„Musik und Kunst müssen verfügbar sein!“ Robert Unterköfler_Musiker _Wien 2.2.2022

Lieber Robert, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufstehen, Schnelles Frühstück – Üben oder für einen Auftritt vorbereiten – Mit meiner Freundin gemeinsam kochen oder essen gehen – Auftritt / Probe oder Konzertbesuch – Essen und/oder etwas trinken gehen.

Robert Unterköfler_Musiker

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtg?

Neben einer behüteten Routine aufregende Erlebnisse zu bekommen, um
Gespräche fernab von der Pandemie führen zu können.

Vor einem Aufruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaflich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt
dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Musik und Kunst müssen verfügbar sein! Live-Events sollten neben dem
Unterhaltungsfaktor vor allem auch Menschen zusammenbringen und zu
etwas Alltäglichem werden.

Was liest Du derzeit?

Ein idealer Gatte – Oscar Wilde

Welches Zitat, welchen Textmpuls möchtest Du uns mitgeben?

Nicht aus dem Buch sondern aus meiner Lieblingsserie:
“The way I see it, every life is a pile of good things and bad things. The good
things don’t always sofen the bad things, but vice versa, the bad things don’t
always spoil the good things or make them unimportant.” – 11th Doct
or

Vielen Dank für das Interview lieber Robert, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Robert Unterköfler_Musiker

Robert Unterköfler – Rote Welt Records

Foto_Eckhart Derschmidt

7.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„…dass du das Beste von mir bekommen hast“ Serge&Jane: Biographie einer Leidenschaft_im Gespräch_Autor: Günter Krenn _ Wien 2.2.2022

jane birkin, serge gainsbourg

Jane Mallory Birkin * 14.Dezember 1946 (London), Schauspielerin, Sängerin.

Serge Gainsbourg * 2.April1928 (Paris) + 2.März 1991 (ebenda), Komponist, Sänger, Schauspieler, Schriftsteller.  

Günter Krenn, Autor, Österreichisches Filmmuseum

Lieber Herr Krenn, wie kam es zu Ihrem Buchprojekt „Serge&Jane: Biographie einer Leidenschaft (Aufbau Verlag, 2021) über die Liebe des französischen Komponisten und Schauspielers Serge Gainsbourg und der britisch-französischen Schauspielerin Jane Birkin?

Während meiner Arbeit an dem Buch „Romy & Alain: Eine Amour fou“ für den Aufbau Verlag fielen mir Serge Gainsbourg und Jane Birkin auf Fotos berühmter Pärchen auf. Wie nur wenige andere wurden die beiden offenbar zu einem Paradebeispiel für ein Wunschpaar, einer Projektionsfläche für viele Menschen, obwohl sie nur etwa ein Dutzend Jahre miteinander lebten. Jane und Serge waren im Leben ein Paar auf Zeit und wurden danach eines für die Ewigkeit. Aber was wissen wir eigentlich hier im deutschsprachigen Raum über die beiden? Eigentlich doch recht wenig, stellte ich fest und beschloss daher, ihre Geschichte nachzuzeichnen.

Welche Zugänge hatten Sie vorab zu Leben und Werk beider und worin liegt für Sie die Faszination dieser schillernden Künstlerpersönlichkeiten?

Serge Gainsbourg war mir, neben ein paar wenigen Liedern, nur aus dem Film „Gainsbourg – Der Mann, der die Frauen liebte“ des Regisseurs und Comic-Künstlers Joann Sfar bekannt. Jane Birkin aus ein paar Filmen wie „Blow Up“, „Der Swimmingpool“ oder „Tod auf dem Nil“. Bei meiner Recherche lernte ich Gainsbourg als einen der kreativsten französischen Komponisten und Liedermacher kennen, war fasziniert von seiner Karriere, beginnend beim Chanson bis hin zum Reggae, den er im Grunde in Frankreich etablierte. Als er Jane kennenlernte, wurde sie zu seiner Muse und seinem „Medium“ – und sie ist es auch heute noch, die seine Lieder Jahrzehnte nach seinem Tod am Leben erhält. Es wäre fast so, meint sie selbst dazu, als könnte sie ihm damit das Leben ein wenig verlängern. Vom künstlerischen Aspekt her stimmt das zweifellos.

Welche Überlegungen hatten Sie zum Aufbau des Buches?

Als ich die ursprüngliche Idee, nur die Liebesgeschichte von Serge & Jane zu erzählen, durchspielte, war mir sehr schnell klar, dass man gerade hier im deutschsprachigen Raum mehr erzählen musste. Ich fand es wichtig, Serges ganze Geschichte darin zu haben, auch die seiner Eltern Olga und Josip Ginsburg, einem jüdischen Paar, das aus der Ukraine einwanderte und in Frankreich ein neues Zuhause fand. Sie flohen 1919 vor den Wirren der Russischen Revolution und mussten in Frankreich zwei Jahrzehnte später mit ihren Kindern vor den Nazis aus Paris in den Süden Frankreichs flüchten, um der Deportation ins KZ zu entgehen. Serge musste in seiner Kindheit den gelben Stern tragen, das prägt einen Menschen natürlich sehr.

Ich zeichne seine Entwicklung vom schüchternen Kind Lucien Ginsburg – so sein richtiger Name – zum Künstler Serge Gainsbourg nach, der sich in den letzten Lebensjahren – auch unter dem Einfluss des Alkohols – in die bizarre Kunstfigur und bösen Clown „Gainsbarre“ verwandelte. In diese Chronologie verwob ich Janes Entwicklung vom scheuen britischen Mädchen bis hin zur Pop-Ikone. Sie ist im Grunde die heimliche Heldin des Buches. Geprägt von einem patriarchalischen System akzeptierte sie in ihrer Ehe mit dem Filmkomponisten John Barry und zu Beginn auch in der Beziehung mit Serge, dass ein Mann ihr Leben bestimmt, sie immer hübsch und adrett für ihn zu sein hat. Die Begegnung mit Serge hat ihr etwas mehr persönliche und künstlerische Freiheit verschafft, aber auch hier wollte ein „Alphatier“ letztlich über ihr Leben bestimmen. Aber sie hat sich weiterentwickelt, ihre eigenen Projekte, künstlerisch und gesellschaftspolitisch, verfolgt. Sie hat sich Serge gegenüber befreit, ohne dabei je aufzuhören ihn zu lieben. Aber nun konnte sie sich jedem anderen Partner gegenüber selbstbewusst behaupten.

Wie gestaltete sich die Recherche zum Buch? Welche Gespräche haben Sie geführt?

Ich habe sehr viel Material studiert: Bücher, Zeitschriften, Filme, Dokumentationen, CDs. Was meine Interviews angeht, wollte ich natürlich gerne mit Jane Birkin reden, die sich mir jedoch verweigerte. Im Endeffekt war mir das dann sogar lieber, denn so blieb ich unbeeinflusst in der Beschreibung ihrer Person. Stattdessen interviewte ich Andrew Birkin, ihren Bruder, einen faszinierenden Charakter. Er hat für Stanley Kubrick am Film „2001: Odyssee im Weltraum“ mitgearbeitet, Drehbücher verfasst, Regie geführt und war ein enger Vertrauter von Serge und Jane, hat einige der schönsten Fotos von ihnen gemacht. Außerdem befragte ich Alexis Chabert, einen Comiczeichner, der eine Graphic Novel über Gainsbourg gezeichnet hat, weil mich Serges Einfluss auf die graphische Kunst interessierte, er hat ja zahlreiche Zeichner inspiriert und wäre selbst gerne Maler geworden. Bemerkenswert war auch Jacqueline, Serges ältere Schwester, die nun schon 96 Jahre alt ist und mich mit ihrer Natürlichkeit, Weisheit und vor allem ihrem Humor beeindruckte.

Der Song „Je t’aime … moi non plus“ (1967/69) fällt wohl vielen Menschen über Generationengrenzen hinweg als erstes ein, wenn die Namen Gainsbourg/Birkin fallen.  Wie kam es zur Entstehung des Songs und welche Bedeutung hatte dieser Song für die Karriere beider wie für ihr Leben und ihre Liebe?

Bemerkenswert ist, dass Jane, deren Name für immer damit verbunden bleibt, als Interpretin eigentlich zweite Wahl war. Geschrieben wurde das Lied 1968 für Brigitte Bardot am Höhepunkt ihrer Affäre mit Serge, auch mit ihr eingespielt, aber nicht veröffentlicht, weil ihr Management und auch ihr damaliger Ehemann Gunther Sachs heftigen Einspruch erhoben. Bald danach lernte Serge Jane kennen und obwohl er der Bardot versprochen hatte, den Song nie mit einer anderen Frau aufzunehmen, witterte der Künstler Gainsbourg das ungeheure Potential des Liedes. So entstand die Schallplatte mit Jane und wurde ein Welterfolg, vor allem, nachdem der Vatikan sie auf den Index gesetzt hatte. Obwohl Serge unzählige andere Sachen davor und danach komponierte, assoziieren die meisten Menschen ihn bis heute nur mit diesem Titel. Auch Jane berichtet immer wieder über kuriose Reaktionen des Publikums, etwa von einem Londoner Taxifahrer, der ihr erzählte, gleich mehrere Kinder beim Anhören eben dieses Liedes gezeugt zu haben. Jane amüsieren solche Dinge, sie hat sich längst daran gewöhnt, gemeinsam mit Serge mit dem Titel untrennbar verbunden zu sein. Es ist tatsächlich kein schlechter Gedanke, wenn bis jetzt und wohl auch in Zukunft die erste Assoziation auf ihrer beider Namen weltweit die Worte sind: „Ich liebe dich.“

Wie lernten sie sich kennen?

Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Jane wurde 1968 als damals noch unbekannte Nachwuchsschauspielerin in London für einen französischen Film namens „Slogan“ gecastet. Der Hauptdarsteller war Serge Gainsbourg und da er eine andere, prominentere Partnerin bevorzugt hätte, behandelte er Jane zunächst betont herablassend und machte sich darüber lustig, dass sie kaum Französisch sprach, obwohl das Drehbuch es erforderte. Außerdem ärgerte es ihn, dass sie noch nie von ihm gehört hatte und ihn zunächst mit „Serge Bourguignon“ anredete. Um die angespannte Situation zwischen den beiden zu verbessern, griff der Regisseur des Films zu einer List, die einer Boulevardkomödie entnommen sein könnte. Er lud sie an einem Freitagabend ins Maxim‘s ein, kam jedoch nicht, sondern überließ die beiden sich selbst. Am Montag danach erschienen Jane und Serge bereits händchenhaltend auf dem Filmset. Man sollte also die Dramaturgie von Boulevardkomödien nicht unterschätzen…  

Welche Höhen und Tiefen hatte Ihre Liebe?

Es war eine stürmische Zeit, geprägt von Eifersuchts-, Streit- und Versöhnungsszenen. Einmal warf sich Jane sogar melodramatisch in die Seine und musste von Feuerwehrleuten aus der Strömung geborgen werden. Zuvor hatte sie Serge in einem Lokal wie in einem Slapstick-Film eine Torte ins Gesicht geworfen. Abgesehen von solchen Eskapaden gab es auch zahlreiche glückliche Phasen, in denen man das Leben genoss, kreativ war, mit den Kindern Dinge unternahm, Urlaub auf dem Land machte. Nachdem Serge 1973 einen Herzanfall erlitt, versuchte Jane ihn von seinem Übermaß an Zigaretten und Alkohol abzubringen, das war ein Kampf, den sie gegen einen Suchtkranken letztlich nicht gewinnen konnte. Dennoch bilanzierte Jane die gemeinsame Zeit positiv.  Auf eines der von ihm für sie geschriebenen Lieder, „Une chose entre autres“, nimmt sie dabei gerne Bezug, im Speziellen auf die Zeile, die übersetzt lautet: „Eines der Dinge, die du nicht weißt, ist, dass du das Beste von mir bekommen hast“ –  und Jane ist überzeugt, dass dem tatsächlich so ist.

Wo und wie lebten sie? Wie gestaltete sich der künstlerisch-familiäre Alltag?

Der Familienalltag spielte sich oft sehr bohémienhaft ab. Gewöhnlich kam das Paar gegen 6:00 Uhr morgens von nächtlichen Ausflügen zurück, weckte die Kinder, die in die Schule mussten, um sich dann schlafen zu legen. Jane holte die Mädchen am Nachmittag vom Unterricht ab, danach gab es ein gemeinsames Abendessen, bevor Serge und Jane wieder zu ihrem Nachtbummel aufbrachen.

Serge Gainsbourg hatte sich noch während seiner Beziehung mit Brigitte Bardot in der Pariser Rue de Verneuil ein Haus nach seinen Vorstellungen einrichten lassen. Kurios dabei ist, dass es eigentlich von Anfang an wie ein großer Ausstellungsraum angelegt war, voll mit exklusiven Möbeln, Instrumenten und bizarrem Ambiente wie Puppen, Waffen, Polizeiabzeichen, Handschellen, antikem Spielzeug, erotischen Skulpturen und ähnlich pittoresken Objekten. Später kamen Goldene Schallplatten, gerahmte Zeitungsausschnitte und unzählige Fotografien dazu. Die Artefakte hatten ihre genaue, von Serge akribisch festgelegte Ordnung, nichts durfte verschoben oder entfernt werden. Sogar der Inhalt des Kühlschranks spiegelte hinter einer Glastür eine gewisse Ordnung wider. Es ist verständlich, dass sich neben Serge, der wie ein Gott in seinem kleinen privaten Universum dort herrschte, die übrigen Menschen, also Jane und die beiden Kinder, darin nur bedingt wohlfühlten. Nachdem Jane ihn verlassen hatte, lebte Serge allein in seinem Domizil und starb auch dort. Heute ist alles noch so wie zu seinen Lebzeiten dort konserviert und man überlegt seit längerer Zeit, aus dem Haus das zu machen, was es im Grunde immer schon war: Ein Museum.

Wie ist die Partnerschaft künstlerisch zu sehen? Welche wechselseitigen Inspirationen gab es da?

Serge war der kreative Part, Jane die Muse, die Inspiration, die ausführende Künstlerin, das allerdings weit über die Dauer ihres Zusammenseins hinaus. Serge war der Ansicht, dass einige seiner besten Lieder für Jane erst nach dem Ende der Beziehung entstanden. Jane wiederum hat sich durch Serge die Konzertbühne erobert und wurde dadurch zu einer gefeierten Solistin. „Jane B“ war in mancher Hinsicht Serges künstlerische Kreation, aber sie hat ihrerseits auch ihn verändert, ihm auch äußerlich einen neuen Stil verschafft. Längeres Haar, offenes Hemd, dunkles Sakko, helle Denim-Jeans, weiße Schuhe ohne Socken, das war Janes Styling-Konzept für ihn, das er gerne übernahm.  

Nach Janes Angaben war es Serge, der darauf hinarbeitete, dass sie beide bereits zu Lebzeiten zu einem Mythos wurden. Es war definitiv Jane, die Serge zu Kultstatus verhalf. Während er sonst fast altruistisch für andere schrieb, kreierte er mit ihr einen Star, der auch bei Soloaktionen immer reflexiv auf ihn verwies. Ohne sie hätte er wohl nie sein Rockstar-Image erreicht, auch wenn das auf Frankreich beschränkt blieb. Im deutschen Sprachraum blieb Serge Gainsbourg zeitlebens der Mann an der Seite von Jane Birkin, von dem man ein paar Musiknummern, und darunter vor allem eine, die er mit ihr sang, kannte und ansonsten wenig wusste.

Es gibt viele Fotos der beiden. Wie gingen sie mit dieser Öffentlichkeit um?  War es eine Belastung?

Es war eine sehr öffentliche Beziehung, was vor allem Serge genoss, da er vom Beifall der Menge abhängig war wie von einer Droge. Es ist selbst a posteriori noch erschreckend, wie sehr er darum bemüht war, von der Masse geliebt zu werden, so eine Sucht geht selten gut. Jane zog es nach der anfänglichen Freude über den Hype, den die beiden auslösten, mit der Zeit zunehmend vor, sich zumindest gelegentlich ins Private zurückzuziehen, während Serge auf die regelmäßige „Wallfahrt“ durch die Nachtlokale bestand. Jane Birkin nahm mit Verwunderung zur Kenntnis, wie schnell sie an Serges Seite Teil der internationalen High Society geworden war. Jahre später konnte sie diese Popularität dazu benützen, sich sozialpolitisch zu engagieren.

Heute sind die zahlreichen Fotos von den beiden das Zeugnis einer bemerkenswerten Beziehung. Zwei Mal wechselte diese Liebesgeschichte par excellence ihre Form, einmal im Jahr 1980, als sie sich trennten und zum zweiten Mal 1991, als Serge starb. Spätestens danach wurde daraus ein die Zeit überdauerndes Vermächtnis einer großen Liebe. Nach dem Tod von Serge im Jahr 1991 erhob die französische Presse Jane in den Stand einer „Witwe Gainsbourg“, obwohl die beiden nie miteinander verheiratet waren und Jane längst mit einem anderen Mann zusammenlebte.

Wie kam es zum Ende der Beziehung?

Das hatte, wie so oft, viele Gründe. Die Hauptursache war wohl der ausufernde Alkoholkonsum Serges, der ihn seinem Umfeld gegenüber zunehmend unberechenbar machte. Dazu kam seine Manie, dass sich in seiner häuslichen Umgebung nichts verändern sollte. Wenn etwa eines der beiden Kinder ein größeres Bett brauchte, bedurfte dies längerer Diskussionen. Aber natürlich wuchsen die Kinder heran und auch Jane wuchs zunehmend als eigenständige Persönlichkeit. Während des Prozesses dieser Entfremdung verliebte sich Jane schließlich in den Regisseur Jacques Doillon und nach längerem Zögern verließ sie Serge im Jahr 1980.

Jane Birkin spielte mit Romy Schneider in „Der Swimmingpool“ (1969) – wie kam es für Jane Birkin dazu und gab es weiteren künstlerischen/privaten Kontakt von ihr oder Serge Gainsbourg zu Romy Schneider?

Eigentlich hätte die Beziehung zwischen Jane und Serge nach der gemeinsamen Arbeit im Film „Slogan“ bereits wieder zu Ende sein können, denn Jane hätte zurück nach England reisen müssen, wo ihr Lebensmittelpunkt lag. Ob sich dann eine tiefere Beziehung zwischen den beiden entwickelt hätte, ist fraglich. Allerdings lernte Jane in Paris den Regisseur Jacques Deray kennen, der auf der Suche nach einem „Lolita“-Typ war, den er für sein nächstes Filmprojekt besetzen wollte, das an der Côte d’Azur gedreht werden sollte. Das war „Der Swimmingpool“, in dem ein Paar auf der Leinwand wieder zusammengebracht werden sollte, das im Leben längst keines mehr war: Romy Schneider und Alain Delon.

Serge organisierte eine Limousine, die Jane zu den Dreharbeiten nach St. Tropez bringen sollte und reiste mit einem geladenen Revolver an, falls ihre Partner Alain Delon oder Maurice Ronet sich in sie verlieben sollten. Die Waffe blieb zum Glück unbenützt. Romy Schneider unterstützte ihre junge Kollegin bei den Dreharbeiten, vor allem als Jane einen Verweis bekam, weil sie sich mit ihrem Baby am Drehort zeigte. Jacques Deray wollte Jane der Presse und dem Publikum als Minderjährige präsentieren und dazu passte keine Kleinkindidylle am Set. Beleidigt und verletzt schloss sich Jane daraufhin auf der Toilette ein und war erst wieder bereit herauszukommen, als Romy Schneider ihr den Regisseur schickte, damit der sich in aller Form bei ihr entschuldigte.

Nach dieser ersten Filmarbeit traf man sich privat selten, bis Romy und Jane in  „Das wilde Schaf“ 1974 wieder gemeinsam vor der Kamera standen. Zu Janes Kummer wurde der Film primär mit den Fotos von Jean-Louis Trintignant und ihr beworben, worauf sie sich etwas Sorgen darüber machte, wie Romy Schneider, die eigentliche Hauptdarstellerin, darauf reagieren würde. Doch die dürfte sich daran nicht gestoßen haben, das Verhältnis der beiden Frauen blieb freundschaftlich.

Gibt es Bezüge von Jane Birkin und Serge Gainsbourg zu Wien/Österreich?

Jane Birkin drehte im Jahr 1979 in Wien den Film „Egon Schiele – Exzesse“. Serge und die Kinder besuchten sie, man bezog eine Suite im Hotel Sacher und so ergab sich eine Art von Familienurlaub. Ebenfalls in Wien mit dabei war Ava Monneret, die Janes persönliche Haarstylistin war. Die beiden verband eine herzliche Freundschaft, die ein jähes Ende fand, als Ava an Gelbsucht erkrankte und völlig unerwartet während des gemeinsamen Aufenthaltes in Wien verstarb. Die Bilder des toten Körpers ihrer Freundin in der kargen Leichenhalle verfolgten Jane noch lange.

Serge wiederum wurde 1981 von einem deutschen Produktionsteam in Paris besucht, weil man ihn für einen Film besetzten wollte, der sich gerade in der Entstehungsphase befand, letztlich aber nie zustande kam. Er hätte unter anderem in Wien spielen sollen und wäre wohl für viele zum Kultfilm geworden, denn das Drehbuch stammte von einer Frau, die 23 Jahre später mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde: Elfriede Jelinek.

Darf ich Sie abschließend zu einem Achrostikon bitten?

Singen

erotik

ruhm

gitanes

ekstase

&

Jugend

atem

natürlichkeit

engagement

Vielen Dank für das Interview!

Sehr gerne!

Im Gespräch_Autor Günter Krenn

Zur Person: Günter Krenn, geboren 1961, Studium der Philosophie und Theaterwissenschaft an der Universität Wien. Zahlreiche Publikationen zum Film u. a. über Billy Wilder, Louise Brooks und Walter Reisch. Er lebt in Wien und ist dort Mitarbeiter des Österreichischen Filmmuseums. 
Im Aufbau Verlag ist „Die Welt ist Bühne. Karl-Heinz Böhm. Die Biographie“ lieferbar und im Aufbau Taschenbuch „Romy Schneider. Die Biographie“ sowie „Romy & Alain. Eine Amour fou“. (Text_Aufbau Verlag)

Fotos_Birkin/Gainsbourg_ Aufbau Verlag; Günter Krenn _ privat.

„Serge&Jane: Biographie einer Leidenschaft“ (Aufbau Verlag, 2021)

https://www.aufbau-verlage.de/aufbau/serge-und-jane/978-3-351-03491-7

Walter Pobaschnig 2_22

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„Neue, gesündere gesellschaftliche Strukturen für uns alle zu etablieren“ Romina Achatz, Intermediale Künstlerin _ Wien 1.2.2022

Liebe Romina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Falls ich sehr einprägsame Träume hatte, beginne ich den Morgen damit, diese zu notieren und darüber zu reflektieren. Nach einer Tasse Tee/Kaffee mache ich seit 2020 jeden Morgen eine Stunde körperliches Training, das geprägt ist von Yoga und Butoh (inkl. Tanz und Imaginations-, Noguchi Taiso-, Tai Chiübungen) am Abschluss Zazen- Meditation.

Im Moment lebe ich kurzfristig in Brooklyn, New York um an einem Fotoprojekt und Essayfilm zu arbeiten und gehe nach dem Training mit einer alten Kamera und mehreren 35mm Filmen durch die Stadt, um zu fotografieren. In den freien Minuten treffe ich PerformancekünstlerInnen, PhotographInnen und ButohtänzerInnen, um Kollaborationen zu planen.

Romina Achatz, Intermediale Künstlerin,
Journalistin und Wissenschafterin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich mag das Zitat von George Bataille, der einmal geschrieben hat, dass der Atem der Ruhealtar der Worte sei. Für diesen persönlichen Ruhealtar mit dem uns zur Verfügung stehenden bewusst gut zu sorgen, könnte Lebewesen unserer Spezies gut tun. Prinzipiell ist mir die Haltung wichtig, dass ich als individuelles Bedürfniswesen niemals sagen kann, was für alle Menschen wichtig ist, da nur jedes Wesen für sich selbst wissen kann, was es in jedem Moment braucht.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, der Performance, der Kunst an sich zu?

Ich denke, dass der Neubeginn eine Fiktion ist, eine Inszenierung einer Welt die untergehe und einer die neu beginne. Der Turbokapitalismus ist nie im Lockdown gegangen. Viele Menschen haben ihre Arbeit verloren, viele arbeiten weit über ihre persönlichen Kapazitäten hinaus. Die Schere zwischen Arm und Reich nahm gravierend zu. In Österreich wurde während dem Lockdown die Senkung des Arbeitslosengeldes durchgesetzt und gleichzeitig bemerke ich Mieterhöhungen. Wichtiger als Erlösungsphantasien, deren Narrative oft im Rahmen eines kapitalistischen, Anführer oder Guru- Macht-zentrierten, esoterischen oder so genannten spirituellen Marktes verkauft werden, empfinde ich es, die reale, strukturelle, systemische Gewalt Stück für Stück und nachhaltig abzubauen und neue, gesündere gesellschaftliche Strukturen für uns alle zu etablieren.

Da Kunst, (wie auch so viele kreative Tiere, Pilze ecc. auf dieser Erde) die Fähigkeit besitzt, immer zu neue Welten und Kommunikationsweisen zu erschaffen, kann sie einen wichtigen Teil spielen, um alte Strukturen durch neue Kreationen in der Immanenzebene nachhaltig zu verändern.

Tanz und Performance bedingen die Anwesenheit von physischen Körpern, die affiziert werden von anderen Körpern, einem Publikum und einem Meer von sinnlichen Eindrücken. Dieser Erfahrungsraum lebt vom Ereignis, das in digitalen Welten nicht in derselben Form hergestellt werden kann. Ich empfinde, dass Kunst generell potenziell eine kathartische Kraft besitzt- einerseits für die KünstlerIn, anderseits für die KonsumentIn- wenn dieser Raum versperrt wird, könnte das auch negative Konsequenzen mit sich bringen, da vieles Empfundene keinen Ausdruck findet.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade ein Schriftstück von Marvin Heine, der gerade an einem Dissertationsprojekt namens „unruly stories: the sensation of sustianability in a more than human world“ schreibt. Parallel lese auch wieder Audre Lorde, Bell Hooks und AlokMenon.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“One of the most powerful core abilities of our human species, that differentiates us from other animals is to be capable of willingly imagine all that we want. We have an infinite sea of imagination sleeping inside of us- ready to open its eyes any time.” (Zitat aus einem neuen, noch nicht publizierten Text über Imagination und Bewegung, den ich für die Choreografin und Tänzerin Minako Seki schreibe)

Vielen Dank für das Interview liebe Romina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Romina Achatz, Intermediale Künstlerin, Journalistin und Wissenschafterin

Foto_privat.

19.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kirchen als Gemeinschaftswerk“ Zu den wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen frühneuzeitlichen Sakralbaus. Peter Hersche. Schwabe Verlag.

Es sind strahlende Mittelpunkte städtischer Architektur wie der baulichen Landschaftsstruktur an sich. Kirchen, Kapellen, Wallfahrsorte bestimmen Stadt- und Ortsbild und weisen auf die religiöse wie sozialgesellschaftliche und ökonomische Verfasstheit der Zeit hin.

Doch wie waren diese beeindruckenden Bauten möglich? Wie wirkte die Gesellschaft mit? Welche Möglichkeiten und Herausforderungen gab es da?

Der Schweizer Historiker und Universitätsprofessor Peter Hersche legt mit „Kirchen als Gemeinschaftswerk“ ein spannendes historisches wie gesellschaftliches Kapitel der engeren und weiteren Kirchengeschichte der Neuzeit offen und lässt in Vorgänge und Prozesse der Planung, Entstehung und Verwirklichung kirchlicher Bauprojekte im mitteleuropäischen Raum blicken.

In vier Kapitel, in denen Kapitel zwei und drei „Voraussetzungen des Bauens“ wie „Die Durchführung eines Neubaus“ die unmittelbaren Entstehungsvorgänge beschreiben und Einleitung/Schluss einen Rahmen des Themas bilden, gelingt eine außergewöhnliche Darstellung in geschichtlicher, sozialer wie architektonischer Zusammenschau, die wunderbar informiert wie auch sehr anregend und spannend zu lesen ist.

Es ist eine schöne Unmittelbarkeit, die hier aus den Seiten spricht und gleichsam das Bauwerk vor den interessierten Leseaugen entstehen lässt.

„Ein ganz besonderes kirchen- wie gesellschaftshistorisches Buch, das vielfältig begeistert“

Walter Pobaschnig

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„Dass die Menschen besser lernen, im Dialog zu sein“ Sandra von Siebenthal, Schriftstellerin _ Romanshorn, CH 31.1.2022

Liebe Sandra, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe zwischen 5 und halb 6 auf, schreibe mir bei einer Tasse Ingwertee ein paar Seiten von der Seele, danach gehe ich auf die Yogamatte. Ich habe früher als Yogalehrerin gearbeitet, heute mache ich nur noch für mich Yoga – jeden Morgen die gleichen Übungen, was mir einen guten Blick auf meine Tagesform gibt. Die Auseinandersetzung mit mir selber ist mir wichtig, da ich denke, dass sie bei einem bewussteren Umgang mit den Herausforderungen des Tages hilft. Danach gibt es Kaffee, dazu lese ich oder schreibe das eine oder andere, gehe meine Mails durch. Später der zweite Kaffee, Hundespaziergang, einkaufen, wenn nötig, und zurück an den Schreibtisch bis am Mittag. Nach dem Hundespaziergang folgt ein kleiner Imbiss, danach wieder lesen und schreiben, oft auch Recherche für Projekte. Das Abendessen ist mir die liebste Mahlzeit, weswegen ich mir bei der Zubereitung auch gerne Zeit nehme und oft neue Rezepte ausprobiere. Häufig finden die auch mit lieben Gästen statt, wonach der Abend dann mit Gesprächen verläuft. Alleine gehe ich nach dem Nachtessen gerne nochmals an den Schreibtisch zurück.

Ich mag diesen geregelten Tagesablauf, der ganz meinem Naturell entspricht. Dadurch, dass ich in meinem Leben fast nie mit von außen gegebenen Strukturen gearbeitet habe, fand ich in einer selbstgewählten Tagesstruktur auch einen gewissen Halt, der für einen so freischwebenden Geist wie mich hilfreich ist.

Sandra von Siebenthal,Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Was für andere Menschen persönlich wichtig ist, kann ich nicht beurteilen, jeder geht mit Situationen anders um. Für uns als Gesellschaft würde ich mir wünschen, dass die Menschen besser lernen, im Dialog zu sein, aufeinander zu achten, anderen Meinungen und dahinterstehenden Ängsten und Sorgen offen gegenüberzutreten. In einer Demokratie bleibt es nicht aus, dass es nicht immer der eigenen Meinung entsprechend geht – das bedingt auch, dass man die Mehrheitsmeinung mitträgt.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Rolle von Kunst und Literatur ist schwer konkret zu definieren. Ich denke, die beiden waren immer Spiegel der Gesellschaft, waren aber auch gut, Freude, Trost und Weltenfluchten zu bieten. Es gibt viele Berichte von Menschen, die in schwierigen, gar lebensbedrohlichen Situationen waren, und da in der Literatur Halt fanden. Ich möchte die Kunst nicht in die Pflicht nehmen, dies zu erfüllen, ich finde es aber wichtig, dass im Hinblick auf die Kunst im Auge zu halten, so dass ihr die Wichtigkeit, die sie hat in unserer Gesellschaft, ich möchte fast sagen, in unserem Menschsein, zugestanden wird. Es wäre schön, wenn Fragen wie „Wozu Kunst?“ nicht mehr gestellt würden.

Was liest Du derzeit?

Ich lebe meistens mehrere Bücher parallel, manche aus reiner Neigung, andere für Projekte oder für Rezensionen (die Einteilung sagt aber nichts über die Freude am Lesen aus). Im Moment lese ich Norbert Gstreins „Der zweite Jakob“, „Thomas Mann, der Amerikaner“ und Thomas Manns „Felix Krull“. Daneben immer auch Gedichte.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Du musst das Leben nicht verstehen, dann wird es werden wie ein Fest.“

Sandra von Siebenthal,Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Sandra, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Sandra von Siebenthal, Schriftstellerin

Über

Fotos_privat.

18.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Viel bewerben, mal kleinere Jobs, viel Sport“ Simon Heidegger, Schauspieler _ Wien 30.1.2022

Lieber Simon, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Das variiert von Tag zu Tag, von Woche zu Woche. Viel bewerben, mal kleinere Jobs, viel Sport und mein Arbeiten bei einer NGO hält mich für den Schauspielbereich fit

Simon Heidegger, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Den Mut nicht zu verlieren, auch wenns schon eine ausgelutschte Rederegung ist und das Thema jeden nur mehr anfeit. Aber es wird besser, es muss besser werden und deswegen sollte man die Hoffnung nicht verlieren und sich daweil auf die Sachen konzentrieren, die man auch auch in einem möglich Lockdown tun kann. Wichtig ist auch Kontakt mit seinen Liebsten zu Suchen. So viel Zeit für sich selbst und die Familie/Freunde wird man vielleicht nie mehr haben

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Wieder mehr Offenheit und der Mensch muss sich wieder daran gewöhnen, dass er ursprünglich ein Rudeltier war.

Das Theater muss dabei mehr auf junge Leute zu gehen und die Mischung aus Klassíschem und Moderem finden, da sich das Publikum langsam, aber sicher sich vom Theater abwendet bzw. nur mehr Ältere Menschen oder Schauspielstudenten ins Theater gehen.

Was liest Du derzeit?

Ich les meistens mehrere Bücher gleichzeitig, hab dabei die seltene Angewohnheit nachdem ich sie über längere Zeit gelesen habe und sie meist Schinken um die 1000 Seiten sind wegzulegen und erst Jahre später wieder neu anzufangen. Aber aktuell lese ich „ Die Pest“ von Albert Camus, was auch gut zur aktuellen Zeit passt.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.“ (John Lennon)

Vielen Dank für das Interview lieber Simon, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Simon Heidegger, Schauspieler

Foto_Barbara Maria Hutter

25.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Romy Schneider hat für ihren Beruf gelebt“ Miriam Fontaine, Schauspielerin_40.Todesjahr_Romy Schneider _ Wien 30.1.2022

Miriam Fontaine_Schauspielerin_Wien

Liebe Miriam, welche Bezüge, Zugänge gibt es von Dir zu Romy Schneider?

Ich war immer verzaubert und fasziniert von Romy Schneider. Als Kind von ihr in den Sissi Filmen, denn, das muss ich an der Stelle unbedingt hervorheben: Auch wenn das purer Kitsch war und obwohl sie Zeit ihres Lebens versucht hat sich von Sissi zu befreien, was ja auch verständlich ist, wenn man bedenkt, dass die Leute einfach nicht begriffen haben, dass Romy Schneider nicht diese Rolle ist – sie war darin absolut hinreißend.

Dann habe ich ihre späteren Filme entdeckt, da wurde es richtig interessant – das war schauspielerisch natürlich nochmal eine ganz andere Ebene.

Ich habe viel über sie und ihr Leben gelesen und schaue mir sehr gerne Fotografien von Romy Schneider an.

Besonders gerne mag ich den Fotoessay von Will McBride. Ich liebe einfach dieses Gesicht, man kann so viel darin lesen.

Ich bin seit jeher voller Bewunderung für diese große Schauspielerin.

Gibt es einen Film von Romy Schneider, den Du hervorheben möchtest und warum?

Es gibt so viele tolle Romy Schneider Filme, aber um hier einen zu nennen: besonders gerne mag ich „Les Choses de la Vie“ von Claude Sautet.

Generell finde ich Geschichten interessant, die das Leben schreibt- so gibt es ja auch oft diese Dreierkonstellationen. Natürlich – es ist ein Drama aber ich finde, es braucht keine großen Effekte oder spektakulären Fantasiegeschichten.

Am interessantesten ist es doch immer noch Menschen zu sehen, die etwas erzählen und einen berühren.

Romy Schneider und Michel Piccoli sind einfach umwerfend zusammen als Paar. Der Film hat so etwas Pures und so eine Ästhetik, das finde ich fantastisch.

Wie ein Gemälde aber überhaupt nicht statisch, das hat primär mit Romy Schneider, ihrer ungeheuren Präsenz, ihrem Spiel zu tun.

Dazu das von ihr gesungene Chanson d´Hélène. Diese Melancholie, dieser Schmerz. Für mich ist „Les Choses de la Vie“ ein klassischer „Romy Schneider – Film“.

Dieses Unaufgeregte, das man ja von früheren Filmen kennt, nicht viel Tamtam, einfach ein Gesicht, eine Aktion, eine Reaktion, ein Blick. Auch mag ich persönlich Rückblenden als Erzählform sehr gerne.

Wie siehst Du das Spannungsverhältnis von Leben und Schauspielberuf bei Romy Schneider wie an sich?

Es erscheint mir anmaßend mich hinsichtlich Romy Schneiders Spannungsverhältnis von Leben und Beruf zu äußern.

Generell würde ich sagen, dass die Grenzen natürlich leicht verschwimmen. Man geht nicht nach acht Stunden nachhause und lässt den Job vor der Tür.

Abgesehen davon, dass es ja kaum diese geregelten Arbeitszeiten gibt, gehört ja beispielsweise Recherche, Rollenarbeit, etc. genauso dazu wie das Spielen an sich. Wo beginnt da der Beruf und wo hört er auf? Ganz zu schweigen vom emotionalen und psychischen Aspekt. Das frage ich mich wirklich sehr häufig. Neben administrativen und organisatorischen Dingen oder auch Marketing, das gehört ja alles dazu, muss man sich ständig mit sich auseinandersetzen.

Es ist permanente Arbeit an und im besten Fall auch für sich. Dass man da Privates, Persönliches einfließen lässt, lässt sich ja gar nicht vermeiden bzw.dass man viel auch mit ins private Leben (auf)nimmt ist nicht verwunderlich.

Man muss halt gut auf sich aufpassen, achtsam sein, seine Grenzen wahren, auf Ausgleich achten. Ich persönlich neige dazu mich, v.A. emotional, zu verausgaben. Diese Gefahr besteht in dem Beruf natürlich sehr.

Und ich denke, es ist auch eine Typfrage – manche können Privatleben und Beruf eher trennen, bei anderen verwischen sich die Grenzen.

Bei Romy Schneider trifft wohl letzteres eher zu. Aber sie hat ja auch für ihren Beruf gelebt. Wenn man mit Leib und Seele dabei ist lässt sich das wohl gar nicht vermeiden.

Ihre Großmutter, Rosa Albach-Retty, hat es ja ziemlich treffend auf den Punkt gebracht: „Wer sich so hemmungslos von seinen Emotionen, Leidenschaften und Begierden treiben lässt, denkt sicher nicht daran, dass eine Kerze, die man an zwei Enden anzündet, auch schneller verbrennt.“

Romy Schneider wechselte nach großen Schauspielerfolgen in den 1950er das Filmgenre wie das Land. Wie siehst Du die Möglichkeiten persönlichen Entwicklungsweges im Schauspielberuf?

Der Beruf birgt ein enormes Entwicklungspotenzial. Klar – man ist ja ständig in Situationen, die einen herausfordern, einen aus der Komfortzone holen.

Man kommt gar nicht drumrum als sich mit sich, inneren Prozessen und dem Leben auseinanderzusetzen.

Das ist quasi der Bonus, den man zusätzlich bekommt und gleichzeitig Voraussetzung – ein großes Geschenk.

Was kann eine junge Schauspielerin von Romy Schneiders Werk und Leben mitnehmen?

Die Liebe und Passion für den Beruf hat man oder nicht.

Inspirierend an Romy Schneider finde ich ihre Einstellung zum Beruf, den Wunsch sich weiterzuentwickeln, weiterzukommen, Verschiedenes, auch Schwieriges, auszuprobieren.

Sie hat französisch so gut gelernt, dass sie in Frankreich drehen konnte. Meines Wissens hatte sie auch eine große Liebe zum Theater und einen Riesenrespekt davor, wohl auch verbunden mit großen Ängsten und Nervosität. Sie hat sich dem gestellt und auch Theater gespielt.- auch auf französisch wohlgemerkt.

Darüberhinaus hat sie ja auch wirklich schwierige Rollen angenommen, die sicherlich sehr an die Substanz gingen und oft auch sehr nah an ihr als Person und ihrem Schicksal waren. Da ist natürlich wieder die Frage, ist das noch gesund?

Wo ist die Grenze zwischen Engagement, Hingabe und Selbstzerstörung?

Aber prinzipiell finde ich es sehr bewunderswert und inspirierend, dass sie sich so viel getraut hat, so mutig war und sich nicht mit dem, das am einfachsten funktioniert hat, zufrieden gegeben hat.

Und mit welcher Intensität sie ihre Rollen gespielt hat. Das begeistert mich sehr.

Man glaubt ihr alles, man fühlt alles.

In ihrem Gesicht, in ihren Augen – da ist alles da.

Gibt es etwas typisch Wienerisches bei Romy Schneider?

Ich weiß nicht, typisch wienerisch würde ich nicht sagen. Aber ich finde sie klingt teilweise nach Wien.

Obwohl sie natürlich wunderschön gesprochen hat, manchmal kann man etwas Wienerisches durchhören. Das ist aber mehr ein Gefühl als tatsächlich akustisch wahrnehmbar.

Vielleicht ist es die Sehnsucht nach ZuHause, den Wurzeln, dem Papa, der Großmutter,…

Was bedeutet Dir Wien und welche Erfahrungen hast Du hier im Schauspielberuf gemacht?

Ich liebe Wien und schätze mich glücklich hier leben zu können.

Es ist einfach eine wunderbare Stadt, ich wurde hier geboren, hab die meiste Zeit meines Lebens hier gelebt und bin insofern natürlich sehr mit der Stadt verbunden.

Die Lebensqualität ist unschlagbar, es gibt das Urbane und die Natur, gutes Wasser (sehr wichtig!) und diesen historischen Kern. Ich genieße es in einer geschichtsträchtigen Umgebung zu sein, in der man spürt, dass sich hier viel ereignet hat – das ist in Wien zweifelsfrei der Fall.

Von Würstelstand – und Beiselkultur über K.u.K-Vergangenheit, Moderne Architektur, Wiener Schmäh,…dieses bunte Potpourrie ist einmalig. Zwar bin ich auch immer wieder an dem Punkt, wo ich mal hier raus muss, manchmal geht mir dieser Wiener Grant ziemlich auf die Nerven aber ich komme immer wieder gerne zurück nachHause.

Ich habe in Wien bisher auch die meisten meiner Jobs gemacht bzw. Engagements gehabt, die Szene ist im Vergleich zu anderen Städten eher klein, was ich meist mag.

Ich habe eine Zeit lang in New York gelebt und da ist man erstmal wirklich nur eine Nummer, es ist ungeheuer schwer sich in einer solchen Umgebung zurechtzufinden, zu connecten, geschweige denn sich einen Namen zu machen. Ich finde Wien hat eine feine und vielseitige Theaterlandschaft und auch der Film hier hat sich in den letzten Jahren enorm entwickelt und auch international einen bemerkenswerten Platz eingenommen.

Wie siehst Du die Möglichkeiten als junge Schauspielerin in Wien/Österreich?

Die Szene hier ist überschaubar, das hat Vor – und Nachteile: zwar kann man sich relativ rasch vernetzen und Kontakte knüpfen andererseits gibt es einfach unglaubliche viele SchauspielerInnen – überall – auch in Wien und Österreich. Prinzipiell glaube ich, dass es hierzulande definitiv gute Ausbildungsmöglichkeiten und Lehrkräfte auf dem Gebiet gibt.

Ich habe das Gefühl, dass, v.A. in Österreich, immer EIN Typ gefragt ist. Das wechselt zwar alle paar Jahre, aber da fände ich es sehr schön, wenn es etwas mehr Diversität gäbe. Und das ist eigentlich sehr interessant, weil ja seit einiger Zeit ganz viel bezüglich Offenheit und Diversität gepredigt wird aber tatsächlich immer sehr ähnliche Typen zu sehen sind.

Es hängt also von verschiedenen Faktoren ab, abgesehen von Talent und der Bereitschaft hart zu arbeiten braucht man natürlich Glück und die „richtige Zeit“. Da Österreich aber ja ein sehr priviligiertes Land ist sind hier die Möglichkeiten prinzipiell gut, in vielen Bereichen, auch in diesem Beruf.

Was wünscht Du Dir für den Schauspielberuf?

Generell wünsche ich mir, dass es mehr Bewusstsein dafür gibt, was dieser Beruf erfordert. Hierfür finde ich das Bild des Eisbergs immer sehr passend: die Spitze ist der Erfolg, der Glanz und Glamour. Unter der Oberfläche, und das ist der Großteil, sind Zurückweisung, Unsicherheit, (Selbst)zweifel, (mitunter Existenz)ängste, harte Arbeit, Blut, Schweiß, Tränen, oft ein Gefühl des Ausgebranntseins, viel Training, Übung, Weiterbildung, schlaflose Nächte, oft umfangreiche Vorbereitung für einen Job, den man nicht bekommt,…

Ich habe so oft das Gefühl, dass Leute dazu überhaupt keinen Zugang haben. Die, die sich für dieses Metier nicht interessieren, sowieso nicht, das ist ja auch in Ordnung. Aber auch viele Kunst – und Kulturinteressierte, die vielleicht ein Abo für die Burg oder die Oper haben, haben ja meist keine Ahnung, was da so alles dazugehört.

Oder in den Medien wird höchstens von irgendwelchen Premieren berichtet, das soll natürlich auch so bleiben, aber warum nicht mal näher hinschauen? Warum nicht mal SchauspielstudentInnen zeigen, die erst ganz am Anfang stehen? Das finde ich hier in Österreich immer ein bisschen schwierig, dass man zwar so stolz ist auf die Kultur – und Kunstszene und sie so gerne vorzeigt aber dem, was es braucht, sodass sie so lebendig ist, der Weg dahin und das ganze Drumherum, dem wird kaum Beachtung geschenkt.

Für mich persönlich wünsche ich mir immer interessante, vielschichtige Rollen- vor Allem im Film aber gerne auch auf der Bühne sowie mit inspirierenden Menschen arbeiten zu können.

Wenn dann auch noch die Chemie mit KollegInnen und Regie stimmt und man beim Arbeiten ganz frei sein kann ist das überhaupt der Jackpot.

Und dass es mir gelingt noch besser mit meinen Energien haushalten zu können. Ich arbeite dran.

Was möchtest Du Schauspielstudenten*innen mitgeben?

Es fühlt sich seltsam an, hier Ratschläge an StudentInnen zu vergeben, wo ich doch selber auf der Reise und oft auf der Suche bin. Ich bin 33, klar, ich habe schon Erfahrungen gemacht aber da können andere KollegInnen bestimmt nützlichere und umfangreichere Tipps geben. Aber wenn es Eines gibt, das ich diesbezüglich sagen kann, ist es: vorausgesetzt es ist für einen absolut klar diesen Weg gehen zu wollen, zu müssen, dann diesen mit ruhiger Kraft und Beharrlichkeit zu gehen.

Was würdest Du Romy Schneider sagen, fragen wollen?

Oh, da gibt es so vieles und nicht nur eine konkrete Frage.

Am liebsten würde ich mit ihr feiern gehen – trinken und ganz ausgelassen und frei tanzen, das stelle ich mir schön vor.

Darf ich Dich abschließend zu einem Romy Schneider Achrostikon bitten?

Radikal

Obsessiv

Mysteriös

Youthful (Gilt das?)

Miriam Fontaine_Schauspielerin_Wien

Herzlichen Dank, liebe Miriam, für Deine Zeit in Wort und szenischem Porträt! Viel Freude und Erfolg für alle Theater-, Schauspielprojekte!

40.Todesjahr _ Romy Schneider, Schauspielerin (*1938 Wien +1982 Paris) _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Miriam Fontaine_Schauspielerin_Wien

http://www.miriamfontaine.com/miriam_fontaine/welcome.html

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien

Hotel am Stephansplatz_Wien _ 14.1.2022

https://hotelamstephansplatz.at/

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 1_22

„Ich wünsche mir eine baldige Überwindung des „Produktionsstaus“ der Theater“ Nikolaij Janocha, Schauspieler _ Berlin 29.1.2022

Lieber Nikolaij, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wenn ich gerade keine Proben oder einen Dreh habe: Aufstehen gegen 9:00, Kaffee bei einer kleinen Runde vor meiner Nintendo Switch (mein ältestes Hobby – thank you, Mario), danach Mails beantworten etc. – “Bürokram” halt. Derzeit bin ich am Text wiederholen für eine anstehende Tournee mit dem Stück „Amadeus“ im Februar und März. Dann zweiter Kaffee. Wenn ich mich überwinde eine runde Joggen (gerade läufts gut, Notiz an mich selbst:weiter so!).Im Anschluss vielleicht ein Spaziergang durch Berlin, Einkauf fürs Abendessen und kochen – Die Pandemie mit der vielen Zeit zu Hause hat meine Kochkünste stark verbessert zum Glück. Abends hau ich mir dann wie viele irgendeine Serie oder nen guten Film rein (zuletzt begeistert hat mich “Atlanta” von und mit Donald Glover).

Nikolaij Janocha, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Kontakt halten mit Freund*innen (auch über die Distanz), solidarisch bleiben, nicht grantig werden und geht’s impfen, herrje!

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Für mich persönlich ist Theater Lebensunterhalt, also hoffe ich natürlich auf wenig Absagen dieses Jahr – und dass das neue Stück unseres freien Theaters “Theater Grand Guignol”, was wir im Herbst aufführen wollen, üppig gefördert wird. Insgesamt wünsche ich mir eine baldige Überwindung des „Produktionsstaus“ der Theater (weil so viel abgesagt werden musste wird nun vielerorts das gespielt was schon seit einiger Zeit “fertig” geprobt ist – darum gibt es weniger neue Produktionen und deshalb auch weniger Rollen zu besetzen für uns freie Schauspieler*innen). Für die Gesellschaft insgesamt hoffe ich, dass bald wieder jede Art von Kultur des gemeinsamen Erlebens – also Theater, Konzert, Museum, Tanz wie auch das kleine Livekonzert im Pub oder die Clubnacht am Wochenende sicher und ohne Bedenken möglich sind, das bringt uns Menschen einfach zusammen und ohne diesen Austausch wird man langsam aber sicher irre.

Das muss also bitte nicht heißen, dass nun alle Theater thematisch die Pandemie beackern müssen – ich glaube, das schwingt eh mit in der Arbeit – denn, dass ein geniales Theaterstück die Gesellschaft retten wird, glaub ich eher nicht. Aber, dass die Menschen wieder Lust aufs Gemeinsame haben, das glaube ich schon. Da sollten die Theater die Türen öffnen und Abende zeigen, die zum Austausch einladen.

Was liest Du derzeit?

„Mit Elfriede durch die Hölle“ von Katharina Tiwald – da erlebt Elfriede Jelinek eine absurde Reise zum Flughafen Schwechat wie in Dante Aligheris „Inferno“ mit bekannten Zeitgenoss*innen Österreichischer und internationaler Prominenz als gequälte Seelen, Teufel, Erzengerl – herrlich seltsam zu schmökern.

Außerdem habe ich wieder den Sci-Fi-Meilenstein „Snow Crash“ von Neal Stephenson angefangen, da gibt es statt Staaten nur mehr sich bekriegende Großkonzerne und mittendrin coole Held*innen  die gegen einen üblen (Computer-)Virus kämpfen – aus dem Buch stammen die Begriffe „Metaverse“ und „Avatar“ für unser virtuelles Alter-Ego – also mal wieder überprüfen wie weit die Realität noch davon entfernt ist!

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“Wer zu enge Hosen kauft, hat noch Hoffnung.” – Anna-Sophie Fritz    

Nikolaij Janocha, Schauspieler

Vielen Dank für das Interview lieber Nikolaij, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Nikolaij Janocha, Schauspieler

Fotos_1 u. 4 Lena Meyer; 2 Nikolaij Janocha in “Dickhäuter”, Salzburger Festspiele, 2021, Foto_Erika Mayer; 3 Nikolaij Janocha in WASTED, Werk X Petersplatz, Wien 2019, Foto_Alex Gotter.

Künstlerbio Nikolaij Janocha:

Nikolaij Janocha absolvierte sein Schauspielstudium an der Universität Mozarteum in Salzburg.Erste Hauptrollen (Mephisto in “Faust I”, Ariel in “Der Sturm”, Jean in “Fräulein Julie”) spielte er am Zimmertheater Rottweil und war danach von 2014-2016 Ensemblemitglied am Jungen Staatstheater Braunschweig:Dort war er an erfolgreichen Produktionen mit Regisseur*innen wie Juliane Kann (“Das Tierreich”), Mareike Mikat (“Léonce und Lena”, ausgezeichnet am Hart am Wind – Festival 2015) und Martin Grünheit (“35 Kilo Hoffnung”) beteiligt.

Seit 2017 ist er freischaffend tätig und war in Wien am Werk X – Eldorado in der Uraufführung „Mutterseele“ von Thomas Perle zu sehen.Danach gastierte er für zwei Stücke am Schweizer Theater Kanton Zürich: “Die Schwarze Spinne” von Jeremias Gotthelf (Regie: Elias Perrig) sowie „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf (R:Johanna Böckli).

Seit 2018 steht Janocha immer wieder an den Schauspielbühnen Stuttgart auf der Bühne: Zunächst in “Willkommen” von Lutz Hübner und Sarah Nemitz (R:Schirin Khodadadian), 2019 in “Zwei Tauben für Aschenputtel” (R:Catja Baumann) und zuletzt 2021 als Venticello in ”Amadeus” (R:Udo Schürmer).

Mit dem Morosis.Kollektiv realisierte er 2019 die Österreichische Erstaufführung von “WASTED”(Kate Tempest) in Wien.Nikolaij Janocha lebt in Berlin und ist Mitglied der Theatergruppe THEATER GRAND GUIGNOL mit bisher drei Uraufführungen in Braunschweig, das Stück “Ein Leben lang kurze Hosen tragen” war 2020 beim Festival BEST OFF nominiert.

Instagram: @nikolaijjanocha

25.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es muss ein echter politischer Diskurs stattfinden“ Daniela Dett, Schauspielerin _ Linz 28.1.2022

Liebe Daniela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin in der privilegierten Situation durch die Anstellung am Musiktheater Linz auch einen geregelten beruflichen Alltag zu haben. Ein Tag, wenn es nicht gerade ein Sonntag ist, sieht ungefähr so aus: So  gegen 7:30 stehe ich auf und beginne mit Kneipp-Dusche, Kaffee und ein paar Sonnengrüßen den Tag. Von 10 bis 13:45 probe ich das Stück „Titanic“. Nachmittag ist Freizeit, in der ich aber zumeist an anderen Projekten arbeite. Abends ist entweder von 19 bis 22 Uhr erneut Probe oder ich sitze ab 17:30 in der Maske für eine Vorstellung von „Wie im Himmel“ oder „Priscilla“. Um ca. 22 Uhr wird geduscht und abgeschminkt und dann gehts aufgrund der Ausgangsbeschränkung leider sofort ab nach Hause.

Daniela Dett _ Schauspielerin, Sängerin,
Gesangspädagogin, Sprecherin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir wieder zueinander finden. Die einzige Chance für eine Gesellschaft ist ein respektvolles Miteinander. Bewusstes aufeinander Zugehen anstatt auszugrenzen, einen Dialog mit anders Denkenden führen und das Verbindende, nicht das Trennende suchen. Wir stecken schließlich alle da mit drin und haben die selben oder zumindest ähnliche Ängste, Zweifel und Fragen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Musik, der Kunst an sich zu? 

Ein kleiner Virus schafft es, eine vermeintlich hochentwickelte Zivilisation lahmzulegen und Gräben durch die Gesellschaft zu treiben. Unser Lebensstil hat uns in vielen Bereichen in eine Sackgasse geführt und wird uns weiter gegen die Wand drücken, wenn wir nicht grundlegend umdenken. Kleine Adaptionen/Anpassungen und halbherziges Handeln zur Gewissensberuhigung reichen nicht mehr aus, es muß ein echter politischer Diskurs über Lösungen für das Gesamtwohl der Bevölkerung und die Erhaltung unseres Lebensraumes stattfinden, nicht dieses verantwortungsscheue, inhaltslose und bloß auf Wahlergebnisse abzielende Geschwafel der handelnden PolitikerInnen. Jeder und jede Einzelne hat die Wahl, das eigene Denken und Tun zu hinterfragen und neue Wege zu gehen.

An erster Stelle stehen klarerweise die offensichtlichen (und immens wichtigen) Themen wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit, aber ich denke dass sich daneben auch aus Überlegungen zu viel persönlicheren Aspekten eine bessere neue Normalität konstruieren lässt.

Ich persönlich habe meine Prioritäten neu geordnet, Begriffe wie Freiheit, Solidarität, Eigenverantwortung und Selbsthilfe neu definiert und mein Konsumverhalten überlegter und nachhaltiger gestaltet. Ich bin voller Hoffnung, dass mir und den Mitmenschen der Ernst der Lage bewusst ist und jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten künftig Verantwortung übernehmen wird.

Die Rolle der Kunst ist und bleibt eine Entscheidende. Wir brauchen sie zum Leben. Sie kann uns Menschen eine Stütze und Reibungsfläche zur Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit sein, öffnet Horizonte, ist spannend, vielfältig, macht nachdenklich und schenkt Freude. Sie hilft uns dabei, nicht im Alltagstrott zu ersticken und bietet uns die Freiheit, Grenzen zu überschreiten und Neues zu entdecken. Sie schafft Identität und Verbundenheit. Richard von Weizsäcker hat es auf den Punkt gebracht: „Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder nach Belieben streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere innere Überlebensfähigkeit sichert.“

Was liest Du derzeit?

Derzeit liegen zwei Bücher auf meinem Nachtkästchen: Zum einen „Die Letzte Nacht der Titanic“ von Walter Lord und zum anderen der großartige Roman „Schöne Ungeheuer“ von Wilfried Steiner (offizieller Erscheinungstermin 14. März)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Du bist deine eigene Grenze, erhebe dich darüber!

Vielen Dank für das Interview, liebe Daniela! Viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielseitigen Schauspiel-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Daniela Dett, Schauspielerin, Sängerin, Gesangspädagogin, Sprecherin

Foto_Klaus Huemer

15.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Salonfähig“ Elias Hirschl. Roman. Zsolnay Verlag.

Jetzt ist es zu Ende. Alles liegt jetzt auf dem Tisch. Herz, Milz, Leber, Hoden. Alles was drin ist, drin war. Ärzte öffnen den Körper und legen alles in silbernen Metallschalen ab. Das sieht spannend aus, denkt er sich und sieht sich alles an. Dann steht er auf und geht…

Es war ein Traum.

Und der wird gleich notiert. Denn das sagt Julius und auch die Rhetoriktrainern. Dann wird es so gemacht. So wie es Julius macht.

Wie Julius sein. Reden und beobachten wie. Das ist alles. Täglich. Der Spiegel ist ein gutes Mittel dazu. Und etwas für Julius tun dürfen. Etwa die Blumen gießen. Zelebrieren.

Und es geht weiter und weiter. Bis alles am Tisch liegt. Ausgeweidet. Das Innere und Äußere…bis es endet….

Der Wiener Schriftsteller und Musiker, Elias Hirschl, legt mit „Salonfähig“ einen fulminanten Roman vor, der in mitreißendem Sprach- und Erzählstil moderne Typologien von Identität als inhaltsleeres gesellschaftliches Erfolgsmodell bloßstellt und gleichsam zerfetzt. Wirkung als Authentizität, Skrupellosigkeit als Lebenskonzept, Sinnentleerung und Gefühlsabstumpfung als Erfolgskriterium werden im genialen literarischen Kunstgriff entlarvt.

Exemplarisch wird die Wertfreiheit gesellschaftlicher „Aufsteigerbiographien“ seit den 1980er Jahren beschreiben, die vorwiegend von jungen, erfolgreichen Menschen geprägt war, die sich in Managementpositionen wie in politischen Schlüsselpositionen etablierten. Erfolg als Inhalt und Ziel. Die Kunst des Scheins und die Kunst dies zu leben, lieben, zelebrieren zu wollen, finden im Roman ein einmaliges sprachliches Grab- wie Denkmal.

„Ein geniales literarisches Requiem einer politischen Gesellschaftsepoche“

Walter Pobaschnig 1_22

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