„Glück ist für sie das Gesehenwerden“ Lara Bumbacher, Schauspielerin _ Romanjubiläum Malina _ Wien 29.12.2021

Herzlichen Willkommen, liebe Lara Bumbacher, Schauspielerin, hier am Romanschauplatz „Malina“ in der Ungargasse, 1030! Vielen Dank für Dein Kommen und die Teilnahme an diesem Projekt zum Romanjubiläum!

Lara Bumbacher, Schauspielerin

Du bist in der Schweiz geboren und aufgewachsen wie der Schriftsteller Max Frisch, der ja mit der Autorin des Romans Malina, Ingeborg Bachmann, liiert war. Diese Beziehung scheiterte. Du hast kürzlich darüber gelesen?

Ich habe Auszüge aus „Male oscuro“ (Ingeborg Bachmann, Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit. Traumnotate, Briefe, Brief- und Redeentwürfe _Salzburger Bachmann Edition, 2017.) gelesen. In diesen Texten, Fragmenten verarbeitet Ingeborg Bachmann, die im Zuge der Trennung von Max Frisch in eine tiefe Schaffenskrise geriet, diese gescheiterte Beziehung.

Dabei schrieb Ingeborg Bachmann an Ärzte und erwähnt dabei, dass sie in Träumen immer wieder von Max Frisch heimgesucht wird und diesen immer wieder auch als Hund sehe. Es gibt in Malina eine Passage, wo die Vaterfigur auftritt und Melanie beißt. Die Ich-Erzählerin fragt sich dann, warum Melanie sich nicht wehrt. Diesen Traum hatte Ingeborg Bachmann auch persönlich. Melanie war da Marianne, die Geliebte und spätere Ehefrau von Max Frisch. Ich fand es sehr spannend, dass dieser Traum in den Roman übernommen wurde.

Ingeborg Bachmann schreibt auch in „Male Oscuro“, dass Max Frisch in den Träumen immer wiederkehrt und sie in diesen umbringt und dabei auslacht.

Auch die Träume in Malina mit der Vaterfigur im Eingesperrtsein, im Gefängnis, in der Gaskammer, und dazu dieses Auslachen erinnert daran, dass Ingeborg Bachmann sich ja im Roman „Mein Name sei Gantenbein“ von Max Frisch sehr verraten gefühlt hat. Sie hatte das Gefühl als sei sie nur beobachtet worden, nur ein „Studienobjekt“ für den Schriftsteller gewesen.

In den Träumen in „Male Oscuro“ erscheint Frisch immer wieder als der lachende Mörder und in Malina tritt gegen Ende dieses alter ego der Ich-Erzählerin in den Vordergrund und es gipfelt schließlich dramatisch – „es war Mord“.

Der Roman Malina ist für Ingeborg Bachmann ein Rückgewinnen als Frau und Persönlichkeit, auch als literarische Persönlichkeit.

Die Beziehung zwischen Max Frisch und Ingeborg Bachmann begann, als er einen Radiobeitrag von ihr hörte und ihr daraufhin schrieb, dass die Darstellung des Mannes darin sehr wichtig und sinnvoll ist, und er es sehr gut finde, dass sie darüber schreibe. Die bittere Ironie ist dann, dass Frisch mit dem Roman „Mein Name sei Gantenbein“ gerade die Schriftstellerin zum Verstummen bringt.

Wie siehst Du den Malina Roman hinsichtlich persönlicher Bezüge Ingeborg Bachmanns grundsätzlich?

Der Roman hat sicher autobiographisch Züge. Die Wahl einer Ich-Person, Frau ist bewusst. Die Schriftstellerin muss da nicht sie selbst sein, aber es ist eine Projektionsfläche für viele Traumata, für vieles was sie verarbeiten muss.

Den Roman auf das Autobiographische zu reduzieren, würde diesem nicht gerecht werden. Es geht auch um die Nachkriegszeit, eine Vergessenskultur.

Malina ist nicht nur das Psychogramm einer Frau sondern des ganzen Haus Österreich.

Siehst Du die Thematisierung ihrer Beziehung, des Scheiterns, im Schreiben von Max Frisch und Ingeborg Bachmann?

Ja, sehe ich bei beiden. Ich finde aber, dass es bei Bachmann intelligenter und zugänglicher ist.

Max Frisch schrieb ja einmal an Ingeborg Bachmann, dass sie ihm nichts anhaben kann, weil er sie immer wieder verarbeiten wird, er wird sie immer wieder recyclen. Er schrieb da sinngemäß „Baronin, du wirst immer wieder auftauchen…“.

Bei Ingeborg Bachmann ist es vielmehr diese „self awareness“, dieses Bewusstsein, dieses Aufbegehren in ihrem Inneren, man sieht sehr stark in sie hinein und durch sie hindurch, finde ich.

Es erfolgt bei Ingeborg Bachmann auch literarisch eine Verarbeitung der gescheiterten Beziehung, aber als eine extrem scharfe und schonungslose Selbstbeobachtung, statt die Wiederholung.

Wie siehst Du die Liebe in Malina dargestellt?

Die Ich-Erzählerin sagt ja sinngemäß im Roman über ihre Beziehung zu Ivan „jeder sagt, dass diese Beziehung zum Scheitern verurteilt ist, aber wer ist schon jeder? Jeder ist niemand…“.

Wenn du den Roman liest, denkst du dir, da ist viel zu viel von Ihr drin in der Beziehung zu Ivan, sie hängt krankhaft daran, die Momente mit Ivan sind für sie „Injektionen von Wirklichkeit“, wie sie sagt. Aber Ivan interessiert sich herzlich wenig für sie.

Für Ivan ist sie eine Episode in seinem Leben.

Ivan kann sie in ihrer Komplexität gar nicht verstehen. Sie können gar nicht über alles was in ihrem Inneren vor sich geht reden.

Sie erschafft Malina, bewusst oder unbewusst, um sich selbst verstehen zu können, weil Ivan das nicht kann.

Dennoch finde ich es extrem verständlich, obwohl sie es ja selber weiß, dass es zum Scheitern verurteilt ist – sie sagt ja auch, sie glaubt an eine Utopie obwohl sie weiß, dass diese nicht kommen wird.

Sie weiß, dass diese Beziehung eine ungesunde ist und dennoch wiegt sie sich gerne in diesem Glück. Sie will sich von diesem Glück, diesem Glücklichsein umgeben lassen.

Eigentlich ist sie im Kapitel „Glücklich mit Ivan“ ständig nur am Warten, aber sie ist nicht glücklich.

Es gibt Momente, in denen sie sich einredet, glücklich zu sein und vielleicht auch Momente, in denen sie es tatsächlich ist.

Ich finde, es ist, wie wenn man sieht, dass Freunde unglücklich verliebt sind, man aber nichts tun kann.

Ich verstehe es, wenn der eine Teil in ihr sagt, dass es nicht funktioniert und der andere Teil sagt, ich brauch` das. Es sind einfach zu viele Gefühle da für sie und sie sagt sich – ich brauche diese Liebe zu Ivan.

Was ist für die Ich-Erzählerin Glück?

Glück ist für sie das Gesehenwerden.

Glück sind für sie flüchtige Momente, in denen sie sich einreden kann, dass er sie auch so sehr liebt wie sie ihn liebt.

Glück ist für sie da, wo sie ihre Schwere, ihre Depression und Angstzustände vergessen kann und in einer Leichtigkeit leben kann. Da Ivan diese Schwere nicht zu haben scheint, kann sie sich in dieser Glücksblase wiegen. Und sie überrascht sich dann selbst in ihrem Leben, wenn sie etwa anfängt zu kochen, was sie vorher in ihrem Leben nicht oder kaum gemacht hat. Oder wenn sie fast manisch an den Kindern Ivans hängt, als wären es ihre Kinder.

Glück – diese Lethargie kurz vergessen und an andere denken zu können und nicht nur an ihre eigene Schwermut.

Muss sich Liebe wie im Roman immer gegen ein Außen verteidigen, um dieses ganz persönliche, vielleicht verlorene, Glück der Liebe zu bewahren?

Ja, im Roman muss sie ihr Glück mit Ivan sehr nach Außen verteidigen und ich finde es auch spannend, dass sie Malina davon nichts erzählt und er weg ist, wenn der andere Mann da ist.

Ich glaube, es ist ja was anderes, wenn man eine Sicherheit hat in der Liebe. Sie kann sich aber Ivan keine Sekunde sicher sein. Er kann am nächsten Tag beschließen aus der Ungargasse wegzuziehen und sie sieht ihn nie mehr.

Ivan hängt nicht sonderlich an ihr, meldet sich dann nicht. Sie wartet stundenlang auf ihn.

Auch in Gesprächen als sie lacht und Ivan sagt „Lach‘ nicht so blöde“ drückt sich aus, dass er emotional nicht so involviert ist in diese Beziehung.  Er kann sich zumindest sehr stark emotional zurücknehmen, was in ihr auslöst, dass sie das Gefühl hat, noch mehr in diese Beziehung hineingeben zu müssen.  

Gerade am Anfang in einer Beziehung hat man das Gefühl diese nach Außen verteidigen zu müssen. Wenn man jemanden kennenlernt, ist man sehr nervös im Gespräch mit Freunden, weil man will, dass das Umfeld dies positiv sieht und nicht ablehnend reagiert.

Heute geht ja auch das Vorstellen einer Person so viel über Bilder, über das Aussehen – „ah, hast du ein Bild von ihm/ihr?“. Das macht einen nervös, weil man das Gefühl hat, man ist dem Umfeld schuldig, dass die Person ganz spezifisch auszusehen hat.

Ich denke aber, dass die Ich-Erzählerin nicht so stark vom Außen abhängig ist.

Wenn sie aufs Land fährt, merkt sie, dass sie mit anderen Menschen gar nicht so gut zurecht kommt bzw. dass sie schnell überfordert ist und ihr nicht wirklich viel an anderen Menschen liegt.

Sie hat eher das Gefühl, dass sie die Beziehung vor sich selbst rechtfertigen muss als vor Freunden.

Wie siehst Du diese Ambivalenz von Nähe und Distanz in der Beziehung zwischen ihr und Ivan und dann schließlich ihr zurückziehen?

Ich denke, es ist ein Selbstschutz für sie, sich zurückzuziehen. Oder es ist eine Rationalisierung, die stattfindet, wo man sich dann sagt, das ist nicht das, was mich glücklich macht, was Bestand hat.

Auch die gemeinsamen Unternehmungen mit den Kindern Ivans, dieses gleichsam familiäre Sein führt dazu, dass sie sich zurückzieht.

Sie zieht sich aber nicht nur von Ivan zurück, sondern sie sieht allgemein keine Möglichkeit in einer Beziehung mit Menschen zu leben, vor allem nicht mit Männern zusammenzuleben. Für sie ist das alles sehr unrealistisch, sehr unwahr plötzlich.

Diese Distanzierung geht auch mit den Albträumen einher, diese Episoden mit dem Vater und dieser Zeit.

Wo liegen die Gründe für diese Unmöglichkeit von Beziehung, von Nähe für sie?

Es klingt abgedroschen, aber wenn man mit einer Person zusammenleben will, muss man mit sich im Reinen sein, sich akzeptieren. Am Anfang der Beziehung zu Ivan ist sie ja so krankhaft involviert, dass sie sich selbst völlig vergisst.

Sie muss sich selbst erst schützen, finden, gewisse Dinge in ihrem Leben verarbeiten, damit sie fähig wäre, eine Beziehung einzugehen mit einem anderen Menschen. Sie hat aber teilweise auch aufgegeben dies alles zu verarbeiten. Sie sieht, in welchen depressiven Zuständen sie ist wo und sie Malina wieder braucht als einen Schutzmechanismus oder als eine Figur, die sie wieder runterbringt und die sie auch schützt vor diesen Albträumen. Aber Malina wendet sich ja dann gegen sie.

Sie selbst sieht, dass es auch einer anderen Person nicht gelingen kann, sie aus ihrer Welt rauszuholen. Da müsste sie sich selbst herausholen.

Wir sind hier direkt an der Ungargasse, die ja im Roman als „Königreich“ bezeichnet wird. Welche Bedeutung hat unmittelbarer Lebensraum für die Protagonistin?  

Wien ist im ganzen Roman zu spüren. Die Stadt ist ganz eng verflochten mit der Geschichte der Ich-Erzählerin und die Stadt fängt auch sehr gut ihre Stimmung ein.

Die besondere Atmosphäre Wiens, auch dieses etwas Morbide, kommt in den Wintermonaten ja auch zum Ausdruck, wenn die Stadt gleichsam unter einer Glasglocke ist.

Das „Ungargassenland“ ist für sie ein Rückzugsort, wo sie alles hat, was sie für ihr Funktionieren braucht. Das ist auch vom Hintergrund des Krieges, der Unsicherheit danach zu verstehen.

Das „Ungargassenland“ als konzentrierter Kunstschauplatz hat mich auch an einen Polanski Film erinnert, in dem sich eine Frau nach dem Krieg in London in ein Apartment einschließt und immer verrückter wird, aber sich weigert rauszukommen. Sie zieht sich immer mehr von der Welt zurück in ihre Wohnung und dann ganz in sich selbst.

Die Ungargasse ist ein sicherer Ort für sie und gleichzeitig ein Ort, dem sie viel Bedeutung zumisst.

Ist die Bedeutung der Ungargasse für die Ich Erzählerin allein auf ihren Liebhaber Ivan zurückzuführen? Oder gewinnt das Eine durch das Andere an Bedeutung?

Gute Frage (lacht). Man kann Ivan ja auch als nicht reale Figur verstehen. Ich würde ihn aber als real im Roman sehen. Das macht für mich mehr Sinn.

Sie verbindet in jedem Fall Ivan und die Ungargasse. Beide sind in diesem Königreich eingeschlossen.

Sie hat zu Ivan eine räumliche Nähe, die Hausnummern 6 und 9 der Ungargasse sind ja unmittelbare Nachbarschaft, wie haben dann aber auch eine emotionale Entfernung.

Sie weiß, dass das Ungargassenland etwas Sicheres und Beständigeres ist, als Ivan es für sie sein kann.

Im Kapitel „der dritte Mann“, welches auf das Anfangskapitel „Glücklich mit Ivan“ folgt, stehen die Albträume mit der Vaterfigur, ihre Kindheit, wie die Vergangenheit an sich im Mittelpunkt. Inwieweit bestimmt dies auch die Beziehung zu Ivan?

Die Ich-Erzählerin sagt ja auch, dass sie nur Beziehungen mit jüngeren Männern führen kann. Dies ist wohl ausgelöst durch die traumatischen Erlebnisse mit ihrem Vater, dieser Vaterfigur.

Ihr Vater tötet sie in tausendfacher Weise und ist eine Übermacht. Darüber kann sie nur mit Malina reden. Der ja in meinen Augen keine real existierende Person ist. Mit Ivan kann sie nicht darüber reden.

Ivan bemerkt aber, dass sie da innerlich bewegt wird. Sie kann dies aber nur mit Malina teilen.

Ihre Traumata, die sie nicht überwinden kann, sind ein Grund für das Scheitern der Beziehung mit Ivan.

Sie kann ihre Traumata nicht abschließen und kann daher auch keine funktionierende, glückliche Beziehung eingehen.

Bei jüngeren Männern spürt sie offensichtlich weniger Gefahr, weil diese nicht so den Vater repräsentieren.

Wie siehst Du grundsätzlich die Kommunikation von ihr im Roman?

Die meiste Mitteilung findet in ihrem Kopf statt.

Alles was zentral ist, was sie etwas heilen könnte, findet im Gespräch mit Malina statt, aus meiner Sicht.

Sie hat natürlich auch diese Briefe, die sie schreibt und dann meist nicht abschickt. Oder die Beziehung zu ihrer Schwester, in der es Überlegungen eines Bruches gibt.

Mit Ivan kann sie nur über belanglose Dinge reden. Er will ja, dass sie ein Buch schreibt über Dinge, die nicht problematisch sind. Schlussendlich schreibt sie aber über die Hölle.

Sie braucht Malina, um über das reden zu können, was sie beschäftigt.

Es tut einem auch leid, dass da niemand in ihrem Umfeld ist, dem sie all das mitteilen könnte, dieses Inferno in ihrem Kopf.

„Ein Tag wird kommen….“ – wie siehst Du das Element der Utopie im Roman?

Sie braucht das Bild der Utopie, etwa „alle Menschen werden frei sein“, um mit der Wirklichkeit fertig zu werden.

Wenn wir an nichts mehr glauben, nichts mehr hoffen, dann sind wir schon tot. Man hofft immer auf irgendwas.

Die Utopie ist für die Ich-Erzählerin ein Gegensatz zu den schrecklichen Erfahrungen. Sie braucht die Utopie, die Hoffnung.  

Sie muss sich diese Utopie, eine Stärke, bauen, dass sie sich nicht umbringt und das tägliche Leben aushält.

Auch in der Beziehung zu Ivan glaubt sie anfangs an diese Utopie, egal wie unrealistisch diese scheinen mag.

„Es war Mord“ – wie siehst Du das Ende des Romans?

In jedem Fall rückt der männliche Teil in ihr in den Vordergrund, und drückt sie, ihre weibliche Seite, in den Hintergrund. Ihre Persönlichkeit wird ausgelöscht.

Malina nimmt Überhand und muss in den Vordergrund treten, weil die Ich-Person nicht mehr mit der Realität fertig wird.

Sie kann selbst keine Entscheidung mehr treffen und lässt Malina in den Vordergrund treten. Sie weiß dabei, dass es zu einem Ende kommt und ist gleichsam unbeteiligter Zuschauer des eigenen Dramas.

Die Ko-Existenzen in ihr brauchen diese Umkehrung hin zur rationalen, kühleren Seite, um zu überleben.

Der „Mord“ ist die Auslöschung der Ich-Erzählerin, das ist das Ende, ihr Ende. Es kommt zu einer Abspaltung der weiblichen Seite.

Ich sehe es auch als eine Verarbeitung des Scheiterns der realen Beziehung zu Max Frisch, die Ingeborg Bachmann hier im Roman wiedergibt.

Ingeborg Bachmann schreibt da ihre Sicht der Dinge in erfahrener literarischer Bloßstellung, Demütigung wie der patriarchalischen Welt an sich auf.

Ist das männliche Prinzip als zerstörerisches, unterdrückendes eine Grundaussage des Romans?

Ich würde es nicht so ganz verallgemeinert sehen. Das Männliche ist nicht per se zerstörerisch.

Bei Ivan ja, da ist das Bild toxischer Männlichkeit manifest, das sie unterdrückt.

Malina ist für sie auch ein Anker, ein Schutzprinzip, um sich zu beruhigen von diesen Albträumen. Er braucht sie, sie braucht ihn. Das Zerstörerische kommt da erst am Ende.

Das Zerstörerische ist nicht das Einzige was Malina ausmacht.

Das Nichtgehörtwerden, die Kritik am Patriarchat ist in jedem Fall sichtbar.

Auch die Schaffenskrise der Schriftstellerin, das Verstummen gegenüber der männlichen Stimme kommt da zum Ausdruck. Das Zurückerkämpfen ihrer Stimme.

Ich finde auch die Namensgebung „Malina“ spannend, dies ist ja ein weiblicher Vorname und es bezeichnet eine männliche Seite im Roman. Die Ich-Erzählerin bleibt ja namenlos.

Einmal schreibt sie „Malina und ich haben die gleiche Scheu vor unseren Vornamen und Ivan hat das nicht“. Malina könnte ja auch der Name der Ich-Erzählerin sein, sie teilt diesen. Ich finde das sehr spannend.

Wie siehst Du die Bedeutung von Namen im Roman?

Namen, eine Benennung, sind ja grundsätzlich etwas sehr Machtvolles.

Malina bedeutet ja Himbeere und hat vom Sprachklang her eine größere Weichheit als Ivan.

Der Name Malina hat auch etwas Kindliches. Ich sehe da eher ein kleines Mädchen als einen erwachsenen Mann. Es ist vielleicht auch ein Name, den man sich als Kind ausdenken würde.

Im Roman werden ja Namen variiert, die realen Bezug haben könnten wie Melanie/Marianne. Da sieht man viele Bezüge.

Wie kann sich die Ich-Erzählerin vor Ivan schützen bzw. eine Frau vor toxischer Männlichkeit an sich?

Das, was eine Gesellschaft vorlebt, wird verinnerlicht. Dies trifft auf Männer wie Frauen zu.

Wenn man etwa einem Jungen sagt „Du darfst nicht weinen“, „man muss stark sein“ baut sich das Bewusstsein auf, dass man keine Gefühle zeigen darf.

Man sollte in der Erziehung Kindern nicht irgendwelche Geschlechterklischees aufdrücken.

Gesellschaftlich finde ich, hat sich viel getan, aber es gibt auch Rückschritte. Ich denke da etwa an diese online „Gender Reveal Partys“, in der Stereotypen von männlich/weiblich zelebriert werden. Es sollte aber keine Rolle spielen für die persönliche Entwicklung und Identität im binären oder nichtbinären Selbstverständnis. Da braucht es viel Aufmerksamkeit und Aufklärung in Erziehung.

Es sollte jungen Männern gesagt werden, dass es ok ist, Gefühle zu zeigen und dass man nicht stark sein muss, sich da keine Stärke, Härte antrainieren muss.

Bei Mädchen, Frauen wird ja auch das Liebliche, Brave, Fleißige, Angepasste gelobt. Ich finde das problematisch, denn damit lobt man Gehorsam und Unterordnung.

Mädchen sollten mehr bestärkt werden, ihre Meinung zu sagen und nach ihrem Kopf zu handeln und Jungen, dass sie Gefühle zeigen dürfen.

Wenn Männer eine toxische Männlichkeit verinnerlicht haben, kann man in den Dialog treten. Ich beobachte aber in meinem Freundeskreis, dass Männer, wenn es um diese toxische Männlichkeit im Gespräch geht, sich sofort sehr abwehrend zeigen „ich bin nicht betroffen davon“ oder dies gleich als Anklage sehen.

Toxische Männlichkeit ist die gesellschaftliche Formung einer Struktur.

In einer toxischen Beziehung braucht es zwei Menschen. Im Roman nützt Ivan die Ich-Erzählerin aus und sie lässt dies zu. Es ist eine Konstellation von beiden Seiten.

Eine toxische Komponente kann auf den Mann wie die Frau zutreffen.

Man sollte grundsätzlich in gesellschaftlichen Debatten zu Selbstbild, Beziehung mehr in den Dialog gehen, auch weil Worte da sehr behaftet sind. Dies trifft auch auf weitere Themen, wie etwa Feminismus zu. Es ist wichtig da Kontexte zu klären.

Was hat sich in 50 Jahren in Beziehungswirklichkeiten verändert? Ist das „Ivan-Modell“ nach wie vor präsent?

Es gibt heute schon noch Ivan_Modelle, aber es hat sich grundsätzlich einiges geändert. Das ist einerseits die rechtliche Situation der Frauen wie die Beobachtung meinerseits, dass Frauen meiner Generation über Plattformen wie Tinder, Bumble jeden Tag hundert Leute treffen könnten, aber sehr kritisch gegenüber emotionalen Abhängigkeiten sind. Da ist eine Scheu da.

Man muss heute nicht mehr heiraten und kann als Frau auch Karriere machen. Das Abhängigkeitsverhältnis ist nicht mehr so stark wie damals.

Ich denke, die Ich-Erzählerin, würde 50 Jahre später nicht an einen Ivan geraten. Mit diesem Intellekt würde sie sich heute nicht den Mund verbieten lassen „was lachst du so blöde“ oder auch sonst beschimpft zu werden. Ich denke, dies war damals noch viel akzeptierter. Es hat sich einiges getan und gibt noch viel zu tun.

Vielleicht würde die Ich-Erzählerin ihre Identität heute auch anders finden. Würde sie offen sagen, ich habe eine weibliche und männliche Seite oder ich bezeichne mich als non binär? Was damals an Beziehungsmodellen nicht möglich war, würde sie vielleicht ausprobieren.

Es sind heute weniger Tabus da und die Ich-Erzählerin hätte heute vielleicht eine reale Person, der sie sich anvertrauen könnte. Dies war damals vielleicht weniger möglich, weil sie niemand verstanden hat.

Ich glaube, die Ich-Erzählerin war ein Stück weit ihrer Zeit voraus und konnte deshalb nur mit sich selbst reden (lacht).

Ermöglicht die moderne online Kommunikation das Gespräch über das Selbstbild in neuen Möglichkeiten oder gefährdet es dieses eher in der Macht und Wirkung von Trash-Kommentaren etwa?

Das Internet ist grundsätzlich ein Tool und es ist nur so gut wie die Menschen, die es nutzen (lacht).

Toxische Männlichkeit zeigt sich im Internet sehr stark auf diversen Foren wie Incels, in denen sich Männer in ihrem Frauenhass bestärken und dazu etwa Fotos von Frauen und Drohungen teilen. Das ist eine irre Subkultur und die Polizei ist da relativ machtlos.

Wenn das reale Umfeld und damit der Austausch und die Kritik nicht gegeben sind und sich Kommunikation und Gruppengefühl nur ins Internet verlagert, kann es da Anfälligkeiten für toxische, krude Selbst- und Fremdbilder geben. Das gibt es auch im Weiblichen, allerdings nicht so arg wie im Männlichen.

Weibliche Selbstdarstellung wird auch im Internet zelebriert, etwa in Mama Blogs. Ich habe da manchmal das Gefühl, dass das 1950er Jahre Modell „ich habe lieber Kinder und bleibe lieber Zuhause“ aufkommt. Überhaupt vereinfachende Rollenbilder.

Das Internet ist eine Parallelwelt, in der man ganz tiefe Freundschaften haben und sich sehr viel austauschen kann. Die Ich-Erzählerin könnte das heute auch, aber sie verspürt im Roman weniger das Bedürfnis nach Austausch als es andere verspüren.

Wie siehst Du die Möglichkeiten, Gefahren von Sprache in moderner Kommunikation?

Beim Schreiben entstehen viele Missverständnisse. Kurze Antworten können da Gedankenströme auslösen – was habe ich falschgemacht?

Es gibt in der modernen Kommunikation etwa dieses „Ghosting“ (wortloses Zurückziehen; Anm.), dieses Keine-Antwort-Mehr-Bekommen. Dies kommt ja auch im Roman vor, diese Warteposition.

Man kann in der modernen Kommunikation jemanden viel eher aus dem Weg gehen. Ein Abbrechen, dem das Gespräch fehlt.

Ich denke, Frauen geraten tendenziell eher in Gedankenschleifen, die kurze, trockene Kommunikation analysieren wollen.

Im Roman sagt ja Ivan einmal „es muss ein Spiel bleiben“. Dies trifft auch auf soziale Medien zu, dieses voyeuristische Element auch.

In der kurzen online Kommunikation wird oft auch eine Taktik gesehen, was sie vielleicht oft gar nicht ist. Das Gesagte und Verstandene klaffen oft auseinander und erzeugen Missverständnisse, Spannungen.

Die sprachliche Reduzierung in der modernen Kommunikation ergibt einen großen Spielraum an Bedeutungen.

Du hast mit Ingeborg Bachmann gemeinsam, dass Du in jungen Jahren nach Wien gezogen bist. Was bedeutet Dir Wien?

Ich gerade gestern darüber nachgedacht, weil vermutet habe, dass diese Frage heute kommt (lacht).

Mich führte die Ausbildung als Schauspielerin, die Schauspielschule, nach Wien. Ich hatte mich an mehreren Schauspielschulen beworben und es war jetzt nicht so, dass ich auf den ersten Blick unbedingt hierher wollte. Meine Mutter war von Anfang an begeistert, weil sie Wien liebt.

Ich habe am Anfang in Wien a bisserl Zeit gebraucht. Die Leute, der Grant, auch der Umgang, dass etwa der Kellner König ist (lacht), das ist anders als in der Schweiz.

Kafka sagte einmal über Prag, dass diese „Stadt Krallen“ hat und einen nicht los lässt. Und dies empfinde ich jetzt auch für Wien. Geschichte und Leben treffen sich hier einzigartig – ich habe diese Stadt sehr zu lieben gelernt. Ich kann mir im Moment schwer vorstellen, woanders zu leben.

Wien ist wahrscheinlich die gemütlichste Großstadt auf der Welt.

Wenn Wien noch am Meer liegen würde und die Winter nicht so kalt wären, würde wahrscheinlich jede*r hier leben wollen (lacht).

Mittlerweile habe ich auch den Wiener Humor lieben gelernt. Die Stadt hat auch eine eigene Beziehung zum Tod, da ist etwas charmant Morbides im Alltäglichen.

Wien ergreift einen irgendwann und lässt einem nicht mehr los. Auf eine gute Art und Weise.

Welche Berührungspunkte gab es von Dir bisher zu Ingeborg Bachmann?

Gestern war Bachmanntag (lacht). Bis gestern gab es noch keine wesentlichen Berührungspunkte zum Werk Ingeborg Bachmanns.

Ich habe gestern den Roman Malina, eine Biographie Ingeborg Bachmanns und auch den Briefwechsel von ihr und Max Frisch gelesen. Das war ein Ingeborg Bachmann Marathon (lacht).

Die ersten zwanzig Seiten des Romans waren etwas schwierig, weil ja zu Beginn weniger Handlung als Innerlichkeit da ist. Aber dann hatte es eine Sogwirkung und ich fand es auch spannend dazu etwas über die Beziehung von Max Frisch zu lesen und auch etwas über die Biographie Ingeborg Bachmanns. Ich wurde da sehr obsessiv (lacht).

Der Roman hat mich sehr begeistert und ich habe auch einer Freundin, die sich gerade in einem herausfordernden Beziehungsprozess befindet, eine Passage geschickt. Ich habe das Buch auch vielen Leuten empfohlen.

Ich würde jetzt gerne weiters von Ingeborg Bachmann lesen, weil sie eine unfassbar intelligente Frau ist. Dies merkt man in jeder Zeile des Romans.

Es war gut den Roman in einem Rutsch zu lesen, weil man da massiv in diese Gedankenwelt eintaucht.

Auf den Fotos von Ingeborg Bachmann wirkt es, dass sie eine große Ausstrahlung gehabt haben muss. Natürlich etwas Intellektuelles wie Enigmatisches. Aber auch eine gewisse Wärme und etwas sehr Charmantes. Ich finde auch ihren Stil beeindruckend.

Ingeborg Bachmann war wegen ihres Intellekts zeitlebens ein geplagter Mensch zeitlebens.

Welche Textpassage hast Du Deiner Freundin empfohlen und was geraten?

Geraten habe ich meiner Freundin nicht so viel, aber ich finde etwa auch, dass Ingeborg Bachmann einen extrem guten Humor hat und manche Passagen auch sehr lustig sind, etwa „…niemand weint dem besten Mann, schönsten Mann, klügsten Mann oder jüngsten Mann schon nach wenigen Stunden nach. Aber ein halbes Jahr mit einem ausgemachten Schwätzer, einem notorischen Dummkopf verbracht, einem widerwärtigen von seltsamen Gewohnheiten beherrschten Schwächling, dass hat schon eine recht starke und vernünftige Frau ins Wanken gebracht…“ (lacht). Das fand ich sehr lustig geschrieben.

Bei Ivan fragt man sich ja, was macht den Reiz für sie aus? Es ist wohl dieses Entziehen. Und je mehr Hoffnung da ist, desto mehr bricht das Kartenhaus zusammen.

Was kannst Du als junge Frau und Künstlerin aus dem Roman Malina in Leben und Beruf mitnehmen?

Unglaublich viel grundsätzlich (lacht).

Den Mut haben sich selbst zu begegnen, zu sich selbst ehrlich zu sein.

Es ist ein extremer Mut Ingeborg Bachmanns da, in diese extreme Selbstreflexion zu gehen. Da braucht es schonungslose Ehrlichkeit und Offenheit.

Ich habe so noch nie Selbstgespräche geführt, aber es scheint der Ich-Erzählerin gut getan zu haben auf diesem Wege Dinge mit sich selbst auszuhandeln. Ich finde das gar nicht so verrückt.

Man wird als junger Mensch, als Mensch an sich, ja gerade von den Krisen erdrückt, die vorherrschen. Einerseits Corona, aber auch Wirtschaftskrise, Klimakrise, man sieht wie sich junge Menschen für Veränderung einsetzen, aber es geschieht so langsam, da könnte man verzweifeln. Und da braucht es den Glauben an eine Utopie für unser Tun. Diese Utopie steckt für mich auch im Roman.

Eine Utopie muss keine idyllische Utopie sein, aber es ist der Glaube, dass sich etwas ändert in der Welt, zum Besseren wendet.

Ich weiß nicht, wie sehr mich der Roman als Schauspielerin beeinflusst, aber ich finde das akribische Beschreiben innerer Zustände im Roman extrem spannend, dieses „Inferno“ beschreiben, wie es im Roman heißt.

Schreiben kann auch etwas Therapeutisches haben und man kann im Schreibprozess viel mit sich selbst aushandeln.

Man kann das Buch 500mal lesen und immer wieder was Neues daran entdecken.

Dieser Glaube an Utopie, an Möglichkeiten der Verbesserungen und das Wesen aus Frau/Mann, diese Ansätze finde ich im Roman sehr spannend.

Ich würde selbst auch gerne mehr schreiben und diese Beobachtungen zulassen, die man so täglich macht und diese einfließen lassen.

Im Roman heißt es einmal, Malina betrachtet Leute, aber indem er sie betrachtet, werden Leute nicht kleiner wie es normalerweise der Fall ist, sondern sie werden größer. Ich finde das sehr schön, Menschen mit größtmöglichem Respekt anzusehen und es ist wichtig, dies aus dem Buch mitzunehmen.

Jede Person hat ihre Geschichte und verdient Respekt.

In unserer Künstlerbranche ist es oft so, dass du, wenn du „einen Namen“ hast, angesehen wirst aber sonst als junge Künstlerin sehr wenig Beachtung findest. Es ist da ein Herabblicken.

Das Herabschauen in der Kunst auf Künstler*innen und sie das zu spüren lassen, ist ganz schrecklich.

Das Konkurrenzdenken in der Kunst vergiftet alles.

Darf ich Dich zum Interviewabschluss zu einem Malina Achrostikon bitten?

Macht

Anmut

Liebe

Intersektionaler Feminismus

Neglect

Anschauung

Was würdest Du der Ich-Erzählerin sagen bzw. als SMS schreiben wollen?

Das ist so natürlich schwierig. Die Romanfigur ist brilliant, intelligent und leidend. Ich würde ihr eine Therapie anraten. Wesentlich ist in einem Trauma die Begegnung mit einer neutralen Person. Mit Malina als Spiegel ist das nicht möglich, weil es ja das Selbstbild ist.

Was würdest Du Malina sagen?

Ich würde ihm anraten in den Hintergrund zu treten, weil es ihre Geschichte, ihre Persönlichkeit ist.  Du musst diese Rolle nicht übernehmen, dies kann jemand außerhalb ihrer Persönlichkeit übernehmen. Sie braucht dich nicht mehr.

Und Ivan?

Mach` nicht Menschen unglücklich. Eine Frau ist kein niederes Wesen. Begegne deinem inneren Dämon.

Lies dieses Buch und sehe ihren Standpunkt!

Und Wien?

Sei weiter eine Stadt, die Menschen willkommen heißt.

Lara Bumbacher, Schauspielerin

Herzlichen Dank, liebe Lara, für Deine Zeit in Wort und szenischer Darstellung hier am Romanschauplatz „Malina“! Viel Freude und Erfolg für alle Theater-, Schauspielprojekte!

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Lara Bumbacher, Schauspielerin

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien

Station bei Ingeborg Bachmann_Malina_Wien.

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 12_21

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