Liebe Johanna Sofia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Im Moment arbeite ich am Schauspielhaus in Wien und probe jeden Tag. Meistens gehe ich davor ins Fitnessstudio, um mich für die nächste Produktion im Februar in Genf mit einer Companie vorzubereiten, die sehr physisch wird. Am Abend muss ich oft noch bis spät emails beantworten und mich um meine Freelance Dinge kümmern.
Johanna Sofia Heusser, Choreografin, Tänzerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich glaube es ist wichtig flexibel zu bleiben und sich nicht von Plänen von der Zukunft zu sehr beeinflussen zu lassen. Ich habe gelernt in dieser Zeit, dass es nie so kommt wie man denkt. eigentlich finde ich das aber auch ganz schön.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ich glaube die Stärke von Tanz und Theater ist in einen Raum abzutauchen wo sinnlich etwas erfahren werden kann, dass wir sonst mit Worten nicht erklären können. Ich mag diese Räume wo gesellschaftliche Konventionen ausgehebelt werden.
Was liest Du derzeit?
Ich lese im Moment 60 Tage liegen von Dennis Freischlad. Ein Buch über ein NASA Experiment, dass mit 15 Probandinnen einen Versuch macht, wie es wäre zum Mars zu fliegen. Die Menschen dieses Experiments liegen während 60 Tagen nur im Bett und dürfen nicht aufstehen, während sie mit 5 Grad gegen unten liegen während der ganzen Zeit. Dieses Buch hat ein sehr enger Freund von mir geschrieben, den ich in Indien kennengelernt habe und mit dem ich jetzt auch zusammen arbeite.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Johanna Sofia Heusser, Choreografin, Tänzerin
Vielen Dank für das Interview liebe Johanna, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Tanz-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Raphael Steiner_ Schauspieler _ Romanschauplatz _ Malina _ Wien
Lieber Raphael, was bedeuten Dir Orte?
Es gibt viele Orte denen ich aus nostalgischen Gründen gerne über den Weg laufe. Das Eisgeschäft, wo ich mit der Oma immer war. Die Trafik, in der mir der Opa neue Sticker für mein Stickerheft gekauft hat (damals noch mit Schilling).
Das Haus, in dem ich aufgewachsen bin und die Insel in Schottland, auf der ich zum ersten Mal Heimweh verspürt hab. Das spannende an diesen Besuchen ist aber, dass man den Ort immer wieder durch neue Perspektiven erleben kann und sich so immer wieder neue Schichten und Erkenntnisse offenbaren. Man merkt einfach, dass man gelebt hat.
Was bedeutet Dir Wien?
Im Moment ist Wien für mich hauptsächlich ein Lichtblick ins Unbekannte und vermutlich noch etwas romantisiert in meinen Gedanken.
Welche Passagen des Romans möchtest Du hervorheben?
„Glauben Sie mir, Ausdruck ist Wahn, entspringt aus unserem Wahn.“
Was sind für Dich Grundaussagen des Romans?
Wer sind wir, wenn wir uns in Ideen von anderen Personen verlieren?
Kann uns die Liebe vor dem ewigen Straucheln zwischen Sinn und Absurdität bewahren?
Wird das sensible, neugierige, feinfühlige und kreative von der Härte dieser Welt erstickt?
Und wie viele Menschen sterben dadurch in ihren eigenen Gedanken?
Wie siehst Du die Protagonisten*innen im Roman?
Die Ich-Erzählerin sehe ich als eine in Gedanken gefangene Frau, welche sämtliche Leiden und Hoffnungen der Welt in sich aufnehmen muss, egal wie sehr es sie zerfrisst.
Gleichzeitig scheint es aber auch so, als wäre Sie genau deshalb die einzige Figur, die wirklich frei ist.
In Ivan sehe ich einen sehr stoischen, geradlinigen Mann, der seine Art zu leben gefunden hat und sich nicht im Klaren ist, in welchem Maß seine Gleichgültigkeit die Ich-Erzählerin zerstört.
Malina verkörpert, vor allem im späteren Verlauf, die selbstzerstörerische Natur der Ich-Erzählerin.
Was braucht Liebe, um zu wachsen?
Zeit. Aufmerksamkeit. Verständnis. Vertrauen und Kommunikation.
Der Wille gemeinsam zu wachsen und dabei nicht zu vergessen, dass man trotzdem auch ein Individuum ist.
Was lässt Liebe enden?
Wenn eines/oder mehrere der oben genannten Dinge zu lange ausbleibt.
Und natürlich lebt man sich manchmal einfach auseinander und das kann für beide Parteien gesund sein.
Wie hat sich die Rolle des Mannes in Liebe und Beziehung verändert?
Ich denke es gab damals wie heute, solche und solche Männer. Ich kenne leider noch zu viele (auch junge) Männer, die ihre Partner, bewusst oder unbewusst, als Besitz wahrnehmen.
Es hat sich schon einiges getan, und ich bin zuversichtlich, dass sich noch vieles verbessern wird, aber Männer wie Ivan und Malina wird es immer geben.
Wie geht es Dir als Mann mit gesellschaftlichen Rollenbildern?
Als Jugendlicher hatte ich (wie so mancher) große Probleme damit. Ich war sehr sensibel und meistens tief in Gedanken versunken, und wurde deshalb nicht selten als „Schwuchtel“ etc. bezeichnet. Und so beginnt es oft. Man(n) äußert keine Gefühle mehr, nur noch „selbstbewusste“ Meinungen, Statements und Witze sind erlaubt und über unsere Hoffnungen und Gedanken zu Welt und Leben sprechen wir dann um 03:00 nach dem fünften Bier.
Heute sind diese Dinge für mich persönlich kein so großes Problem mehr, man wird älter und reflektiert. Aber ich denke schon öfter daran, wie es meinem Neffen damit gehen wird, bzw. irgendwann vielleicht auch meinen Kindern.
Sind Ivan und Malina auch männliche Prototypen der Gegenwart?
Auf jeden Fall.
Wie würdest Du die Vision eines neuen Männerbildes sehen?
Zitat der Ich-Erzählerin aus dem Buch: „Ich weine noch einmal weiter, aber nur weil es jetzt so wohltuend ist.“ Ich würde mir wünschen, dass dieser Zustand für Männer ein gesundes Maß an Normalität erlangt.
Welche Eindrücke nimmst Du vom Romanschauplatz mit?
Es ist noch schwer zu beschreiben. Ich hatte an einigen der Orte das Gefühl, in einem Stück Geschichte zu stehen welches vielen verborgen bleibt.
Was sind Deine derzeitigen Projektpläne?
Im Sommer 2022 spiele ich noch „Roberto Zucco“ und „Don Gil von den Grünen Hosen“ mit der Theaterachse Salzburg. Danach werde ich nach Wien ziehen um dort hoffentlich viel am Theater und im Film zu arbeiten.
Raphael Steiner_ Schauspieler _ Romanschauplatz _ Malina _ Wien
Herzlichen Dank, lieber Raphael, für Deine Zeit in Wort und szenischer Darstellung hier am Romanschauplatz „Malina“! Viel Freude und Erfolg für alle Theater-, Schauspielprojekte!
Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:
Liebe Susanne, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ein guter Tag beginnt für mich mit Frühaufstehen. Ich mag es mir mein Notebook zu schnappen, wenn alle anderen noch schlafen. Die Stille des Morgens und der Blick auf die Gebirgslandschaft vor meinem Fenster, das rüstet mich für Tage und Zeiten, in denen es etwas zu bestehen und manchmal auch etwas auszubalancieren gilt.
Susanne Rasser, Schriftstellerin
Derzeit arbeite ich an einem Theaterstück. Und ich brüte an einer Idee. Das Ausbrüten braucht den Rückzug. Es geht dabei ums Schreiben mit der Kamera und um Frauenschicksale.
An guten Tagen befasse ich mich auch gerne mit der Fotografie. Ich füge gerne Textzeilen in Bilder, versuche mich an Collagen, würde gerne eine weitere Ausstellung meiner Textbilder auf die Beine und in einen Rahmen bringen.
Gute Tage enden für mich damit, dass ich bei meinen Projekten etwas weitergebracht und im Idealfall auch etwas begriffen habe.
In meinen Tageausablauf integriere ich seit Ausbruch der Pandemie auch einige Tätigkeiten, die der Gesunderhaltung dienen. Das Immunsystem zu stärken, mich möglichst gesund zu ernähren, das ist mir wichtiger denn je und das artet manchmal in einen Aufwand aus. In einen, der sich rundum lohnt.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Annehmen. Was ist. Andere Meinungen und Lebensweisen zulassen. Müssen wir immer Recht haben und behalten? Muss ich zu allem einen Standpunkt haben und diesen mit Vehemenz vertreten?
Ich glaube, derzeit ist es wichtig bei sich zu bleiben und der innersten Stimme zu vertrauen.
Bei sich bleiben. Rücksicht nehmen. Laufen lassen. Den Entwicklungen Zeit geben.
Kein Selbstmitleid. Kein Opferdenken. Gutes tun, fröhlich sein, das Leben ist ein Geschenk. Ich war vor einiger Zeit bei einem Begräbnis. Angesichts des Todes, der Endlichkeit dieses Hier-Seins, fiel es mir wieder ein welch großartiges Geschenk doch das Leben ist und wie sehr es an uns selber liegt, was daraus wird.
Das Leben, diese Spanne von Menschenleben, das beginnt zu glänzen, wenn wir es als Geschenk sehen (und auch als solches behandeln).
Ich glaube, grundsätzlich braucht unsere Gesellschaft friedenswillige Ausgleicher, tierliebende Naturschützer, menschenfreundliche Träumer und Gut-Gläubige aller ART.
Ich denke, für uns alle ist es hilfreich, wenn wir diese Krise auch als Chance zur Neuausrichtung und Weiterentwicklung begreifen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Zum Aufbrechen gehört Mut. Der Mut wächst manchmal in der Verzweiflung. Insofern haben Verzweiflungsphasen ab und zu auch eine Sprungbrettfunktion.
Über die Rolle und den Sinn der Kunst denke ich manchmal nach. Ich denke, die Kunst hat die Funktion eines Spiegels. In diesem Spiegel findet der Betrachter das, was auch in ihm ist. Ein Spiegel, der Fragen zurückwirft, der Reflexion ermöglicht. Für den Agierenden genauso wie für jenen, der das Buch, das Stück, den Film, die Aufführung oder Ausstellung betrachtet, hört, sieht, fühlt und vielleicht sogar bei sich oder in sich aufnimmt?
Kunst kann Spiel und Spiegel sein. Ein Spiel, in dem das Wachsen und oft auch das Miteinander seinen tiefen Ausdruck findet.
Kunst ist vielleicht manchmal auch so etwas wie eine Suche, die (be-)glückt.
Was liest Du derzeit?
Bauer und Bobo. Von Florian Klenk. Eine sehr lange Reportage, exzellent geschrieben. Ein Buch, in dem die brennenden Fragen unserer Zeit verhandelt werden. Es geht dabei um unseren Umgang mit den Tieren, um die Agrarpolitik, die Klimakrise, um das Kranke im System. Nebenbei ist diese Geschichte auch eine über die große Kraft der Freundschaft. Sehr lesenswert, da aufhellend.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Statt eines Textes oder Zitates hier 6 Korrespondenzkarten und 1 Gedicht. Gerne zur freien Entnahme und fröhlichen Weiterverwendung.
Vielen Dank für das Interview liebe Susanne, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Walter Pobaschnig, ich danke für die klugen Fragen, Sie inspirieren zum Weiterdenken.
5 Fragen an Künstler*innen:
Susanne Rasser, Schriftstellerin
Susanne Rasser lebt als Autorin und Fotokünstlerin in Rauris, Österreich, ihre Texte erscheinen im Februar 2022 bei der dahlemer verlagsanstalt, Berlin.
Es sind Lebens-, Kunst- und schließlich Liebeswelten, die sich in der Begegnung des Komponisten, Malers und Schauspielers Serge Gainsburg (1928 – 1991) und der Schauspielerin Jane Birkin (*1946) Ende der 1960er in Paris treffen und gleichsam in Kreativität wie Leidenschaft explodieren. Der 1969 gemeinsam aufgenommene Song „Je t’aime … moi non plus“ wird zum Ausdruck des Lebensgefühls einer Generation und millionenfach weltweit verkauft. Für Serge&Jane beginnt eine Zeit des kreativen Gestaltens, die gleichsam alle persönlichen Lebensbereiche umfasst und Kunst&Liebe in einer Lebensepoche neu definiert.
Es wird ein unvergleichlich öffentliches Kunst- und Liebesleben. Fotostrecken wie Interviews beider werden zum begehrten Bild- und Leseartikel eines Paares, das immer weitere Möglichkeiten persönlichen Entwicklungsweges sucht und dabei gesellschaftliche Grenzen nicht scheut.
„Serge&Jane“ – ein Kunst- und Liebespaar, das bis heute inspiriert und deren Ideen, Wege interessiert staunen lassen…
Der Wiener Autor, Philosoph, Theaterwissenschaftler und Mitarbeiter des Filmmuseums Wiens, Günter Krenn, legt mit „Serge&Jane“, eine Doppel-Biographie wie das Panorama einer Epoche vor, welches im umfassenden Wissen des schillernden Panoptikums der Zeit wie im Erzählstil beeindruckt und begeistert.
Beeindruckend ist einerseits das biographische, kulturelle Detailwissen des Autors wie der gleichsam literarische Erzählstil, der filmgleich Bilder und Ereignisse eines Lebens vor das gebannte Leseauge führt und bis zum letzten Wort gespannt folgen lässt.
Dem so kreativ sprühenden wie rasanten Leben von „Serge&Jane“ setzt Günter Krenn mit dieser Paar-Biographie eine Hommage, die wie ein wunderbares Chanson ist.
Lieber Paul-Henri, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Gefühlt, improvisiert. Was mich immer mehr belastet.
Paul-Henri Campbell, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dass alle einen kühlen Kopf bewahren. Die Gegenwart bietet ja viele Chancen für Poesie. Während die Ästhetik der letzten drei Jahrzehnte aus einer Art technokratischen Hermetik bestand, gepaart mit so einem nüchternen Naturalismus, besteht jetzt die Möglichkeit die Lyrik neu auf Basis von Ritual und Zelebration zu begründen. Was heißt das? Dezidiert keine Ideen- oder Gedankengedichte. Sollte man eh vermeiden. Auch nicht rumzitieren. Oder wie eine arme unverstandene Anspielung dahinschleichen. Stattdessen: Ansteckung, Sog, Beat, Drive und Magnetismus. Also, kurzum, lieber Ritual statt Hermetik. Du fragst, was tun? Gedichte schreiben, die wie Spike-Proteine sind.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Literatur und Kunst sollten sich nicht als Lösungen präsentieren. Oder Labore. Oder Problemsimulationen. Literatur und Kunst können im besten Fall meine Zeit okkupieren. So dass ich es nicht bereue bzw. nur ein bisschen.
Ansonsten liegt es ja auf der Hand: sehr präsentische, sehr verortete, sehr sinnliche Erlebnisse schaffen. Die problemorientierte Pädagogik hat vor der Pandemie, wo die Probleme zwar nicht kleiner, aber verdeckter waren, so eine zerknirschte Literatur in die Bücherregale gebracht. Ich hatte bei jedem Gedicht und jedem Roman den Eindruck, mich verdonnert gerade irgendein Lehrer zur Pflichtlektüre. Ständig sollte mich irgendein Text „verändern“ oder „berühren“ oder sonst wie reformieren. Sicher sind da auch unter Umständen tolle Texte entstanden. Was total super ist, viel Glück damit. Vielleicht kommt jetzt angesichts einer permanent beklemmenden Gegenwart jedoch eine Literatur, die vergnügt ist, die inspiriert, die verspielt ist. Jedenfalls eine Literatur, die ihre Konsumenten nicht depressiver oder ohnmächtiger zurück lässt als vor der Lektüre oder jeden Leser zu einem kleinen Advokaten mutieren lässt.
Was liest Du derzeit?
Ich lese augenblicklich viel Kurzprosa: Essay und Erzählungen. Gestern beispielsweise habe ich short stories von Ernest Hemingway nach langer Zeit wieder gelesen. Viele finden Hemingway oberflächlich. Er ist aber ein großartiger Erzähler. Hemingway ist der Typ, den Du in der Kneipe triffst und dann erzählt er dir die Geschichte von einem wohlhabenden Paar, das auf Safari ging; ihre ganze Beziehung steht auf der Kippe; überall tun sich mehr und mehr Risse auf; schließlich kommt so eine Szene, wo ein Bison auf die Jäger zustürmt und die Frau aus dem Auto erst auf das Tier und dann auf ihren Mann schießt und ihn tötet. Dann ist diese Sache da vom Arzt in Michigan, irgendwann so um 1900, der mit seinem Sohn zu einer Indianersiedlung gerufen wird, um bei einer komplizierten Entbindung zu assistieren. Als das Kind schließlich durch einen Kaiserschnitt geboren wird, finden sie den Vater – der aber nicht der Vater ist – mit durchschnittener Kehle im anderen Zelt. Oder die Geschichte vom kanadischen Schmied, der seine Chance, eine glückliche Liebe mit der einzigen jungen Frau im Holzfällerdorf am Lake Superior zu haben, im Suff verspielt. Es gibt den Jungen aus der galizischen Provinz, der auf der Suche nach Arbeit in einem Hotel in Madrid Kellner wird, sich wünscht Stierkämpfer zu sein, deshalb die drittklassigen Toreros und Picadores im billigen Hotel besonders ehrfürchtig bedient, aber durch ein zufälliges Spiel in der Hotelküche mit dem Fleischmesser von seinem Kumpel erstochen wird. Die englischen Marineoffiziere, die am Bosporus nicht mehr an Land dürfen, weil sie eine ziemliche Scheiße gebaut hatten. Oder dann ist ja noch der beliebte Torero, der an einem Tag fünf Stiere töten soll und beim letzten Tier so müde ist, dass er das Schwert nicht in den Nacken kriegt. Ständig tragen sich kleine Theodizeen, Revolutionen, Abgründe und verschleppte Triumphe zu. Alles entspinnt sich in den Handlungen und Dialogen. In Hemingway kann ich etwas schätzen, was mir oft bei anderen Narrativen fehlt: eine weltgewandte Urteilskraft. Da ist nicht eine kluge, beflissene, humanistisch verwöhnte Erzählstimme, die zu viel Zeit in der Bibliothek mit Ringelblumentee verbracht hat und dir die Welt erklären will, ohne sie zu erkennen bzw. ohne zu wissen, was sie selbst in ihr will, oder die dir Figuren vorsetzt, ohne selbst Charakter zu besitzen; Hemingway – und man könnte eine ganze Reihe weiterer Autor*innen anführen – war wirklich ein Original. His sin was original. Ich glaube Hemingway war jemand, von dem William Carlos Williams oder Carl Shapiro in ihren Essays geschwärmt haben, ohne dass sie überhaupt über ihn sprechen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ich möchte empfehlen mehr John Cowper Powys (1872-1963) zu lesen. Wenn James Joyce früh gestorben wäre, ohne Ulysses und Finnegan’s Wake zu schreiben, vielleicht hätte die Weltliteratur John Cowper Powys Modernisten-Roman A Glastonbury Romance (1932) mehr schätzen können. Ich glaube, es gibt auch eine deutschsprachige Übersetzung davon, bin aber gerade nicht sicher.
Vielen Dank für das Interview lieber Paul-Henri, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Judith, welche Bezüge, Zugänge gibt es von Dir zu Romy Schneider?
Wir haben beide Bezüge zu Deutschland und Österreich und ich übe denselben Beruf aus, den sie hatte. Ich habe nur einen Zugang zu dem Mythos Romy Schneider, denn ich glaube, dass kaum jemand Zugang zu dem Menschen Romy Schneider hat – es handelt sich hierbei eher um persönliche Projektionen.
Wie siehst Du das Spannungsverhältnis von Leben und Schauspielberuf bei Romy Schneider wie an sich?
Romy Schneider musste einige Schicksalsschläge hinnehmen, hat viel gelitten und weitergemacht. Ich bin überzeugt davon, dass das Spielen ihr immer wieder auch geholfen hat und neue Hoffnung und Kraft gegeben hat, doch es verlangt auch viel von einem und irgendwann kann es passieren, dass man nichts mehr zu geben hat; besonders weil einen der Arbeitsmarkt des Schauspielberufs nicht gerade mit Samthandschuhen anfasst.
Der Beruf geht mit vielen Veränderungen und Unsicherheiten einher, so zum Beispiel etlichen Wohnungswechseln, dem immer wieder Einlassen auf ein wechselndes Arbeitsumfeld, dem sich den eigenen Ängsten Aussetzen, dem Verhandeln von Gagen, der Ungewissheit über die eigene finanzielle wie berufliche Existenz etc. Das ist sehr aufregend und bereichert auch mein Leben, jedoch in Phasen, in denen gehäuft auch im Privatleben Stressfaktoren und Belastungen dazukommen, wie der Tod eines nahen Angehörigen, das Ende einer Partnerschaft etc., kann es manchmal sehr schwer sein, mit so vielen Unsicherheiten auf einmal klarzukommen. Immerhin haben wir Menschen auch alle das Bedürfnis nach Sicherheit.
Ich bin sehr froh, dass sich unsere Gesellschaft in Mitteleuropa in eine Richtung entwickelt, in der Psychologie und Persönlichkeitsentwicklung immer mehr und mehr in den Blickpunkt der Gesellschaft rücken. Das war zu Romy Schneiders Zeiten noch nicht so. Ich glaube, dass sie mit ihren Ängsten und ihrer Trauer sehr alleine war und Hilfe gebraucht hätte.
Ich finde toll, was sie trotz all dieser Widrigkeiten geschafft hat. Jedoch müssen wir aufpassen solche mythischen Figuren, wie Romy Schneider, nicht zu sehr zu romantisieren. Denn es war hart für sie und ich hoffe, dass Menschen, die ähnliche Schicksalsschläge betreffen, die nötige Hilfe bekommen und auch nicht stigmatisiert werden.
Gibt es einen Film von Romy Schneider, den Du hervorheben möchtest und warum?
Nachtblende – Der Film hat so viele Facetten und ihre Darstellung wirkt aufgrund ihrer persönlichen Geschichte besonders authentisch und geht unter die Haut. Die Zerrissenheit, die Ermüdung Nadines (Romy Schneiders) ist deutlich zu spüren.
Außerdem stößt der Film so viele Themen an, die mich immer wieder beschäftigen: Inwieweit ist Schauspielkunst Prostitution? Man verkauft seinen Körper, seine Gefühle, Gedanken..
Dieser vielschichtige, raue und leidenschaftliche Film zeigt die harten Seiten des Schauspielberufs in Theater und Film.
Manchmal gibt man so viel von sich preis, investiert viel Zeit und Energie; man nimmt so viel auf sich, belastet sein Privatleben, seine Psyche, führt hitzige Diskussionen mit Regisseur*innen etc. ..und dann endlich: die lang ersehnte Premiere. Jetzt kann es ganz toll werden. Manchmal sitzt man jedoch genau so da wie die Darsteller*innen im Film. Das Stück wird von der Kritik zerrissen oder es kommt beim Publikum nicht gut an, oder Vorstellungen fallen aus und Gagen werden gestrichen (wie in Coronazeiten).
Sehr spannend finde ich an dem Film auch das Phänomen, dass Betrogene die Nähe zu dem Mann/der Frau suchen, mit der sie betrogen wurden, obwohl sie sich dadurch nur schlechter fühlen.
Die problembehafteten Verstrickungen jeder/jedes Einzelnen führen dazu, dass die Menschen in ihrem Unglück versinken, sich gegenseitig unglücklich machen.
Gab es Berührungspunkte zu Werk und Leben Romy Schneiders in Deinen bisherigen Schauspielprojekten?
Nein.
Romy Schneider wechselte nach großen Schauspielerfolgen in den 1950er das Filmgenre wie das Land. Wie siehst Du die Möglichkeiten persönlichen Entwicklungsweges im Schauspielberuf?
Alles ist möglich. Immer. Meist schränken wir uns nur selbst in unserem Kopf ein. Das kann ganz schön heimtückisch sein. Wenn man da immer wieder einen Weg rausfindet, hat man schon viel gewonnen.
Was kann eine junge Schauspielerin von Romy Schneiders Werk und Leben mitnehmen?
Romy Schneider hatte Ruhm und Geld, nachdem sie die Rolle der Sissi verkörpert hatte. Trotz der Erwartung der Öffentlichkeit weitere Sissiteile zu drehen, hat sie dies abgelehnt und ist ihren künstlerischen Weg weiter gegangen, in dem sie Deutschland, wo sie so berühmt war, verlassen hat, sich auch von ihrer Mutter losgelöst hat und neue Wege in Frankreich eingeschlagen hat. Dafür ist sie bei der breiten Masse nicht gerade auf Verständnis gestoßen.
Sicherheit auf’s Spiel zu setzen finde ich immer mutig und zeigt, dass es ihr um andere Werte ging als Geld und Bekanntheit.
Gibt es etwas typisch Wienerisches bei Romy Schneider?
Ich glaube, sie hatte Wien im Herzen; war jedoch sehr weltoffen, was ich an ihr mag.
Was bedeutet Dir Wien/Österreich und welche Erfahrungen hast Du hier im Schauspielberuf gemacht?
Ich liebe Österreich; wegen seinem Humor, wegen seiner Herzlichkeit, Geselligkeit, Kaffeehausatmosphäre, wegen seinen Würschtlstandln und weil man so herrlich auf österreichisch schimpfen kann.
Meine Erfahrungen als Schauspielerin auf der Bühne in Wien gehen ganz weit zurück, noch auf die Zeit vor meinem Schauspiel-Studium.
Mit meinen Anfängen verbinde ich: dreckige kleine Bühnenprobenräume, viel Ehrgeiz, Engagement, Flucht vom Alltag, meine eigene emanzipatorische Kraft, die Suche nach mir selbst.
Wie siehst Du die Möglichkeiten als junge Schauspielerin in Wien/Österreich?
Aus einer Sicht mathematischer Wahrscheinlichkeit: schlecht bis beschissen. Aus einer Sicht entschlossenem Idealismus: passt scho, moch ma scho.
Spaß beiseite. Einfach machen! Es passiert immer was. Man muss dem Leben und auch seinen eigenen Fähigkeiten vertrauen.
Was wünscht Du Dir für den Schauspielberuf?
Dass wir uns alle da abholen, wo wir als Menschen gerade stehen und wer wir als Menschen sind, statt irgendetwas zu erfüllen, für irgendwelche Strukturen oder Geldgeber. Auch wünsche ich mir inhaltlich relevante Themen zu bearbeiten und Geschichten von und über Menschen zu erzählen.
Was sind Deine kommenden Projekte?
„Donna Juanita“ nach Moliere unter der Regie von Niko Eleftheriadis am Neuen Theater Halle – ein Fünf-Frauen (!!) Stück: ich kann es kaum erwarten, dass die Proben beginnen.
Was möchtest Du Schauspielstudenten*innen mitgeben?
Macht euch bewusst, warum ihr das tut, was ihr tut. Da liegt der Weg zur eigenen Persönlichkeit und eigenen Unabhängigkeit in dem Beruf. Und macht euch sichtbar. Es kommt niemand und entdeckt euch – das passiert nur in den seltensten Fällen.
Was würdest Du Romy Schneider sagen, fragen wollen?
Ich glaube Stille sagt mehr als Worte. Ich würde gerne mit ihr schweigen können; sie in der Stille spüren können.
Darf ich Dich abschließend zu einem Romy Schneider Akrostichon bitten?
Rar
Ohnmächtig
Müde
Yrschtachaaatuschjakaltschackarrrrrrrr
Judith Mahler_ Schauspielerin_Performerin
Herzlichen Dank, liebe Judith, für Deine Zeit in Wort und szenischer Darstellung! Viel Freude und Erfolg für alle Theater-, Schauspielprojekte!
40.Todesjahr _ Romy Schneider, Schauspielerin (*1938 Wien +1982 Paris) _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:
Liebe Claudia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich bin gerade in Deutschland für die Produktion „der Gott des Gemetzels“, habe also eigentlich das Glück gerade proben zu dürfen, was in diesen Zeiten ja alles andere als selbstverständlich ist.
Claudia Carus, Schauspielerin und Kulturmanagerin
Warum „eigentlich“?
Gerade mal nach nur 6 Probentagen wurde eine meiner Kolleg*innen positiv auf Corona getestet. Obwohl wir uns innerlich von Anfang an auf so eine Situation eingestellt haben – mit so einem Szenarium müssen wir Kunstschaffenden ja gerade täglich rechnen und umgehen, war das in dem Moment doch ein echter Dämpfer.
Claudia Carus _ Klagenfurter Ensemble – „KATZENNACHT“ – Regie: Josef Maria Krasanovsky:
Gerade am Anfang sprüht man ja immer vor Energie und Neugierde auf den neuen Stoff, Text und die gegebenfalls noch unbekannten Menschen, mit denen man jetzt die nächsten Wochen so intensiv zusammenarbeiten wird. Vier Tage später wurde auch ich dann plötzlich positiv getestet – zum 2. mal Corona positiv – Jackpot! Also in Quarantäne, Proben über Zoom und hoffen, dass nicht noch mehr Kolleg*innen infiziert sind, damit die Produktion am Ende nicht doch noch abgesagt wird und ausfällt.
Das Ganze hat mich sehr verunsichert – genesen, geimpft , geboostert – ich dachte, besser geschützt kann man doch gar nicht sein…
„KATZENNACHT“
Während ich nun also dreimal täglich inhalierend, hustend, schniefend (diesmal hat es mich echt ganz schön umgehauen) unter meinem Handtuch des Dampfbads abhing, versuchte ich die Situation neu einzuordnen und zu greifen. (Macht das alles Sinn? Bringt diese ganze Impftirade denn tatsächlich was? – ach nein, das darf man ja nicht denken, geschweige denn überhaupt in Frage stellen, sonst wird man gleich in eine Ecke mit den Coronaleugnern gestellt und von seinen Freunden und der Familie verbannt…)
„KATZENNACHT“
Und auch, wenns mir jetzt bei der zweiten Infektion noch dreckiger als bei der ersten ging, konnte ich dem Ganzen doch etwas Positives abgewinnen. Mir ist durch dieses erneute große „STOP“ bewusst geworden, dass ich eigentlich das letzte Jahr komplett durch gepowert und mich damit in Wahrheit total übernommen habe.
„KATZENNACHT“
Seit meine Mutter Anfang 2021 an ALS gestorben ist, bin ich von einem Projekt zum nächsten und habe teilweise wieder vergessen, wie wichtig Pausen und Ruhephasen sind, abgesehen davon, dass das Verarbeiten meines schmerzhaften Verlustes Raum und Zeit braucht – und zwar ganz schön viel mehr, als ich mir selbst zugestehen will. Einerseits haben mir die künstlerischen Projekte und die damit verbundene Ablenkung extrem gut getan, das hat mir Energie gegeben und war auch gerade jetzt sehr wichtig, andererseits war das auch Teil meines Verdrängungsmechanismus, der sich in all dem Stress etwas zu breit gemacht hat.
Claudia Carus_ Klagenfurter Ensemble – „Die lächerliche Finsternis“ – nach einem Hörspiel von Wolfram Lotz – Regie: Josef Maria Krasanovsky:
Es ist immer schwer die goldene Mitte und das Gleichgewicht zu finden. So habe ich in der letzten Woche zum ersten mal so richtig Zeit gehabt – wenn auch aufgezwungen – zum Nachdenken, rekapitulieren. Natürlicherweise ist alles hochgekommen, all die Bilder, Erinnerungen, Gefühle – die Trauer. Und auch wenn das unglaublich anstrengend war und ist, bin ich froh, dass sie da ist und glücklich über jede Träne, weil das doch irgendwie zum Abschied nehmen dazu gehört.
Claudia Carus_ „Alles ist Plüsch – ein Leben in Seufzern“ – eine Produktion von „Fiese Matenten Kollektiv“ in Kooperation mit dem TAK Theater Liechtenstein und Kulturzentrum Gasometer Triesen:
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich weiß nicht, ob es für alle besonders wichtig ist, denn wie sich gezeigt hat, hat die Pandemie die verschiedensten Auswirkungen auf die ebenso verschiedensten Menschen in ebenso verschiedensten politischen und gesellschaftlichen Strukturen. Für mich persönlich und wenn ich mein Umfeld so betrachte ist es glaube ich vor allem wichtig menschlich offen zu bleiben und sich nicht zu verschließen, keine Spaltung zuzulassen, sich nicht im schwarz-weiß – denken zu verlieren, nachzuspüren eben genau „was“ denn wirklich wichtig ist im Leben – für mich individuell, ohne mich zu vergleichen (eine der schwersten Aufgaben, wie ich finde), diese Ruhe zu nutzen, um in uns zu kehren, nicht ungeduldig zu werden, einfach auch mal was neues auszuprobieren, mit Menschen in Kontakt zu bleiben, die sich jetzt noch einsamer fühlen als zuvor, das Vertrauen in sich und seine Mitmenschen nicht zu verlieren – im Großen und Ganzen LOVE! Ach ja, und unbedingt ab -und zu einfach mal auf nen Berg steigen und sich alles mal von oben aus ner anderen Perspektive anschauen – so ein Panoramablick bewirkt echt Wunder!
„Alles ist Plüsch – ein Leben in Seufzern“
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?
Wenn man sich ansieht wie die inzwischen schon 2 letzen Jahre verlaufen sind, weiß ich leider nicht, ob es so viel „Neubeginn“ geben wird, wie ich vielleicht am Anfang gehofft habe. Wir Menschen können uns in Wahrheit viel zu schnell auf neue Situationen einstellen und vergessen leider ebenso schnell auch wieder – gehen weiter als wäre nichts gewesen. Dieses Gefühl hatten wahrscheinlich die meisten von uns im letzten Sommer, ich nehme mich selbst da nicht raus…Immerhin ist auch in der Öffentlichkeit noch bewusster geworden, was für eine wesentliche Rolle die Kunst und das Theater tatsächlich in unserer Gesellschaft einnehmen – und zwar unabhängig vom wirtschaftlichen Aspekt. Diese Präsenz bleibt hoffentlich erhalten.
„Die 10 Gebote“
Auch sind viele Missstände, die schon seit Jahren bestehen endlich nochmal konkret auf den Tisch gekommen, vor allem was uns freischaffende Künstler*innen betrifft. Da hat man auch gemerkt wie verblendet und unwissend die in der Politik teilweise leider wirklich sind.
„Die 10 Gebote“
Aber auch viele Theaterhäuser haben ihre eigenen Leute im Regen stehen lassen – nach außen wird propagiert, wie furchtbar das alles für die Institutionen und Kunstschaffenden ist und im nächsten Atemzug werden die eigenen Leute auf die Straße gesetzt, Produktionen ohne Ausfallvergütung und ohne Nachholoption abgesagt, Verträge monatelang auf Kurzarbeit gehalten etc. – und in diesem Dilemma sind wir ja nach wie vor.
„Die 10 Gebote“
Aber da wir theaterleidenschaftlich – verhungerten Mensch*innen unseren Beruf so sehr lieben und brauchen, um uns lebendig zu fühlen, hüpfen wir hin- und her in der Hoffnung, auf etwas Beständigkeit und Seelenerfüllung. Das Schwierige ist, dass man sich auf nichts mehr verlassen kann und so gut wie nichts planbar ist. Durch die vielen Absagen und damit verbundenen Verschiebungen gibt es teilweise auch keine neuen Jobs mehr, da die letzten 2 Jahre immer noch nachgeholt werden müssen.
„Die 10 Gebote“
Und das wünsche ich mir: mehr Vertrauen, mehr Transparenz, mehr Verlass, mehr Planbarkeit. Insgesamt mehr Sicherheit für auch freischaffende „Künstler*innen“ – das ist ja auch kein neues Thema – ein generelles beständiges Auffangnetz wäre wichtig. Ich kenne leider zu viele wahnsinnig inspirierende und talentierte Vollblut -Theatermenschen, die durchs Raster fallen – da spreche ich auch von offiziellen Fördergebern, aber das ist wieder ein eigenes Kapitel. Ja, es ist gerade viel im Umbruch, was gut ist, aber weiter weiter weiter!
„Alles ist Plüsch – ein Leben in Seufzern“
Was liest Du derzeit?
Ich lese meistens parallel. Im Moment das Buch „Mein kreatives Geheimnis sind bequeme Schuhe – Musenküsse – Die täglichen Rituale berühmter Künstlerinnen“ von Mason Currey, ein Selbsthilfebuch über Trauerbewältigung und „Die New-York-Trilogie“ von Paul Auster.
„Alles ist Plüsch – ein Leben in Seufzern“
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Lebe im Jetzt“ – das ist eigentlich der Leitfaden für meinen Lebensweg, beziehungsweise gleichzeitig, die größte Herausforderung und Aufgabe. Die positiven Begebenheiten im Hier und Jetzt wahrzunehmen und zu schätzen. Das Bewusstsein, dass ich mein Leben jederzeit selbst in der Hand habe und auch neu gestalten kann. Dazu gehört aber auch immer wieder nachzuspüren, ob ich mit dem, was ich tue glücklich bin oder mich selbst eventuell in Strukturen gefangen halte, die mir eigentlich nicht gut tun und aus denen ich gerne ausbrechen möchte und – auch kann!
Und hier noch ein Spruch, der mir gerade vor zwei Tagen wieder zugeflogen ist – den ich irgendwie sehr schön finde und der vielleicht auch gerade in diese Zeit passt: „Was die Raupe Ende der Welt nennt, nennt der Rest der Welt Schmetterling.“ Laotse
Claudia Carus, Schauspielerin und Kulturmanagerin _ „Alles ist Plüsch – ein Leben in Seufzern“
Vielen Dank für das Interview, liebe Claudia, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Valentina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Sehr unterschiedlich! Wenn es nicht unbedingt sein muss, halte ich mich nicht gerne an immer gleiche Tagesabläufe, sondern ziehe es vor, mir meine Freiheiten zu bewahren – auch und gerade in alltäglichen Tätigkeiten. Eine zu starre Tagesstruktur würde mir als Persönlichkeit auch gar nicht entsprechen, sondern mich viel zu sehr einengen und letztlich auch meine Kreativität beschränken. Einzig das Frühstück und mein Morgengebet sind mir jeden Tag heilig. Dafür nehme ich mir auch gut eine Stunde Zeit.
Valentina Himmelbauer, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Geduld und Durchhaltevermögen – die Krise dauert an, viele sind müde geworden und es ist noch kein Ende in Sicht. Da ist es oft schwer, zuversichtlich zu bleiben. Ganz unabhängig von der Pandemie ist es aber zu allen Zeiten besonders wichtig, liebevoll mit anderen, aber auch mit sich selbst umzugehen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Wichtig wird sein, ob wir diesen Neubeginn auch als solchen begreifen und in die Tat umsetzen können. Ich glaube, dass viele Menschen gerade zu Beginn der Corona-Krise das Gefühl hatten, einen Weckruf vernommen zu haben – eine Vollbremsung, die viele dazu ermuntert hat, einen Gang runter zu schalten, den Leistungsgedanken beiseitezuschieben und einfach nur zu sein. Der Weckruf spielte sich aber nicht nur auf persönlicher Ebene ab: Althergebrachtes wurde hinterfragt und kritisch in den Blick genommen – unser Umgang mit der Natur ist dabei nur ein Beispiel unter vielen. Ist es etwa wirklich notwendig für jeden Urlaub um den halben Globus zu fliegen? Einige haben diese Frage am Anfang der Pandemie – vielleicht auch gezwungenermaßen – mit Nein beantwortet. Entscheidend wird eben auch sein, dass wir die durch Corona gewonnenen Erkenntnisse nach Bewältigung der Krise nicht einfach verdrängen und unbehelligt zur Tagesordnung zurückkehren. Ob das gelingt, wird sich zeigen.
Hier sehe ich auch eine Aufgabe, die unter vielen anderen der Kunst zukommt: Missstände müssen aufgezeigt und auch als solche benannt werden, um zumindest im Bewusstsein des Publikums präsent zu sein und zu bleiben – das bereitet den Boden für notwendige Veränderungen.
Was liest Du derzeit?
„Simone de Beauvoir. Ein modernes Leben“ von Kate Kirkpatrick – sehr empfehlenswert und motivierend – nicht nur für Frauen 😉
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Man wird erst wissen, was die Frauen sind, wenn ihnen nicht mehr vorgeschrieben wird, was sie sein sollen.“ (Rosa Mayreder)
Valentina Himmelbauer, Schauspielerin
Vielen Dank für das Interview, liebe Valentina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Rahel, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Jetzt gerade Tee trinken, meditieren danach ins Atelier. Naja, aufstehen muss ich auch noch. Momentan denke ich viel über den idealen Arbeitstisch nach. Wie sähe der aus? Einen Tisch an dem ich denken, lesen, notieren, ordnen, planen könnte; sowohl stehend als auch sitzend; komponieren, aufnehmen, Sound kreieren und mischen, dokumentieren, recherchieren, neue Projekte planen, Budgets kalkulieren, Material bestellen, Administration erledigen oder mit anderen Künstler*innen Videotelefonieren könnte. All dies findet sich in einer einseitigen oder gemischten Form in meinem jetziger Tagesablauf. Nur der Tisch ist wackelig und zu klein für das alles.
Rahel Kraft, Sound Artist
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ganz genau hinhören, sowohl nach innen als auch nach außen, menschlichen als auch nichtmenschlichen Ursprungs.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Einen Aufbruch zu klarem Denken und gegenseitigem Zuhören, einen Aufbruch ins «Dazwischen» wo das Komplexe und Abstrakte und Nichtfassbare Platz hat. Wir brauchen Poesie, Reflexion, Leichtigkeit, Humor und Liebe. Die Kunst könnte das alles.
Was liest Du derzeit?
Breath – the new Science of a lost Art von James Nestor
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Connect what is not connected. Verbinde, was nicht verbunden ist.
Vielen Dank für das Interview liebe Rahel, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musik-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Linda, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Seit Pandemiebeginn hat sich mein Leben sehr stark verändert. Die vielen notwendigen Einschränkungen in unserem gewohnten Lebensalltag haben für mich weitreichende Veränderungen mit sich gebracht. Einen geregelten Arbeitstag kenne ich nicht mehr seit ich vor über einem Jahr mit dem Schreiben begonnen habe. Ich hatte endlich die Ruhe und Muße, mein Buchprojekt anzugehen und habe mir den Traum vom Schriftstellerinsein erfüllen können. So gesehen hat diese Pandemie für mich persönlich zu positiven Veränderungen beigetragen. Ich habe mich von alten Verhaltensmustern getrennt und trotz eingeschränkter Freiheit im öffentlichen Raum, meine persönliche Freiheit und Unabhängigkeit ausbauen können.
Linda Treiber, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich denke, dass die Menschheit zur Zeit vor gleich mehreren sehr großen Problemen steht. Da ist zum einen die seit zwei Jahren andauernde und scheinbar nie enden wollende Pandemie, der Klimawandel und die damit verbundenen weltweiten Migrationsbewegungen, die soziale Ungerechtigkeit und Verteilungsprobleme und vieles mehr. Jedes einzelne dieser Probleme enthält eine Menge Zündstoff für soziale Unruhen, und es bedarf daher kluger und verantwortungsbewußter Politiker, die in der Lage sind, sachlich kompetent und ruhig auf alle Ängste der Menschen einzugehen und ernsthaft daran interessiert sind, eine gangbare Lösung zu finden, die für alle Menschen verständlich und akzeptabel ist. Es darf heute nicht mehr nur darum gehen, die Interessen einzelner Gruppen durchzusetzen, etwa der Industrie oder Aktionäre, um nur zwei Beispiele zu nennen, es muss das Wohl der gesamten Menschheit im Vordergrund stehen.
Aber auch die Lebensräume vieler Tiere und Pflanzen sind bedroht, deren Schutz und Erhalt sollten wir ebenfalls im Auge behalten. Wir haben nur diesen einen Lebensraum Erde und wenn wir nicht sorgsam mit ihm umgehen, dann wird er uns schlicht und einfach verloren gehen. Damit hat sich schon der Club of Rome in den siebziger Jahren beschäftigt, nur leider hat die Politik weltweit keine Kenntnis davon genommen.
Um also eine Antwort auf deine Frage zu geben, denke ich, dass es für uns alle jetzt besonders wichtig ist, stets daran zu denken, dass es hier um unser aller Schicksal geht, sei es bei der Pandemiebekämpfung, der Bekämpfung des Klimawandels oder aller anderen Herausforderungen unserer Zeit. Nur ein Miteinander wird uns zu einer guten Lösung führen, Hetze und Spaltung haben in der Geschichte noch nie zum dauerhaften Erfolg geführt und daher mein Appell an all jene, die dies lesen mögen, vereinen wir doch unsere Kräfte, seinen wir solidarisch mit den Schwächeren dieser Gesellschaft, zeigen wir Größe und beweisen wir unseren Nachkommen, dass wir auch an ihre Zukunft gedacht haben.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich denke, dass uns diese Pandemie sehr deutlich gezeigt hat, wie fragil unsere Gesellschaft ist und wie leicht aus Freunden Feinde werden können. Die Spaltung unserer Gesellschaft muss mit allen Mitteln wieder „repariert“ werden, nur so werden wir in der Lage sein, die Probleme unserer Zeit erfolgreich zu meistern.
Die Rolle der Literatur besteht meines Erachtens zum einen darin, Missstände unverblümt aufzuzeigen und zwar in einer Art und Weise, wie es eben nur der Literatur bzw. der Kunst im allgemeinen erlaubt ist, und zum anderen muss die Kunst auch jener Ort sein, der den Menschen Unterhaltung bietet, um für gewisse Stunden zumindest die kleinen Probleme des Alltags zu vergessen und neue Inspiration fürs Leben zu schöpfen. Wenn mein Buch diesen Anspruch erfüllen sollte, dann wäre das für mich der größte Lohn überhaupt.
Was liest Du derzeit?
Ich zähle zu jenen Menschen, die immer gleichzeitig mehrere Bücher lesen müssen, speziell bei sehr umfangreichen Werken, wie zum Beispiel „Schuld und Sühne“ von Dostojewski, wechsle ich dann gerne zu Lyrik oder ins wissenschaftliche Genre. Im Moment liegen bei mir folgende Bücher am Schreibtisch bzw. Nachttisch: Wie erwähnt Dostojewskis „Schuld und Sühne“, Ingeborg Bachmanns „Malina“ und „Was sind Raum und Zeit“ von Stephan Hawking und Roger Penrose. Diese Abwechslung hält meinen Geist wach und inspiriert mich sehr für die eigene Arbeit am Schreiben.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Eines meiner Lieblingszitate stammt von Hermann Hesse, und das würde ich den Lesern gerne mit auf den Weg geben, wo es heißt „Wer nicht in diese Welt zu passen scheint, der ist immer nahe dran, sich selbst zu finden.“ Gerade jetzt fühlen wir uns doch alle irgendwie nicht in diese Welt passend und sollten daher die Möglichkeit nutzen, uns neu zu entdecken und selbst zu finden. Denn „jeder Mensch ist ein einmaliger Mensch und tatsächlich, für sich gesehen, das größte Kunstwerk aller Zeiten“, um mit einem Zitat Thomas Bernhards abzuschließen.
Linda Treiber, Schriftstellerin
Vielen Dank für das Interview liebe Linda, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Linda Treiber, Schriftstellerin
Buchneuerscheinung: Linda Treiber, Blind Date – Eine Erregung. 2021. Novum Verlag.
Fotos_privat.
24.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.