Szene 1: Junge Frau im Yogatop mit Katze auf der Couch, ihr Handy in der Hand
G Give peace a chance tippst du in dein Social Media Profil
I im warmen Wohnzimmer auf dem Sofa –
V verdammter Krieg, Je suis Charlie, Stand up for Ukraine.
E Eine Meinung braucht schließlich jeder – me too.
Szene 2: Präsident in seiner 4. Amtszeit, allein am langen Tisch des prunkvollen Saals der Weltpolitik sitzend
P Patria und Parolen triefend vor Pathos
E Ehre, immer geht es um die Ehre. Ehre um jeden Preis.
A Atomwaffen zur Not, wo Panzer nichts mehr ausrichten. Der
C Choleriker am Hebel verbirgt mühsam das altersschwache Zittern seiner Hand.
E Es hat sich nichts geändert seit dem Mittelalter.
A Aber die Welt dreht sich noch. Dreht sich weiter. Weiter.
Szene 3: Eine Gruppe Menschen hat sich in einem Keller verbarrikadiert, Alte und Kinder und eine verstörte Katze, in der Ferne dumpfes Kanonengrollen
C Chaos draußen. Stille hier unten.
H Habseligkeiten in Plastiktüten. Stumm hocken sie da. Leere Gesichter.
A Aus Angst wird Apathie, während dort oben die Stadt zerreißt. Ringsum wird gestorben. Und
N nichts entgegenzusetzen.
Leise erklingt der 4. Satz von Beethovens 9. Sinfonie
C Chor:Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium … alle Menschen werden Brüder …
Schwestern!, tippt die junge Frau auf dem Sofa in ihr Handy.
E Es gibt keine einfache Formel, um den Frieden herbeizuschreiben. Wir müssen ihn leben (auch auf Instagram, aber nicht nur). Jeder von uns. Täglich. Immer wieder. Auch dann, wenn keiner zuschaut. Auch dann, wenn es schwerfällt. Vor allem dann.
„Von Zeit zu Zeit – zu allen heiligen und unheiligen Zeiten – aufs Ganze gehen!…“,
schreibt Peter Handke zu Beginn dieses weiteren einzigartigen Bandes seiner Aufzeichnungen, die gleichsam eine ganz neue Form des Erzählens setzen. Es ist ein Aufbrechen traditioneller Formen der Literatur hin zu einer Art dialogischem Fragment im Sinne eines Selbst- wie Zeit- und Sinndialoges. Handke nimmt dabei Traditionen sokratischen Dialoges auf und lässt diese gleichsam über Jahrhunderte folgender Geistesgeschichte in der Gegenwart ankommen und hier „aufs Ganze“ im Sinne von Leben und Erkenntnis zu gehen. Aufs existentielle Ganze von Sprache, Sinn und Zukunft.
Die Gedanken, Themen sind dabei ein ruhiger wie reißender Fluss und umfassen dabei Existenzfragen, Gedanken zu literarischen Projekten, persönliche Erinnerungen wie umfassende Referenzen zu Sprache und Sinn in der Geistesgeschichte der Menschheit. Und dies in einzigartiger Reflexion, Empathie und Selbstironie.
Es ist eine Reise, zu der Peter Handke in all seinen Büchern einlädt. Eine Reise der Sprache in das Herz des Lebens und der Welt. Mit und aus der unendlichen Zärtlichkeit und des Mutes von Wörtern zu aller Zeit. Und des so großen, immer wieder neu zu erfahrenen, erlernenden Horizontes von Sprache im Anblick des Menschen, der Welt im Spiegelbild.
„Und der dort auf der anderen Straßenseite, wer ist das?“ „Ja, wer?“
„Innere Dialoge an den Rändern 2016-2021. Peter Handke. Jung und Jung Verlag
Lieber Salih wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Schriftstellerzeugs. (ganzes Programm)
Salih Jamal, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Es ist schwer, das alles zu ertragen und mit anzusehen, wie wir uns in Kriegen und Massakern gegenseitig abschlachten, unterdrücken, foltern und versklaven, vergewaltigen und die Natur in Asche legen. Täglich sehen wir Betrug, Bestechung, Korruption, Gift, Diebstahl und Rebellion. Terror und Kannibalismus. Es ist grausam, das alles zu begreifen, und man verleugnet seine hochgesteckten Ideale mit jedem kleinen Egoismus. Wie kann man sich nicht wünschen, dass all das aufhört?
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich glaube es war Max Frisch, der mal gesagt hat, dass alle Antworten in den Museen der Welt in Öl hängen, und die Fragen auf einer Postkarte Platz gefunden hätten. Wir sollten uns fragen was wirklich wichtig ist, denn die Antworten haben wir ja schon in uns drin. Wir sollten so gut es geht danach handeln. Und wer die Antwort in sich noch sucht, der lese ein Buch oder soll sich Kunst anschauen. Die Axt und das gefrorene Meer ist ein bisschen drüber. Ich finde ein Buch sollte ein Keil sein, der den Nebel in uns spaltet.
Was liest Du derzeit?
Ich lese parallel. Aktuell über das Drehbuchschreiben. Masterpiece von Elisabeth George (klug), Arbeit und Struktur von Herrndorf (muss man auch ab können), Alle Galgenlieder von Christian Morgenstern (wieso können die Rehlein ihre Zehlein falten???), Falscher Garten von Ute Cohen (brilliant), König Alkohol von Jack London (zeitlos) Henry, June und ich von Nin (weil es wahr ist)
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Du sprichst mit Gott?“ Ich war überrascht.
„Ja, wieso nicht?“
„Also, so richtig. So wie wir zwei jetzt gerade?“
„Ja.“
„Und? Was antwortet er?“
„Er sagt nicht viel. Meist höre ich wie er tief und langsam ausatmet und seufzt.“
„Das ist kein Gespräch.“
„Doch. Er meint: Es ist ok. Es ist ok.“
Vielen Dank für das Interview lieber Salih, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Josef, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
An Werktagen recht diszipliniert. Aufstehen zwischen 6.00h und 7.00h. Arbeiten im homeoffice für meinen Brotjob. Daneben und danach, mitunter davor abarbeiten, was sonst so ansteht. Eine Lektion Italienisch lernen, Gitarre üben, Schreiben. Lesen, Kommunikation mit lieben und wichtigen Menschen auf allen Kanälen.
Josef Golderer, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Durchhalten. Nicht die Nerven verlieren. Besonnen bleiben. All das Gute und Wertvolle von Menschen anzunehmen, was immer möglich ist, mitunter auf phantasievolle Art und Weise in diesen fürwahr „kontaktgestörten“ Zeiten.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Im Durcheinander unserer Krisenzeiten, die anscheinend kein Ende nimmt (von der Finanz- über die Flüchtlings- über die Erstarkung-der-Rechten – über die Klimakrise bis gegenwärtig zur Pandemiekrise) schauen, was wichtig ist. Was wirklich wichtig ist. Unser Verhalten erneut in Frage zu stellen. Was kann ich beitragen, damit die Küche in der Welt am Kochen bleibt aber kein Feuer fängt. Wieviel Luxus, Urlaub, Fernreisen, Konsum, Arbeit, Termine, brauche ich, die mir gut tut? Die die Welt noch verkraften kann? Ab wo geht es in den Bereich der hedonistischen Zerstreuungen hinein, die ablenkt von dem, wo ich nicht hinschauen mag. Was sollen wir tun, was dürfen wir hoffen, um zwei der berühmten Kant´schen Fragen hier anzuführen. Kunst und Literatur sind immens wichtig, um tiefgehende Denk- und Anschauungsfelder zu öffnen, Phantasie und Imagination am Leben zu erhalten.
Was liest Du derzeit?
Verschiedenens. Frühstückszeit ist Philosophenzeit. Derzeit Spinozas tractatus theologico-politicus. Abends derzeit noch Michael Maar: Die Schlange im Wolfspelz. Zwischendurch in Susan Sontag: Standpunkt beziehen. Fünf Essays. Lyrisches querbeet immer wieder von Sappho bis zur Moderne.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Es gibt eine Menge kluger und wichtiger und wohl auch der Zeit angemessener Zitate aus schönen Texten. Ich möchte hier allerdings gern einen Spruch aus der Serie Star Trek: Picard hinterlassen (ich bin übrigens kein „Trekkie“), gesprochen von der weiblichen Figur Raffi:
„Immer ein Ding der Unmöglichkeit nach dem anderen!“
Vielen Dank für das Interview lieber Josef, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Josef Golderer, Schriftsteller
Foto_privat.
28.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Widerstand, Mut und Gemeinschaft zeichnet die jungen deutschen Studenten aus, die sich zur Widerstandsbewegung der „Weißen Rose“ gegen Krieg und Nationalsozialismus im II.Weltkrieg zusammenschließen und denen sich auch Sophie Scholl, die Schwester des Mitbegründers Hans Scholl, anschloss.
Das Morden des Krieges veranlasst die „Weiße Rose“ in Briefen und Flugblättern ab 1942 zur Beendigung desselben und zum Sturz des Regimes aufzurufen. Und dabei riskieren sie alles…
Doch es ist auch in allem Schrecken eine Zeit des Lebens und damit eine unwiederbringliche Zeit der Liebe, die in diesen Dunkelheiten um das Licht der Hoffnung und eine gemeinsame Zukunft ringt…in allen „Flammenzechen“…
Der renommierte Journalist und Autor, Hauke Friederichs, legt mit „Flammenzeichen“ einen besonderen Beitrag zur Geschichte der „Weißen Rose“ vor und stellt dabei die freundschaftlichen Beziehungen der Gruppe wie die Liebesbeziehung von Sophie Scholl zu Fritz Hartnagel in den Mittelpunkt.
Der Autor öffnet die so dramatische Geschichte der jungen Studenten:innen im Kontext der kriegerischen wie gesellschaftlichen Entwicklungen der Zeit und beschreibt Kriegs- wie Gesellschaftsgeschehen umfassend.
„Ein Buch als erschütternde Zeitreise wie ganz wichtiges Dokument für Mut und Widerstand im schonungslosen Einsatz für Demokratie und Freiheit“
Flammenzeichen. Stalingrad, der Kampf der Weißen Rose und eine zerrissene Liebe“ Hauke Friederichs. dtv Verlag
Liebe Peta, wie liest Du den Text „Undine geht“ von Ingeborg Bachmann? Welche Grundaussagen gibt es da für Dich?
Ingeborg Bachmann´s „Undine geht“ ist ein sehr moderner text, ich fühle mich direkt angesprochen, und er wirkt heutig auf mich. enttäuschte wut ist die grundhaltung, das Du, der andere, dieser Hans hat Undine´s erwartungen nicht erfüllt. wobei nicht passive verletzung die stimmung dominiert, auch keine anklage, sondern scharfe, schonungslose konfrontation und ein klares, direktes an- und aussprechen der misslage.
„Undine geht“ wurde vor 60 Jahren veröffentlicht. Was hat sich seit damals im Rollenbild von Frau und Mann verändert und was sollte sich noch ändern?
wenig. viel. alles. nichts.
ich denke, genau dieses spannungsfeld – das eben jetzt, 2022 die verschiedensten formen und facetten von frau-mann beziehungen möglich sind, ist die antwort. damals, denke ich, waren die menschen auch in ihren beziehungen mehr in äußeren normen und ideen, wie (privat)leben zu sein hat, festgefahren. heute gibt es alle möglichkeitem der beziehungsgestaltung, sie ist bei allen sozialen und moralischen vorstellungen mehr ins eigenverantwortliche verlagert, – mit den vor- und nachteilen dieser errungenschaft von freiheit.
Mir begegnen empathische, rücksichtsvolle, reflektierte männer und auch rüpel, besitzergreifend, so richtige machos, alles da.
ändern? Ändern! eine menge, wir sind gerade am beginn einer gleichberechtigungsbewegung, und sehr, sehr deutlich sind die gegenströmungen wahrnehmbar. ich denke, gerade an der gehaltsschere ist natürlich noch einiges zu verbessern, am grundrespekt und dem zugestänis von fähigkeiten, die wir frauen mitbringen und erlernen können und wollen.
andererseits ist da auch eine gewisse verunsicherung bei uns frauen, also, bei mir bemerke ich es, wie ich weiblich zugeschriebene gefühle wie rückzug und heim schaffen, mit dem außen und beruf verbinden, wo die eigenen aufgaben liegen. das ist bei mir permanent im wandel begriffen.
ich erachte es allerdings als glück, in einem land zu leben, wo freie meinungsäußerung und systemkritik ohne freiheitsstrafe (und schlimmeres) endet. deshalb sehe ich es auch als meine aufgabe, den mund aufzumachen. weil ich es kann. weil so viele frauen es nicht können. weil wir es so lange nicht konnten.
Der Monolog geht mit der patriarchalen Gesellschaftswelt schonungslos ins Gericht. Wie siehst Du die Situation patriarchaler Macht heute?
ich empfinde sie als durchwachsen. patriachale macht richtet sich ja zum gleichen teil gegen sich selbst, und dann auch gegen frauen. ich denke, es geht prinzipiell sehr viel um recht haben wollen, um beherrschen, es hat viel mit dem uns anerzogenen mangel-bewusstsein zu tun. das vergleichen, das neid schüren, das gefühl, der, die andere hat mehr, darf mehr, tut mehr und tolleres, das verlernen von zufriedenheit. da reckt man schnell mal die ellenbogen aus. patriachat bedeutet für mich den lebensfokus auf materielles zu richten, auf überbewertung von geld. haben-müssen, besitzen-müssen, dominieren-müssen, bestimmen-müssen. es fällt noch immer schwer, verschiedene denkmuster und kulturen nebeneinander zu akzeptieren, leben und leben lassen.
diese kämpferischen, eroberischen lebensweisen werden, obwohl wohl tief in uns verankert, durch die medien geschürt. auch das internet, die vernetzung kann mensch als übergriffe, als grenzüberschreitungen werten.
leider, und da beginnt der normale lebenskampf ins brutale zu kippen, der den boden für auch femizide, für untergriffige verbale attacken, fürs wegsperren, säureangriffe, vergewaltigungen ebnet, gibt es noch immer auch in unserer breiten die auffassung, MANN sei mehr wert als frau und MANN hat recht und rechte über frauen.
Der Text drückt auch viel Trauer über das Scheitern der Liebe und eines Miteinander von Mensch und Mensch im gesellschaftlichen Lebens aus. Welche Auswege siehst Du da?
ja, viel hoffnung lässt der text nicht zu. meiner meinung nach sind funktionierende beziehungen von hoher kompromissfähigkeit beider partner getragen, und einem hohen Grad an Toleranzfähigkeit. aber, ich rede jetzt von dingen, in denen ich selbst nicht gut bin.
Was kannst Du als Frau und Künstlerin von „Undine geht“ in das Heute mitnehmen?
die klarheit in der benennung von tatsachen, von missständen. es ist ein dogma gegen die schweigekultur, die zum teil zwar ein selbstschutz ist, aber auch gebrochen werden soll. muss. ich denke, wie sehr das im privaten stimmig ist, ist ein anderes kapitel, aber in kunst und politik ist es unendlich zwanzig nach zwölf.
Was bedeutet Dir Natur?
sehr viel. es ist mir das wichtigste überhaupt, um ressourcen aufzutanken, um ideen zu finden, zum durchatmen, atem holen. ich liebe es, einfach zu gehen. ich gehe sehr viel.
Wie kann der moderne Mensch in Harmonie zur und mit der Welt leben?
es geht wohl um ein realistisches einschätzen, wie weit das mit all dem gegebene fortschritt tatsächlich möglich ist, und da geht es sehr viel um auf sich selbst hören, die eigene bedürfnisse, und eben die umwelt, mensch wie natur.
wenn mensch einfach seine lebensnotwendigen bedürfnisse deckt, ist das ok.. es macht auch keinen sinn, so zu tun als ob wir nicht kulturellen und sozialen bedingungen ausgesetzt sind, das kind braucht den computer in der schule, und eine heiße dusche ist bei uns usus, nicht luxus. „zurück zur natur“, ein leben als „neue wilde“, das ginge nur in sehr radikaler lebensform eines einzelnen (außer, man zöge diesen stecker… 😉 es gab die erfindung der lok, des flugzeugs, rakete, atomkraftwerk, binnenschifffahrt…das können wir nicht wegträumen, so wir (als mitteleuropäische gesellschaft )wir es auch wollte.wolle wir? es gibt ausplünderung, es gibt immense kapitalistische interessen, es gibt die notwendigkeit, energie und strom zu fördern und es gibt verpackung über verpackung , plastik über plastik im supermarkt und es braucht wirklich kraft und wille, sich (vor allem letzteren) entgegenzustellen und alternativen zu finden, für sich selbst, für die gesellschaft.
das sind jahrelange, jahrzehntelange prozesse der bewusstseinsschaffung, aber es benötigt auch aktive, reale lösungsalternativen, und da mangelt es.
deshalb zieht es mich ja auch in die utopie des theaters – hier kann ich diese lösungen lebendig werden lassen, in einer kleinen momentaufnahme, in einem kleinen kleis der zusehenden.
Was braucht Liebe immer, um zu wachsen, zu blühen?
verständnis, achtsamkeit, respekt. und raum, (frei)raum, freiheit.
Was lässt Liebe untergehen?
altlasten, unverarbeitetes, eigene traumata, vorverletzungen, enge und zwänge, überhöhte erwartungen (ein problem gerade unserer zeit des selbst- und fremdperfektionismus, in der überhöhten erwartungen an alles, job, wohnung, partner, kinder, ….) uns nach dingen suchen lassen, die es gar nicht gibt (zum glück!).
Wie war Dein Weg zum Schauspiel?
durchwachsen und verschlungen. von der portraitfotografie in die bildende und performance kunst in diverse schauspielschulen, zur moderation von finanznachrichten, in die performance, zum zircus (ein ganz klein bisschen) und ins tanzen und immer mäandernd hin- und her…
Welche Berührungspunkte/Impulse mit/von Literatur gab es bisher in Deinen künstlerischen Projekten?
ich habe mir zumindest eine basis in dramenliteratur angeeignet, aber im gegensatz zu vielen kolleg*innen oder sonst theateraffinen menschen bin ich da nicht besonders belesen. ich habe grosse ehrfurcht vor diesen zeitreisen, diesen spiegeln, und was ich daraus lernen durfte ist die vergänglichkeit von prinzipien, hierachien, standesvorgaben, moralvorstellungen, gesetzgebungen, kleidungsstilen, werten., wie realtiv das alles ist, wie wandelbar.
Welche Impulse gibt es von der Natur für Dich persönlich?
ich liebe land art. von bildhauen hört man ja auch oft, dass im ausgangsmaterial die figur/skulptur schon vorhanden ist, und dass sie diese sozusagen nur befreien
Was bedeutet Dir das Element Wasser?
ich empfinde tiefe verbundenheit zu diesem element, nicht umsonst heißt die erde blauer planet und wir sind fast gänzlich wasser, für mich ist es medidationsort, träumort, und ich bin auch „nah am wasser gebaut“. ich lerne schwimmend (planschend 😉 text, mein klangkollektiv heißt LIQUIDinfinity. schwimmen ist für mich eine schöne möglichkeit, der materie und aller last zu entkommen. es befreit mich, und es macht mich glücklich. wenn man dick auftragen will, könnte man es fast mein lebenselixier nennen.
Wie lebst Du den Kreislauf der Jahreszeiten?
ehrlich gesagt ignorierend und durch die stromrechnung erinnert. bzw. durch rituelle feste wie ostern und weihnachten. also, ich bin eher in richtung kälte resistent, warme oder sogar heiße zeiten fordern mich heraus, was stimmung und auch lern- und leistungsfähigkeit betrifft.
Welches Zitat aus „Undine geht“ möchtest Du uns mitgeben?
es gäbe so viele nennenswerte stellen, gerade auf den ersten seiten. gut, ich entscheide mich für:
„Nie wart ihr mit Euch einverstanden. Nie mit euren Häusern, all dem Festgelegten. Über jeden Ziegel, der fortflog, über jeden Zusammenbruch, der sich ankündigte, wart ihr froh insgeheim. Gern habt ihr gespielt mit dem Gedanken an Fiasko, an Flucht, an Schande, an die Einsamkeit, die euch erlöst hätten von allem Bestehenden. Zu gern habt ihr in Gedanken damit gespielt.“
Darf ich Dich zum Abschluss zu einem Achrostikon zu „Undine geht“ bitten? (Wortassoziation zu der Buchstabenfolge – U=Stichwort, N=…..)
Liebe Fenja, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich atme ein, ich atme aus.
Es ist Sommerpause.
Eine Auszeit von der Arbeit, dem Alltag, den täglichen Wiederholungen. Ein Durchatmen nach dem Luft anhalten. Ein Luft anhalten ausgelöst durch die Erhabenheit der Musik, überraschende Ereignisse, Rückschläge und Krankheiten und der schlichten Überwältigung des Lebens.
Ich auf der Lebensbühne, ich auf der Theaterbühne. Die Gedanken schweifen zur kommenden Spielzeit und die damit verbundenen Rollen, die mich begleiten, bewegen, fast einnehmen werden. Die Rollen erfüllen meinen Geist, die Melodien erfüllen mein Herz, so wie die Luft meine Lungen füllt.
Ich atme ein, ich atme aus.
Fenja Lukas_Sopran
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Resonanz statt Schweigen oder Lärm. Menschen wurden zurückgelassen in sprachloser Stille, während in den Medien nur mehr lärmendes Schallen stattfand. Wir müssen korrespondieren mit unseren Gegenübern und brauchen dabei gute Ohren und den Willen zu- und hinzuhören. Wenn man kein achtsames Gegenüber hat, welches mit einem resoniert, dann läuft alles ins Nichts. Alle Wünsche, Ängste, Hoffnungen, Ziele verlaufen ins Leere, wenn man solitär im Raum steht – sprachlos und still.
Andererseits, wenn alle laut durcheinander rufen, ohne auf eine sich immer verändernde persönliche und gesellschaftliche Raumakustik zu achten, entsteht eine unübersichtliche Dissonanz. Lärm. Wir dürfen weder in die zermürbende Stille der Abkapslung, noch in den Lärm der Krisen rutschen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Kunst und Musik, in welcher Art auch immer, nehmen einen großen Raum in unser aller Leben ein und somit kommt dieser eine große Verpflichtung zu. Aus der Kunst kann man einerseits Kraft, Energie und Hoffnung schöpfen, auf der anderen Seite kann diese auch den Finger in die Wunde legen und neue Richtungen vorzeigen oder davor warnen.
Die Kunst, besonders auch die darstellerischen Künste, dienen als progressiver Raum um Gedanken und Möglichkeiten durchzuspielen. Wir gehen ins Theater, wir gehen in die Oper um Emotionen zu erleben ohne diese konkret an sich selbst durchleben zu müssen. Man sieht Rollenentwicklungen und Verhaltensentscheidungen, die einem selbst vielleicht fremd sind und kann — wenn man selbst achtsam auf seine eigene Resonanz hört — daraus lernen.
Die Kunst darf emotionsgeladen, düster, naiv, zwanglos, unstrukturiert, sentimental, schwermütig, grob oder zart sein. In der Realität ist es etwas anders. Hier müssen wir aufmerksam und bedacht vorgehen, weil es um unser aller Zukunft geht. Da es nie wieder so sein kann, wie es war, müssen wir gemeinsam sehen, wie es besser werden kann.
Was liest Du derzeit?
Benjamin Button von F. Scott Fitzgerald als Vorbereitung auf eine kommende Partie im Musiktheater Linz. Es ist eine Uraufführung der gleichnamige Oper. Die Erarbeitung einer Uraufführung ist immer etwas Besonderes, da man einen Charakter und dessen Klang in eine ganz neue Wirklichkeit bringt. Diese Rolle ist noch nie im Kontext einer Oper aufgeführt, gespielt oder gesungen worden. Sie entsteht und vervollständigt sich im Prozess. Man vereint in sich, die verschiedenen Fäden unterschiedlicher Rollenvorstellungen und steht im Knotenpunkt bei dem Primärliteratur, Regie, Dirigent:innen und Bühnenpartner:innen zusammenkommen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
“Ein Traum, den man alleine träumt, ist nur ein Traum. Ein Traum, den man zusammen träumt, wird Wirklichkeit.” — Yoko Ono
“A dream you dream alone is only a dream. A dream you dream together is reality.” — Yoko Ono
Fenja Lukas_Sopran
Vielen Dank für das Interview liebe Fenja, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!