Bachmannpreis 2022_ „Ich finde es schade, wenn man mit allen Diskursen gewaschen sein muss, um einem Text folgen zu können“ Leon Engler, Schriftsteller _ Wien 20.6.2022

Lieber Léon, herzliche Gratulation zur Teilnahme am Ingeborg Bachmannpreis 2022! Wie gestaltet sich der Text- und Bewerbungsprozess und wie hast Du Deine Teilnahmebekanntmachung erlebt? Welche Reaktionen gab es?

Es gibt Texte, an denen ich monatelang sitze und jede Formulierung 23 Mal überdenke, echte Schweißarbeit. Und dann gibt es die, die sich wie von selbst schreiben, wo ich bei der Entstehung eigentlich nur danebensitze, kaum transpiriere und Kaffee trinke.

Der Klagenfurt-Text ist so ein Text, der sich selbst geschrieben hat, wo die Écriture automatique zugeschlagen hat. Als die Einreichfrist vor der Tür stand, habe ich geschaut: Was habe ich denn so produziert in letzter Zeit? Da gab es einen Text, sehr ernste Literatur, den habe ich sehr ernsten Juror*innen gesendet. Und dann war da dieser Text, meine Wildcard, die ging an Philipp Tingler, weil ich dachte, der könnte das schätzen. Und weil ich Adrenalin schätze, habe ich alles erst auf den letzten Drücker losgeschickt, vom Flughafen, kurz bevor das Gate geschlossen wurde, und, um die Sache richtig spannend zu machen: ohne Kontaktdaten.

In Palermo wollte ich dann ein Telegramm hinterherschicken, aber schon allein der Titel meines Texts war 30 Euro lang. Ich habe das Geld dann lieber in Negronis und Pistazien-Eis investiert. Und als Philipp Tingler mich anrief, lief ich gerade über den Piazza Bellini, wo sich früher das wichtigste Theater der Stadt befand und gerade ein Film gedreht wurde und Möwenschwärme kicherten. Das passte alles gut zu meinem Text, in dem es hauptsächlich um Schauspieler und Möwen geht. Man sucht ja als Mensch immer nach dem Symbolhaften, nach Zeichen und Bedeutung, damit am Ende nicht alles für die Katz ist.

Aber schon eigenartig, dass mich jetzt ausgerechnet dieser Text, dieser literarische Schnellschuss, nach Klagenfurt führt und nicht einer der schweißtreibenden Texte, an dem ich so richtig lange saß. Ja, und die meisten Menschen in meinem Umfeld wissen gar nicht so genau, was der Bachmannpreis ist. Mit denen rede ich also eher über das Wetter, die Inflation und den Witz und seine Beziehung zum Unbewussten.

Léon Engler, Schriftsteller _ Wien

Wie gehst Du jetzt auf den Wettbewerb zu? Welche besonderen Vorbereitungen wird es geben?

Ich habe mir ein Buch von Epiktet gekauft, bin zum Stoizismus konvertiert, habe Bauchatmung gelernt und habe die Trauben gedanklich schon mal für so sauer erklärt, dass es mir gar nichts mehr ausmacht, dass ich selbst mit Hebebühne und Greifzange nicht rankomme. Ich kultiviere also meinen defensiven Pessimismus. Ich bin sehr selbstkritisch und habe eine Unkrautphantasie, deswegen habe ich schon hunderte Wege des Scheiterns durchgespielt. Aber das empfehlen auch die Stoiker: Stelle dir das Schlimmste vor, Tod und Verderben, und wenn das Schlimmste eintritt, dann hattest du wenigstens Recht. Außerdem habe ich darüber nachgedacht, eine Maske meines eigenen Gesichts anfertigen zu lassen oder einen Schauspieler zu engagieren, der aussieht wie ich, aber leider niemanden gefunden, deswegen werde ich den Text wohl oder übel selbst vortragen müssen. Und jetzt bin ich nervöser als vor meiner Geburt.

Ingeborg Bachmann sagte zu den Anfängen ihres Schreibens: „Manchmal werde ich gefragt, wie ich, auf dem Land großgeworden, zur Literatur gefunden hätte. – Genau weiß ich es nicht zu sagen; ich weiß nur, dass ich in dem Alter, in dem man Grimms Märchen liest, zu schreiben anfing, dass ich gern am Bahndamm lag und meine Gedanken auf Reisen schickte…“

Wo bist Du geboren, aufgewachsen und wo liegen die Anfänge, Wurzeln, Inspirationen Deines Schreibens?

Ich wurde auf einer Bauernhofruine in Bayern geboren wurde. Meine Eltern hatten da gerade ihre Selbstversorgerphase und sind von München aufs Land. Die war aber relativ schnell wieder zu Ende, ich glaube, weil das Haus einzustürzen drohte oder die Zucchini nichts geworden sind. Dann sind wir wieder zurück in die Stadt. Dort beginnt meine Erinnerung. Ich bin nicht im Hofgarten-Ralph-Lauren-Aperol-Kokain-München großgeworden, sondern in Giesing, was damals vielleicht am ehesten einem Arbeiterviertel entsprach. In meiner Jugend ging es dann auch weniger um Hochkultur und mehr um die niederen Neigungen – Videospiele, Alkohol, Skaten, Musik. Aus irgendeinem Grund habe ich mir aber Bücher in der Stadtbibliothek ausgeliehen. Mit 15 habe ich dann Nietzsche in der U-Bahn gelesen. Ich habe zwar nicht verstanden, was der Typ mit der Laterne da predigte, aber es hat mich verständnislos berührt. Dann habe ich immer mehr gelesen. Wissen aufsaugen ist ja auch ein Weg, um Unsicherheit zu kompensieren. Und ich war dumm und unsicher, das traf sich also gut. So mit 17 habe ich dann auch begonnen, Texte zu schreiben. Und dann habe ich einfach nie wieder aufgehört. Schreiben heißt für mich für eine Textlänge einen Lebensentwurf anprobieren zu dürfen. Die meisten Menschen haben nur ein Leben. Das wäre nichts für mich.

Was ist Dir in Deinem Schreiben wichtig?

Richten soll das Gericht und Botschaften übermitteln die Post. Das sehe ich nicht als mein Aufgabengebiet an. Außerdem habe ich eine fürchterliche Phobie vor Gewissheiten. Ich bin immer erstmal dagegen. Die Grönland-Wikinger sind lieber ausgestorben, als Fisch zu essen, weil Fisch in ihrer Kultur als giftig galt. Ich will der sein, der fragt: Vielleicht nicht doch eine Räuchermakrele, Eiríkr? Darum versuche ich, fragende, skeptische, antiideologische Texte zu schreiben. Und Milan Kunderas hat behauptet, dass der Roman vehement antiideologisch eingestellt sein sollte. Bei Dostojewski zum Beispiel weiß man nicht mehr, welcher der darin streitenden »Wahrheiten« er selbst anhing. Und bei Robert Musil ist alles zu spät – da lassen die Weltanschauungen Federn wie die Hühner in der Geflügelrupfmaschine. Diese Fährte der Polyphonie nimmt mein Klagenfurt-Text auf, steht im Zeichen des Zweifels und des sperrigen Wörtchens Ambiguitätstoleranz. Genug Geschwafel: Mir ist auch wichtig, dass meine Texte anschlussfähig sind, darum schrecke ich auch von Humor nicht zurück. Humor ist für mich eine Art trojanisches Pferd, in dem ich die Melancholie verstecke. Die wurde früher auf den Humor zurückgeführt, also auf die Körpersäfte, die schwarze Galle eben. Und das Schreiben ist auch laut Statistik der Beruf, in dem Männer die höchste Wahrscheinlichkeit haben, depressiv zu werden. Man muss es also mit Humor nehmen. Ich bin der Erste in meiner Familie, der an die Uni durfte – deswegen habe ich gleich zweimal studiert. Ich war aber auf keiner Schreibschule und so kommt man vielleicht weniger in die Versuchung, avantgardistische Sachen zu schreiben, auch wenn ich experimentelle Romane sehr gerne habe. In den 60ern und 70ern rebellierte man ja gegen ein Verständnis von Literatur als etwas Hohes und Geheimnisvolles und wollte unmittelbare Kunst schaffen, die ästhetische Erfahrung demokratisieren. Also von einem hermetischen Ansatz zu einem porösen Ansatz, wo jeder mitmachen und mitreden konnte. Und dieses Willkommen-Heißende, Durchlässige, Anti-Elitäre imponiert mir. Ich finde es schade, wenn man mit allen Diskursen gewaschen sein muss, um einem Text oder einem Theaterstück folgen zu können – und selbst dann nicht auch mal zugeben kann, dass der Kaiser ein Nudist ist.

Welche aktuellen Projekte gibt es?

Ich sitze im Moment an einem Hörspiel, einer Verteidigung des Gehens, bei dem ich ganz Berlin durchwandere. Hunderttausende Jahre lebten die Menschen ja als Nomad*innen. Damals reichten ein paar Stunden pro Tag, um alle lebensnotwendigen Bedürfnisse abzuhaken. Man hatte also viel mehr Freizeit als die Büroangestellten und Scheinselbstständigen von heute. In deren 40-Stunden-Woche sind Nahrungsmittelbeschaffung, Fitnesscenter und Achtsamkeitstraining (Pilzsuchen, Brot backen, Waldbaden, Chi Gong) noch nicht eingepreist. Selbst der Urlaub blieb unseren Ahnen erspart, weil sie noch keine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit kannten, das Ideal der Wiederherstellung der Arbeitskraft durch Sonnenbaden, All-you-can-eat-Buffets und Mietrollerunfälle. »Was für ein Leben benötigt denn Urlaub vom Leben?«, fragt Ulrich im Mann ohne Eigenschaften. Die Sesshaftwerdung ist der größter Fehler in der Geschichte der Menschheit, da ist sich die Wissenschaft mittlerweile einig. Darum gründe ich den »Club of Roam«: Das Gehen könnte, so meine These, die Lösung aller Probleme sein, sei es die keimende Weltwirtschaftskrise, die Erhitzung des Weltklimas oder ein zu üppiges Mittagessen.

Was kommt unbedingt auch in den Reisekoffer für Klagenfurt?

Zahnseide. Ich möchte an dieser Stelle auf den Fachartikel »Floss or die« im Journal Dentistry Today (Juli 1998) hinweisen, Amerikas führendem klinisches Nachrichtenmagazin für Zahnärzt*innen.

Léon Engler, Schriftsteller _ Wien

Vielen Dank für das Interview! Viel Freude und Erfolg in Klagenfurt!

Bachmannpreis 2022 _ Teilnehmer:innenvorstellung:

Léon Engler, Schriftsteller _ Wien/Berlin

Fotos_privat.

Walter Pobaschnig 6_22

https://literaturoutdoors.com

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