„Genau“ Myrna Maxam, Schriftstellerin _ Give Peace A Chance _ Hamburg 2.9.2022 

GIVE PEACE A CHANCE


Genau

Im

Vorgarten

Eingeschlagen:

Papierflugzeug.

(Einatmen.

Ausatmen.)

Crimsonrot

Eingefärbt.

Aschefetzen.

Clowns

Halten

Ansprachen.

Nur

Chiffriermaschinen

Entrinnen.


Myrna Maxam, 23.8.2022

Myrna Maxam, Schriftstellerin  

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Myrna Maxam, Schriftstellerin  

Foto_privat

Walter Pobaschnig _ 23.8.2022.

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„Wie erwartet war nichts wie erwartet“ Leon Engler, 3sat Preisträger 2022_46.Bachmannpreis_Rückblickinterview _ Wien 1.9.2022

Leon Engler, D/A _3sat Preisträger 2022 (mit Urkunde), neben Philipp Tingler, einladender Juror und Karin Bernhard, Landesdirektorin des ORF-Kärnten (links vom Preisträger) sowie  Cecile Schortmann, Moderation

Lieber Leon, wie sieht Dein Rückblick auf die Literaturtage in Klagenfurt 2022 aus?

Dieser schöne und eitle Moment verblasst im Angesicht der alltäglichen Apokalypse. Da wird man kleinlaut als Mensch und will nicht mehr auf sich selbst zeigen.

Interviews nach der Preisverleihung_ORF Gartenbühne_von links_Christian Ankowitsch, Moderation, Insa Wilke einladende Juryvorsitzende des 3sat Preisträgers, Leon Engler_3sat Preisträger 2022, Ana Marwan_Bachmannpreisträgerin 2022, Klaus Kastberger, einladenden Juror der Bachmannpreistreisträgerin 2022, Cecile Schortmann, Moderation

Was war für Dich wie erwartet, was überraschend?

Wie erwartet war nichts wie erwartet.

Wie beurteilst Du das diesjährige erstmalige Setting der Zweiteilung in Lesebühne und der Jury im Studio?

Gut für die Lesenden, schlecht für die Jury.

Lesebühne_ORF Garten

Welche Inspirationen nimmst Du für Deine Literaturprojekte mit?

Eine höchst inspirierende Schreibblockade.

Was möchtest Du kommenden Teilnehmer:innen mitgeben?

Studiert lieber Astrophysik oder entkernt Marillen! Wenn es gar nicht anders geht: Nehmt euch nicht zu ernst, nehmt die Jury nicht zu ernst – nur die Literatur kann man vielleicht nicht ernst genug nehmen.

(von links) Ana Marwan (Bachmannpreisträgerin 2022), Andreas Moster, Alexandru Bulucz (Deutschlandfunkpreisträger 2022), Leon Engler (3sat Preisträger 2022), Mara Genschel, Hannes Stein
Leon Engler, Schriftsteller D/A _3sat Preisträger 2022

Vielen Dank für das Interview! Viel Freude und Erfolg weiterhin!

Bachmannpreis 2022_im Rückblickinterview:

Leon Engler, Schriftsteller D/A _3sat Preisträger 2022 _Wien/Berlin

Bachmannpreis 2022_ „Ich finde es schade, wenn man mit allen Diskursen gewaschen sein muss, um einem Text folgen zu können“ Leon Engler, Schriftsteller _ Wien 20.6.2022

46.Bachmannpreis _ Tage der deutschsprachigen Literatur _ Klagenfurt 22. – 26.6.2022

Fotos_1-7 Walter Pobaschnig; 8/9 Leon Engler

Interview _Walter Pobaschnig.

Walter Pobaschnig 9_22

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„Meine tagtägliche Realität, von der es keine Ablenkung gibt“ Ganna Gnedkova, Schriftstellerin _ Kyjiw, Ukraine / Wien, Österreich 1.9.2022

Liebe Ganna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Enttäuschend für jene, die etwas mehr über mein Schreiben zu erfahren hoffen.

Denn ich schreibe dieses Jahr wenig und nur wenn ich glaube, dass meine Texte meinem Land etwas dienen könnten. Meistens sind das Artikel, die das Medienzentrum der Ukrainischen Community in Wien, dessen Ansprechperson ich bin, deutschsprachigen Medien anbietet. Manchmal, sehr selten, schreibe ich Gedichte als unmittelbare Reaktion auf etwas, was ich in den Nachrichten lese.

Mein Tag beginnt mit den Nachrichten von der ukrainischen Front und endet auch damit. Anders geht es nicht.

Mein Cousin kämpft gegen russische Okkupanten im Osten, meine Eltern sind Freiwillige in Kyjiw. Viele ukrainische Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die ich lese und denen ich seit Jahren in Sozialnetzwerken folge, sind heute Soldaten an der Front oder Freiwillige: Artem Tschech, Serhij Schadan, Artem Tschapaj, Halyna Kruk, Kateryna Kalytko, Andrij Ljubka. Statt literarischer Texte schreiben sie meistens Berichte über Medikamente, Autos und Munition. Am 9. Juni verstarb der Sohn der Schriftstellerin Switlana Powaljajewa, der Aktivist Roman Ratuschnyj, an der Front. Er war 24 Jahre alt. An diesem Tag bestand meine Chronik allein aus Nachrufen.

Was für andere nur ein „Thema“ in den Medien bleibt, das nicht mehr so „reizt“, ist für mich mein Land, dessen Schicksal eng mit meinem verbunden ist, und meine tagtägliche Realität, von der es keine Ablenkung gibt.

Ganna Gnedkova, Schriftstellerin: Kyjiw, Ukraine / Wien, Österreich

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wichtig ist, nicht zu vergessen, dass die momentane Gas- und Getreidekrise Russland und der blinden europäischen Politik gegenüber Russland zu verdanken ist.

Wichtig ist, nicht zu vergessen, dass auch die russische Invasion in der Ukraine seit 2014 sich vielleicht zu keinem großangelegten Angriff entwickelt hätte, wenn die Welt auf die Annexion der Halbinsel entschlossen mit harten Sanktionen reagiert und nach Alternativen für russische Rohstoffe gesucht hätte.

Wichtig ist, nicht zu vergessen und endlich aus der Geschichte zu lernen. Die meine und ältere Generationen zähle ich zu „verlorenen“ Generationen in dem Sinne, dass wir diesen Krieg Russland nie vergessen und sehr unwahrscheinlich verzeihen werden. Ich glaube, dass auch die nächste Generation – die Kinder meiner Freundinnen, die gerade 5-7 Jahre alt sind – diesen Krieg ihr ganzes Leben lang im Gedächtnis behalten werden.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich sehe keinen Aufbruch, sondern einen Bruch und eine Ruine nicht nur in der Ukraine, sondern auch auf der Welt, und der Mordversuch an Salman Rushdie hat mir diese Vision nur bestätigt. Ich fürchte, dass unser Krieg nicht der letzte sein wird.

Aber ich versuche mal zu träumen und mir vorzustellen, dass dieser Bruch zu etwas Neuem führt und etwas Gutes bringt.

Ein Bruch mit Russland, ein Bruch mit Imperialismus und Kolonialismus. Eine Wende, die auch vor unserem Krieg begonnen hat: Die Neuentdeckung der „kleinen Literaturen“, die im Schatten großer Postimperien übersehen wurden. Das wünsche ich auch der ukrainischen Literatur.

Was liest Du derzeit?

Nachrichten, wie gesagt, und außerdem ukrainische Bücher, denn es gibt jeden Mittwoch Buchpräsentationen und Diskussionen im ukrainischen Zentrum Open Space Barbareum in Wien, die ich moderiere und auf die ich mich gründlich vorbereite. Bald werde ich eine Lesung der ukrainischen Schriftstellerin Tanya Pyankova moderieren, daher habe ich in meinem kurzen Urlaub ihren Roman Das Zeitalter der Roten Ameisen mitgenommen. Das ist ein schreckliches Buch – und ich meine damit, dass dieses Buch eine der schrecklichsten Geschichten des 20. Jahrhunderts – die vom Holodomor, der Hungersnot in der Ukraine – erzählt. Es sprechen in diesem Buch sowohl die Opfer als auch die Täter. Aber die wahre Hauptfigur des Buches ist der Hunger, und zwar nicht metaphorisch gesehen: Der Hunger handelt als Figur in diesem Text, er spricht mit, er fordert das Seine, er vergewaltigt, er macht einen wahnsinnig. In der Ukraine ist der Roman eine Neuerscheinung, aber auch in Deutschland wird das Buch bald erscheinen und man kann es bereits vorbestellen – im Ecco Verlag, in der Übersetzung von Beatrix Kersten. Keine leichte Lektüre für einen Urlaub – aber eine verpflichtende für jene, die nicht wissen, was die Ukraine im 20. Jahrhundert unter der russischen sowjetischen Macht erlebt hat.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Zwei Gedichte von Rose Ausländer, einer berühmten deutschsprachigen Dichterin jüdischer Herkunft, die 1901 in Tscherniwzi (heute Ukraine, damals Teil der österreichischen Bukowina) geboren wurde:

  1. MUTTERLAND

Mein Vaterland ist tot

sie haben es begraben

im Feuer

Ich lebe

in meinem Mutterland

Wort

  1. BIOGRAPHISCHE NOTIZ

Ich rede

von der brennenden Nacht

die gelöscht hat

der Pruth

von Trauerweiden

Blutbuchen

verstummten Nachtigallsang

vom gelben Stern

auf dem wir

stündlich starben

in der Galgenzeit

nicht über Rosen

red ich

Fliegend

auf einer Luftschaukel

Europa Amerika Europa

ich wohne nicht

ich lebe

Vielen Dank für das Interview liebe Ganna und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Ganna Gnedkova_Schriftstellerin, Literaturwissenschafterin, Übersetzerin, Journalistin

Foto_Georgii Kravchenko

31.8.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ein Leben in Geschichten“ Donna Leon. Diogenes Verlag 2022

„Ich fackle von Natur aus nie lange und habe bei all meinem Tun nie mehr als den ersten Schritt bedacht. Mach den ersten Schritt – unterschreib den Vertrag, geh zum Vorstellungsgespräch, nimm den Job, miete die Wohnung -, und dann warte ab, was geschieht. Irgendetwas muss doch geschehen? Du weißt vielleicht nicht, wohin die Reise geht, aber irgendwohin muss sie doch gehen?…“.

So schreibt die, 1942 in New Jersey/USA geborene, Bestsellerautorin Donna Leon, im Vorwort zu dieser Jubiläumsausgabe anlässlich Ihres runden Geburtstages.

Und es ist eine Ausgabe, die wunderbar dieses so vielseitige Leben, dass von vielen Begegnungen, Wagnissen, Aufbrüchen und Erfolgen geprägt ist, schon im Titel „Ein Leben in Geschichten“ beschreibt und dann einmalig auf knapp 200 Seiten in die so spannende Lebens-, Erfahrungs- und Kunstwelt dieser großartigen Schriftstellerin blicken lässt.

Diese Geschichten/Essaysammlung ist in vier Themenblöcke gegliedert – Amerika/On the road/Italien/Bergen – welche Lebens- wie Kunststationen von Donna Leon öffnen und Leserin und Leser gleichsam ein wunderbares lesendes Mitgehen ermöglichen.

Ein sehr gelungenes Geburtstagsgeschenk, zu dem Autorin wie Verlag nur zu gratulieren ist!

„Lebensstationen einer großartigen Autorin – spannend wie Ihre Bücher!“  

Walter Pobaschnig  8_22

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„Die Stille hat Hegemonie“ Pegah Ahmadi, Schriftstellerin _ Give Peace A Chance _ Köln 1.9.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Türen sind vereint

Die Stille hat Hegemonie

Türen sind vereint

Ich bin

hier

Und die langen Drähte aus der ganzen Welt,

folgen mir in die Zimmer

Sie werden um meinen Knöchel gewickelt und verknotet.

wenn das Kind mit fünf Fingern im Nebel, den Zug weiter bewegt.

Dann küsst jemand,

weint,

verschwindet.

Der Raum erzittert.

Ich berühre die Oberfläche der Phantome

Wo die Dinge erinnert werden 

Und wir, die wir den Krieg noch nicht kennen

rennen mit unseren Puppen in den Keller.

Ich berühre die Oberfläche der Phantome

Und diese Statue starrt mich so an

als hätten wir ein gemeinsames Verständnis von der Welt.


Pegah Ahmadi, 10.8.2022

Pegah Ahmadi, Schriftstellerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Pegah Ahmadi, Schriftstellerin

Foto_privat

Walter Pobaschnig _ 10.8.2022.

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„Pier Paolo Pasolini“ Eine Biographie. Nico Naldini. Wagenbach Verlag.

Es ist ein Künstlerleben, das sich konsequent und willensstark seinen Weg sucht und bahnt und diesen bis zum gewaltsamen Ende weitergeht. Ein Künstlerleben, das den Blick immer ganz nach Innen in die Tiefen menschlichen Seelenlebens in Licht und Schatten legt und dabei nie das Außen, die gesellschaftlichen Bedingungen, Verfasstheiten und Möglichkeiten der Veränderung sieht und einfordert. Ein Künstlerleben, das aber auch tief verwurzelt und geprägt von Geschichte und Herkunft ist und sich damit zeitlebens auseinandersetzt. Ein Künstlerleben, das sich in Film, Poesie und Text mit Zeit und Welt auseinandersetzt und damit bis heute wichtiger Impulsgeber ist.

Ein Künstlerleben von Pier Paolo Pasolini, Regisseur, Poet, Publizist (*1922 Bologna  +ermordet 1975 Rom).

Es ist ein großes Unterfangen ein Leben über eine Künstlerbiographie zu beschreiben, die so vielseitig, schillernd wie tragisch und komplex ist. Viele sind davor zurückgeschreckt und schrecken davor zurück, weil Person, Werk und Zeit zu umfangreich erscheinen. Und es stimmt, es braucht Ruhe, Überlegung und Kenntnis, um den Lebens- und Kunstlinien dieser so außergewöhnlichen Persönlichkeit nachzugehen…

Nico Naldini, italienischer Schriftsteller und Kulturjournalist, stellte sich dieser Aufgabe und ihm gelingt eine fulminante wegweisende Künstlerbiographie, die sehr genau den biographischen Ausgangspunkt und dessen weiterführende Linien im Kontext der künstlerischen Schwerpunkte wie gesellschaftlichen Entwicklungen in den Blick zu fassen vermag.

Es ist eine Biographie, die in ihrer Aufmerksamkeit und Bildhaftigkeit des Erzählens an Filme Pasolinis selbst erinnert und so Leserin und Leser ein Erlebnis in Spannung, Überraschung, Freude und Tragik bietet.

„Eine Biographie wie ein Film Pasolinis – aufmerksam, direkt, spannend, hintergründig.“

Walter Pobaschnig 8_22

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„Weiterhin zwischen Ideal und Ambivalenz zu pendeln“ Rolf Hermann, Autor _ Biel-Bienne/CHE 31.8.2022

Lieber Rolf, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Jeder Tag sieht ein wenig anders aus. Heute ist Mittwoch. Da bin ich für die Kinder verantwortlich. Also wecke ich sie, tische das Frühstück auf, schicke sie los. Dann schreibe ich eine Weile. Und dann kommen die Kinder wieder nachhause. Mittagessen. Und am Nachmittag gehen wir gemeinsam ins Stadttheater Biel, wo ich – zusammen mit der Regisseurin Isabelle Freymond –ein Stück mit Kindern und Jugendlichen entwickle. Ich hab das respektvolle und achtsame Gewusel, das im Proberaum herrscht, sehr gern. Dann Nachtessen zu viert, mit meiner Frau und den Kindern. Dann etwas vorlesen, Rücken kraulen und „Gute Nacht“.

Rolf Hermann, Autor und Performer

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Weiterhin zwischen Ideal und Ambivalenz zu pendeln und das auszuhalten und sich hin und wieder doch sehr und mehr zu strecken.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich erhoffe mir ja immer ein bisschen, dass die Literatur, ja die Kunst überhaupt, es uns ermöglicht, die vielfältige und vergängliche Schönheit, die uns umgibt, vertieft wahrzunehmen und – daraus folgend – den Dingen etwas Sorge zu tragen.

Was liest Du derzeit?

Ich lese drei Bücher:

Katja Brunner: Geister sind auch nur Menschen, erschienen im Verlag Der gesundene Menschenversand.

Adelheid Duvanel: Fern von hier, erschienen im Limmat Verlag.

William Wordsworth: Gedicht, noch ohne Titel, für S. T. Coleridge, (The 1805 Poem), erschienen bei Matthes und Seitz.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

In Marie T. Martins Gedichtband „Rückruf“, den ich sehr mag, finden sich diese Zeilen:

… Noch heute

kann dich die Angst überfallen, dass

alle aufeinmal verschwunden sind,

dass du eine Täuschung bist oder ein

seltsamer Traum.

Vielen Dank für das Interview lieber Rolf, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Rolf Hermann, Autor und Performer

www.rolfhermann.ch

https://m.youtube.com/watch?v=2sj0n2NZ-2s

Rolf Hermann ist derzeit mit zwei Bühnenprogrammen und mit dem Lyrikband „In der Nahaufnahme verwildern wir“ unterwegs. Im November geht es auch nach Indien.

Foto_Dirk Skiba

24.8.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Undine verkörpert die Sehnsucht des Menschen“ Hannelore Schmid, Schauspielerin _ acting „Undine geht“ _ Wien 31.8.2022

Hannelore Schmid, Schauspielerin _Wien _
acting „Undine geht“, Ingeborg Bachmann_Erzählung_

In “Undine geht” wird ein Wesen, ein Glaube, eine Liebe so gut beschrieben, dass es schwer fällt dazu noch etwas zu sagen. Besser als mit Ingeborg Bachmanns Worten, kann man es nicht sagen.

„Ihr Menschen! Ihr Ungeheuer!“

Undine verkörpert die Sehnsucht der Menschen nach etwas, das sie als ursprünglich begreifen, das losgelöst ist von Zweckmäßigkeit und rationalem Verständnis – gleichzeitig die Angst davor und die daraus resultierende Abwertung und Ablehnung. Was sich nicht nutzen lässt, wird ausgelöscht.

„Immer, wenn ich durch die Lichtung kam und die Zweige sich öffneten, wenn die Ruten mir das Wasser von den Armen schlugen, die Blätter mir die Tropfen von den Haaren leckten, traf ich auf einen, der Hans hieß. Ja, diese Logik habe ich gelernt, dass einer Hans heißen muss, dass ihr alle so heißt, einer wie der andere, aber doch nur einer.“

Die romantische Liebe kann verloren gehen, aber in Gestalt eines anderen wieder auftauchen. Für Undine sind alle Menschen eins. Sie nimmt keinen aus und jeder kennt ihren Ruf.

„Tauchen, ruhen, sich ohne Aufwand von Kraft bewegen – und eines Tages sich besinnen, wieder auftauchen, durch eine Lichtung gehen, ihn sehen und „Hans“ sagen.“

Die Menschen fliehen in ihre Welt der Berechenbarkeit und Undine muss zurück an den Ort, an dem es keinen Halt gibt, bis wieder einer wagt, sie zu rufen.

„Guten Abend.“

„Guten Abend.“

„Wie weit ist es zu dir?“

„Weit ist es, weit.“

„Und weit ist es zu mir.“

Ein sehr ehrlicher Anfang wie ich finde.

„Einen Fehler immer wiederholen, den einen machen, mit dem man ausgezeichnet ist.“

Das kann man nur einfach so stehen lassen.

„Denn ich habe die feine Politik verstanden, eure Ideen, eure Gesinnungen, Meinungen, die habe ich sehr wohl verstanden und noch etwas mehr. Eben darum verstand ich euch nicht. Ich habe die Konferenzen so vollkommen verstanden, eure Drohungen, Beweisführungen, Verschanzungen, dass sie nicht mehr zu verstehen waren.“

„Und du hast geredet, mein Geliebter, mit einer verlangsamten Stimme, vollkommen wahr und gerettet, von allem dazwischen frei, hast deinen traurigen Geist hervorgekehrt, den traurigen großen, der wie der Geist aller Männer ist und von der Art, die zu keinem Gebrauch bestimmt ist. Weil ich zu keinem Gebrauch bestimmt bin und ihr euch nicht zu einem Gebrauch bestimmt wusstet, war alles gut zwischen uns. Wir liebten einander. Wir waren vom gleichen Geist.“

„Ich bin nicht gemacht um eure Sorgen zu teilen. Diese Sorgen nicht! Wie könnte ich sie je anerkennen, ohne mein Gesetz zu verraten? Wie könnte ich je an eure Verstrickungen glauben? Wie euch glauben, solange ich euch wirklich glaube, ganz und gar glaube, dass ihr mehr seid als eure schwachen, eitlen Äußerungen, eure schäbigen Handlungen, eure törichten Verdächtigungen.“

„Verräter! Wenn euch nichts mehr half, dann half die Schmähung. Dann wusstet ihr plötzlich, was euch an mir verdächtig war, Wasser und Schleier und was sich nicht festlegen lässt. Dann war ich plötzlich eine Gefahr, die ihr noch rechtzeitig erkanntet und verwünscht war ich und bereut war alles im Handumdrehen.“

Wir Menschen, die wir Hans heißen, versuchen unseren kindlichen Glauben, unsere Gefühle, unsere tiefsten Sehnsüchte und inneres Wissen, zu ersetzten durch Rationalität. Die Suche nach absoluten Wahrheiten hat ein absurdes Ausmaß angenommen. Darin stehen wir den Alchimisten, Gottesmänner und Universalgelehrten der Vergangenheit um nichts nach.

„Wohl euch! Ihr werdet viel geliebt, und es wird euch viel verziehen. Doch vergesst nicht, dass ihr mich gerufen habt in die Welt, dass euch geträumt hat von mir, der anderen, dem anderen, von eurem Geist und nicht von eurer Gestalt, der Unbekannten, die auf euren Hochzeiten den Klageruf anstimmt, auf nassen Füßen kommt und von deren Kuss ihr zu sterben fürchtet, so wie ihr zu sterben wünscht und nie mehr sterbt: ordnungslos, hingerissen von höchster Vernunft.“

Unser Wunsch, unsere Angst und das Wissem um beider Unerfüllbarkeit.. Sind es nicht diese Momente, die uns fehlen, wenn wir für alles eine Lösung haben?

„Gut war trotzdem euer Reden, euer Umherirren, euer Eifer und euer Verzicht auf die ganze Wahrheit, damit die halbe gesagt wird, …

„Gegen Eigentum habt ihr gestritten und für Eigentum, für die Gewaltlosigkeit und für Waffen …“

An Aktualität kaum zu übertreffen.

„Ach, so gut spielen konnte niemand, ihr Ungeheuer! Alle Spiele habt ihr erfunden, Zahlenspiele und Wortspiele, Traumspiele und Liebesspiele.“

„Nie hat jemand so von sich gesprochen. Beinahe wahr. Beinahe mörderisch wahr. Übers Wasser gebeugt, beinah aufgegeben. Die Welt ist schon finster, und ich kann die Muschelkette nicht anlegen. Keine Lichtung wird sein. Du anders als die anderen. Ich bin unter Wasser. Bin unter Wasser.“

Am Ende findet Undine die Liebe, für die sie steht, und scheitert an ihr wie die Menschen.

„Beinahe verstummt, beinahe noch den Ruf hörend.

Komm. Nur einmal. Komm.“

Hannelore Schmid, Schauspielerin _Wien _
acting „Undine geht“, Ingeborg Bachmann_Erzählung_

Station bei Ingeborg Bachmann_

Hannelore Schmid, Schauspielerin _Wien _
acting „Undine geht“

Performance/Kostüm/Location_Hannelore Schmid

Regie und alle Fotos_ Walter Pobaschnig

Undine geht _Erzählung _ Ingeborg Bachmann _1961

Walter Pobaschnig 8_22

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„Geisterhaft treten Erinnerungen aus der Dunkelheit“ Walter Kratner, Künstler und Kurator _ Give Peace A Chance _ Graz 30.8.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Geisterhaft treten Erinnerungen aus der Dunkelheit
Im Verlust des Zeitgefühls
Verheerend verschob gestern abgeblasenes Giftgas die erstarrten Fronten
Eine Kamera presst gegenwärtig das Objektiv auf bewegungslos Zerfleischtes


Panzerdurchschlagende Submunition
Ein Maskenbrecher wurde als Buntschießen bezeichnet
Anzündkanäle flirren in den Kammern für die Handgranaten
Charkiw auf sakralen Bildern aus Überresten von Streumunition
Endlich ein Tod ohne Bewusstsein
Arm oder das Bein, zerstörtes Gewebe, Muskeln, Nerven, Blutgefäße, Brustkorb,
Bauchraum


Clustermunition zu Schmetterlingsminen verwurzelt in den Fluchtrouten aus
Mariupol
Herbst 1915: graubraune Gasmaske, gefertigt aus gasdichtem Ziegenleder mit
Aktivkohle gefüllten Filter verschraubt
Aus 5730 Stahlflaschen bliesen 180 Tonnen flüssiges Chlor durch die Front von
Ypern
Nahezu ein Krieg der Zeitlosigkeit
Chernihiv, Dnipropetrovsk, Donetsk hebeln die Zeit aus den Fugen
Eine unbegreifliche Linearität bildet sich im Zyklus des Dasein.

Walter Kratner, 21.08 2022

Walter Kratner, Künstler und Kurator

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Walter Kratner, Künstler und Kurator

Foto_David Kranzlbinder

Walter Pobaschnig _ 19.8.2022.

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„Freud, Adler, Frankl“ Die Wiener Welt der Seelenforschung. Hannes Leidinger, Christian Rapp, Birgit Mosser-Schuöcker. Residenz Verlag

1900. Die Welt ist im Wandel an der Schwelle eines neuen Jahrhunderts. Traum und Wirklichkeit eines Lebens in Frieden drohen schon einander zu verschlingen und werden es wenige Jahre danach grausamst tun und Welt und Zeit nachhaltig verändern und prägen…

1900. In Wien erscheint in „Die Traumdeutung“ des Wiener Arztes und Neurologen, Sigmund Freud, welche die Entwicklung, Bedingungen und Auswirkungen psychischer Prozesse im Werden menschlicher Persönlichkeit beleuchten und damit ganz neue Wege im Selbstbild des Menschen, individuell wie in Gesellschaft und Kultur, öffnen…

Die Wiener Ärzte und Psychoanalytiker Alfred Adler und Viktor E.Frankl entwickeln die Lehren S.Freuds in ganz eigenen Akzenten und bittersten persönlichen Erfahrungen und Leidens weiter und begründen einflussreiche Richtungen psychoanalytischen Denkens, die bis heute ganz bedeutsame Wege zu Mensch und Kultur impulsgebend prägen…

Das 20.Jahrrhundert, ein Jahrhundert, das in seiner Geistesgeschichte ganz wesentlich vom Wiener psychoanalytischem Denken geprägt ist und bei dem es bis heute immer neue Entdeckungen gibt. Eine Welt, eine Seele im Dunkeln und die Möglichkeiten des Verstehens, des Aufbruchs  – dies nimmt in ganz bestimmter Orts-, Lebens-, und Gesellschaftstopographie seinen Aufwand…

Die renommierten Kulturwissenschaftler:innen Hannes Leidinger, Christian Rapp, Birgit Mosser-Schuöcker legen mit „Freud/Adler/Jung“ eine fundierte wie gut lesbare Lebens-, Werk-, und Zeitgeschichte der bahnbrechenden Wiener Psychoanalytischen Schule vor und bieten dabei auch spannende Hintergründe und neueste Forschungsergebnisse. Ebenso ist der umfangreiche Bildteil sehr bemerkenswert, der private Fotos zeigt.

„Ein sehr gelungenes, spannendes Werk zu den Anfängen und Entwicklungen der Wiener Psychoanalyse in Tragik und Triumph“

Walter Pobaschnig 8/22

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