickwinkel … inspiriert und tröstet. Manchmal lässt sie zweifeln. Bisweilen hilft sie, der Wirklichkeit zu entfliehen und in andere Welten zu tauchen. Rückzug und Konzentration. Wahrnehmung vor allem – Wahrnehmung der Welt und der Menschen.
Was liest Du derzeit?
Früher habe ich mehr gelesen – die letzten Jahre hat mich meine eigene Geschichte davon abgehalten, zum Beispiel Romane zu lesen. Was ich sehr mag, ist Prosa und Lyrik. Ansonsten Fachbücher und Bücher über Kunst. Angefangen habe ich Kurzgeschichten zu lesen – „Skandalös – Das Leben freier Frauen“ von Cristina de Stefano. Das ist sehr berührend. Demnächst möchte ich „Das Zeitalter des Lebendigen“ von Corine Pelluchon lesen. Ein ganz wichtiger Denkansatz für mich.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
“Wenn ich es in Worten sagen könnte, gäbe es keinen Grund zu malen.” Edward Hopper – das kann ich gut nachempfinden. Andererseits finde ich genau diese Verbindung – die Symbiose zwischen Wort und Bild, sehr spannend. Das Leben ist voller Widersprüche und es wichtig, Licht und Schatten zu sehen. Und die Zwischentöne. In allen Dingen des Lebens.
Vielen Dank für das Interview liebe Isolde, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Isolde Schmitz, Künstlerin, Grafik-Designerin
Foto_privat.
28.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Ungargasse, Wien „Ivan“ Haus _ um 1980_ Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann
Im Jahre 1981 stand ein Abbruch des Hauses, in dem Ingeborg Bachmann im Roman „Malina“ (1971) den Hauptschauplatz ansiedelte, im Raum. Eine beherzte Initiative der Hausbewohner*innen wie auch eines Kulturnetzwerkes setzte sich schließlich erfolgreich für den Erhalt des „Ivan“ Hauses ein.
Herr Peter D., bis heute im Haus wohnhaft, stellte die Fotos der damaligen Initiative in ihrer vielfältigen Sichtbarmachung und Solidarität der Hausgemeinschaft zur Verfügung.
Danach erfolgte ein Eigentümerwechsel und eine Renovierung des Hauses.
Lieber Herr D., herzlichen Dank für diese besonderen Einblicke in die nicht nur literarisch bewegte Hausgeschichte!
Ihnen und Ihrer Gattin Gesundheit und alles Gute!
Das Ehepaar D. (links) mit Schauspielerin Eva-Maria Neubauer _ 8_2020
50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _
Alle Fotos_Ungargasse _ 1981: Peter D.
Foto_Ehepaar D._Eva Maria Neubauer, Schauspielerin: Walter Pobaschnig